Bochum: Mit Baurecht gegen Clanbars

Polizei kontrolliert Autos im Bermudadreieck in Bochum

Shisha-Bars sind häufig in der Hand von Clans uns verdrängen andere Gastronomiebetriebe. Bochum setzt auf das Baurecht, um ihre Ausbreitung zu stoppen.

Die Brüderstraße ist die traditionelle Schmuddelecke des Bochumer Bermudadreiecks. Hier waren die Kneipen immer schon etwas heruntergekommener, das Publikum weniger studentisch geprägt und flogen die Fäuste schneller als im südlichen Teil des Kneipenviertels, in dem viele Lokale und Clubs mit Bands und DJs einen maßgeblichen Beitrag zum Ruf Bochums als Kultur- und Partystadt liefern. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur dass in den vergangenen Jahren die Absturzkneipen durch Shisha-Bars abgelöst wurden, bei denen Clans und das Rotlichtmilieu ihre Finger im Spiel haben. Seitdem ist die Polizei Stammgast in der Brüderstraße, führt Razzien durch, beschlagnahmt unversteuerten Tabak und sperrt schon einmal am Freitagabend die nahegelegene Viktoriastraße, um sämtliche tiefergelegten Nobelkarossen zu untersuchen, die sich in der Shisha-Bar-Szene großer Beliebtheit erfreuen.

„Shisha-Bars gehören zu einem modernen Mix an gastronomischen Angeboten einer Stadt heute dazu“, sagt ein Sprecher der Stadt auf Anfrage der Welt am Sonntag. „Aber wir wollen nicht, dass ganze Bereiche des Bermudadreiecks von einer Gastronomieart dominiert wird.“ Der Planungsausschuss der Stadt hat nun am vergangenen Dienstag beschlossen, dem weiteren Vordringen der Shisha-Bars einen Riegel vorzuschieben. „Ziel der Änderung der Bebauungspläne sei der Schutz der vorhandenen szenetypischen Gastronomie“ im Bermudadreiecks vor einer „Verdrängung durch Wasserpfeifen-Gaststätten und Wettbüros“, heißt es in der Vorlage der Verwaltung, die Einstimmig beschlossen wurde. Baumaßnahmen, die für den Betrieb von Shisha-Bars notwendig sind wie besonders wirksame Lüftungen, werden nicht mehr genehmigt. Ein neuer Bebauungsplan soll später dafür sorgen, dass der Kneipen- und Clubmix, der das Bermudadreieck zu einem der beliebtesten Szeneviertel Deutschlands machte, dauerhaft erhalten bleibt. Dirk Steinbrecher ist Sprecher der dortigen Kneipen- und Clubbetreiber: „Wir begrüßen den Beschluss der Stadt. Auf Dauer kann das Bermudadreieck nur erfolgreich sein, wenn wir die richtige Mischung haben.“ Dabei könne man sich nicht nur auf den Markt verlassen.

Hört man sich bei den Wirten und Vermietern im Bermudadreieck um, berichten sie von Clanmitgliedern, die hohe Ablösen für Kneipen bieten und bereit sind, fast jede Miete und mehrjährige Kautionen zu zahlen. Der Betrieb von Shisha-Bars ist lukrativ. Wird illegaler Tabak verkauft, sind die Gewinnspannen hoch. Die Möglichkeiten, Geld in der Gastronomie zu waschen, wecken zusätzliche Begehrlichkeiten auf Kneipenräume in guter Lage.

Auf die Einsicht der Vermieter zu setzen, dass ein intaktes und gut gemischtes Kneipenviertel auf Dauer auch für sie lohnende wäre, hält Steinbrecher alleine nicht für ausreichend: „Viele Häuser gehören Erbengemeinschaften, manchmal sind die Besitzer zerstritten, oft werden die Objekte von Verwaltern betreut. Der Bezug zu Bochum ist leider nicht immer vorhanden.“

Nun haben die Stadt und die Wirte Zeit sich gemeinsam zu überlegen, wie sie das Kneipenviertel gut 40 Jahre nach seinen Anfängen für die Zukunft sichern.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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10 Kommentare

  1. #1 | Ruhr Reisen sagt am 3. Februar 2020 um 09:16 Uhr

    "Die Brüderstraße ist die traditionelle Schmuddelecke"
    Soso…das ist eine rein subjektive Wahrnehmung, die in keinster Weise mit meiner übereinstimmt. In den "Hochzeiten" war die Brüderstraße mit seinem Gemisch genauso atrraktiv wie die Kneipen entlang der Viktoriastraße – und das sagt hier jemand, der jahrzehntelang hinterm SzeneTresen stand.
    Gier ist überall dasselbe Problem – egal, ob als Libanese/in, Türke/in, Deutsche/r…Jede Sippe versorgt den eigenen Familienclan parallel und schert sich nicht um den Nachbarn. Solange es hier keinen transparenteren, öffentlichen Zugang zu den Eigentümern mit ihren Vernetzungen gibt und eine (neue) Strategie), ihnen ihre auf Geldwäsche optimierten Geschäftsmodelle fad zu machen, damit es sich nicht mehr lohnt, ganze Viertel zu zerstören – werden sie weitermachen wie bisher. Da ist es erstmal schon eine gute Idee, einfach die Brüderstraße abends dicht zu machen, damit dort die jungen Kerle nicht mehr mit PS protzen kann. Andererseits wirklich niedlich, wie dämlich simpel die im Jahr 2020 gestrickt sind.

  2. #2 | Klaus Lohmann sagt am 3. Februar 2020 um 13:40 Uhr

    Man könnte Brüderstraße mit der Dortmunder Brückstraße gleichsetzen und es käme eine sehr ähnliche Story zustande, nur dass man in Dortmund dort vor 18 Jahren das Konzerthaus eröffnete, dort dann das örtliche Bandidos-Chapter als "Hausordnungsmacht" einsetzte und damit dessen Clan-ähnliche Struktur als "Bewacher" des Viertels manifestierte. Nun werden die Bandidos wieder ganz offiziell verhaftet und festgesetzt (https://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/sek-dortmund-rocker-bandidos-festnahme-hagen-100.html), die Hoffnung auf eine "Säuberung" der Gegend – damals waren es in regelmäßiger Abwechslung mit türkischen und nordafrikanischen Banden mal wieder osteuropäische Drogenbanden, die die "Chefs" waren – durch die netten Jungs mit ihren fetten Hobeln war wohl eher trügerisch.

  3. #3 | Thommy sagt am 3. Februar 2020 um 17:12 Uhr

    Das Erstaunliche an den ordnungsbehördlichen Aktivitäten in Zusamnenhang mit Sisha-Bars ist die Fokussierung auf diese im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.(OK).

    Im Mittelpunkt der behördlichen Aktivitäten stehen demnach sog."Araberclans".

    Doch wie groß ist der Anteil der sog."Araberclans" eigentlich am Gesamtvolumen der OK ?

    Man kann eigentlich in jeder kleineren Stadt in Deutschland ( in Großstödten wird es unübersichtlich) eines sehr leicht feststellen-fast überall gibt es ein paar Dönerbuden und ein paar Shisha-Bars.

    Aber – man zähle einmal die italienischen Restaurants -von der kleinen Pizzabude bis zum exquisiten "Nobelitaliener" – in einer beliebigen deutschen Kleinstadt. Wie soll das wirtschaftlich funktionieren, wenn zwanzig, dreißig Läden in einer Kleinstadt ( Beispiel gefällig? Schwelm) ein weitgehend identisches Angebot haben?

    Ich habe den Eindruck, dass derzeit ein Riesenbohey um ein paar "Araberclans" , die ja dann auch häufig sehr offensiv auftreten, gemacht wird, während sich die gesamte restliche Szene im OK-Bereich genüßlich in die Hände spuckt.

    .Wenn der Staat so weiter macht, wird er die OK nicht bekämpfen, sondern lediglich den Markt zugunsten der zahlreichen anderen Gruppierungen, die Ihre Schäfchen zum Teil schon längst ins Trockene gebracht haben und sich neben dem Gastro – längst im Bau-und Immobilienbereich nebst besten Kontakten zu den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft tummeln, bereinigen.

  4. #4 | DEWFan sagt am 3. Februar 2020 um 18:45 Uhr

    #2 Klaus Lohmann: die Moped Fahrer haben einen kleinen Vorteil gegenüber den arabischen Clans: sie betreiben eher Rock-Kneipen und Discos. Damit treffen sie in punkto Musik und Publikum auch eher *unseren* Geschmack. Wenn man eine Shisha Bar betritt, hat man meistens den Eindruck einer (ethnisch) geschlossenen Gesellschaft mit 99% Männeranteil.

    #3 Thommy: die vermutliche Geldwäsche ist nicht das einzige Problem. Wie schon im Artikel erwähnt, möchte man im Bermuda-Dreieck den Gastro-Mix steuern und die Vielfalt erhalten.

    Abschreckendes Beispiel für mich ist die Dortmunder Münsterstrasse. Hier gab es noch zur Jahrtausendwende einige schöne Eck- und Szene-Kneipen. Die sind alle verschwunden, und außer dem alternativen "Nordpol" gibt es dort fast nur noch Shisha Bars, Wettbüros und Dönerläden.

  5. #5 | Klaus Lohmann sagt am 3. Februar 2020 um 19:20 Uhr

    @Thommy #3: Dazu gern der Link auf die Spiegel-Kolumne von Thomas Fischer über die "Clan-Manie" in Medien und Kriminologenkreisen: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/clan-kriminalitaet-aufmarsch-der-clan-kriminalisten-kolumne-a-1250765.html

    Die Gemeinsamkeiten zwischen Rockerbanden ala Bandidos und Clans erklärt Fischer so: "Die Protagonisten der skandalisierten arabischen oder kurdischen "Clans" und die Mitglieder von Rockervereinigungen verbindet die soziale Auffälligkeit: Sie laufen durch die Welt wie die "Panzerknacker" durch Entenhausen, sodass selbst der Dümmste sehen kann, was für harte Jungs sie sind. Hierdurch bieten sie sich als Identifizierungs- und Ausgrenzungsobjekt aggressiv, offenkundig und offensiv an; erkennbare Gruppen-Identität ist also Teil ihres sozialen Konzepts."

    Man kann sich insgesamt des Eindrucks nur schwer erwehren, dass es der Polizei bei ihrem "Kampf gegen Clans" zu einem guten Teil darum geht, das eigene Image als Ordnungs*macht* in Kriminellenkreisen wieder aufzupolieren (was nicht unbedingt ein zu bemäkelndes Ziel wäre), ohne dass sie dabei aber große qualitative und quantitative Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung erzielt.

  6. #6 | Klaus Lohmann sagt am 3. Februar 2020 um 19:38 Uhr

    @#4: "Damit treffen sie in punkto Musik und Publikum auch eher *unseren* Geschmack."
    Die Rocker-Palette zwischen Countryschnulzen und Rammstein mag Ihren Geschmack treffen, *mein* Geschmack ist das nicht, genauso wenig wie arabisches Maquam-Gejodel.

  7. #7 | Thommy sagt am 3. Februar 2020 um 22:59 Uhr

    @DEW-Fan

    In der Münsterstraße gibt es durchaus sehr gute ansprechende libanesische und auch türkische und auch italienische Gastronomie jenseits der "Dönerbude" . Dazu ein exzellentes Eiscafe.

    Und auch die marrokanischen und libanesischen Lebensmittelläden haben ebenso wie verschiedene Bekleidungsgeschöfte oder auch ein exzellenter Fahrradladen qualitativ gute Waren.

    Die Münsterstraße hat durchaus internationales Flair.

    Allerdings sind ( die unteren) Teile der Münsterstraße und noch mehr das Umfeld auch ein heftiger Kriminalitötsschwerpunkt, Hier kann man in der Tat alles von der Olive bis zum Kokain kaufen.

    Inwieweit die Münsterstraße durch den geplanten Einsatz von fest installierter Videoüberwachung -als ob es bisher in der Münsterstraße keine Videoüberwachung des Drogenhandels aus durch die Polizei angemieteten Wohnungen
    heraus gäbe – sicherer wird und dadurch der Einzelhandel neue Perspektiven erhält, wird man sehen.

    Der organisierte Drogenhandel wird sich dann ein wenig auf die umliegenden Straßen, Spielplätze und Wohngebiete verlagern

  8. #8 | Florian G. sagt am 4. Februar 2020 um 12:50 Uhr

    Ich weiß wie es gemeint ist, aber so werden immer ALLE Shisha Cafés und das Shisha Rauchen Allgemein negativ belastet :/

  9. #9 | Taifun sagt am 23. März 2021 um 08:02 Uhr

    Ach dort war ich damals auch dabei. Die Polizei war sehr unfreundlich zu uns.

  10. #10 | Denis sagt am 13. April 2021 um 13:31 Uhr

    Schade das man in den Schlagzeilen immer nur schlechte Nachrichten sieht. Man könnte auch mal über den neuen Kultur trend berichten der seit jahren am Wachsen ist.

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