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Bomben und Gedenken

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Es ist die Zeit der Gedenktage: In vielen deutschen Städten jähren sich die erfolgreichsten alliierten Bombenangriffe zum 75. Mal. Mit den Niederlagen der Wehrmacht im Sommer 1944, der Landung in der Normandie und der Befreiung Frankreichs und der Vernichtung der Heeresgruppe Mitte durch die Operation Bagration der Roten Armee, ging der zweite Weltkrieg in Europa in seine Endphase. Nun konnten die Alliierten im Westen nahezu jede deutsche Stadt erreichen. In der Luft wie am Boden waren die Verluste groß: In den letzten acht Monaten des Krieges fielen drei Viertel aller Bomben. In der Endphase hatte Deutschland, obwohl über die Hälfte aller Verluste in dieser Zeit anfielen und der Januar 1945 mit 450.000 toten Wehrmachtssoldaten der verlustreichste Monat der Wehrmacht des ganzen  Krieges war, allerdings noch immer fast sechs Millionen Mann unter Waffen. Alle Hoffnungen der Alliierten auf ein schnelles Kriegsende hatten sich zerschlagen: Die Niederlage in Arnheim, die überraschende deutsche Offensive in den Ardennen, der zähe Widerstand im Osten – die Nazis, Deutschland, die Wehrmacht  waren bis zur letzten Minute des Krieges ein gefährlicher Feind, den es mit allen Mitteln zu schlagen galt. Die Deutschen kämpften nicht nur bis in die letzten Kriegstage hinein, sie setzten auch die Massenmorde an Juden und anderen KZ-Insassen fort. Mussten Lager aufgegeben werden, gab es Massenhinrichtungen. Die, die noch laufen konnten, kamen zumeist auf Todesmärschen um.

Diese Situation, die militärische Lage des Krieges, muss man sich angesichts der Gedenktage vor Augen halten. Die Bombardierungen waren nicht nur, wie meist in Reden gesagt wird, eine Reaktion auf den von Deutschland begonnen Krieg, sondern sie waren bis zu ihrer Einstellung kurz vor Kriegsende eine militärische Notwendigkeit.

In Deutschland sind viele der Ansicht, der Bombenkrieg der Alliierten sei militärisch sinnloser Terror gewesen, dem unschuldige Zivilisten, vor allem Kinder und Frauen zum Opfer fielen. Das Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945“ aus dem Jahr 2002 des Publizisten Jörg Friedrich gilt oftmals als Beleg für diese These. Ihr kann man in vielen Punkten widersprechen: Ist ein amerikanischer GI aus Oklahoma, der am Omaha-Beach im Juni 1944 fiel, ein schuldiges Opfer? Er hat nie eine Partei gewählt, die einem anderen Land den Krieg erklärt hat, er kämpfte gegen die Bedrohung der Welt durch die Achsenmächte, allen voran das nationalsozialistische Deutschland. Viel unschuldiger konnte man kaum sein.

Aber auch die Behauptung, die Bombardierungen der Alliierten seien militärisch sinnlos gewesen, ist falsch. Sicher, die Taktik des Moral-Bombing, die Vorstellung, man könnte ein ganzes Land durch Bombardierungen zur Aufgabe zwingen, weil die Bevölkerung irgendwann den Krieg nicht mehr mitträgt, ging nicht auf. Das gelang weder den Deutschen, die diese Strategie als erste bei ihren Luftangriffen auf Großbritannien angewandt hatten noch gelang es im Kampf gegen die Deutschen.

Aber dies war immer nur ein Aspekt des Bombenkrieges und es war eine Strategie, welche die USA nie teilten. Deren Ziel waren immer Industrie- Verkehrsanlagen – nur gab es in der Praxis keine Möglichkeit, wirklich gezielte Bombardierungen durchzuführen.

Was den Bomberflotten der USA und Großbritanniens allerdings gelang und was bis zur letzten Stunde des Krieges wichtig war: Sie banden deutsche Kräfte. Zwei Drittel aller deutschen Jagdflugzeuge wurden ab 1943 zur Luftverteidigung eingesetzt. Sie fehlten an allen Fronten. Ob der Sieg der Roten Armee bei Kursk oder die Landung in der Normandie – die verloren gegangene Stärke Luftwaffe ermöglichte Siege der Alliierten und verminderte ihre Verluste. Immer mehr Rohre der 8,8er mussten in Flugabwehrgeschützen verbaut werden. Es waren am Ende über 10.000 und sie fehlten in den deutschen Panzern und den Panzerabwehrkanonen des Heeres. Auch das nutzte den Alliierten bei ihrem Vormarsch und sorgte dafür, dass der Krieg im Mai 1945 in Europa beendet werden konnte.

Der Bombenkrieg der Alliierten war keine besonders infame Art der Kriegsführung. Er war Teil des Krieges, militärisch notwendig und geführt unter hohen Verlusten, zu denen noch die Lynchmorde deutscher Zivilisten an gefangenen Fliegern kamen.   Auch was die Leistung der alliierten Flieger der Bomberstaffeln betrifft, gilt zu sagen: Thank you for Service

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14 Kommentare zu “Bomben und Gedenken

  • #1
    Gerd

    Einen wie auch immer gearteten Dank kann man eigentlich nur den Amerikanern zukommen lassen. Harris und Bomber Command haben mit Vorsatz Zivilisten angegriffen, was nicht nur den angedachten und unmoralischen Zweck nicht erfüllt hat, sondern auch den britischen Kriegsanstrengungen schadete.

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Gerd: Nein, was die Argumente bezüglich der massierten Abwehrmassnahmen betrifft, hatten auch die britischen Bomberverbände ihren Sinn. Harris lag schon richtig: Man konnte damals nicht präzise bomben. Er machte im Prinzip aus dem Wissen um diese Unzulänglichkeit eine Taktik.

  • #3
    Joachim Temmen

    Es ist immer wieder richtig, in dieser seit Jahrzehnten andauernden Diskussion dem Mythos der Deutschen als Opfer eines bewussten Kriegsverbrechens entgegenzutreten.

    Allerdings kann nicht vergessen werden, daß der Bombenkrieg die deutsche Gesellschaft bis heute traumatisiert hat. Viele meiner Familienangehörigen haben die Bombenangriffe als Kinder miterlebt.

    Die Unfähigkeit zu trauern holt uns immer wieder ein. Ganz ohne von Heuchelei und Relativierung freie Trauer geht es nicht, gerade um die tatsächlichen Ursachen des Bombenkrieges klar machen!

  • #4
    Gerd

    Nicht das.

    Erstens war die Zivilbevölkerung von Anfang an das Ziel, wie von den diversen Theoretikern des Luftkriegs nach dem 1. Weltkrieg gefordert und zweitens war der britische Mitteleinsatz ineffizent. Viermotorige Bomber waren deutlich mehr als doppelt so kosten- und personalintensiv wie zweimotorige. Und die britischen hatten im Gegensatz zu den amerikanischen nicht mal den indirekten Effekt deutsche Jäger anzulocken, damit die dann von den alliierten abgeschossen werden konnten. Ganz im Gegenteil, Nachtjäger setzten der RAF noch schwer zu als die Tagjäger von den Amerikanern de facto ausgeschaltet waren.

    Und unter der starken Konzentration auf schwere Bomber als scheinbare Wunderwaffe zur Vernichtung der feindlichen Kampfmoral litten auch die anderen britischen Teilstreitkräfte. Insbesondere die Armee hätte von einem kleineren Bomber Command profitieren können. Überproporzional, da im BC hoch motivierte Freiwillige dienten.

  • #5
    grobinger

    @Gerd:

    Danke Cpt. Hindsight, hättest Du doch nur Bomber Harris rechtzeitig bescheid gegeben, dass das alles Quatsch ist.

  • #6
    bob hope

    Jedenfalls kann man festhalten, dass es in der Geschichte nur eine RAF gab, die für eine gerechte Sache gekämpft hat und deren Mitglieder haben nicht Deutsch gesprochen.

    Zum Trauma durch die Bombenangriffe: Meine Mutter, die bei Kriegsende neun Jahre alt war, ist mit ihrer Mutter und ihren älteren Brüdern mehrfach ausgebombt worden – anfangs im Ruhrgebiet, später im Großraum Magdeburg. Das Trauma haben sie nie wirklich verarbeitet, trotzdem habe ich nie ein schlechtes Wort über die „Briten“ gehört, auch weil sie schon als Kinder geahnt haben: Die „Erlösung“ kommt nicht durch den „Führer“, den „Volkssturm“ und schon gar nicht durch den Widerstand der deutschen Bevölkerung. Mag auch daran gelegen haben, dass ihr Vater in der KPD war und viele Jahre im Knast oder in Arbeitslagern verbracht hat.

    Kommunist ist übrigens nach dem Krieg auch keiner von Ihnen geworden.

  • #7
    Helmut Junge

    @bob hope (6), das war in meiner Familie ähnlich. Die Familie mütterlicherseits ist ins Westfälische evakuiert worden. Dieser Großvater war Sozialdemokrat und hat heimlich den britischen Rundfunk gehört. Das war verboten, weil die Nazis darin Zersetzung sahen. Viele werden das trotzdem gemacht haben, weil sie auf ein Ende des Krieges hofften, der naturgemäß mit dem Vormarsch der Allierten verknüpft war. Militärisch war das Ruhrgebiet nicht mehr zu halten. Ein Nachbar, 15 Jahre älter als ich, mußte damals mit seinen 13 Jahren die Autobahnbrücke gegen die Amerikaner verteidigen, die 200 Meter entfernt waren. Dieser Junge war bis zu seinem Tod vor 3 jahren traumatisiert. Ich habe von meinen Eltern und beiden Großeltern nie en schlechtes Wort über die Briten gehört. Wohl habe ich viel von der Angst vor den Bombardierungen gehört, und dabei hätte ja thematisch auch eine Verurteilung der Briten und Amerikaner dazugehören können. Aber niemand der Personen mit denen ich als Kind in Berührung kam, hat sich so geäußert. Dabei waren einige Nachbarn auf der Straße irgendwann auch mal Nazianhänger gewesen. Auch die haben sich nie m.W. negativ über die Briten geäußert. Ich selber bin in Duisburg zur Zeit der britischen Besatzungszone geboren worden, aber britische Soldaten hatte ich als Kind nie gesehen. Die mußten nicht patroullieren, weil niemand die Zeit zurückholen wollte.
    Ich muß aber der Vollständigkeit noch erwähnen, daß ich nie Streit in der Familie oder unter Nachbarn erlebt hatte, der sich auf das Verhalten Einzelner während der Nazizeit bezogen hat. Diese Be-und Verurteilungen haben die Leute offenbar den Siegern überlassen.
    Nazis habe ich übrigens erst in den 60igern gesehen.

  • #8
    thomas weigle

    Es war schon Ziel alliierter Bomber Wohnbezirke anzugreifen, v.a. auch Quartiere der Arbeiter. Nur: ist ein Arbeiter, der Granaten, Kanonen usw baut oder sonstig zum Krieg beiträgt, nicht genauso ein legitimes Kriegsziel wie der Soldat? Oder die Mittel( Wohnungen, Verkehrsmittel etc.) zu zerstören, die ihn in die Lage versetzen, durch seine Arbeit den von Nazideutschland angeschobenen Krieg zu verlängern?

    Außerdem kann ich den Jammerrechten nur raten bei Goebbels nachzuschlagen, wie der die Bombardierungen englischer Städte in seinen Tagebucheintragungen im Jahre 40 feiert, wohl wissend, dass auch Wohnquartiere getroffen und zerstört wurden. Gilt auch für seine Einträge im September 39 v.a. zur Bombardierung Warschaus.
    Der Bombenkrieg kam so richtig ab 42 nach Hause. Dumm gelaufen!!
    Reuth, Goebells Tagebücher !935-1939, Band 3 und Tagebücher 1940-1942, Band 4

  • #9
    thomas weigle

    In der "Spiegel TV/ZDF-Info" Serie "Der Zweite Weltkrieg" aus 2018 ist ein NS-Streifen über das von der Luftwaffe zerbombte Warschau zu sehen. Offensichtlich hat der Grad der Zerstörung damals auch viele Soldaten, die in das zerstörte Warschau einmarschierten, nachdenklich gemacht., so dass die NS-Propaganda die Schuld an der Zerstörung der polnischen Hauptstadt nicht der Luftwaffe zuwies, nein, die Verteidiger waren schuld, denn sie hätten ja den verschiedenen Kapitulationsaufforderungen der Wehrmacht nachkommen können.
    Nimmt man dies zum Maßstab, die Jammernazis also beim Wort, sind die Deutschen selbst schuld am Bombenkrieg, der iso viele Leben forderte, der die Städte zerstörte. Aber davon will natürlich keiner von denen was wissen. Am wenigsten übrigens der hinkende Vorzeigearier vom Niederrhein., der ab 42 bittere Tränen über "die angloamerikanischen Terrorangriffe" vergoss.
    Die heutigen Jammergestalten vergessen ja auch gerne, dass die Deutschen am Ende genau den "totalen Krieg" bekamen, denn Tausende im Februar 43 im Berliner Sportpalast so begeistert gefordert hatten.
    Alles in allem: Kein Grund über angeblichen Luftterror zu jammern. Trauer über die personellen und auch materiellen Opfer dagegen ist m.E.schon angebracht, aber eben nie die Ursache, den Grund für den Bombenkrieg der RAF und USAF aus dem Auge, aus dem Sinn verlieren.

  • #10
    Gerd

    @5:

    Wer Lesen und Denken kann, der sollte erkennen, dass sich meine Worte an Stefan richteten, da sein Lob angesichts des aktuellen Stands der Forschung recht undifferenziert ausgefallen ist. Angesichts der Unmengen von Menschen und Material, die in das Bomberkommando geflossen sind, waren die Ergebnisse mehr als bescheiden.

    @7:

    Gemäß dem seinerzeit geltenden Kriegsrecht waren die Luftangriffe unrechtmäßig. Dass andere das zuerst gemacht haben, ändert daran nichts. Und das hatte schon während des Krieges in England zu Debatten über die Zulässigkeit dieser Art von Angriffen geführt. Bemerkenswert, dass der Feind damals zu mehr Empathie fähig war als die heutigen Zeitgenossen.

  • #11
    Helmut Junge

    @10 (Gerd) Es sind meine Erinnerungen die das Verhalten und Aussagen , meiner direkten Vorfahren betrifft, und die ich als Kind gehört und beobachtet habe. Was das damals herrschende Kriegsrecht damit zu tun haben könnte, ist mir nicht ganz klar. Das waren alles Menschen, die die Zeiten persönlich am eigenen Körper erlebt hatten. Ihre aus ihrem theoretischem Denkgebäude entstammende Empathievorstellung können Sie sich wer weiß wo hinstecken. Sie waren doch damals nicht dabei, und solche wie Sie, die überlegen, wie man den Krieg vor Gericht doch noch gewinnen könnte, sind mir jedenfalls erst in den Sechzigern begegnet. Damals sind die so allmählich aus ihren Kisten gekrochen. Aber in den frühen Fünfzigern, und diese Zeit habe ich beschrieben, waren die Leute froh, im Frieden angekommen zu sein und überlebt zu haben.
    Tut mir nicht leid Sie so zu enttäuschen.

  • #12
    Gerd

    Hallo Helmut,

    ich antwortete nur auf die Beiträge von thomas und dem "grobinger". Mein Kommentar war in keinster Weise auf deine Beiträge bezogen.

  • #13
    mikefromffm

    @10 (Gerd): Das ist nicht korrekt. 1922/23 wurden zwar explizite Regeln für den Luftkrieg entworfen (Artikel 22 der Haager Landkriegsordnung "Das Luftbombardement zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung und Zerstörung oder Beschädigung von Privateigentum nichtmilitärischen Charakters ist verboten.“) Dieser Entwurf wurde aber nicht als völkerrechtlicher Vertrag ratifiziert.

  • #14
    Yilmaz

    @#13 mikefromffm:

    Ergänzung dazu:

    https://www.welt.de/print-welt/article423713/Bombenkrieg-und-Kriegsrecht-Das-Beispiel-Dresden.html

    "Diese Luftkriegsregeln traten allerdings nie offiziell in Kraft. Juristen neigen trotzdem dazu, sie als Völkergewohnheitsrecht als bindend zu betrachten. Der Salzburger Rechtshistoriker Marcus Hanke hält als Stand zu Kriegsbeginn fest: Das aus der Luft angegriffene Ziel mußte ein militärisches Ziel sein. Militärisch war ein Objekt dann, wenn dessen Zerstörung einen klaren militärischen Vorteil brachte. Der Angriff durfte sich niemals – ob mit oder ohne Terrorisierungsvorsatz – gegen die Zivilbevölkerung richten, auch wenn diese nur als ein Teil des Zieles betrachtet wurde.""

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