6

Buchvorstellung:  „Die Juden in der arabischen Welt“

Irakische Juden verlassen den Flughafen Lod. Quelle: Wikipedia; Lizenz: Gemeinfrei

Von unserem Gastautor Thomas Weigle

„Der Koran und die auf ihm fußende islamische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie  der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige, der Ungläubige ist <harby>, d.h. Der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.“

Derselbe schrieb 1854 in der „New York Daily Tribune“:

„Die Muselmanen, die etwa ein Viertel der ganzen Bevölkerung bilden und aus Türken, Arabern und Mauren bestehen sind selbstverständlich in jeder Hinsicht die Herren (…). Nichts gleicht aber dem Elend und dem Leiden der Juden in Jerusalem, die den schmutzigsten Flecken der Stadt bewohnen (…), sie sind unausgesetzt Gegenstand muselmanischer  Unterdrückung und Unduldsamkeit (..). So weit  der linke Gottvater Marx, erstes Zitat in MEW, Band 10, Ostberlin 1962,S.170.

Womit einmal mehr bewiesen ist, dass die linken Antisemiten und Israelhasser „ihren“ Marx nicht kennen. Oder sie denken sich: „Der Alte hat halt nicht in allem recht.“…“ist schon lange her.“.. „alles fließt.“Oder so ähnlich. Stattdessen reden und schreiben sie sich die Lage der Juden unter dem Islam schön, so wie sich andere eine Niederlage im Westfalenderby  schön trinken.

Ich muss zugeben, dass auch ich ganz früher dem Narrativ erlegen war, dass der arabische Antisemitismus auf die israelische Staatsgründung zurückzuführen sei. Hörte und las ich doch immer wieder, dass die Juden früher in den arabisch-muslimischen Staaten gut behandelt worden seien. Damit räumt das hier besprochene Werk von G.Bensoussan bestens belegt auf, so dass keine Zweifel zurück bleiben. Ziemlich erschütternd. Liest man die Beschreibungen europäischer Reisender über die Behandlung der Juden durch die Muslime, so fühlt man sich an die bekannten Szenen aus dem Besatzungsalltag im Osten Europas durch die deutschen Herrenmenschen erinnert, wo und wie sie die Juden öffentlich drangsalierten, bevor sie den Massenmord inszenierten. In der muslimischen Welt allerdings trieben schon Kinder ein unwürdiges Spiel mit den Juden jeden Alters.

„Ich habe den Alarm im Ghetto erlebt, die Türen und Fenster, die geschlossen wurden, meinen Vater, der herbeilief, nachdem er seinen Laden in Eile verriegelt hatte, weil sich Gerüchte über das Bevorstehen eines Pogroms verbreitet hatten,“ beschreibt Albert Memmi seine Jugend in Tunis um 1930. „Meine Eltern machten Einkäufe in Erwartung einer Belagerung, die nicht von anderswo herkam, aber das war ein Maß für unsere Angst, für unsere ständige Angst. Wir fühlten uns damals von der ganzen Erde verlassen, und leider auch von den Behörden des Protektorats.“ Das hätte auch ein Jude in Krakau, Riga oder sonst wo im Osten  zehn Jahre später so formulieren können.

Kein Wunder also, dass die Juden der arabischen Welt binnen weniger Jahre nach Israel emigrierten. Es spielte für diese Juden auch keine Rolle in ihrer bisherigen Heimat, ob sie sich als Zionisten oder als Antizionisten erklärten. Jude bleibt Jude, da helfen keine Pillen und Derdaoben schon mal gleich gar nicht.

Von Anfang an waren Juden und Christen unter dem „Schutz“ der Muslime. Gleichwohl waren sie dadurch eben auch der Gewalt ihrer Beschützer ausgesetzt, und „bekämpft sie, bis sie die Sondersteuern bezahlen und gefügig sind.“ (Sure IX, Vers 129). Das  klingt doch schon sehr nach Separierung oder eben Apartheid..Auch im 16. Jahrhundert hat sich am Status der Juden als Unterdrückte und Beraubte nichts geändert. Bensoussan zitiert den Franziskaner Mönch Francesco Suriano, der durchaus zufrieden zustimmend das Alltagsleben der Juden beschreibt: „Diese Hunde, die Juden werden zertrampelt, geschlagen und gepeinigt, wie sie es verdienen. Sie leben in diesem Land in einem Zustand der Unterwerfung, der sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Es ist sehr lehrreich zu sehen, dass Gott sie in Jerusalem (…) mehr als sonst wo auf der Welt bestraft. … Es ist die größte Schmach für eine Person als Jude bezeichnet zu werden.

Auch Ende des 18.Jahrhunderts hat sich nichts an der elenden Lage der Juden in der muslimisch-islamischen Welt geändert. So schreibt der Engländer William Lempriere über die Lage der Juden in Marrakesch: „…werden sie wie Wesen einer Klasse behandelt, die der unseren unterlegen ist. In keinem Teil der Welt unterdrückt man sie wie im Barbarenland (…) Trotz aller Dienste die die Juden den Mauren erweisen, werden sie von ihnen mit größerer Härte behandelt, als sie ihren Tieren gegenüber zeigen würden.“ Ähnlich beschreibt es 1857  Leon Goddard: „Die Toleranz der muslimischen Fürsten besteht darin, die Juden leben zu lassen, wie man eine Herde nützlicher Tiere leben lässt.“ Der Autor zitiert noch andere Zeitzeugen, immer läuft es darauf hinaus, dass die Juden in widerlichster Weise behandelt wurden, ausgeliefert der muslimischen Variante des Herrenmenschen. Wobei, wie gesagt, schon die muslimischen Kinder eine üble Rolle spielten, auch weil es den Juden bei Prügel-und/oder Todesstrafe verboten war, auch nur die kleinste Gegenwehr zu zeigen, Flucht, schnellste Flucht und Verbergen, waren die einzigen Mittel sich den muslimischen Herrenkindern und ihren Herrenvätern zu entziehen.

Die franz. Ärztin Francoise Legey beschreibt 1910 das elende Leben der Bewohner der Mellahs von Casablanca und Marrakesch: „Ein Besuch in der Mellah von Casablanca ruft quälendste Eindrücke in uns hervor. Die Mellah von Casablanca ist die schmutzigste von ganz Marokko. Es ist August, die Sonne, die alles läutert, gelingt es nicht ihre Sumpflöcher rein zu waschen, ihre widerlichen Straßen zu trocknen. Aus Neugier und ganz zufällig, um einen Blick auf den Innenhof jüdischer Häuser zu werfen, stoßen wir eine Tür auf und kommen voll auf unsere Kosten: inmitten eines Hofes trinkt eine niedergekauerte Frau in unbeschreiblichen Schmutz sehr träge ihren Kaffee und hält in ihren Armen ein kleines Mädchen, das mit Pusteln von Pocken übersät ist, welche Brutstätte für Epidemien.“

Und es ändert sich nichts, so erläutert der bereits erwähnte Albert Memmi 1953: „Wir bezahlen für unsere ursprüngliche Existenz und unsere Traditionen mit dem physiologischen Elend, mit der Unterernährung, der Tuberkulose, Syphilis, mit Geisteskrankheiten. Ein Fünftel der Einwohner ist nachweislich tuberkulös.“

Gegenüber diesen Schilderungen, die das Elend der Juden in muslimisch-islamischen Welt  beschreiben, das Erleben der täglichen Gewalt von allen männlichen Muslimen vom Kindesalter an, sind die Vorwürfe gegen den Staat Israel lächerlich bis bösartig aus, es ist der altbekannte Antisemitismus, der sich aus Dummheit und Hass nährt, leider auch ungezügelt in  weiten Teilen der politischen Linken, die da den anderen Antisemiten in nichts nachsteht, egal ob rechts oder bürgerlich-liberal, wie ich es auch in der eigenen Familie erst kürzlich erlebt habe.

Als Linker habe ich lange an die Mär vom allumfassenden Widerstand der Franzosen gegen die Nazis geglaubt, der hierzulande gerade von den organisierten Antifaschisten der VVN und der DKP, sowie der SED schalmeit wurde, aber auch in Frankreich selbst lange als selbstzufriedenes nationales  Narrativ unter die Leute gebracht wurde.

Aber die Franzosen waren als Kolonialstaat dem Faschismus wohl näher als bekannt. Folgt man Bensoussan, so haben sie in den von ihnen beherrschten Gebieten Nordafrikas den Antisemitismus der muslimischen Bevölkerung nicht nur nicht bekämpft, sie haben ihn noch bestärkt, so stand die französische Kolonialverwaltung auch nicht im Verdacht judenfreundlich zu sein, wie man folgender Meldung nach Paris entnehmen darf: „Die schlechte Saat, die in die israelitische Masse geworfen wurde, wird wahrscheinlich nicht verloren sein. Da sie von Natur aus Anarchisten und Revolutionäre sind und allem fremd gegenüber stehen, auch noch so entfernt einen gewissen Bezug zur Idee des Vaterlandes haben mag, stellen die tunesischen Juden, ebenso wie jene des ganzen Orients, ein ausgezeichnetes Feld für ihre traurigen Hirten dar.In unseren Schulen ausgebildet, voll schlecht verstandener und unverdauter Prinzipien, sind sie reif für den Kommunismus wie ihre Glaubensbrüder in Algerien und völlig bereit, in deren Fußstapfen zu treten.“ Bei Goebbels gelernt oder sich gegenseitig befruchtet, der arische Hinkefuß und der Generalresident in Tunesien, Lucien Saint, der Verfasser obigen Schmähbriefes im Jahr 1923?

Immerhin gab es in der tunesischen Oberschicht Proteste, als der Bey 1940 Maßnahmen gegen Juden ergriff, so wie es auch in der Nachkriegszeit Bestrebungen in der tunesischen Regierung gab, die Juden gleichberechtigt zu stellen. Bei antijüdischen Ausschreitungen wurden dann auch gerne erklärt, dass es sich um einige wenige Antisemiten gehandelt habe, die die Menge aufgewiegelt hätten, sozusagen die tunesische Variante der berüchtigten These vom Einzeltäter deutscher Staatsschutzbehörden.

Die selbst in den Maghrebstaaten herrschende oder auch tw. schleichende Apartheid zeigt der bereits von Bensoussan zitierte A.Memmi auf:“Es genügte, ihre Bewilligungen nicht zu erneuern, die Importlizenzen zu verweigern; gleichzeitig begünstigte man ihre muslimischen Konkurrenten. In der Verwaltung war es nicht schwieriger. Man stellte keine Juden ein; oder brachte die früheren Angestellten in unüberwindliche Sprachschwierigkeiten, die man den Muslimen kaum auferlegte. Von Zeit zu Zeit schickte man einen Ingenieur, einen großen Angestellten anhand  mysteriöser , kafkaesker Anklagen, die alle anderen mit Schrecken erfüllten, ins Gefängnis.“

Eine andere Methode, den einheimischen Juden in Schrecken und Angst zu versetzen, benutzte Ägypten: den jüdischen Staatsbürgern wurde eben diese entzogen, was natürlich für diese einen Berg Sinai von Problemen und Behinderungen brachte. Im weiteren Verlauf weist der Autor auf die zahlreichen antijüdischen Massaker und Vertreibungen hin, die entgegen den bei uns im Umlauf befindlichen Märchenerzählungen schon an der Tagesordnung waren als der Staat Israel nicht mehr als eine dubiose Erklärung zweier westlicher Kolonialmächte war. Erinnert sei hier nur an das Massaker von Hebron 1929. Aufgeputschter arabisch-palästinensischer Pöbel schlug mehr als 100 jüdische Einwohner einfach tot, die britische „Schutzmacht“ schaute derweil in der berühmten britischen Gelassenheit zu und weg.

Auch in der arabischen Welt wird „der Jude“ bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die in der Regel nicht positiv sind, so wie in der abendländischen Kultur auch. Dass diese Eigenschaften aber nicht angeboren sind, sondern sich im Laufe der Jahrhunderte durch die den Juden auferlegten Beschränkungen zu einem falschen Bild entwickelt haben, kommt ja bis heute den von ihren Vorurteilen unentwegt auf Trab gehaltenen Antisemiten nicht mal ansatzweise in den Sinn. Dass sich diese gewachsenen und mittlerweile tief verwurzelten Stereotype auch in der arabischen Welt tief verwurzelt waren,weist der Autor nach, wenn er anhand von Zitaten die allgegenwärtige Furcht der jüdischen Bevölkerung vor der ihr feindlichen Umgebungen beschreibt.

Aber es soll auch glückliche Juden gegeben haben, jene nämlich, die wussten, wo ihr Platz ist und die sich den Vorurteilen ihrer Umgebung unterwarfen, die damit für ihre Schwierigkeiten selbst verantwortlich seien: So sei „unsere Komplizenschaft als Juden der arabischen Länder verantwortlich, unsere mehr oder weniger unbewusste Gefallsucht der Entwurzelten, die dazu neigen, ihre Vergangenheit zu verschönern, eine Vergangenheit, die in ihrem Betrauern der orientalischen Heimat die Erinnerung an die Verfolgungen bagatellisiert oder völlig auslöscht In unseren Erinnerungen, unserer Phantasie war es ein völlig anderes Leben, wohingegen unsere eigenen Tagebücher der damaligen Zeit das Gegenteil bezeugen.“ beschreibt A. Menni den Unterschied zwischen Erinnerung und historischer Wirklichkeit.Sie hatten also die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften verinnerlicht, ihre Unterdrückung als selbstverständlich hingenommen.

Auch der antikolonniale Befreiungskampf  und dessen Erfolg brachte bestenfalls marginale Verbesserungen für die einheimische jüdische Bevölkerung. Andererseits überfiel die FLN gerne jüdische Siedlungen und Stadtteile, was damit zusammenhängen mag, dass man die Juden in Komplizenschaft mit den französischen Behörden vermutete, was angesichts der antijüdischen Pariser Politik ein schlechter Witz war. Genauso wares falsch, dass die französischen Juden behaupteten, die FLN wolle, dass die Juden im Lande bleiben sollten. Im Großen und Ganzen blieb für viele Araber gültig, dass das 20.Jahrhundert das „Zeitalter der Frauen, der Juden und des Dollars“ war. Und wenn sich einzelne hochgestellte Persönlichkeiten als Schutzherren erwiesen, dann weil sie vermuteten, dass die USA, auf deren Dollars und Hilfe man angewiesen war, von einer kleinen, aber reichen jüdischen Schicht beherrscht halluzinierten. Auch das hört man ja auch hierzulande gar nicht so selten.

Die jüdische Welt Arabiens versank binnen einer Generation von 1945-70. Größere, massenhafte Vertreibungen sind außer in Ägypten nicht nötig geworden, die Juden gingen von selbst. Angesichts der langen Unterdrückung verständlich, hatten sie doch nun einen starken Zufluchtsort gefunden-Israel. Endlich nicht nur eine banale Heimstätte, nein, es war eine äußerst feste und wehrhafter „Burg“. Hier nun konnten sie all die demütigenden Zuschreibungen vergessen (machen) und glänzend widerlegen, die man ihnen in fast zweitausend Jahren lang sowohl in der abendländischen und muslimischen (Un)Kultur zugeschrieben hatte. Die Zeiten der Knechtschaft auch im arabisch-muslimischen Raum war vorbei.

Bensoussan hebt erneut noch einmal die Zeugnisse der Knechtschaft hervor, die sich seit 620 in diesem Teil der Welt herausgebildet hatten. Immer wieder zitiert er westliche Beobachter und Zeugen, die belegen, dass es der blanke Unfug, dass es dummes Zeug ist, den arabisch-muslimischen Antiisraelismus, den hassenden Antisemitismus, als unmittelbare Folge der Staatsgründung Israels zu bezeichnen. Gerne wird auch von Muslimen der Ursprung des Antisemitismus in Europa verortet. Nun, dass ist nicht ganz falsch, hatte das Christentum doch einige Jahrhunderte Vorsprung gegenüber dem Islam. Dennoch ist die folgende Aussage eine unverschämte Schönfärberei des muslimischen Antisemitismus, die nur noch von der Aussage übertroffen wird, die man gelegentlich zu hören bekommt, dass Araber keine Antisemiten sein können, weil sie selber Semiten sind.

„Wie überall gibt es Rassismus und Antisemitismus. Aber die Muslime sind keine Antisemiten. Ich stamme aus Marokko und lebe seit 35 Jahren in Frankreich. Dort wie hier haben wir immer in Harmonie mit den Juden gelebt.Die Wurzel des Antisemitismus liegt in Europa.“ So redete sich 2015 Amar Lasfar, Präsident der Union islamischer Organisationen Frankreichs die muslimische Vergangenheit schön.

Während der italienischen und deutschen Besetzung Nordafrikas haben sich die antijüdischen Manifestationen der Muslime eher noch verstärkt, zuvor waren die antijüdischen Erlasse in den franz. Gebiete problemlos umgesetzt worden.In den Kinos brandete Jubel auf, wenn in den Wochenschauen Adolf Hitler zu sehen war. Berlin jedenfalls setzte ab 1940 in seinen antijüdischen Maßnahmen voll auf die muslimische Bevölkerung des Maghreb, dessen antisemitische Haltung in Berlin wohl bekannt war, auch zirkulierten dort Lieder zum Ruhme Hitlers, Titel wie bspw  „Hitler, der Großmütige,“Hitler, der Erlöser“ usw. Unglaublich!!

Aus gutem Grunde gibt es bis heute keinen und kaum Zugang zu den islamisch-muslimischen Archiven, in denen man weiteres erhellendes Material zur Unterdrückung der Juden in den muslimischen Ländern vermutet werden kann.

Ein weiteres antisemitisches Narrativ ist ja die Behauptung der Muslime, Jerusalem sei eine der heiligsten Stätten des Islam. Quellen und Berichte aus der Zeit der,bzw. nach der Eroberung 637 geben das nicht her. Jerusalem wurde nicht mal Regionalhauptstadt, das wurde das neu erbaute Ramla. Die Religion kam erst später ins Spiel, dann auch befeuert durch die christlichen Kreuzzüge, die ja  Orgien in Blut und Gewalt waren, die das Klima zwischen Christen und Muslimen so richtig vergifteten. Die Juden, v.a. die Jerusalems, saßen zwischen allen Stühlen und hatten von keiner Seite irgendeine Art von Rücksicht zu erwarten.Wobei, so der Autor, selbst muslimische Experten der Meinung sind, dass die Stadt für ihren Glauben keine Bedeutung hat, sondern nur dadurch Bedeutung hat, dass die Stadt von Ungläubigen beherrscht wird.Für die Juden ist Jerusalem ein religiöses Symbol, dort stand ihr Tempel, den die Römer 67 nach Christus schleiften. “Nächstes Jahr in Jerusalem,“ war ein über Jahre geäußerter Wunsch, dort hofften sie auf Erlösung. So hofften auch die Zionisten auf Erlösung, die darin aber ganz praktisch eine staatliche Lösung im Sinn hatten: Erniedrigung, Knechtschaft und Verfolgung der Juden sollten dort ein Ende haben. So ist es dann ja auch gekommen. Aber das heutige Israel passt einfach nicht zu dem Bild, dass viele von den Juden haben. Ein selbstbewusster, prosperierender, ein von Wissenschaft  geprägter, von der IDF bestens geschützter  jüdischer Staat, in dem die Bürger  selbst über ihr Schicksal und ihre Zukunft bestimmen, ist in diesem Bild nicht vorgesehen. Dass dieser Staat dann auch noch die einzige Demokratie dort ist, in dem auch fast zwei Millionen Araber über Rechte verfügen, die kein anderer arabischer Staat seinen Bürgern zuweist, sorgt für zusätzliche Verbitterung bei vielen Feinden Israels.Das mag neben den üblichen antijüdischen Ressentiments zum feindseligen weltweiten Verhalten gegenüber Juden und dem Staat Israel beigetragen haben. Wie sehr eine Emanzipation, eine Gleichstellung der Juden die muslimischen Gemüter auch schon vor der Staatsgründung Israels erhitzte, zeigt ein Blick in den Irak, wo diese Gleichstellung 1932 erfolgte, wie Bensoussan belegt.Auch hier Behinderung der Juden in allen Bereichen bis hin zu offener Gewalttätigkeit in den Enddreissigern.

Die Rassegesetze Italiens und später die entsprechenden Erlasse der Vichy-Regierung wurden in Nordafrika von der muslimischen Bevölkerung durchaus begrüßt, so mancher versprach sich Vorteile davon. So meldet das „Protektorat Tunesiens“ zum Erlass des Statuts der Vichy Regierung: „Die Veröffentlichung des Erlasses über den Statut der Juden hat in einheimischen Kreisen eine gewisse Zufriedenheit hervorgerufen. Man spricht von Einheimischen, die Rahmen gekauft hätten, um darin den Text des Erlasses einzufassen und bei sich aufzuhängen. Andere empfehlen, aus dem 19.Oktober, dem Erscheinungstag, einen Feiertag zu machen.“ Am 22.Oktober schreibt der Präfekt von Tunis an seinen Vorgesetzten: „ Ich habe die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, ,dass die französische, muslimische und italienische Bevölkerung die Veröffentlichung des Statuts der französischen Juden mit großer Befriedigung aufgenommen haben (…). Zweifellos wurde das Juden-Statut in der muslimischen Bevölkerung mit größtem Wohlgefallen aufgenommen. Diese Maßnahme fügt nämlich der natürlichen traditionellen Neigung der Einheimischen zum Antisemitismus eine offizielle Genugtuung hinzu.“

Wie man sieht, eine religiöse und staatliche Internationale des Antisemitismus, die als ganz normal empfunden wird. Sie wird noch durch die deutsch-muslimische Allianz ergänzt, in deren Folge ja auch der Großmufti von Jerusalem, der vor den Engländern verfolgt wurde, in einer   „entjudeten“Berliner Villa ein gastliches Domizil fand. Und recht bald wurde er dort erneut von den Engländern geplagt, zwang ihn doch die RAF, seine Gastgeber um ein bombensicheres Asyl zu bitten, dass ihm in der Nähe von Dresden dann auch gewährt wurde.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der eventuellen Rettung von mehr als 1000 Juden durch die Große Moschee in Paris während der Nazibesetzung. Diese ist zumindest bei jüdischen Historikern und auch der Gedenkstätte Yad Vashem nicht bestätigt. Diese v.a. von muslimischen Historikern aufgestellte Behauptung ist offenbar nicht zu verifizieren. Auch wird erzählt, dass Juden und „Muselmanen“ gemeinsam in den KZs gelitten haben. Es ist tatsächlich in vielen Berichten aus den KZs und Vernichtungslagern von „Muselmanen“ die Rede. Allerdings wurden in der Sprache der Häftlinge damit keine Muslime gemeint, sondern Gefangene, die total geschwächt ihren Tod erwarteten. Eigentlich geht das aus den entsprechenden Berichten und Erzählungen ehemaliger Häftlinge in aller Regel klar hervor.

Im Kapitel 11 beschäftigt sich der Autor mit den verschiedenen Theorien und Erzählungen zum angeblich harmonischen Zusammenleben von Juden und Muslimen. Er sagt, dass dieses „Neuschreiben“ der Geschichte auf dem gleichen Level stattfindet, wie dass jener Ideologen, die die sowjetischen Lager, den Gulag,in den 50ern als Erfindung der bürgerlichen Presse darstellten. Die Älteren werden sich erinnern, wie noch in den 70ern gerade Solschenizyn als finsterer Reaktionär von Linken auch aus dem bürgerlichen Lager, bezeichnet wurde. Das war er, aber in Bezug auf den Gulag lag er richtig, der Gulag hat ihn dazu gemacht, wie viele andere auch.

In einer 2016 in Paris erschienen Schrift, wird behauptet, dass Juden und Muslime in Palästina lange harmonisch miteinander gelebt hätten, erst die Ankunft der ersten Zionisten hätte das verändert. Bensoussan dazu: „Wenn man ohne eine Miene zu verziehen“ solches schreibt, „dann fegt man  mit einem Federstrich ein ganzes Korpus von Zeugenaussagen und Archiven hinweg.“ Der Autor weist daraufhin, dass in der europäischen Geschichtsschreibung fast nur vom transatlantischen Sklavenhandel (11 Millionen Opfer, die Rede ist, eher selten vom innerafrikanischen Sklavenhandel (14 Millionen Opfer) und dem arabisch-muslimischen Sklavenhandel (17 Millionen Opfer). Die Erwähnung des letzteren  müsse verschwiegen werden, so zitiert Bensoussan Christiane Taubira in der Zeitschrift „Express“, „weil um jeden Preis verhindert werden müsse, dass die jungen Araber(…) die ganze Last des Erbes der Missetaten der Araber tragen.“

Noch einmal lässt Bensoussan den bereits erwähnten Albert Memmi zu Wort kommen,der seine  1957 erfolgte Ankunft in Frankreich beschreibt: „Daraufhin erreichte ich also Frankreich und war mit dem Gerede konfrontiert, das in den Salons der Pariser Linken kursierte: Die Juden hätten immer in völligem Einvernehmen mit den Arabern gelebt.Man beglückte mich beinahe dazu, in einem Land geboren zu sein, wo der Rassismus, die Fremdenfeindlichkeit unbekannt waren. Ich musste lachen, ich hatte so viel dummes Zeug über Nordafrika gehört, das von den Leuten mit den besten Absichten ausging, dass ich darauf nicht besonders reagierte, das stimmt.Dieses Geschwätz begann mich zu beschäftigen, als es zu einem politischen Argument wurde, d.h.ab 1967. Die Araber hatten sich damals einfallen lassen, sich dieser Unwahrheit, die überdies auf einen sehr vorteilhaften Boden fiel, zu bedienen.“

Auch lässt der Autor die nationalsozialistische Propaganda noch einmal zu Wort kommen: „Die Feindseligkeit Mohammeds gegenüber den Juden hatte eine Konsequenz: Die Juden des Orients waren völlig gelähmt. Ihr Fundament war zerstört worden. Das Judentum des Orients hatte nicht wirklich Anteil am Machtzuwachs des europäischen Judentums im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte. Zurückgestoßen in den Schmutz der Gassen der Mellah haben die Juden ein elendes Leben geführt…..Wenn die übrige Welt eine ähnliche Politik verfolgt hätte, hätten wir heute keine Judenfrage(…)Als Religion hat der Islam der Welt einen ewigen Dienst erwiesen. … Dadurch wurde zahlreichen Völkern der Weg zu einer höheren Kultur eröffnet.“

Die Propaganda der Nazis in Bezug auf die Araber, dass die Alliierten im Auftrag zionistischer Juden kämpften, zeigte auch bei der „Voice of America“ Wirkung:

„Worte und Schriften müssen ganz aufrichtig von der Erkenntnis geleitet werden, dass zionistische Bestrebungen nicht erwähnt werden dürfen, insofern jeder ernsthafte Ausbruch antijüdischen Stimmung, der sich unter den arabischen Bevölkerungsteilen der Region ereignen könnte, Gefahr liefe, unserer Strategie im östlichen Mittelmeerraum schaden könne.“Diese Politik ging soweit, dass weder von einer „jüdischen Armee“ sein dürfe, noch„die Ausrottungder Juden in Europa“ erwähnt werden dürfe.

Wohl wahr ist, wenn der französische Autor am Ende feststellt, dass „das postkoloniale Bewusstsein, das in der arabisch-muslimischen Welt von heute die Figur der Unterdrückten sehen will, ist es schwer sich vorzustellen, dass rund um das Mittelmeer diese einst kolonisierte Welt schon lange vor der Ankunft der Europäer auch gleichbedeutend mit Knechtschaft und Sklaverei war. Gering an Zahl sind heute die arabischen Intellektuellen, die das zu sagen wagen, zu schreiben wagen, dass ihre Geschichte durch die Gewaltherrschaft gegenüber anderen Völkern gekennzeichnet ist.“

Ein lesenswertes Buch also, dass mit Mythen und interessengeleiteten Erzählungen aufräumt, ein Bulldozer, der in jüdisch-muslimischen Geschichtsschreibung ordentlich die Hindernisse falschen Wissens aus dem Weg räumt.

 

Georges Bensoussan: Die Juden der arabischen Welt-Die verbotene Frage, Leipzig 2019,192 Seiten, 19,90Euro

ISBN 978-3-95565-327-9

 

RuhrBarone-Logo

6 Kommentare zu “Buchvorstellung:  „Die Juden in der arabischen Welt“

  • #1
    discipulussenecae

    Ich habe das Buch noch nicht gelesen, werde es mir aber – gerade nach Lektüre obiger Besprechung – alsbald besorgen.

    Aber in einem Punkt stimme ich dem Rezensenten nicht zu: "Die Religion kam erst später ins Spiel, dann auch befeuert durch die christlichen Kreuzzüge, die ja Orgien in Blut und Gewalt waren, die das Klima zwischen Christen und Muslimen so richtig vergifteten."

    Auch da gibt es m. E. ein Narrativ, das Ursache und Wirkung verwechselt. Ein entscheidender Grund für den ersten Kreuzzug war, daß Kalif al-Hakim 1009 die Grabeskirche in Jerusalem abreißen ließ – also nichts weniger als die heiligste Kirche der Christenheit. Mann stelle sich vor, wie die muslimische Welt reagiert hätte, wenn ein christlicher Kaiser den Abriß der Kaaba in Mekka angeordnet hätte!

    Zuderm muß immer gesehen werden, daß die Araber den Mittelmeerraum auch nicht im Lotto gewonnen oder friedlich missioniert, sondern durch eine knallharte und brutale Kriegspolitik erobert haben.

    Somit bedarf auch die Erzählung des friedlichen Islam vs. brutale Christenheit einer dringenden Revision!

  • #2
    Thomas Weigle

    @discipulussenae Das mit der Kirche in Jerusalem hatte ich nicht auf dem Schirm. Sollte der Eindruck entstanden sein, dass ich an die Mär vom friedlichen Islam glaube, so kann ich nur sagen, dass mir nichts ferner liegt, siehe auch vorletzter Absatz. Allein schon die Tatsache, dass Jerusalem recht früh erobert wurde oder auch die Tatsache, dass schon Mitte des 8.Jahrhunderts bei Tours und Poitiers ein islamisches auftauchte, spricht deutlich dagegen. Was das angeht, so las ich vor vielen Jahren mal, dass das damalige Vordringen der Muslime bis in die Mitte des heutigen Frankreich, kein Eroberungsversuch gewesen sei, sondern eher so was wie ein touristischer Raubzug. Das schrieb ein europ. Historiker.
    Was die Kreuzzüge angeht, so denke ich nach wie vor, dass diese eine neue Epoche im Verhältnis Christenheit-Islam einläutete, einfach weil sie unglaublich brutal geführt wurden, v.a. zunächst von den sog. Kreuzrittern, die ja schon auf dem Weg nach Byzanz unglaubliche Gewalttaten auch gegen Christen begingen. Die Einnahme von Jerusalem war ja dann ein trauriger Höhepunkt, ein Gemetzel ohne gleichen.

  • #3
    discipulussenecae

    @ Thomas Weigle:

    Dann sind wir ja einer Meinung. Ich wollte auch in keiner Weise die Brutalität der christlichen Heere verniedlichen, sondern nur auf die im Abendland weit verbreitete Verniedlichung (vgl. Ihr Zitat!) der islamischen Expansion hinweisen.

    Zur Eroberung Jerusalems hat die neueste historische Quellenkritik herausgearbeitet, daß die Kreuzfahrer sich bestimmt nicht wie fromme Betschwestern aufgeführt haben. Jedoch haben die christlichen zeitgenössischen Historiker gern auf besonders blutrünstige Texte der alttestamentarischen Apokalyptik Bezug genommen, wenn sie das Geschehen beschrieben haben. Damit ließ sich der Sieg der Christen in einen eschatologischen Gesamtzusammenhang von göttlicher Vorsehung einordnen. So ist etwa die berühmte Beschreibung, daß die Kreuzritter bis zur Brust ihrer Pferde im Blut ritten, schon rein technisch gar nicht möglich.

    Die islamischen Chronisten haben diese Legenden dann aus entgegengesetzten Gründen gern übernommen und nach morgenländischer Art hier und da noch ein wenig ausgeschmückt.

  • #4
    thomas weigle

    @Discipulsenecae Was ich sehr bedaure ist, dass der WDR nun schon seit Jahrzehnten seine vorzügliche Serie über die Kreuzritter im Archiv verstauben lässt, statt sie mal wieder auf den Schirm zu bringen. Die lief so um 88/89 erstmals,wenn ich das recht erinnere.

  • #5
    nussknacker56

    Schade ist, dass diese Buchbesprechung von Thomas Weigle durch die gegenwärtige Corona-Krise noch mehr in den Hintergrund gedrängt wird, als dies durch das spezielle Thema ohnehin schon geschieht. Dabei findet man in dem Band von Georges Bensoussan den entscheidenden Schlüssel für das Verständnis des sogenannten Nahost-Konfliktes.

    Deutlich wird, dass eben nicht die von arabischer Seite vorgeschobenen Themen wie „Nakba“ oder die Staatsgründung Israels ursächlich sind, sondern der seit Jahrhunderten andauernde vollkommen rechtlose Status der jüdischen Bevölkerungsminderheit im arabischen Raum. Der einzige Ausweg war genau die Schaffung eines bürgerlichen Rechtstaates, der seinen Bürgern erstmals die ersehnte rechtliche Gleichstellung und vieles andere bietet, was für Europäer völlig selbstverständlich erscheint.

    Dass dies von einer großen Zahl von Nahostspezialisten (alleine in Deutschland über 80 Mio.) negiert wird, zeugt nicht von einem eventuell behebbaren Informationsdefizit, sondern von tiefsitzenden Ressentiments, die nicht einem Hauch von kritischer Reflektion ausgesetzt werden.

    Zum selben Thema zu empfehlen ist auch das Buch „Der zerrissene Faden“ von Nathan Weinstock, ça ira-Verlag, 2019.

  • #6

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.