Radsport: Dernys in Bochum…

Andre Greipel, Sparkassen Giro 2013, Foto ruhrbarone
Andre Greipel, Sparkassen Giro 2013, Foto ruhrbarone
Vor einiger Zeit schrieben wir hier über die mediale Beachtung, die andere Sportarten als der Fußball in Deutschland erfahren, als Beispiele wurden Tennis und der Radsport genannt. Kurz zusammengefasst kann man sagen, solange nicht erstklassig gegen den Ball getreten wird, finden andere Sportarten in der öffentlich rechtlichen Wahrnehmung wenig bis gar nicht statt…

Im Text und in den sich daran anschließenden Kommentaren wurde einiges an Ursachenforschung betrieben und vieles von dem, was gesagt worden ist, wird auch stimmen. Ich will mich an dieser Stelle gar nicht erst großartig um Tennis kümmern, da könnte man eh einen vom Pferd erzählen, warum, wieso und weshalb das angeblich niemand sowohl mehr sehen, als wohl auch nicht mehr in dem Umfang betreiben möchte, das Talente erkannt und Zählbares dabei rumkommt. Liegt mir einfach nicht am Herzen, dieser Sport.

Was mir jedoch am Herzen liegt, das ist der Radsport. Warum will niemand mehr Radrennen sehen? Naheliegend wäre eine Begründung, in der irgendwie die Worte Doping, Apotheke, Betrug, Spritze und was weiß ich denn sonst noch vorkommen, aber das ist nur die halbe Wahrheit und spring, um im sportlichen Bild zu bleiben, deutlich zu kurz. Es muss auch andere Ursachen geben.

Es mag wie ein Henne/Ei Problem erscheinen, aber die Tatsache, dass Radrennen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch stattfinden hat ihre Ursache darin das… Achtung… Radrennen in der Öffentlichkeit kaum noch stattfinden. Gab es bis vor wenigen Jahren noch organisierte Rennen um beinahe jede Kirche, Kirmesrennen und Kriterien. Bratwurst, Bier, private Wetten, Schürfwunden, Spaß, Ärger, Familienunterhaltung. Heute sind diese Veranstaltungen in Deutschland nahezu verschwunden. Warum?

Peloton C Amateure, Sparkassen Giro 2013, Foto ruhrbarone
Peloton C Amateure, Sparkassen Giro 2013, Foto ruhrbarone

Im Gegensatz zu Fußball und Tennis sind diese Veranstaltungen relativ aufwendig zu organisieren, sie sind vergleichsweise teuer und sie greifen ins öffentliche Leben ein. Ist so ein Fußball- oder Tennisplatz erst einmal gebaut, ja nu, dann ist der eben da, steht mehr oder weniger gut besucht herum und irgendwann stört man sich nicht mehr groß daran (und vergisst, was der Krempel gekostet hat)

Anders im Straßenradsport. Anders als ihre ballspielenden Kollegen, haben Radsportler kaum fest installierte Wettkampfstrecken. Und wenn, dann liegen sie gut, nein, sehr gut versteckt… oder kennt jemand die Radrennstrecke hier in Bochum? Dieser Sport findet auf Straßen statt, Straßen die gesperrt und gesichert werden müssen, Straßen die dem Verkehr für ein paar Stunden nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn man am Sonntag schnell mit dem Auto noch ein paar Brötchen holen möchte. Dieser Aufwand und die Kosten werden von Veranstaltern und Kommunen gescheut, man glaubt, es sei den Bürgern nicht mehr zu vermitteln. Kann sein… kann aber auch nicht sein…

Schrittmacher und Dernys, Sparkassen Giro 2013, Foto ruhrbarone
Schrittmacher und Dernys, Sparkassen Giro 2013, Foto ruhrbarone

Der langen, der sehr langen, Vorrede sehr kurzer Sinn: Heute hat man eine der selten gewordenen Gelegenheiten, diesen Sport hautnah zu erleben. Denn in der Bochumer Innenstadt findet eines dieser rar gewordenen Kriterien statt. Profis und Amateure, die wie die Bescheuerten durch die Straßen knistern. Individualisten in komischen Hemden, die sich im einen Rennen zu einer Mannschaft zusammenschließen, damit einer von ihnen gewinnt. Mannschaftssportler, die im nächsten Rennen allein auf die Jagd gehen. Verschrobene, ältere Herren, weit entfernt von Idealfigur und Idealfrisur, in noch komischeren Hemden und Hosen, auf knatternden Dernys (Mopeds), die sich gebärden wie „The wild bunch“ und als Schrittmacher den Fahrern Windschatten geben, damit man noch ein wenig schneller über die Straßen plästern kann… Man kann hautnah erleben, wie hart und spektakulär dieser Sport ist… was, das sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, auch am musikalischen Randprogramm liegt… aber das kann man sich zum Glück ja schöntrinken… also los, Spitzensport auf Bochums Straßen noch bis 22.00 Uhr…

Dir gefällt vielleicht auch:

7 Kommentare

  1. #1 | keineEigenverantwortung sagt am 3. August 2014 um 14:35 Uhr

    Berlin, Frankfurt etc. haben – wie andere Großstädte auch – regelmäßig Skater-, Lauf-, Triathlon-, Fahrrad-Veranstaltungen, die die halbe Innenstadt sperren. Dort gehört es zum Lebensgefühl des Großstadtlebens. Ebenso bringen die Veranstaltungen viele Gäste.

    Das Großstadtgefühl gibt es im Ruhrgebiet eher nicht. Hier ist es wichtig, dass am Sonntag von der Standard-Route nach Oma Erna keinen Meter abgewichen werden muss.

    Offen ist auch, ob wirklich so ein hoher Aufwand beim Absperren notwendig ist. In anderen Ländern gibt es kleine Hinweise auf der Strasse, dass eine Sportveranstaltung stattfindet und dass man langsam fahren soll.

    Auch wenn die Radfahrer in ihren bunten High Tech-Klamotten gefühlt eher zunhemen, gehen ich nicht davon aus, dass Randsportarten viele Besucher erhalten. Die meisten Nicht-Fußballer haben sich damit abgefunden, dass nur die Angehörigen an den Wettbewerben zuschauend teilnehmen.

  2. #2 | Robin Patzwaldt sagt am 3. August 2014 um 14:44 Uhr

    Viele Freunde und Bekannte von mir waren früher im hiesigen Ruderverein aktiv. Einige davon recht erfolgreich, bis hin zum Weltmeister. Auch die haben damals immer gestaunt, dass eigentlich niemand außer ein paar Verwandten eine Regatta auf dem Kanal sehen wollte. Mir persönlich geht es mit Eishockey ähnlich. Das Spiel finde ich zum Beispiel in der Regel deutlich attraktiver und spannender als der dominierende Fußball. Trotzdem fristet auch Eishockey hierzulande eher ein Schattendasein…

  3. #3 | Robert sagt am 3. August 2014 um 16:22 Uhr

    Das Rennen in Bochum ist leider auch weniger attraktiv, seitdem es nur noch auf dem Innenstadtring stattfindet. Wenigstens die Frauen fahren noch eine längere Strecke.

  4. #4 | Arnold Voss sagt am 3. August 2014 um 16:36 Uhr

    Nichts gegen diesen Sport, aber die Kulturszene Bochums leidet unter den massiven Sparmaßnahmen der fast banrkrotten Stadt. Ob da noch eine solche Veranstaltung wie das Sparkassen Giro gebraucht wird, ist dann doch sehr fragwürdig. Einen Imagegewinn kann ich mir dadurch auf keinen Fall vorstellen.

  5. #5 | Thorsten Stumm sagt am 3. August 2014 um 20:36 Uhr

    @Michael Kolb
    Danke, auch mir liegt der Radsport echt am Herzen….es sei noch erwähnt, dass es den Bochumer Giro nur gibt weil Dortmund den Veranstalter vor Jahren vergrault hat….

  6. #6 | keineEigenverantwortung sagt am 3. August 2014 um 20:50 Uhr

    @4: Bochum investiert doch Millionen in ein Musikzentrum, d.h. für Kultur ist doch Geld vorhanden.

  7. #7 | Arnold Voss sagt am 4. August 2014 um 00:01 Uhr

    Radfahren kann ich selbst. Musik komponieren dagegen nicht. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.