Bochum: Wie weiter nach Opel?

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Opel  wird Ende 2014 sein Werk schließen und sich aus Bochum zurückziehen. Nun sollen neue Jobs her. Eine internationale Immobilienberatung hat schon den Auftrag eine Werksfläche zu vermarkten.

2014 ist Schluss. Opel wird sein Werk in Bochum schließen. Die letzten 3500 Arbeiter von einstmals 20.000 Opelanern werden dann ihre Jobs verlieren. Nichts wird von dem Unternehmen in der Stadt bleiben. Drei Flächen mit 1,7 Millionen Quadtratmetern Mitten im Ruhrgebiet werden dann frei. Der Mann, dessen Job es ist, neue Arbeitsplätze in die Stadt zu holen, ist Heinz-Martin Dirks, der Chef, der städtischen Wirtschaftsförderung. Er sitzt in einem Haus mit moderner Glasfassade in der Innenstadt, und von der Fensterbank aus betrachten den Besucher Dutzende bunter Kühe. Bis vor ein paar Wochen war die Privatbank Merck & Fink in dem Haus untergebracht, auch sie ist jetzt weg, die Büros stehen leer. Seit Jahren beschäftigt sich Dirks mit den Opel-Flächen:„Wir mussten immer davon ausgehen, dass Opel in Bochum seine Werke teilweise aufgeben wird. Dass die gesamte Fahrzeugproduktion stillgelegt wird, hatten wir so nicht erwartet.“ Die Pläne der Wirtschaftsförderung kreisen daher auch um verbleibende Opel-Reste: „Unser Ziel ist der Aufbau eines Innovationsclusters Produktionswirtschaft mit Themen wie E-Mobilität und Energieeinsparung.“ Geht es nach Dirks, soll sich daran erst einmal  auch nichts ändern: „Opel hat in   den vergangenen Monaten immer betont, dass das Unternehmen auch nach einer Werkschließung in Bochum präsent bleiben will. Die Zusage, ein Logistikzentrum  aufzubauen und eine Komponentenfertigung in Bochum zu erhalten, ist noch nicht rückgängig gemacht worden.“

Auch für den Landtagsabgeordneten Thomas Eiskirch, den Vorsitzenden der Bochumer SPD und wirtschaftspolitischen Sprecher der SPD, sind das Logistikzentrum und die Komponentenfertigung Kerne, um die herum sich neue Unternehmen in Zukunft ansiedeln sollen „Wir brauchen in Bochum auch Arbeitsplätze in der Fertigung. Denkbar für die Opel-Flächen ist auch eine produktionsnahe Logistik, große Hallen mit wenigen Arbeitsplätze wollen wir auf diesen Flächen nicht.“

Nur wird es weder ein Logistikzentrum noch eine Komponentenfertigung in Bochum geben. Auf Anfrage teilte ein Opel-Sprecher mit, dass sich das Unternehmen Ende 2014 komplett aus Bochum zurückziehen wird. „Die Komponentenfertigung und das Logistikzentrum waren Teil der Vereinbahrung, die von der Belegschaft abgelehnt wurde. Wir wären bis 2016 mit der Fahrzeugproduktion in Bochum geblieben und darüber hinaus weiter am Standort als Unternehmen präsent gewesen, aber das fand in der Belegschaft keine Mehrheit. Die Konsequenzen waren klar.“ Auch eine Wiederholung der Abstimmung, wie sie in der vergangenen Woche aus Teilen der Belegschaft gefordert wurde, wird es nicht geben.

Aber Opel will sich trotzdem für den Standort engagieren. „Wir werden uns an der Gesellschaft Bochum Perspektive 2022 beteiligen.“ Die wird die Aufgabe haben, die drei Werksflächen zu vermarkten. Der designierte Geschäftsführer Enno Fuchs hat die Arbeit bereits aufgenommen. Bei Opel war er bis vor Kurzem als Direktor für E-Mobilität im Bereich Marketing für die Einführung des Opel Ampera verantwortlich. Unterstützt werden soll Perspektive 2022 durch einen wie es heißt „hochkarätigen Beirat“ der national und international hervorragend vernetzt sein soll. Opel wird, wenn es denn zur Schaffung von Arbeitsplätzen dient, seine Flächen in diese Gesellschaft einbringen, auch wenn sich das Unternehmen für das Werk II in Bochum Langendreer bereits für einen Vermarktungspartner entschieden hat. Die internationale Immobilenberatung  Jones Lang LaSalle hat den Auftrag, für diese Fläche Interessenten zu finden. „Wir werden dabei sehr eng mit der Stadt, Opel und der Gesellschaft Bochum Perspektive 2022 zusammenarbeiten“, versichert Arndt Sternberg, der bei Jones Lang LaSalle in Düsseldorf für die Vermarktung von Industrieflächen zuständig ist.

Auch Sternberg setzt vor allem vom Logistik bei der Vermarktung der Fläche und das ist ein Problem. Eiskirch hat gute Gründe, zurückhaltend zu sein, wenn es um das Thema Logistik geht. Zwar ist der Bedarf an Logistik-Flächen groß, aber oft bieten sie auf riesigen Flächen kaum Jobs. Die Arbeit in den Hallen wird von Robotern erledigt, nur noch wenige Menschen sind zwischen den Hochregalen zu sehen.  Eiskirch: „Es gibt aber auch Logistikbetriebe die zahlreiche Arbeitsplätze schaffen und wichtige Dienstleister für produzierendes Gewerbe sind.“

Eiskirch will Industrieunternehmen nach Bochum holen. Vor allem die zentrale Werksfläche, Opel 1, ist dafür ideal: Sie verfügt über einen Bahnanschluss, wird bald direkt über die Autobahn erreichbar sein. Nachbarn gibt es keine, hier kann rund um die Uhr gearbeitet werden. Eine etablierte Industriefläche in zentraler Lage, von denen es nicht viele in Nordrhein-Westfalen gibt.

Doch der Bochumer SPD-Chef will nicht nur auf Industrie setzen. „Wir brauchen Platz für Gründungen aus dem Umfeld der Hochschulen. Die Opel-Flächen bieten dafür den Platz.“

Auch Uwe Neumann vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI hält die Opel-Flächen für attraktiv: „Flächen in dieser Größenordnung im bevölkerungsreichsten  Teil des Landes stehen nicht so oft zur Verfügung.“ Klar sei aber, dass nicht schnell neue Jobs entstehen werden: „Man muss der Sache Zeit geben.“

Bochum sei längst keine klassische Industriestadt mehr,  die Dienstleistungsbranche sei sehr stark vertreten. „Bochum würde es guttun, wenn es mehr produzierendes Gewerbe hätte.“ Chancen sieht Neumann vor allem im wissensintensiven verarbeitenden Gewerbe. „Da gibt es Anknüpfungspunkte zu forschungsstarken Branchen. Zwar werden nicht schnell viele Jobs entstehen, aber die die kommen, werden zukunftssicher sein.“

Bochum dürfe nicht wieder zur verlängerten Werkbank werden: „Der wirtschaftliche Wandel ist immer schneller geworden. Noch vor zehn Jahren galt die Produktion von Handys als eine sichere Sache. Seit Nokia wissen wir, dass dies nicht so ist.“

Auch die vielgepriesene Solarbranche, noch vor Kurzem der Hoffnungsträger schlechthin, ziehe sich aus Deutschland zurück.

Es werden viele, eher kleine Unternehmen sein, die sich in Bochum ansiedeln und die Entwicklung der Flächen wird, da sind sich alle sicher, mehr als ein Jahrzehnt dauern. Klar ist auch: Selbst wenn alle Flächen vermarktet sind, werden es wahrscheinlich viel weniger Arbeitsplätze sein. Auf dem ehemaligen Nokia-Gelände in Bochum Riemke arbeiten heute gut 1400 Menschen. In den Nokia-Hochzeiten waren es mehr als 4.000.

„Viele die in den kommenden Monaten ihren Arbeitsplatz bei Opel verlieren, werden nicht zu denjenigen gehören, die später einmal auf dem alten Werksgelände neue Jobs finden“ sagt Luidger Wolterhoff, der Leiter der Bochumer Arbeitsagentur. Wie schon bei Nokia werden seine Leute bald im Opel-Werk sein, erste Beratungen durchführen und die Arbeitslosenmeldung entgegennehmen. Die Opel-Arbeiter seien gut qualifiziert, sagt Wolterhoff. „Aber sie sind im Durchschnitt zwischen 40 und 50 und haben jahrzehntelang bei Opel gearbeitet.“ Es gäbe bei keinem Automobilunternehmen zurzeit einen Bedarf für so viele Autobauer. „Und wenn, würde es vielen auch nichts nutzen. Die Menschen sind ja hier verwurzelt, haben Eigentum, die Partner haben hier Arbeit.“ Viele wollten und könnten nicht umziehen. Neue Arbeitsplätze für sie müssen vor allem in der Nähe gefunden werden. Zu pendeln, auch weite Strecken, würden fast alle für einen neuen Job in Kauf nehmen.

Die Agentur bereite sich darauf vor, sie zu qualifizieren, sie fit zu  machen für neue Jobs. Es klingt fast wie eine Ironie des Schicksals, aber das Ruhrgebiet, noch immer im Ruf stehend, das industrielle Zentrum Deutschlands zu sein, wird wie Bochum längst von Dienstleistern bestimmt. Industrie gibt es um das Revier herum: Im Siegerland, im Bergischen Land und in Norden, in Westfalen. „Wir haben Zugriff auf alle freien Stellen und organisieren alle sinnvollen Weiterqualifikationen, aber es ist nicht so, dass im industriellen Umland des Ruhrgebiets händeringend Leute gesucht werden. Es wird schwer.“

Sein Rat an die Opelaner ist, möglichst früh nach einem neuen Job zu suchen. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo es alle tun, weil die Massenentlassungen einsetzen, stünden die Chancen für den Einzelnen schlechter.

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin will, dass alle bei der Entwicklung der Opel-Flächen offen sind: „Vieles ist möglich, Gesundheitswirtschaft, Industrieproduktion, auch moderne wertschöpfungs- und beschäftigungsintensive Logistik kann ich mir vorstellen. Da sollte es vor allem eines geben: Keine Denkverbote!“ Obwohl er die Entscheidung Opels das Werk in Bochum als bitter bezeichnet, will er keine Opel-Schelte: „ Die Adam Opel AG hat das Angebot gemacht, gemeinsam mit der Stadt Bochum eine Entwicklungsgesellschaft ins Leben zu rufen, um mit allen Beteiligten belastbare Zukunftskonzepte für den Standort zu entwickeln. Damit übernimmt Opel Verantwortung für die Zukunft der Stadt und der Region, wozu keine Verpflichtung besteht.“

Und auch Bochums Chef-Wirtschaftsförderer Heinz-Martin Dirks wirft einen versöhnlichen Blick auf die Opel-Zeit zurück: „Die Entscheidung gegen das Werk in Bochum ist gefallen. Aber Opel hat in den vergangenen 50 Jahren ein ganze Menge für die Region getan. Die Ansiedlung war ein Erfolg.“

Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag.

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4 Kommentare

  1. #1 | Björn Wilmsmann sagt am 29. April 2013 um 09:33 Uhr

    Immerhin scheint im Ruhrpott endlich ein lange überfälliges Umdenken in der Wirtschaftspolitik weg von wenigen Großunternehmen hin zu vielen kleinen Unternehmen einzusetzen.

  2. #2 | Walter Stach sagt am 29. April 2013 um 11:41 Uhr

    „Riesige Nachfrage nach Gewerbe- und Industrieflächen im Ruhrgebiet. Kein adäquates Angebot an entsprechenden Flächen“.

    Jetzt wird sich zeigen, ob diese Behauptung Wunschdenken war und Wunschdenken ist oder der Realität entspricht.

    Für mich war und ist die o.a.Aussage realitätsfremd.

    Die Bürger in Bochum und in der Region -vor allem die auf neue adäquate Arbeitsplätze hoffenden „Opelaner“-sind gut beraten,die Realität zu bedenken, wenn ihnen, von wem auch immer, industriell-gewerbliche Neuansiedlungen „in naher Zukunft“ versprochen werden.

    -Und der New-Park in Datteln als Konkurrenz zur Opel-Fläche? Es soll ja noch Politiker geben, die trotzdem weiterhin nicht nur auf den New-Park sezten, sondern dazu u.a.eine 2o Mio € Landesbürgerschaft für „selbstverständlich“ halten-.

  3. #3 | Klaus Lohmann sagt am 29. April 2013 um 12:36 Uhr

    Richtig, woanders sitzen die Großkopferten wie Thyssen, Mannesmann, DSK oder die Chemieriesen aufgrund einer völlig veralteten Tradition des „Wegnehmens, bevor die Konkurrenz kommt“ auf ihren Altflächen, die Politik öhmt seit zig Jahren das Klagelied der fehlenden großen Gewerbeflächen vor sich hin und nun tut sich mitten im Ruhrgebiet eine echte Chance auf, kleinteiliges Gewerbe mit mehr Mitarbeitern anstatt Riesen-Logistikflächen zu installieren.

    Nur sollte ein Herr Duin auch mal die Buzzword-Liste der Geschäftsideen beiseite legen und sich z.B. beim Thema GesundheitsCampus in Bochum um die Erfolgsdarstellung von Fördermillionen kümmern – die gibt es nämlich seit Jahren dort auch nicht.

  4. #4 | Steude sagt am 29. April 2013 um 18:53 Uhr

    Man sollte sich keine Illusionen machen, die Entwicklung eines „Industrieareals“ lässt sich nicht am Reißbrett planen. Wüsste auch nicht, dass die Stadt da die erforderlichen Kompetenzen hat.

    „Unser Ziel ist der Aufbau eines Innovationsclusters Produktionswirtschaft mit Themen wie E-Mobilität und Energieeinsparung.“

    Tolles Wortgeklingel. Wichtig wohl, dass die Worte „Cluster“ und „Innovation“ und „E-Mobilität“ drin sind. In Wahrheit ist der Satz nicht mehr als eine belanglose, hohle Aneinanderreihung von Worthülsen.

    Der versprochene Boom der E-Mobilität bleibt absehbar aus. Was ist überhaupt mit Energieeinsparung gemeint? Innovative Unternehmen sind immer gut. Ob sie was produzieren oder eine Dienstleistung anbieten, ist letztlich aber eher zweitrangig.

    Opelbeschäftige müssen ohnehin umdenken und ggf. umgeschult werden, wenn sie in den neuen Unternehmen Arbeit finden wollen. Auch wird sich die „innovative“ Produktion vom Automobilbau grundlegend unterscheiden. Daran sollte es nicht scheitern.

    Wichtig ist, dass man die Flächen zunächst offen anbietet und genau schaut, wer hat Bedarf, wer ist seriös interessiert nach Bochum zu kommen.

    Sich zu schnell auf einen Wirtschaftsbereich festzulegen, ist der falsche Weg. Aus dem jahrelangen Leerstand des Biomedizinparks sollte man in Bochum gelernt haben.

    In Bochum gibt es unterdurchschnittlich wenige Beschäftigte in wissensbasierten Berufen, das ist jetzt ein Problem. Trotzdem die Stadt eine der größten Unis in NRW hat, kann sie die Studenten nicht hier halten. Zu lange hat man diese Klientel ignoriert, hat die Stadt zwar autogerecht aber als Wohnstadt unattraktiv gemacht.

    Der wirtschaftliche Erfolg einer Stadt steht im direkten Zusamenhang mit dem Gelingen des ökonomischen Strukturwandel hin zu wissensintensiven Dienstleistungsbranchen und forschungsintensiven Industrien. Wer sich in diesem Bereich anbietet zu kommen, sollte mit Freuden empfangen werden.

    Von planwirtschaftlichen Entwicklungsbestrebungen sollte man lieber die Finger lassen.

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