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Bin ich für Sie ein Mensch zweiter Klasse, Herr Spahn?

Bild: Olaf Kosinsky, 2019-11-22 Jens Spahn CDU Parteitag by OlafKosinsky MG 5551, CC BY-SA 3.0 DE

Wie der Spiegel berichtet, planten Jens Spahn und sein Ministerium, mangelhafte Masken an Behinderte, Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger zu verteilen, statt sie zu vernichten. Was will Jens Spahn mir als Behindertem damit sagen?

Darf man den Berichten des Spiegel glauben schenken, dann haben Jens Spahn und sein Ministerium unbrauchbare Masken für über eine Milliarde Euro gekauft. Um das zu vertuschen, so der Spiegel, hätten Jens Spahn und sein Ministerium versucht, diese unbrauchbaren Masken in so genannten „Sonderaktionen“ an Behinderte, Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose abzugeben. An drei Gruppen also, die aus gesundheitlichen und sozialen Grünen von Corona ganz besonders bedroht sind, bei denen also die Unbrauchbarkeit der Masken in ganz besonderem Maße ein Risiko darstellt.

„Sonderaktion“ oder „Sonderbehandlung“ waren gängige NS-Begriffe für die systematischen Morde an insgesamt 260.000 Behinderten unter anderem während der „Aktion T4“, einer dieser besagten „Sonderaktionen“. Ist das Zufall, dass man sich für ein solches Unterfangen eben diesen Namen „Sonderaktion“ ausgesucht hat? Vermutlich ja. Vermutlich dachte man sich gar nichts dabei. Wer weiß solche Sachen denn heute überhaupt noch? Behinderte Historiker wie ich zum Beispiel, die sich diesen Teil der Geschichte sehr genau angeschaut haben, weil sie verstehen wollen, wie es passieren kann, dass innerhalb weniger Jahre hunderttausende Behinderte von ihren Mitmenschen, manchmal ihren eigenen Familien, in den Tod geschickt werden. Aber sonst natürlich nicht so viele Leute. Ist auch lange her. Hat bestimmt keiner dran gedacht.

Nicht, dass es das, was da dem Spiegel zufolge passiert sein soll, irgendwie besser machte. Wie soll ich denn als Behinderter nicht den Eindruck gewinnen, dass ich für Herrn Spahn und sein Ministerium ein Mensch zweiter Klasse bin? Genauso wie Hartz-IV-Empfänger oder Obdachlose? Warum ist unser Wohlergehen für Jens Spahn weniger wichtig als das der anderen Menschen? Mir ist natürlich klar, dass Herr Spahn nicht mich persönlich meint. Mir hätte er keine unbrauchbare Maske schenken wollen, denn ich bin ein Teil der kleinen Minderheit an Behinderten, die einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Die Masken hätte er den Behinderten schenken wollen, die für durchschnittlich unter 1,50€ Stundenlohn in Behindertenwerkstätten ackern oder in Pflegeheimen leben müssen und dort auch hin und wieder mal umgebracht werden, nachdem sie vielleicht durch Jens Spahns Pflegegesetz gegen ihren Willen erst in diese Heime gezwungen wurden. Denen wollte Spahn die Masken schenken.

Wenn der Brotkanten schon ein bisschen Schimmel hatte, sagte mein Großvater manchmal: „Bevor wir es in den Müll werfen, geben wir es lieber den Schweinen.“ Jens Spahn scheint so über unbrauchbare Masken zu denken. Behinderte, Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose spielen in so einem Verständnis die Rolle des Schweins, nicht des Menschen. „Für die ist es gut genug“, ist die Botschaft, die ich da empfange. Von meinem Gesundheitsminister, einem führenden Mitglied der größten Fraktion im Deutschen Bundestag.

Sage mir bitte keiner mehr, dass Behindertenfeindlichkeit in Deutschland nicht anschlussfähig sei.

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11 Kommentare zu “Bin ich für Sie ein Mensch zweiter Klasse, Herr Spahn?

  • #1
    Susanne Scheidle

    Der Gesundheitsminister, ein führendes Mitglied der größten Fraktion im Deutschen Bundestag – führendes Mitglied einer Partei, die den Buchstaben "C" im Namen führt. Wofür genau stand das "C" doch nochmal gleich? Hm… mal überlegen…

    Ich muss gestehen, nach dem Lesen des Spiegel-Artikels hat sich meine Meinung über Jens Spahn noch einmal krass geändert, vorher hielt ich ihn nur für unfähig. Unfähigkeit ist vielleicht verzeihbar – Schäbigkeit nicht.

  • #2
    Ute Vogel

    Genau das! Genau das, was ich dachte als ich von diesem unfassbaren Vorhaben hörte, sah und gelesen habe. Dieser Artikel spricht mir direkt aus Kopf, Herz und Seele. Auch mir drängte sich sofort der Vergleich zu den ‘Sonderaktionen’ jener grauenvollen Zeit auf. Nur waren es dann Schlussendlich keine Sonderaktionen mehr, sondern schlimmste Realität, die Normalität wurde.
    Wenn es nicht gelingt solche Pläne im Ansatz zu erkennen und zu verhindern sehe ich die Geister der Vergangenheit wieder auferstehen. Mächtiger und schlimmer als je zuvor mit den heute Verfügbaren Mitteln. Mir wird Angst und Bange. Danke für ihren Artikel und die klaren Worte.

  • #3
    ke

    Ist das nicht etwas zu konstruiert? Herr Spahn hat aktuell selbst Herrn Scheuer in Sachen Umsetzungekatastrophen überholt und ist offensichtlich nicht als Krisenmanager geeignet, da ihm alle Fähigkeiten zur Umsetzung fehlen.

    Die aktuelle Aktion wirkt mir aber zu konstruiert. Wenn wir Masken auf Lager haben, die auch Qualitätsstandards halbwegs oder komplett erfüllen, sollten wir sie nutzen.

    Es muss nur klar sein, welche Qualität vorhanden ist und in welchen Bereichen sie sinnvoll genutzt werden kann. Es wird ja wohl hoffentlich nicht komplett Schrott bestellt worden sein.

  • #4
    musician

    Aus den Reihen der :
    Corrupt Denkenden Union,
    ein Emporkömmling, der im Sinne eines Soldaten der Partei doch alles zum Wohlgefallen dieser Corrupt Denkenden Union erledigt. Deshalb hat er bei all diesen geplanten "Sonderaktionen" eine freie Hand.

  • #5
    Emscher-Lippizianer

    Sehr geehrter Herr Herr,

    ich habe leider die Befürchtung, daß Sie für diese unsägliche Person lediglich ein Mensch dritter Klasse sind. Für die Zwotklassigen sind schließlich die funktionstüchtigen Masken bestimmt gewesen. Die erstklassigen Menschen sind für diesen Herren, der laut CDU-Parteitag keine Fragen, sondern nur Antworten hat, diejenigen, die ihn in seiner auf keinerlei Qualifikation begründeten Karriere weiterbringen.

    Dieses leider viel zu ernste Thema wurde von Herrn Beisenherz hier mMn recht gut aufgearbeitet:

    https://www.stern.de/kultur/micky-beisenherz/beisenherz-kolumne–verzeihen-sie-jens-spahn–aber—-30559438.html

  • #6
    Wolfram Obermanns

    "Bin ich für Sie ein Mensch zweiter Klasse, Herr Spahn?"
    Mir scheint eher sie beziehen ihre Informationen aus einer zweitklassigen Quelle, die ohne Gegenprüfung die Position einer Partei im Wahl- bzw. Verzweiflungskampf weitergibt.
    Zum überprüfbaren Stand der Dinge dieser Kommentar:
    https://www.tagesspiegel.de/politik/koalitionsstreit-um-den-gesundheitsminister-spahns-maskenaerger-und-zwei-unschoene-verdachte/27260570.html

  • #7
    Robin Patzwaldt

    Ich bin bekanntlich wahrlich kein CDU-Fan, aber die Aufregung um Spahns jüngsten ‘Maskenskandal’ habe ich von Anfang an nicht wirklich verstanden. Man musste es schon sehr auf ihn abgesehen haben, um daraus einen Skandal zu konstruieren. Es mag instinktlos und auch umpassend gewesen sein, aber was ist daran wirklich skandalös, wenn man Masken ohne Prüfsiegel verschenkt? Sind wir am Anfang der Pandemie nicht alle über viele Monate hinweg nur mit völlig unzertifizierten ‘Stoff-Masken’ herumgelaufen? Einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul, wie man hier so schön sagt. Ich hätte ein paar Gratis-Masken ohne Tüv-Abnahme auf jeden Fall damals sehr gerne genommen. Der angebliche Skandal scheint sich jedenfalls gerade aufzulösen, wenn ich die Medienberichterstattung so verfolge. Nachvollziehbar!

  • #8
    DAVBUB

    Sehr geehrter Herr Herr,
    gibt es einen auch für mich nachvollziehbaren Grund, aus dem Sie meine Kommentare nicht freischalten?

  • #9
    Robin Patzwaldt

    @davbub:; Wir sind hier inzwischen über 50 Leute, die die eingehenden Kommentare theoretisch moderieren können. Es muss nicht zwangsläufig Herr Her gewesen sein, wenn einer ihrer Kommentare ausnahmsweise einmal nicht freigeschaltet wurde. Aber vielleicht klärt sich das ja noch. Gruß!

  • #10
    spike

    @davbub @Robin Patzwald

    es kann also jeder von über 50 gewesen sein, "die die eingehenden Kommentare theoretisch moderieren können." ?

    Was Herr Patzwald in seinem üblichen Dehnungstest der Wortbeutung meint, ist, dass anscheinend ca 50 Unbekannte darüber entscheiden, welche Kommentare veröffentlicht werden. Gut zu wissen.

    Könnte man den Nutzern z.B. auf der Startseite mitteilen, @Stefan Laurin

  • #11
    Stefan Laurin

    @spike: Wie wir unsere Sachen intern regeln, geht niemanden etwas an.

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