Karstadt-Rentner sind pleite

Foto: flickr.com / cosmo flash

Freiwillig sind sie aus dem Essener Konzern ausgeschieden – doch die zustehende Abfindung werden viele Mitarbeiter nie erhalten

Mehr als zwei Jahrzehnte hat Hans-Dieter Friedrich für Karstadt gearbeitet. Nun ist der Essener Konzern "die bitterste Erfahrung seines Lebens". Der insolvente Traditionskonzern, so der 61-Jährige aufgebracht, schuldet ihm "unbesorgte Rentnerjahre". Friedrich ist einer von rund 700 Gläubigern denen in dieser Woche in Essen der erste Sanierungsplan für die Warenhauskette vorgelegt wurde. Friedrich, ein hagerer Mann mit zurück gegelten Haaren, verließ im vergangenen Dezember nach 21 Jahren freiwillig seinen Job im Archiv der Essener Hauptverwaltung. "Dafür wurde mir persönlich gedankt". Die Abfindung über 15 000 Euro hat er bis heute nicht erhalten. Seine Kündigungsfrist lief erst Ende Juni aus – zwei Wochen nach der Insolvenzanmeldung. "Ich bin auf das Geld angewiesen", sagt er. Im kommenden Jahr erhält er mit dem Arbeitslosengeld nur noch 60 Prozent seines bisherigen Lohnes. Friedrich und 40 weitere Betroffene haben einen Brief an den Personalleiter und Insolvenzverwalter geschrieben. Eine Antwort haben sie nicht erhalten. "Altgediente Mitarbeiter werden fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel."

Nicht nur Frührentner Friedrich ist betroffen. Deutschlands Innenstädte werden die Karstadt-Insolvenz bald spüren: Sechss Karstadthäuser, darunter das große silberne Warenhaus in Dortmund, werden schon zum Jahresbeginn 2010 geschlossen. Nun geht gerade im Ruhrgebiet mit seiner kaufschwachen Bevölkerung der schwarze Peter um: Elf weitere Häuser stehen auf der Prüfliste. Diese sind allerdings "aus Schutz" für die Betroffenen noch nicht namentlich bekannt. "Das Ziel ist ihre Fortführung", so Insolvenzverwalter Görg. "Dies gelingt aber nur, wenn vom Vermieter bis zum Beschäftigten alle nennenswerte Beiträge zur Rettung leisten."

Dabei haben die Mitarbeiter schon in den vergangenen vier Jahren mehrmals auf Lohn und Weihnachtsgeld verzichtet. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Hellmut Patzelt hat mit der gesamten Belegschaft am Wochenende erneut ein Sparpaket über 150 Millionen Euro beschlossen. Es ist das dritte innerhalb von vier Jahren. "Das schmerzt uns sehr", sagte Patzelt. Schließlich verdienen Verkäuferinnen ohnehin nur wenig.

Von der größten Insolvenz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte sind mehr als 33 000 Personen betroffen. Darunter finden sich eben die Mitarbeiter, die auf ihren Lohn oder Weihnachtsgeld warten, Lieferanten, die noch kein Geld für ihre Produkte bekommen haben oder Coaches, deren Kurse nicht beglichen wurden.

Beate Güllner hat in ihrem Essener Reisebüro abends und am Wochenende unentgeltlich gearbeitet: Mehr als 1000 Euro schuldet ihr der Essener Karstadt-Konzern für in diesem Jahr gemachte Überstunden. Auch ihre Kolleginnen haben noch ein Anrecht auf Weihnachtsgeld und Leistungsboni. Gebündelt haben sie ihre Forderungen an einen Bevöllmächtigten gestellt. "Wir haben immer alles gegeben", sagt die 55-Jährige mit den blond gesträhnten Haaren und der Schmetterlingsbrille. Immer — das bedeutet in ihrem Fall tatsächlich fast das ganze Leben. Mit 15 Jahren wurde sie in einem Karstadt-Reisebüro zur Reisebürokauffrau ausgebildet und arbeitet seit vier Jahrzehnten bei Karstadt. "Früher war das so sicher wie ein Beamtenjob", sagt sie.

Früher. Vor wenigen Jahren noch war Karstadt in beinahe jeder Innenstadt das wichtigste Geschäft. Gründer Rudolph Karstadt hatte 1881 noch für die damalige Zeit revolutionäre Ideen: Er führte die sofortige Zahlung ein und schaffte das Feilschen an der Kasse ab. Solch neuen Ideen fehlten dem Management von Karstadt in den vergangenen Jahren. Für ihre eigene Abfindung aber waren sie kreativ genug: Sowohl Thomas Middelhoff als auch sein Nachfolger und letzter Chef des Konzerns Eick konnten Millionen nach Hause nehmen. Zwangsrentner Friedrich aber bekommt von seinem jahrzehntelangen Arbeitgeber nichts.

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4 Kommentare

  1. #1 | Elmar sagt am 13. November 2009 um 14:34 Uhr

    Hmm. Der Westenhellweg in Dortmund ist eine der Umsatzstärksten Einkaufszonen Deutschlands. Nur das Technikhaus von Karstadt (am Eingang zur Brückstraße) war immer schon schlecht. Klempnerzangen und DVD Recorder in einem Haus neben Waschmaschinen und Badezimmerteppichen zu verkaufen ist vielleicht auch nicht so das richtige Konzept…
    …und sonst, Annika, alles gut?

    Grüße, Elmar

  2. #2 | Olaf sagt am 13. November 2009 um 22:38 Uhr

    Die Sortimentmischung im Technikhaus Kampstraße war doch schon seit Jahren recht merkwürdig. Und die meisten Sortimente waren sowas von lieblos zusammengestellt das es nicht wirklich einen Grund gab dort noch einzukaufen. Trotz der massiven Personalkürzungen hat Karstadt es geschafft das tagsüber oben in der Medienabteilung mehr Verkäufer als Kunden unterwegs sind.

  3. #3 | Karstadt Rentner sind pleite - Erwerbslosen Forum Deutschland (Forum) sagt am 16. November 2009 um 13:38 Uhr

    […] gelassen wie eine hei? Kartoffel."…“ Artikel von Annika Joeres auf Ruhrbarone vom 13.11.2009 Karstadt-Rentner sind pleite ruhrbarone __________________ Links, unabh?ig, aber freilich parteilich! […]

  4. #4 | Fitzbek sagt am 16. November 2009 um 18:08 Uhr

    Rauhe Zeiten eben. Da wird man schon mal so behandelt wie der Friedrich.
    Das lasen wir schon in der Bibel: Nach den sieben guten Jahren kamen sieben schlechte Jahre – und umgekehrt.
    Das ist eben Marktwirtschaft.
    Und zur Marktwirtschaft gibt es keine Alternative, sagte schon Frau Thatcher und auch der Herr Schröder. Und die müssen es ja wissen.
    Herr Fitzbek

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