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Beissreflexe: Je böser, desto mehr freu’n sich die Leut’!

 

Georg Kreislers unmusikalischer Musikkritiker legt eine Definition von Kritik vor, die das in Teilen der Linken vorherrschende Verständnis des Begriffs gut beschreibt: „[Ich] weiß […] sehr gut, was Kritik ist: Je böser desto mehr freu’n sich die Leut‘!“ Nach diesem Motto wird fröhlich-böse lospolemisiert – und die Leute freuen sich! Je zotiger die Punchline, je herablassender der Gestus, je vernichtender und verächtlicher das dabei gezeichnete Bild der kritisierten Anderen, desto lauter die Jubelschreie und Anfeuerungen derjenigen, die ohnehin schon auf der Seite der Kritikerin stehen. Von unserem Gastautor Floris Biskamp [1]

Um „Kritik“ in diesem Sinne handelt es sich auch bei der Kritik an queerem Aktivismus, die in vielen Beiträgen des von Patsy l’Amour laLove herausgegebenen Sammelbandes Beißreflexe geübt wird. Und genau diese böse, für die manche erfreuliche, für andere verletzende und für wieder andere befremdliche Form von Kritik dürfte stark zum außerordentlichen Erfolg des Bandes beigetragen haben. Die einen fühlen sich dazu bemüßigt mitzubeißen, die anderen dazu zurückzubeißen oder einer der Seiten zuzujubeln – entsprechend aggressiv fielen die Diskussionen insbesondere auf Twitter aus.

Im Folgenden formuliere ich eine – nicht allzu böse und daher leider nicht allzu erfreuliche – Kritik der in Beißreflexe geübten „Kritik an queerem Aktivismus“. Dabei problematisiere ich insbesondere zwei Tendenzen des Sammelbandes: zum einen die Konstruktion eines homogenen Objekts „Queeraktivismus“, das als Strohmann-Sündenbock aufgebaut wird, um es dann zur Freude „der Leut‘“ umstoßen zu können (I); zum anderen die Tendenz, die realen Argumente queerer Kritik grob zu verzerren und die Akteurinnen[2] des Queerfeminismus zu pathologisieren, anstatt sich auf ihre Standpunkte einzulassen (II).

Gemeinsam führen beide Tendenzen dazu, dass Beißreflexe zwar einige reale Probleme queerer und antirassistischer Kritik benennt, dabei aber zugleich eine Ausrede bietet, diese Kritik als ganze abzuwehren. So fungiert der Band effektiv als Abwehr gegen Kritik und als Hindernis für dringend notwendige Lern-, Reflexions- und Umverteilungsprozesse. Die erfreute Erleichterung, mit der laut der Herausgeberin viele auf die in Beißreflexe formulierten Positionen reagieren, dürfte dementsprechend auch auf die Freude darüber zurückzuführen sein, eine weitere Ausrede in der Hand zu haben, sich nicht mit queerer Kritik und eigenen Privilegien auseinandersetzen zu müssen. Ich schließe mit einem kurzen Ausblick darauf, wie Debatten jenseits von derartiger Polemik und Kritikabwehr aussehen könnten (III).

I Die Konstruktion eines homogenen Objekts „Queeraktivismus“

Wenn ich das in diesem Buch gezeichnete Bild von Queeraktivismus als „Konstruktion eines homogenen Objekts ‚Queeraktivismus‘“ bezeichne, sage ich damit nicht, dass es diesen Aktivismus in Wirklichkeit gar nicht gebe – denn selbstverständlich gibt es ihn wirklich.

Es gibt in der Tat zahlreiche Einzelpersonen und Gruppen, die sich selbst als queer oder queerfeministisch bezeichnen. In der Tat weisen diese Gruppen und Personen eine Reihe von ähnlichen Positionierungen und theoretischen Bezügen auf – es geht um die Kritik nicht nur von Patriarchat, Sexismus und Homophobie, sondern auch von erzwungener Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität und ihren Folgen. Im Zentrum der Kritik stehen Festschreibungen, Machtdifferentiale, Marginalisierungen, unreflektierte Privilegien, Othering-Prozesse, Unsichtbarkeiten, Normalisierungen, Normierungen, die Einschränkung von Handlungsmöglichkeiten und so weiter.

In der Tat stehen viele dieser Gruppen dabei in einer Wahlverwandtschaft zu antirassistischen Positionen aus dem Kontext von Postkolonialismus und Critical Whiteness – was naheliegt, weil dort ähnliche Theorien und Politiken verfolgt werden. In der Tat besteht eine enge Wechselbeziehungen zwischen dieser politischen Szene und Teilen der neueren linken Theoriebildung und Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, insbesondere zu Gender Studies und Postcolonial Studies.

In der Tat reicht der Einfluss der dabei formulierten Positionen auch über diese Kreise hinaus; die entsprechenden Argumente und Motive sind auch in anderen linken Diskursen (und nicht nur dort) zunehmend präsent. Und in der Tat gibt es innerhalb dieser Szene viele Tendenzen, die der Kritik bedürfen und die schädliche Effekte auf andere Teile linker Szene haben.

Jedoch gehört es auch zur Wahrheit, dass diese Szene nicht nur sehr heterogen ist, sondern die wechselseitige Kritik von Entwicklungen innerhalb der Szene geradezu zu ihren konstitutiven Elementen gehört. Jede Kritik an Ausschlüssen wird wieder auf die durch sie übersehenen oder neu produzierten Ausschlüsse hin befragt – und die dieser Praxis innewohnende Tendenz zum infiniten Regress wiederum auf ihre depolitisierenden und lähmenden Konsequenzen.

Es bedarf keiner Intervention von außen, um einen „Aktivismus“ zu kritisieren, der einer groben Fehllektüre von Judith Butlers Gender Trouble folgend Geschlecht und Sexualität zu einem locker-flockigen Spiel umdeutet, in dem sich alle ein bisschen frei und jugendlich ausprobieren können und in dem ein rosa Pulli mit Einhorn und ein bisschen Glitzer-Glitzer zum Marker von Subversivität und Hipness werden – ohne dass dabei auch nur eine einzige soziale Norm angetastet würde. Das gibt es wirklich, aber es gibt auch genug Queeraktivistinnen, die es problematisieren, weil es ein System, das für viele realen Zwang und reale Schmerzen bedeutet, zu einem lockeren Spaß verklärt. Ähnliches gilt für das Problem, dass ein stetes Kreisen um Identität und Geschlecht sehr gut zu einer neoliberal-privilegierten Ausblendung von Klassenherrschaft passt: Das ist so, aber es wird oft und lautstark kritisiert. Man kann sich in diesen Fragen positionieren, aber es wird dann keine Positionierung gegen oder für „den Queeraktivismus“, sondern nur eine Positionierung in einem unter Queeraktivistinnen ausgefochtenen Streit.

Über diese Heterogenität und Streitkultur erfährt die Leserin von Beißreflexe wenig. Vielmehr behauptet die Herausgeberin gleich zu Beginn das Gegenteil: „Queeraktivistische und -theoretische Darstellungen wehren eine (Selbst)Kritik in aller Regel ab“ (S. 17) – wie sich die im Buch angegriffenen Ansätze aber überhaupt herausgebildet haben sollen, wenn nicht in einem Prozess der steten (Selbst-)Kritik, bleibt unklar. Stattdessen erhält die Leserin den Eindruck, dass die queere Szene ein relativ homogener, sich zunehmend radikalisierender und gegen Kritik abschirmender Block ist, der allen das Leben unerträglich macht, die auch nur in seine Nähe kommen.

Den Ausgangspunkt dieser Konstruktion des Objekts „Queeraktivismus“ bildet der einleitende Essay von Patsy l’Amour laLove. Hier (S. 18-19) wird auf der einen Seite ein Verständnis von queer vorgestellt, das wünschenswert sein könnte – nämlich ein Verständnis als Sammelbegriff für diejenigen Gruppen, die gesellschaftlich als pervers stigmatisiert sind und die versammelt unter diesem Label gegen Ausschlüsse und Gewalt kämpfen. Dem gegenüber stellt sie das, was queer heute „zumeist“ bedeute – nämlich einen aus dem Ruder gelaufenen, sich in radikalen Gesten gefallenden, jede Abweichung feiernden, autoritären und identitären Aktivismus.

Und eben dieses zweite „kritische“ Verständnis von queer wird auch im Rest des Bandes immer und immer wieder als Queeraktivismus und Queerfeminismus oder auch als „Betroffenheitsfeminismus“ (Caroline A. Sosat) aufgerufen – die Begriffe variieren etwas, aber ich folge in dieser Rezension dem Einleitungsessay und verwende überwiegend den Begriff des Queeraktivismus. Freilich schreibt keine Autorin im Band explizit, dass es sich um ein einziges homogenes Objekt handelt. Indem sie aber in ihrer Mehrzahl mit ähnlichen Begriffen ähnliche Phänomene problematisieren und skandalisieren, ohne größer zu differenzieren oder Wertschätzung für den Gegenstand auszudrücken, zeichnen die Beiträge in ihrer Gesamtheit doch das Bild eines solchen Objekts.

Das Bild eines relativ homogenen und gefährlichen Queeraktivismus wird durch drei Formen der Argumentation konstruiert. Erstens werden Exzesse einiger Ränder queerer Szene mit dem Queeraktivismus schlechthin identifiziert (die Verallgemeinerung von Besonderem), zweitens werden allgemeine Probleme linker Praxis und Politik zu spezifischen Problemen queerer Politik umgedeutet (die Verbesonderung von Allgemeinem) und drittens schließlich wird das Ausmaß des Phänomens in einer Weise aufgeblasen, die es als Bedrohung der Freiheit in der Gesellschaft überhaupt erscheinen lässt (alarmistische Übertreibung).

Ich möchte in der folgenden Darstellung nun nicht das tun, was ich dem Buch vorwerfe, und den in gewisser Weise durchaus heterogenen Sammelband zu einer homogenen Einheit umdeuten, in der die 27 Beiträge unterschiedslos aufgingen. Von der hier formulierten Kritik auszunehmen sind die Beiträge, die sich in recht ruhigem Ton einem spezifischen Thema widmen, wie Hans Hütts als Auseinandersetzung mit Didier Eribon formulierter Text über Coming Outs, Julia Jopps Text über Transitionen unter neoliberalen Bedingungen sowie Elmar Kraushaars Auseinandersetzung mit dem Stereotyp des pädophilen Schwulen. Hinzu kommt eine zweite Gruppe von Texten, die recht konkret bestimmte Vorfälle thematisieren, ohne diese direkt auf eine allgemeine Entität Queeraktivismus zurückzuführen – so die Texte von Ilona Bubeck und Jan Noll.

In der übergroßen Mehrheit der Texte wird aber explizit das im Einleitungsaufsatz skizzierte Objekt Queeraktivismus aufgerufen, in Hinblick auf bestimmte Konzepte wie z.B. Privilegienreflexion oder Pinkwashing ausgemalt und dann für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht. Dabei sind die Texte – wie l’Amour laLove schreibt – „teils polemisch formuliert, während andere eher diplomatisch verfasst sind“ (S. 11).

Was sie nicht erwähnt, weil es sich für sie wohl von selbst versteht, ist, dass die Texte „polemisch“ und „diplomatisch“ auf ein und derselben Seite stehen. Denn was in dem Sammelband völlig fehlt, sind Texte, die die Gegenseite vertreten oder wenigstens kritisch würdigen. Gibt es etwas Positives an Privilegienkritik und -reflexion? Kann man von Judith Butler etwas lernen? Können Awareness-Teams helfen, eine Party für manche Menschen angenehmer zu gestalten? Kann es unter Umständen sinnvoll sein, wenn von Diskriminierung betroffene Personen für einige Zeit einen Raum für sich haben? Ernsthafte Argumente in diese Richtung finden sich im Sammelband keine. Und eben deshalb wirken die polemischen Texte umso effektiver in ihrer Konstruktion eines gefährlichen Queeraktivismus.

Die Verallgemeinerung von Besonderem

Das Unterfangen, bestimmte Erscheinungen queeraktivistischer Szene pars pro toto für den Queeraktivismus zu nehmen, ist gewissermaßen konstitutiv für das Buchprojekt. Einen der Ausgangspunkte für das Buchprojekt bilden die Vorgänge rund um eine Podiumsdiskussion im Berliner SchwuZ – thematisiert im Einleitungsaufsatz sowie in den Texten von Ilona Bubeck und Jan Noll.

Auch wenn die Besetzung des Podiums zum Thema „Gute Lesbe, böse Lesbe“ in mehrfacher Hinsicht kritisiert wurde – zu cis, zu weiß – eskalierte die Social-Media-Diskussion insbesondere in Bezug auf die Teilnahme der Rapperin Sookee. Diese wurde im Vorfeld von Trans-Aktivistinnen scharf kritisiert, weil sie im Track „If I had dick“ ironisch-feministisch darüber reflektiert, wie es wäre, einen Penis zu haben. Die Kritikerinnen begnügten sich dabei nicht etwa damit, darzulegen, dass die im Text locker und spielerisch gezeichneten Bilder von Penis-Haben vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung eher schmerzhaft als lustig sind; vielmehr griffen sie nicht nur den Text, sondern auch die Person Sookee in einer kaum nachvollziehbaren Schärfe an, bezeichneten sie als transmisogyn, als transphob sowie als „toxic person“ und forderten ihre Ausladung. Diesen Prozess, der schließlich dazu führte, dass Sookee ihre Teilnahme selbst absagte, kann man mit guten Gründen als Mobbing bezeichnen.

Man kann ihn auch als Ergebnis einer Tendenz queeraktivistischer und antirassistischer Kritik bezeichnen, in der die Aussage und die Einschätzung derjenigen die von Diskriminierung betroffen sind, unbedingt und unhinterfragbar gilt – auf eben dieses Prinzip beriefen sich einige der Kritikerinnen. Dann kann man festhalten, dass sich Vertreterinnen eines Ansatzes, der sich offiziell der Infragestellung von fixen Identitäten widmet, selbst in krasseste Festschreibungen und Personalisierungen begeben und dass dies Diskussionsprozessen nicht nur schaden, sondern sie auch zerstören kann – und man hätte recht!

Dann sollte man aber auch erwähnen, dass die Angegriffene sich selbst als Queerfeministin versteht und in Teilen der Szene Starstatus genießt (was nicht unerheblich dazu beigetragen haben dürfte, dass sich die Debatte an ihrer Person entzündete). Vor diesem Hintergrund ist es einigermaßen zynisch, die Angriffe gegen Sookee als Ausgangspunkt für eine Generalabrechnung mit queer zu nutzen, ohne die Angegriffene zu Wort kommen zu lassen.

Zudem sollte man erwähnen, dass das zugrundeliegende Problem auch innerhalb des Referenzrahmens queeraktivischer Kritik schon lange Gegenstand von Auseinandersetzungen ist. So legte Gayatri Spivak’s schon in ihrem Text French Feminism in an International Frame aus dem Jahr 1981 dar, dass eine „strategisch“ essentialistische Bezugnahme auf geteilte Erfahrungen als Grundlage einer gemeinsamen Identität im Kampf gegen Unterdrückung zwar nützlich sein kann, dass sie aber auch immer mit der Gefahr einer Verselbständigung verbunden ist. Im heutigen deutschsprachigen Kontext spricht beispielsweise Paula-Irene Villa – Vertreterin der akademischen Gender Studies, die laut Sammelband Teil des Problems Queeraktivismus sind – in Bezug auf das Phänomen der Ineinssetzung von Sprechposition und Geltung des Gesagten von einem „positionalen Fundamentalismus“.

Dementsprechend hätte dieses Ereignis – ebenso wie andere im Band benannte Instanzen desselben Problems – gut und gerne Anlass für einen Sammelband sein können, in dem über Sinn, Unsinn und Gefahren einer politischen Praxis reflektiert wird, für die Sprechpositionen und Identitäten eine so große Rolle spielen. Stattdessen entstand aber ein Sammelband, in dem jede derartige Praxis unmittelbar mit ihrem Exzess identifiziert und verdammt wird – und dies ohne dass dabei eine einzige Befürworterin der Praxis zu Wort käme.

Die Verbesonderung von Allgemeinem

Diese Verallgemeinerung von Besonderem wird ergänzt durch eine Verbesonderung von Allgemeinem. Wie die im Buch immer wieder kritisierte Hengameh Yaghoobifarah in einem Interview mit der Siegessäule zu Recht anmerkt, werden im Buch Probleme, die (nicht nur) in linker Politik und Szene recht weit verbreitet sind, als spezifisch queeraktivistische Probleme dargestellt.

Dies gilt etwa für die titelgebende Form der Kritik. Mit „Beißreflexen“ ist wohl eine Art des Kritisierens nach dem Reiz-Reaktions-Schema gemeint, in der das Aufscheinen eines Schlüsselreizes in Form eines bestimmten Stichworts reflexartig zu einer eingeübten und stereotypen Kritik führt, die nicht nur die Intention der Sprecher_innen und den Wahrheitsgehalt des Gesagten ignoriert, sondern auch alle anderen Kontextbedingungen.

Auch wenn Yaghoobifarah zuzustimmen ist, dass den Gegenübern damit in gewisser Weise Rationalität abgesprochen wird, so dass im gegebenen Kontext das Stereotyp von den „hysterischen“ und „stutenbissigen“ Feministinnen aufgerufen wird, ist es nicht so, dass es das damit angesprochene Problem einer Kritik nach dem Reiz-Reaktions-Schema nicht gäbe. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, findet diese Art von Kritik sich aber in allen möglichen linken und nichtlinken Kreisen, so dass sie kaum ein spezifisches Problem von „queerem Aktivismus“ darstellt.

Ironischerweise gibt es im Sammelband selbst nicht wenige Texte, in denen ähnliche Beißreflexe am Werk zu sein scheinen. Die bloße Erwähnung von Privilegienkritik, Weißsein, Normalisierungsprozessen usw. scheint dann ohne große Umschweife eine vorprogrammierte polemische Assoziationskette auszulösen, an deren Ende identitäre Barbarei, völkisches Denken und Schwulenhass stehen, wobei die Argumente der Kritisierten zumeist völlig untergehen.

Ein weiteres allgemeines Phänomen, das im Buch zu einem spezifisch queeraktivistischem verbesondert wird, ist die Etablierung und Durchsetzung von Szene-Codes. Mehrere Texte bezeichnen solche Codes und ihre Durchsetzung als „autoritär“. Die Herausgeberin meint, man müsse in der queeren Szene bereit sein, „mit dem Denken zugunsten des Aufgehens in einer fiktiven Community und der ihren Mitgliedern bescheinigten Progressivität aufzuhören“ (S. 34). Caroline A. Sosat weiß ähnliches auf Grundlage von Hörensagen: „TeilnehmerInnen von Vortragsdiskussionen oder Plena in betroffenheitsfeministischen Szenen berichten von fehlender Argumentationsfähigkeit und einer sehr geringen Toleranz gegenüber Gegenpositionen“ (S. 69).

Jedoch bilden sich in fast allen (nicht nur politischen) Subkulturen Codes für angemessenes Verhalten und Sprechen heraus, die von denen der Mehrheitsgesellschaft abweichen und Anpassungsleistungen verlangen. Verhaltensweisen oder Aussagen, die an den meisten Orten unverdächtig sind oder gar als Beweis einer progressiven Haltung gelten, werden in linken Subkulturen mithin als nationalistisch, rassistisch, bürgerlich, typisch deutsch, mackerhaft, antisemitisch, sexistisch, homophob, transphob, neoliberal, neokolonial, klassistisch usw. kritisiert – und das nicht selten zu recht.

Eine Chance, sich in diesen Szenen zu etablieren, hat dementsprechend nur, wer in der Lage ist, die Szene-Codes zu erlernen und die Gesamtgesellschafts-Codes zu verlernen oder zumindest in den entsprechenden Räumen temporär abzulegen. Weil das Bedienen der Szene-Codes nicht selten heißt, sich einer akademischen, aus Mainstream-Perspektive kontraintuitiven Sprache und Weltsicht zu bedienen, sind bei diesen Lernprozessen diejenigen im Vorteil, die auch sonst Bildungsvorteile genießen.

Diese Prozesse sind fast unvermeidbar und sie gehen notwendigerweise mit Hierarchiebildung und Ausschlussprozessen einher. Die Neuankömmlinge müssen sich anpassen, die Etablierten beurteilen die Anpassungsleistung. Solange linke Szene auch Subkultur und Lebenswelt ist – und das ist sie unweigerlich –, kann es kaum anders sein.

Nichtsdestotrotz können diese Prozesse je nach konkretem Ort und beteiligten Personen mehr oder weniger autoritär, rüde oder offen gestaltet werden, die Ausschlüsse und Hürden somit mehr oder weniger drastisch sein.

Es mag sein, dass solche Prozesse in Kontexten, in denen es wie in Queeraktivismus und Antirassismus um Awareness und sichere Räume geht, eine zusätzliche Aufladung erfahren: Einerseits besteht hier dasselbe Machtdifferenzial der Etablierten gegenüber den Neuankömmlingen; andererseits handelt es sich bei den Etablierten (in unterschiedlichem Ausmaß) auch um gesamtgesellschaftlich marginalisierte Personen. Bei den Szene-Code-Verstößen der Neuankömmlinge handelt es sich dementsprechend nicht um eine bloße Verletzung von Tischmanieren, sondern auch um die alltäglichen Formen von Rassismus, Transphobie usw., die den davon betroffenen Etablierten ohnehin das Leben schwer machen. Daher kann man von den letzteren kaum ebenso viel geduldiges Abholen und Erklären erwarten, wie in Fällen, in denen es „nur“ um die „richtigen“ Äußerungen über politische Ökonomie geht.

Das mag dazu führen, dass die Durchsetzung von Szene-Codes in diesen Zusammenhängen schärfere, noch stärker moralisch aufgeladene Formen annimmt als in anderen Subkulturen. Ironischerweise sind gerade Awareness-Teams und Safe Spaces Versuche, unter anderem mit diesem Problem umzugehen – und gerade für diese gibt es in Beißreflexe besonders scharfen Hohn und Spott.

Ein Alleinstellungsmerkmal für Queeraktivismus ist die Etablierung und Durchsetzung von Szene-Codes jedenfalls nicht – und es wäre interessant zu erfahren, wie viele der Autorinnen, die bei queerem und antirassistischem Aktivismus „autoritäre“ Tendenzen problematisieren, es auch für „autoritär“ halten, wenn in anderen linken Läden das „Palästinensertuch“ verboten ist. Man kann durchaus das eine Verbot für richtig und das andere für falsch halten – aber das eine ist wohl kaum weniger „autoritär“ als das andere.

Einen dritten und besonders schrägen Fall der Verbesonderung von Allgemeinem stellt der Text Inquisition auf dem e*Camp von Anonyma dar, in dem die Autorin ihre Erlebnisse auf einem Theorie-Sommercamp „gegen Kapitalismus und sein Geschlechterverhältnis“ darstellt. Ihrer Schilderung zufolge wurde eine kleine Gruppe von Personen, zu der neben der Autorin selbst ein Freund namens Lukas zählt, Opfer von systematischem Mobbing durch einige an der Organisation des Camps beteiligte Personen. Eine Verbindung zum Thema des Sammelbandes wird erst zum Ende des Artikels hin hergestellt, wenn dem die Autorin die Hintergründe des Problems „auflöst“:

„Im Nachgang erfahre ich, dass die drei Frauen, die Lukas am Sonntag abführten, queerfeministische Aktivistinnen waren. Sie stammten aus der Stadt, in der Lukas studierte, und hatten schon länger ein Problem mit ihm, weil er im AStA Filz und Mobbing im Frauenreferat beanstandete“ (S. 51).

Nicht nur wurden Anonyma und ihre Freundinnen also Opfer von Mobbing; der Gegenseite ging es dabei auch noch um alte Rechnungen – waren die Täterinnen doch von Lukas schon vorher beim Filzen und Mobben gestört worden.

Selbst wenn man diese Schilderung von klaren Täterinnen und unschuldigen Opfern für bare Münze nimmt – und es gibt gute Gründe das nicht zu tun[3] –, bleibt völlig unklar, was daran nun spezifisch queeraktivistisch sein soll. Klar ist nur, dass die Mobberinnen erstens böse sind und zweitens am Ende des Textes „queerfeministische Aktivistinnen“ markiert werden – im Kontext des Bandes reicht das, um die Assoziation zu wecken und den Bericht über erlebten Machtmissbrauch und Mobbing zu einem weiteren Beweis über den autoritären Charakter des Queeraktivismus im Allgemeinen zu machen.

Alarmistische Übertreibung

Komplettiert wird die Konstruktionsleistung dadurch, dass das Ausmaß des Problems völlig aufgeblasen wird. Liest man den Sammelband, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die linke Szene und die Universitäten in Deutschland zu Angsträumen für weiße, deutsche Cis-Personen geworden sind, in denen diese in ständiger Furcht leben müssen, von herrschsüchtigen und gewalttätigen Queers of Color gemobbt zu werden.

Bei dieser Übertreibung wird die Verallgemeinerung des Besonderen noch weiter zugespitzt, indem ein Randphänomen pars pro toto nicht nur für queeren Aktivismus, sondern gleich für die ganze Linke und die ganze Universität stehen soll.

Eine solche bizarre Zuspitzung legt Jakob Hayner vor. Er greift einen anderen, aus der Außenperspektive nur sehr schwer nachvollziehbar wirkenden Fall von positionalem Fundamentalismus auf, bei dem ein Streit um die Frage, welche Diskriminierungserfahrung die andere übertrumpft (Transphobie oder Rassismus), zum Ausschluss einer Person aus der Fachschaftsinitiative Gender Studies der Humboldt-Universität geführt hat. Die diesbegzügliche öffentliche Stellungnahme der Fachschaftsinitiative lässt vermuten, dass die ausgeschlossene Person in ihrem Beharren auf Positionalität den Ausschließenden zumindest in nichts nachstand – und wurde anschließend von vielen Seiten, unter anderem in der Welt, öffentlich verhöhnt.

Anstatt diesen Vorgang als den Exzess zu thematisieren, der er ganz offenkundig ist, hält Hayner ihn für paradigmatisch nicht etwa nur für queere Szene oder für studentischen Aktivismus, sondern gleich für den „Zustand der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an den Universitäten“ (Hayner 61). Denn diese sind – wer einmal eine Tagung einer der großen Fachgesellschaften erlebt hat, wird überrascht sein – anscheinend fest in den Händen dieser Art von Identitätspolitik. Für weiße Cis-Männer muss es in den Instituten für Germanistik und Politikwissenschaft also kaum noch auszuhalten sein.

Dass das Ausmaß des Problems im Band völlig übertrieben wird, lässt sich daran ablesen, dass einige wenige Beispiele für das vermeintlich allesbeherrschende Problem immer wieder aufs Neue herbeizitiert werden. Einerseits wird der Eindruck vermittelt, queerer Feminismus dominiere heute alle Debatten, linken Räume und Seminarräume, andererseits werden als Beleg dafür immer wieder dieselben Namen aufgerufen.

So wird in etwa einem Drittel der Beiträge die oben bereits zitierte Hengameh Yaghoobifarah als Beispiel angeführt. Tatsächlich dürfte diese als selbst vor keiner Polemik zurückschreckende Bloggerin, Missy-Redakteurin und taz-Kolumnistin zu den lautesten Stimmen des außerakademischen Queerfeminismus in Deutschland zählen – ohne dass sie bei anderen Queerfeministinnen deshalb auf einhellige Zustimmung stieße. Vor allem ist sie aber eben eine Bloggerin, Missy-Redakteurin und taz-Kolumnistin. Wenn sie wirklich die wichtigste Exponentin des schlimmen, schlimmen Queerfeminismus wäre, müsste sie entweder die mächtigste Bloggerin, Missy-Redakteurin und taz-Kolumnistin der Welt sein – oder das Problem ist schlichtweg nicht so groß. Tatsächlich weist nichts darauf hin, dass die Fusion 2017 wegen Yaghoobifarahs vielzitierter Glosse über das Festival abgesagt wurde.

So bleibt der Eindruck, dass relativ überschaubare Probleme hier zu einer unglaublichen Bedrohung für die Linke, wenn nicht gar für die Wissenschaft und die Gesellschaft umgedeutet werden.

Dazu passt, dass viele der Texte von einer nostalgischen Sehnsucht nach verlorenen Paradiesen gezeichnet sind. Immer wieder werden verhältnismäßig bessere aktivistische Vergangenheiten heraufbeschworen, von denen der heutige Queeraktivismus allenfalls eine Verfallsform darstellt – wenn er nicht gar selbst für den Verfall verantwortlich zu machen ist. Mal ist es ein guter alter Feminismus (Caroline A. Sosat), mal ein guter alter CSD (Christoph Wagner), mal ein guter alter Kampf um Schwulenrechte (Patsy l’Amour laLove) und mal gar eine gute alte Linke, in der es noch um Klassen, nicht um Kultur ging (Marco Ebert). Nun fragt man sich: Hat der Queeraktivismus wirklich einen so großen Einfluss, dass er heute zu den wichtigsten Hindernissen auf dem Weg zu einem guten Feminismus oder Sozialismus zählen könnte? Oder wird hier ein relativ marginaler Gegner als großer Ersatz-Feind aufgebaut?

Die Effekte der Vereinheitlichung

Diese Konstruktion eines homogenen Objekts Queeraktivismus hat zunächst einige Beißreflexe zur Folge. Jede politische Positionierung, die an das erinnert, was man als Queeraktivismus bestimmt hat, muss Teil dieses Unwesens und ergo feindlich sein. Entsprechend wird munter losgebissen – je böser desto mehr freu’n sich die Leut!

Das führt zu absurden Situationen, die sich seit der Veröffentlichung des Werkes in den entsprechenden Social-Media-Filterblasen beobachten lassen. Weil man die Kritik von Sprechweisen und Sprechposition als Teil des Queeraktivismus identifiziert hat, müssen alle, deren Argumentation auch nur vage daran erinnern, wohl Teil dieses queeren Dings sein. So werden Feministinnen, die nie Queerness beansprucht haben, auf einmal als Queerfeministinnen angegriffen, nur weil sie mackeriges oder sexuell übergriffiges Verhalten von Männern als mackeriges oder sexuell übergriffiges Verhalten von Männern benennen.

Ein weiterer Effekt besteht darin, dass man sich nun, da man dieses abstoßende Bild von Queeraktivismus gezeichnet hat, auch mit der in queeren Zusammenhängen real geäußerten Kritik nicht mehr ernsthaft auseinandersetzen muss. Diese Nicht-Auseinandersetzung lässt sich auch im Buch selbst aufzeigen.

II Psychologisierung statt kritischer Würdigung

Denn hinter dem im Buch konstruierten übergroßen Bild eines gefährlichen Queeraktivismus verschwinden die realen Argumente queerfeministischer Kritik schlichtweg. Somit fehlt in Beißreflexe eben das, was eine Kritik im emphatischen Sinne ausmacht: ein Sich-Einlassen auf den Gegenstand.

Die positiven Reaktionen auf den Sammelband dürften wohl auf beides zurückzuführen sein: sowohl darauf, dass die Autorinnen reale Probleme benennen, die viele schon lange stören, als auch darauf, dass das Buch als Absolution dafür gelesen werden kann, sich nicht ernsthaft mit queerer bzw. antirassistischer Kritik – und mit den eigenen Privilegien – auseinandersetzen zu müssen.

Unsichtbare Macht, ignorierte Handlungsfähigkeit

Dies erkennt man schon daran, dass die zentralen Fragen und Konzepte queerer (und postkolonialer und antirassistischer) Kritik in dem Band fast keinen Raum haben. In queerer Kritik geht es primär um Fragen von Handlungsfähigkeit, Sichtbarkeit und Macht. Es geht darum, wer unter den gegebenen sozialen Umständen welche Möglichkeiten hat, ein angenehmes, sozial akzeptiertes Leben zu führen, sichtbar politisch zu handeln und von Gewalt verschont zu bleiben. Es geht darum, welche sozialen Regimes und Normen dies bestimmen, welche Machtmechanismen dabei wirken und durch welche diskursiven Praktiken diese Systeme stabilisiert und destabilisiert werden können.

Aber die Begriffe Handlungsfähigkeit, Sichtbarkeit und Macht spielen in Beißreflexe fast keine Rolle – und so wird die queere Kritik zur Unkenntlichkeit entstellt und von einer Form der Herrschaftskritik zu einer eitlen Fetischisierung von Identität und partikularer Kultur. Durch eben diese Auslassung der Machtkritik wird die vielbeschworene Identität von der Kritik an Cultural Appropriation mit ethnopluralistischem oder völkischem Denken hergestellt.

Unverstandene Privilegienkritik

Durch die Abstraktion von Fragen der Macht und Handlungsmacht wird auch Privilegienkritik zu einem sinnlosen Herumreiten auf bedeutungslosen Zufälligkeiten. So kann Jakob Hayner formulieren: „Das Denken und Handeln dieser Gruppierungen ist von der Annahme geprägt, dass bestimmte zufällige personale Merkmale wie Geschlecht und Hautfarbe Privilegien seien“ (S. 62).

Nun geht es bei Privilegienkritik freilich nicht darum, zu bestreiten, dass Geschlecht und Hautfarbe in gewissem Sinne zufällig sind, und auch nicht darum, dass es sich bei ihnen selbst um Privilegien handelt. Es geht vielmehr darum, dass weiße deutsche Menschen ohne Migrationshintergrund und mit einem eindeutigen Geschlecht (insbesondere, aber nicht nur wenn dieses männlich ist und ein heterosexuelles Begehren hinzukommt), Privilegien genießen. Ihnen bleiben diverse Erfahrungen der Unsichtbarkeit, Marginalisierung, Diskriminierung und Ansprache schlicht erspart.

Bei Privilegienkritik geht es nicht um mehr – aber auch nicht um weniger – als darum, dass man diese Privilegien als solche erkennt, anstatt sie als selbstverständlich vorauszusetzen, und dass man sich entsprechend – nämlich solidarisch – gegenüber denen verhält, die weniger privilegiert sind. Es ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Weil aber Privilegien von oben betrachtet selten als solche erkennbar sind, ist es eine Selbstverständlichkeit, die eingefordert werden muss.

Anstatt als eine Frage von Handlungsmacht, Machtdifferentialen und dem Umgang mit denselben taucht Privilegienkritik im Sammelband immer wieder als eine Frage von Schuld auf – freilich ohne je zu belegen, dass den Privilegierten für ihre Privilegien Schuld gegeben wird. Sehr wohl gegeben wird ihnen Verantwortung für den Umgang mit diesen Privilegien.

Den deutlichsten Widerspruch erfährt in Beißreflexe diejenige Privilegienkritik, die auf „Homonormativität“ zielt (s. die Texte von Leo Fischer, Patsy l’Amour laLove und Benedikt Wolf). Mit diesem Begriff wird die These vertreten, dass bestimmte, insbesondere cis-männliche und weiße Homosexualitäten heute gesellschaftlich relativ akzeptiert seien. Diese Normalisierung einiger Homosexualitäten wiederum gehe damit einher, dass die Marginalisierung anderer Lebensentwürfe und Sexualitäten sich verschärft habe. Denjenigen, die dieses Angebot der Normalisierung annehmen, wird dann das Attribut „queer“ abgesprochen und ein unsolidarischer Umgang mit ihren neuerworbenen Privilegien vorgeworfen.

Vor dem Hintergrund aller Formen von Gewalt und Diskriminierung, denen auch die akzeptiertesten Homosexuellen immer noch ausgesetzt sind, ist es gut nachvollziehbar, dass man sich diesen teils in polemischer Schärfe vorgetragenen Vorwurf nicht ohne weiteres gefallen lässt.

Weniger nachvollziehbar ist, dass man die Argumente der Gegenseite dabei zur Unkenntlichkeit entstellt. Dies tut insbesondere l’Amour laLove in ihrer Auseinandersetzung mit dem Buch Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität von Zülfükar Çetin und Heinz-Jürgen Voß.[4]

Auch Leo Fischers von überraschenden Inkohärenzen[5] geprägter Aufsatz Repression für alle läuft letztlich auf die bloße Unterstellung hinaus, Privilegienkritik ziele nicht auf das gleich gute, sondern das gleich schlechte Leben für alle. Belege dafür, dass Privilegienkritik auf solche negative Gleichheit und nicht etwa auf einen verantwortungsvollen, bewussten und solidarischen Umgang der Privilegierten mit ihren Privilegien zielt, liefert er kaum. In einem Kontext, in dem auch auf den Sinn, Zweck und Nutzen von Privilegienkritik eingegangen wird, könnte der Aufsatz ein Hinweis auf die in dem Konzept gleichsam angelegten Probleme sein. Im Kontext von Beißreflexe wird er dagegen nur zu einem weiteren Beweis dafür, dass die anderen sie nicht mehr alle haben und im Grunde reaktionär sind.

Wenn Fragen von Handlungsmacht, Macht und Sichtbarkeit ausgeblendet werden, kann man Privilegienkritik nur für Unsinn halten – wirklich kritisiert hat man sie dann aber auch noch nicht.

Verdrängte Rassismuskritik

Ähnliches gilt für Rassismuskritik. Ich stimme den Autorinnen des Buches darin zu, dass Rassismuskritik in einigen queeraktivistischen und postkolonialen Kontexten zur Konstruktion eines neuen Hauptwiderspruchs tendiert, aufgrund derer der Rassismusvorwurf dann alles andere „übertrumpft“. Ich stimme ihnen auch darin zu, dass diese Art von Antirassismus verstärkt auftritt, wenn es um den Islam geht, und dann dazu neigt, bei jeder kritischen Bezugnahme antimuslimischen Rassismus zu wittern. Ebenso darin, dass dies zur Dethematisierung teils tödlicher Gewaltverhältnisse in islamischen Kontexten führt, was zugleich einen Solidaritätsentzug für die von dieser Gewalt Betroffenen bedeutet. Und schließlich stimme ich den Autorinnen auch darin zu, dass dieser Antirassismus immer wieder ausgerechnet Israel ins Zentrum der Kritik stellt – was überraschen müsste, wenn es nicht so weit verbreitet wäre.

Diese Probleme thematisieren mehr oder weniger treffend und mehr oder weniger polemisch zahlreiche Texte des Sammelbandes (Dirk Ludigs, Frederik Schindler, Dierk Saathoff, Nina Rabuza, Sama Maani im Interview, Jann Schweitzer, Tjark Kunstreich und Patsy l’Amour laLove).

Was in diesen Texten aber völlig an den Rand gedrängt wird, ist die Möglichkeit, dass es einen Rassismus geben könnte, der sich antimuslimisch artikuliert und zu dem auch das eigene linke Tun einen Beitrag leistet. Statt sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, insistiert die Herausgeberin immer wieder, man müsse den Islam doch kritisieren können. Sie moniert: „Wer beispielsweise den Islam kritisiert, gilt als Rassist“ (S. 34), sie spricht von „Keulen sozusagen gegen Islamkritik“ und insistiert, dass nicht „jede Kritik am Islam rassistisch ist“ (S. 38). Die entscheidende Frage aber, welches Sprechen über den Islam unter welchen Umständen rassistisch ist, verdrängt sie einfach an den rechten Rand: Die einzige „Islamkritik“, die sie als rassistisch markiert, ist die der AfD. Sama Maani ergänzt noch „Pegida, FPÖ und Co.“ (S. 205). Jann Schweitzer (S. 212) hält immerhin anhand des Beispiels von David Berger fest, dass es auch dezidiert schwule rechte Aktivisten gibt, die gegen den Islam agitieren – aber auch er tut das Problem damit als ein rechtes Problem ab und diagnostiziert auf Seiten der Linken im Gegenteil Islamapologetik.

Einzig Nina Rabuza (S. 202) erkennt an, dass das Problem auch einen nicht rechten Aktivismus betreffen könnte – reduziert es aber auch auf eine „Vereinnahmung […] durch staatliche Akteure und rechte politische Positionen“ (S. 202). Der Gedanke, dass auch nicht-rechte Positionen aktiv an diesem Rassismus mitwirken könnten, taucht in Beißreflexe schlichtweg nicht auf. Wer links ist, kann anscheinend nicht rassistisch sein – es sei denn, man vertritt Positionen der Critical Whiteness oder benutzt den Begriff „Islamophobie“, um Rassismus zu kritisieren. Denn tut man letzteres, ist man laut Sama Maani „selbst rassistisch, ohne es zu wollen“ (S. 205).

Nimmt man das von l’Amour laLove (S. 241) diskutierte Beispiel von gleichgeschlechtlichen Kiss-Ins in Kreuzberg oder Neukölln auf, lässt sich die Vertracktheit des Problems gut darstellen: Man muss weder den entsprechenden Aktivistinnen, die solche Events fordern rassistische Absichten unterstellen, noch muss man die Erlebnisberichte über gewalttätige Homophobie in diesen Stadtteilen als Legendenbildung abtun, um zu sehen, dass sich eine solche öffentlichkeitswirksame Aktion ganz unabhängig von der Motivation der Küssenden fast zwangsläufig auch in rassistische Diskurse einschreibt. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass viele Rassismuskritikerinnen dazu neigen, jeden islamischen Beitrag zur Homophobie als rassistische Fiktion abtun. Ich weiß beileibe nicht, welche Strategien in dieser Situation die richtige wäre, aber ich weiß, dass die Verdrängung von Rassismus als ein Problem ausschließlich der Rechten keine Lösung ist.

Weil die Fragen von Handlungsfähigkeit, Macht und Sichtbarkeit verdrängt werden, bleiben von Privilegienkritik und Rassismuskritik nur Zerrbilder, gegen die man sich allzu leicht abgrenzen kann. Die Fragen, wie man sich zu Privilegien verhält, ohne in die Untiefen eines positionalen Fundamentalismus abzudriften, wie man Rassismus kritisiert, ohne in Reduktionismus und Apologetik zu verfallen, bleiben nicht nur unbeantwortet, sie bleiben auch ungestellt.

Die Pathologisierung der Anderen

Schon die groben Verzerrungen der Standpunkte der Anderen lassen den Anspruch des Bandes, ein „Angebot zur Reflexion“ (l’Amour laLove, S.15) darzustellen einigermaßen fragwürdig erscheinen. Die insbesondere in der ersten Hälfte des Bandes immer wieder vollzogene Psychologisierung und Pathologisierung von Queeraktivistinnen führt diesen Anspruch aber völlig ad absurdum. Als reiche es nicht, Theorie und Praxis der Anderen grob misszurepräsentieren, stellt man sie darüber hinaus noch als unzurechnungsfähige, für eine rationale Auseinandersetzung unzugängliche Individuen dar. Man fragt sich doch, wie viele gute Gespräche und Reflexionsprozesse in der Geschichte der Menschheit mit den Sätzen: „Wir müssen reden. Du bist wahnsinnig und irrational“, angefangen haben.

Die verhältnismäßig harmlose Form dieser Pathologisierung ist die sich durch den Band ziehende Verwendung der Begriffe „Wahnsinn“ (S. 10, 13), „wahnsinnig[..]“ (S. 24), „Wahnsinnige“ (S.36) und „wahnhaft[..]“ (S. 39) – um nur die Beispiele aus dem Einleitungsaufsatz der Herausgeberin zu zitieren.

Schlimmer als diese Polemik ist die explizite und teils elaborierte Psychologisierung und Pathologisierung, bei der sich verschiedene Autorinnen anmaßen, ihre Gegenüber aus der Ferne kollektiv zu psychoanalysieren und zu erklären, welche unbearbeiteten Verletzungen und Sehnsüchte sie zu ihrer falschen Theorie und Praxis treiben. Dies gilt insbesondere für den Beitrag von Carolin A. Sosat, deutliche entsprechende Anklänge finden sich aber auch bei Patsy l’Amour laLove, Koschka Linkerhand, Jakob Hayner, Till Randolf Amelung und Benedikt Wolf.

Einen (sicherlich unintendiert) ironischen Kontrapunkt bildet da Doloris Pralina Orgasmas Vorwurf der „hobbypsychologisch[en]“ (S. 86) Verwendung psychologischer Kategorien in Awareness-Kontexten.

Im Vorbeigehen sorgt diese Psychologisierung queerer Aktivistinnen dafür, dass die klassischen Topoi des Antifeminismus fortleben: „Hysterie“ und „Lustfeindlichkeit“.

Was diese Psychologisierung des Queeraktivismus dagegen völlig undenkbar macht, ist das, was die Grundlage eines jeden „Gesprächs“ und „Reflexionsprozesses“ sein müsste: Anzuerkennen, dass die Gegenseite legitime Anliegen vertritt und sich mögliche Konflikte durch rationale Auseinandersetzungen bearbeiten lassen. Dass es den queeraktivistischen Anderen womöglich um völlig legitime Ziele geht, die man selbst teilt – nämlich um ein gutes Leben für alle und einen Kampf gegen diejenigen Strukturen, die dem im Wege stehen – scheint undenkbar, wenn man so viel Energie investiert, um sie als kollektiv kranke Individuen darzustellen.

III Ausblick: Differenzen aushalten!

Wenn man optimistisch ist, kann man hoffen, dass Beißreflexe Diskussionen um Themen anstößt, die eine Diskussion wert sind. Einen sinnvollen Beitrag zu diesen Diskussionen stellt der Band aber kaum dar.

Wie könnte eine sinnvolle Diskussion aussehen? Zunächst müsste man sich wechselseitig unterstellen, dass die jeweils anderen legitime Anliegen haben und sich Differenzen in Diskussionen bearbeiten lassen – dies taten weder Sookees Kritikerinnen noch tun es alle Beißreflexe-Autorinnen. Freilich werden die gegebenen Machtdifferentiale und Normen einer wirklich gleichen Debatte immer im Wege stehen: Die relativ Privilegierten werden sich leisten können, die Anderen zu übersehen; die weniger Privilegierten werden aus einer Position der Unsichtbarkeit heraus mitunter nachvollziehbarerweise wenig Lust zu einer freundlichen Debatte mit denen haben, die sie ignorieren. Daher werden die Diskussionen wohl immer wieder aggressiv werden. Eine Alternative zum Führen dieser Diskussionen gibt es aber kaum. Sowohl die interessierte Ignoranz gegenüber Privilegien als auch positionaler Fundamentalismus führen zu nichts anderem als zu Beißreflexen und die führen zu nichts.

Darüber hinaus wäre es wohl wichtig, zu akzeptieren, dass es auch in der linken Szene echte Interessenkonflikte gibt, die sich nicht nach einer Seite auflösen lassen. Doloris Pralina Orgasmas Forderung nach „Schmutzräumen“, in denen Sexualität als etwas Grenzüberschreitendes und Lustvolles imaginiert wird, ist per se nicht mehr oder weniger legitim oder emanzipatorisch als die von ihr abgelehnte Forderung nach Schutzräumen, in denen die Achtung von Grenzen über allem steht. Keine der beiden Forderungen kann per se mehr Universalismus für sich beanspruchen als die andere, beide sind partikular – und das macht sie nicht weniger legitim. [6] Jedoch lassen sich auch nicht beide zur gleichen Zeit im selben Raum realisieren – entweder müssen die einen ihre Kleidung anbehalten oder die anderen müssen Nacktheit sehen. Somit handelt es sich um einen echten Interessenkonflikt.[7] Aber was (außer vielleicht der konkret gegebenen Architektur und der Nachfrage) spricht gegen Orte, an denen es sowohl Schmutz- als auch Schutzräume gibt? Was gegen Parties mit Darkrooms, Awareness-Team und Bereichen mit Dresscode?

[1] Ich bin wahrlich nicht prädestiniert dazu, mich in eine Debatte über die „Kritik an queerem Aktivismus“ einzumischen, denn ich habe das Glück, ein Leben führen zu können, dass von sozialen Normen weitgehend gedeckt ist. Entsprechend hatte ich zunächst beschlossen, mich nicht öffentlich zu Beißreflexe zu äußern und die Debatte denjenigen zu überlassen, um die es geht. Nun äußere ich mich doch, und zwar aus zwei Gründen. Erstens wird der Band in meinem Umfeld heftig diskutiert. Zu diesem Umfeld zählen sowohl Autorinnen des Bandes als auch Personen, die darin direkt oder indirekt angegriffen werden, sowohl Anhängerinnen als auch Gegnerinnen von Beißreflexe – und auf beiden Seiten sind es Personen, die ich schätze. So war ich in den letzten Monaten immer wieder in die Diskussionen verstrickt und möchte meine an verschiedenen Stellen angedeutete Kritik nun etwas systematischer darlegen. Meinen Gesprächspartner_innen sei an dieser Stelle gedankt – insbesondere denen in der Küche, im Grüngürtel und auf der Cäcilienstraße. Zweitens habe ich mich vor einiger Zeit selbst in den „ideologiekritischen“ Diskurs gegen „Queer Theory“, „Postmoderne“ und „Postkolonialismus“ eingeschrieben, der in diesem Sammelband fortgesponnen wird – mit einem Jungle-World-Artikel aus dem Jahr 2010, bei dem nicht viel dazu gefehlt hätte, dass er selbst in diesem Band gelandet wäre. Daher fühle ich mich ein wenig mitverantwortlich und bemüßigt, mich von den Positionen zu distanzieren, die ich heute in der vorliegenden Zuspitzung für falsch halte. Bei all dem erhebe ich jedoch keinerlei Anspruch für queeren Aktivismus zu sprechen.

[2] Um den Lesefluss nicht zu stören, verwende ich das generische Femininum. Sofern es der Kontext nicht anders impliziert, bezeichnen weibliche Formulierungen Personen unabhängig davon, ob sie sich als weiblich identifizieren. Männer sind mitgemeint.

[3] Ein solcher Grund ist nicht nur die allzu eindeutige Schilderung selbst. Wie Heinz-Jürgen Voß in seiner Beißreflexe-Rezension darlegt, gibt es auch eine Darstellung der Gegenseite, bei der die Gemobbten weitaus weniger unschuldig wirken.

[4] Dies legen Georg Klauda und Heinz-Jürgen Voß in ihren Rezensionen dar.

[5] Auf der einen Seite kritisiert Fischer die Privilegienkritik dafür, dass ihre Forderung nach der Abschaffung von Ungleichheiten unter kapitalistischen Bedingungen am Ende nur systemstabilisierend wirke. Fischer betont, „dass den Kapitalismus gerechter zu machen immer auch heißt, ihn zu stabilisieren“ (S. 106). Angesichts dieser revolutionären Position überrascht es, dass er schon auf der nächsten Seite ganz anders argumentiert: Nun legt er – wieder gegen die Privilegienkritik gerichtet – dar, dass der „unter unfassbaren historischen Mühen errungene Erfolg“, dank dem Homosexuelle nur noch „auf dieselbe Weise unterdrückt werden […] wie alle anderen“ (S. 107), eben das ist: ein zu begrüßender Erfolg – und nicht etwa ein Privileg, das womöglich mit Normierungen und Marginalisierungen einhergeht und zu dem man sich verhalten müsste. Die Erfolge in Sachen Gleichstellung von Homosexuellen sind also zu begrüßen, auch wenn sie unter kapitalistischen Bedingungen stattfinden und manche Gruppen ausgeschlossen bleiben, aber ein weitergehender Kampf für Gleichheit unter kapitalistischen Bedingungen wird mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass das nur den Kapitalismus stabilisiert? Für die einen Kämpfe gilt also eine liberale Anerkennungstheorie, gegen die anderen eine Mischung aus Verelendungs- und Hauptwiderspruchstheorie? Kommt da nicht dem Autor selbst, kommt nicht der Redaktion der konkret, in der der Text erstmals erschien, kommt nicht der Herausgeberin des Sammelbandes, in der er erneut abgedruckt wurde, der Gedanke, dass mit dieser Kritik der Privilegienkritik etwas nicht stimmen könnte?

[6] Damit keine Missverständnisse aufkommen: Im direkten, individuellen Konflikt muss die Forderung nach dem Schutz von Grenzen die nach der lustvollen Grenzüberschreitung immer übertrumpfen – alles andere wäre tatsächlich die Legitimation von Übergriff und Vergewaltigung. Pralina Orgasma fordert aber auch nicht das Recht, die Grenzen von anderen gegen deren Willen überschreiten zu dürfen, sondern die Etablierung von Räumen, in denen wechselseitige Grenzüberschreitung allseits gewünscht ist. Jedoch kann man – insbesondere vor dem Hintergrund der realen Erfahrungen mit Übergriffen, die viele Leute machen müssen – kaum von allen Verlangen, sich in solchen Räumen wohlzufühlen. Daran ist auch nichts „regressiv“.

[7] Dieser Konflikt lässt sich auch nicht durch Privilegienkritik auflösen, wie es Yaghoobifarah es im Siegessäulen-Interview zu suggerieren scheint, wenn sie diejenigen, für die es schon so viele Räume gibt, auffordert, den anderen wenigstens einige linke Räume zu überlassen. Zwar mag es sein, dass es viele Räume grenzüberschreitender schwuler Lust gibt; aber daraus kann kaum folgen, dass linke Zentren anderen überlassen werden müssen – folgte man dieser Logik, müsste Pralina Orgasma sich entscheiden, entweder an einen schwulen oder an einen linken Ort zu gehen und in jedem Ort eine ihrer Identitäten an der Garderobe abgeben.

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