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Bildungswende in der Backsteinsiedlung

Bürgerliche Siedlungen und Bierzelte - und bald eine Schule für alle: Ascheberg

Mitten im Münsterland wird die Bildungswende eingeleitet. Dort, wo Christdemokraten seit Jahrzehnten regieren, die Junge Union riesige Bierzelte füllt und Familien reihenweise in backsteinfarbenen Häusern wohnen, entsteht gerade die erste Gemeinschaftsschule. Die Gemeinde Ascheberg hat vom nordrhein-westfälischen Bildungsministerium in diesen Tagen grundsätzlich grünes Licht dafür bekommen, unter einem Dach die Abschlüsse der Haupt- und Realschule und das Abitur anzubieten. „Für uns ist das der einzig sinnvolle Weg“, so der CDU-Bürgermeister Bert Risthaus.

Die CDU besetzt mit 16 Sitzen die Hälfte aller Ratsmandate – die Grünen kommen in der knapp 15.000 -Seelen-Gemeinde gar nicht vor, die SPD hat 5 Sitze. Und dennoch macht Ascheberg nun die Bildungspolitik, für die die neue rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen gewählt wurde. „Der Antrag der Gemeinde Ascheberg entspricht in großen Teilen den im Koalitionsvertrag formulierten Zielen“, sagt die neue grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann. Nach einigen formalen Nachbesserungen will sie den Antrag nun „sehr bald genehmigen.“

Löhrmann will in Nordrhein-Westfalen einen Eklat um die Schulform wie bei der Hambuger Volksabstimmung vermeiden. „Von unten“, so betont die ehemalige Lehrerin immer wieder, solle die Reform wachsen. Sie könne nicht verordnet werden, sondern müsse vor Ort gewollt sein. In Ascheberg ist dies der Fall. Alle vier Fraktionen des des CDU-dominierten Rates sprachen sich einstimmig für das längere gemeinsame Lernen aus, auch Eltern stimmten auf Konferenzen dafür. „Unsere Gemeinde wird für Eltern attraktiver, wenn wir dieses Angebot machen“, sagt Stadtchef Risthaus.

Risthaus

Der 39-Jährige scheint seiner Zeit voraus zu sein. Die rot-grüne Landesregierung will in den nächsten fünf Jahren mindestens 30 Prozent der weiterführenden Schulen zu Gemeinschaftsschulen umwandeln, in denen die Schüler der 5. und 6. Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Ab der 7. Klasse gliedert sich die Schule dann in einen Hauptschul-, einen Realschul- und einen gymnasialen Zweig auf.

Noch vor wenigen Monaten standen Christdemokraten mit grellen Plakaten auf Pausenhöfen und warnten davor, die Gymnasien würden unter rot-grün geschlossen. Der Wahlverlierer Jürgen Rüttgers malte das düstere Bild eines „Schulkampfes“ an die Wand. Auch die Gemeinde Ascheberg hatte schon vor einem Jahr ihr Konzept in Düsseldorf vorgestellt. Aber unter der abgewählten schwarz-gelben Regierung „tat sich wenig“, so Risthaus. Der Antrag blieb weitgehend unbearbeitet liegen.

Aber im Flächenland Nordrhein-Westfalen drängen nun die Eltern zur Reform: Die Hauptschulen verlieren jährlich ganze Klassengrößen und Gesamtschulen müssen viele interessierte Familien abweisen. Auch in Ascheberg ist die Hauptschule nur noch einzügig, vor wenigen Jahren hatten sich noch ausreichend Schüler für zwei Klassen pro Jahrgangsstufe angemeldet. Inzwischen besuchen die Hälfte aller Schüler ein Gymnasium oder eine Gesamtschule in der Nachbargemeinde. Sie pendeln dafür zwischen 15 und 30 Kilometer am Tag. „Das ist eine ungeheure Belastung“, so Jurist Risthaus. Dem 39-Jährigen blies nach eigenem Bekunden nur „wenig Gegenwind“ für sein Projekt ins Gesicht. „Vor Ort haben wir keine Alternative.“

In Ascheberg soll nun bereits 2011 die sogenannte Profilschule eröffnen. Sie wird den Startschuss für viele weitere Anträge geben. „Das Interesse der Gemeinden ist groß“, so Löhrmanns Sprecherin. Und auch Bürgermeister Risthaus sagt: „Zahlreiche Städte haben sich schon bei uns erkundigt.“ Wiederum sind es viele CDU-Städte aus dem Münsterland, die interessiert sind. Der deutschlandweit erbittert geführte Schulstreit wird vor Ort offenbar pragmatisch gelöst.

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7 Kommentare zu “Bildungswende in der Backsteinsiedlung

  • #1
    Daniel Drepper

    Finde ich gut. Drensteinfurt (Nachbarstadt / meine Heimatstadt) plant das auch, wie du zum Schluss ja angedeutet hast. Ich bin zwar froh, in Münster zur Schule gegangen zu sein. Aber täglich 40 Minuten hin und 40 Minuten zurück ist halt schon ein Stück. Die Gemeinde Ascheberg hat allerdings keine 50000 Einwohner. Eher 15000.

  • #2
    Christian S.

    Sehr clever und taktisch klug von Rot-Grün, keinen Masterplan vorzugeben, sondern eine Graswurzel-Bewegung sprießen zu lassen. Denn wenn man von dem eigenen Konzept überzeugt ist (Gesamtschule und Ganztagsschule), dann wird sich dieses Konzept auch durchsetzen.

  • #3
    Hannes

    @Christian S.:
    So habe ich das bisher noch nicht gesehen 😉

    Die Pressemeldung des Schulministeriums plus zwei Ascheberger PDF Dateien zum Thema hatte ich übrigens am Sonntag bei mir veröffentlicht:

    http://www.schiebener.net/wordpress/?p=8688

    Annika Joeres Artikel ist allerdings journalistisch ausgearbeitet und ausgefeilter. Gefällt mir sehr gut 🙂

  • Pingback: zoom » Umleitung: Bertelsmannrepublik, Verschwinden der Zeitung, Lehrer als DGB Vorsitzender, Bildungswende in Ascheberg, NPD und CDU-Volksbegehren und mehr … «

  • #5
  • #6
    Chris Moltisanti

    Das mit den 50 000 ist ja jetzt korrigiert, aber das massive Gewässer auf dem illustrierenden Foto wirft weiterhin Fragen auf, sowas ist mir im Münsterland bislang nicht untergekommen. Ansonsten interessanter Artikel!

  • #7
    Jens

    @Chris Moltisanti (6):
    Da fehlte die (c)-Angabe: http://www.urlaub-ascheberg-holstein.de/

    Anhand der URL sieht man auch, dass es sich um ein anderes Ascheberg handelt.

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