
Europa und Deutschland streben nach digitaler Souveränität und wollen sich von den USA und ihren Techbros lösen. Dabei gerät aus dem Blick, was bei guter Soft- und Hardware wichtiger ist als der Herkunftsstempel: Exzellenz.
Auf dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im November in Berlin setzte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wie gewohnt auf große Worte: „Wir wollen mit dem heutigen Gipfel gemeinsam verdeutlichen“, sagte der Kanzler, während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron neben ihm stand, „dass die digitale Souveränität Europas für Europa und für unsere gemeinsamen Werte zentral ist.“ Digitale Souveränität sei eine gesamtgesellschaftliche, eine gesamtstaatliche und eine gesamteuropäische Aufgabe.
Exklusiv ist diese Erkenntnis nicht. Seit Jahren fordern Digital-Aktivisten, die Angebote von Microsoft, Meta, X und Google zu meiden, und bewerben Alternativen wie Mastodon, LibreOffice oder Linux. Die FAZ empfahl ihren Lesern sogar, lieber die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu nutzen statt Prime, Netflix oder Disney. Man müsse dann zwar auf viele Hollywood-Blockbuster verzichten, aber europäische Produktionen kämen oft schneller auf den Punkt. Bergdoktor statt Breaking Bad.
Ob die Cloud von IONOS, die Behörden-Software des bundeseigenen Zentrums für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) oder die französische KI Mistral: Alternativen zu den Angeboten der großen US-Digitalkonzerne gibt es in großer Zahl. Doch die meisten von ihnen haben ein Problem: Sie sind zwar, oft auch nur auf den ersten Blick, europäisch, aber nicht immer exzellent.
Die Cloud von IONOS reicht für die meisten Mittelständler vollkommen aus, kann aber mit den Angeboten von Microsoft (Azure), Google oder Amazon (AWS) weder technologisch noch bei der globalen Verfügbarkeit mithalten. Nach einer Studie von CIO, CSO und Computerwoche aus dem Jahr 2024 erlauben nur sieben Prozent der Sovereign-Cloud-Anbieter den Zugriff aus dem außereuropäischen Ausland. Für die Stadtverwaltung Castrop-Rauxel ist das egal. Für ein international tätiges mittelständisches Unternehmen nicht.
Und oft ist es mit der propagierten Souveränität bei näherer Betrachtung nicht weit her. IONOS wirbt mit der „Deutschen Cloud“, doch die KI, die das Unternehmen seinen Kunden zur Verfügung stellt, stammt vom chinesischen Amazon-Pendant Alibaba. Ob Qwen für die „gemeinsamen europäischen Werte“ steht, von denen Merz sprach, darf bezweifelt werden.
Nach einer Harvard-Studie vertritt übrigens ChatGPT sogar eher mitteleuropäische als amerikanische Werte. Mit denen der KP Chinas hat es, anders als Qwen, jedenfalls nichts zu tun.
Das als Alternative zu Windows, Apples MacOS oder Android gefeierte Open-Source-Betriebssystem Linux ist zwar ein hervorragendes und etabliertes Betriebssystem und das digitale Rückgrat des Internets, aber es wird schon lange nicht mehr nur von Nerds weiterentwickelt. Die Weiterentwicklung wird maßgeblich von Unternehmen wie Google, Microsoft und IBM getragen. Für sie ist Linux so wichtig, dass sie Programmierer bezahlen, die sich nur um Linux kümmern. Und Firefox, die Alternative zu Chrome und Safari, lebt vor allem von dem Geld, das es von Google für die Einbindung seiner Suchmaschine bekommt. Sicher, LibreOffice reicht für die allermeisten, wenn es um Textverarbeitung und Tabellenkalkulation geht. Aber Microsoft setzt mit seinem Office nicht nur den Standard, sondern wird seine Bürosoftware in den kommenden Jahren zunehmend mit KI-Funktionen aufwerten zu einer Wissensplattform weiterentwickeln, die dank des Copiloten nicht nur Texte analysieren und zusammenfassen kann, sondern auch die Arbeit seines Nutzers kennt.
Und Mistral, die europäische Alternative zu ChatGPT, Gemini und Claude, ist zwar eine leistungsfähige KI, gehört aber derzeit nicht zur Gruppe der sogenannten Frontier-Modelle, die die technische Entwicklung maßgeblich vorantreiben. Finanziert wurde das Unternehmen unter anderem von US-Investoren wie dem Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz und dem Softwarekonzern Salesforce.
Europäischer oder deutscher Zentrismus mögen so manches Mütchen kühlen, nutzen im Alltag aber wenig, wenn man Wert auf Exzellenz legt. Dabei gibt es sie auch in Europa, nur werben die betreffenden Unternehmen nicht mit ihrem Standort, sondern mit der Qualität ihrer Produkte und bestehen damit im internationalen Wettbewerb.
Das niederländische Unternehmen ASML ist der weltweit wichtigste Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie. Ohne die Maschinen aus Veldhoven könnten aktuelle Chips von Nvidia oder Apple nicht produziert werden. SAP gehört im Bereich Unternehmenssoftware zu den global führenden Anbietern. DeepL spielt regelmäßig in der Spitzengruppe der weltweit besten Übersetzungsprogramme und hat sich bewusst auf den professionellen Einsatz konzentriert. Das im britischen Cambridge ansässige Unternehmen ARM entwickelt Chip-Architekturen, auf denen Prozessoren von AMD, Apple, Intel oder Nvidia basieren. Siemens zählt zu den Vorreitern bei virtuellen Fabriken, in denen Produktionsabläufe simuliert werden, bevor sie real umgesetzt werden. Die schwedische Plattform Spotify ist weltweit führend im Bereich Musikstreaming. Das von der ukrainischen NGO Aerorozvidka entwickelte Gefechtsführungssystem Delta ist nach Einschätzung des Center for Security Studies der ETH Zürich eines der leistungsfähigsten Systeme für netzwerkzentrierte Kriegführung.
Allen gemeinsam ist: Sie bieten keine „europäischen“ oder „deutschen“ Lösungen an, sondern wollen schlicht die besten Produkte entwickeln und stellen sich damit dem internationalen Wettbewerb oder, wie Delta, einem übermächtigen Feind.
Wenn Merz und Macron von digitaler Souveränität reden, denken sie klein und bleiben im Netz territorialen Denkens gefangen. Eine Software, die nur aus Deutschland oder Europa kommt, wird sich nicht dauerhaft durchsetzen. Die Ambitionen sind groß, die Rhetorik selbstbewusst, doch zu oft bleibt der Anspruch defensiv. Souveränität entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch Exzellenz, die sich im globalen Wettbewerb behauptet. Alles andere ist Provinzpolitik im Hightech-Gewand.
DeepL, ARM, ASML, Siemens, Aerorozvidka und SAP zeigen, dass Unternehmen aus Europa erfolgreich sein können. Wollen Merz und Macron mehr solche Unternehmen, müssen sie dafür sorgen, dass Europa Talente aus der ganzen Welt anzieht. Und diese müssten über einen gemeinsamen europäischen Kapitalmarkt an das Geld kommen, das Wachstum ermöglicht. Doch den gibt es ebenso wenig wie andere Rahmenbedingungen, die für das Wachstum von IT-Unternehmen nötig sind. Rechenzentren sind die grundlegende Infrastruktur, aber hier sind Europa und vor allem Deutschland abgehängt: Während hierzulande Rechenzentren mit fünf Gigawatt Leistung geplant sind, rechnen die USA bis 2030 mit 95, China mit 64 Gigawatt. Die zehn größten Rechenzentren in den USA haben nach Berechnungen des Verbandes Bitkom heute die Anschlussleistung aller 2.000 Rechenzentren in Deutschland. Doch Strom, der entscheidende Kostenfaktor für den Betrieb von Rechenzentren, ist in Deutschland teuer, und die Stromnetze sind unterentwickelt. Zehn Jahre Wartezeit auf einen Anschluss sind für die Betreiber großer Rechenzentren keine Seltenheit. Auch die Datenschutz-Grundverordnung und der AI-Act sind politisch gewollte Wachstumsbremsen. Wer von Souveränität statt von Exzellenz redet, hat sich mit dem Rückstand abgefunden und sieht offenbar lieber den Bergdoktor als Breaking Bad.
Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World
