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SPD und Grüne: Generalverdacht gegen Homosexuelle bei der Blutspende abschaffen!

Mit wem der ehemalige Besitzer dieses Blutes wohl in die Kiste steigt? Foto: (CC BY 2.0) flickr/ digiom

Mit wem der ehemalige Besitzer dieses Blutes wohl in die Kiste steigt? Foto: (CC BY 2.0) flickr/ digiom

Lieber kein Spenderblut als welches von Homosexuellen verwenden –  das ist der gesetzliche Status Quo in Deutschland. Selbst wenn sie in einer Jahrzehnte währenden, spießbürgerlichen Monogamie leben, gelten sie als Risikogruppe „MSM“ (Männer, die Sex mit Männern haben“). Damit sind Schwule sowohl von der Knochenmark- als auch von der Blutspende ausgeschlossen. Ihre einzige Chance, Gutes zu tun, ist es, im Fragebogen zu lügen. Zumindest bei der Blutspende könnte sich das ändern. Am Donnerstag wird im Landtag NRW ein Antrag von SPD und Grünen debattiert, der die Abschaffung des Generalsverdachts gegen Homosexuelle fordert.

Laut den Richtlinien der Bundesärztekammer dürfen Männer, die Sex mit Männern haben, kein Blut spenden. Diese stellten eine Risikogruppe dar, da schwule Männer häufiger an HIV erkrankten als heterosexuelle Männer. Was wie ein Argument aus den 80er Jahren klingt, als Schwule noch per se als promiskuitive Sexbesessene galten, ist auch im Jahr 2012 noch gängiger Standard. Schmuddel-Kinos, Dark Rooms, Glory Hohles, Barebacking – dass schwule Männer den ganz normalen Biedermeier leben können, ja, sogar heiraten wollen, ist in der Mainstream-Gesellschaft nur bedingt angekommen.

Heterosexuelle Männer können theoretisch jeden Tag unverhüteten Sex mit allen möglichen Frauen haben. Sie sind dennoch zur Spende berechtigt, anders als etwa ein seit 30 Jahren in fester Bindung mit einem Mann lebender Mann. Sexuelles Risikoverhalten spielt also keine Rolle. Darin erkennt Rot-Grün in NRW nun eine unzulässige Diskriminierung. In ihrem Antrag fordern sie, ebenjenes Risikoverhalten als ausschlaggebenden Faktor zu werten, und nicht die sexuelle Orientierung des potenziellen Spenders. Im Antrag heißt es:

Da das Empfangen von Blutspenden mit Risiken behaftet ist, muss das Risiko einer Infektion selbstverständlich so weit als möglich minimiert werden. Unstrittig ist, dass risikobehaftetes Sexualverhalten von Blutspendern, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Auswirkungen auf die Virussicherheit der aus der entsprechenden Spende hergestellten Blutprodukte haben kann. Aus den Daten des Robert Koch Instituts lässt sich ebenfalls ableiten, dass HIV-Neuinfektionen bei MSM im Vergleich zu heterosexuellen Männern ca. 100fach häufiger sind.

Dennoch arbeiten die derzeitigen Richtlinien mit einhergehenden Unterstellungen Diskriminierungen und Pauschalverurteilungen. Bis 2010 tauchten gar heterosexuelle Personen, mit häufig wechselnden Sexualpartnern oder ungeschützten Sexualpraktiken gar nicht im Fragebogen als Risikogruppe auf, während von Schwulen und Bisexuellen eine grundsätzliche Gefahr ausginge. Promiskuität wird generell vorausgesetzt, monogame Partnerschaften sind scheinbar nicht denkbar. Dabei leben rund die Hälfte aller homo- bzw. bisexuellen Männer in einer festen Partnerschaft ohne ständig wechselnde Sexpartner.

In den Jahren 2000 bis 2010 seien lediglich fünf HIV-Infektionen durch Bluttransfusion aufgetreten – nur zwei davon seien auf „MSM“ zurück zu führen. Der „undifferenzierte bzw. pauschale Ausschluss von MSM von der Blutspende“ stelle „homo- und bisexuelle Männer unter Generalverdacht einer möglichen HIV-Erkrankung, verstärkt Vorurteile und ist daher grob diskriminierend.“ Die Fraktionen fordern daher,

 1) dass es nicht von der sexuellen Orientierung abhängen darf, ob ein Spender in Frage kommt, sondern vom individuellen Risikoverhalten.

2) die bestehende Blutspende-Regelung, wonach homosexuelle Männer grundsätzlich von einer lebensrettenden Blutspende ausgeschlossen werden, aufzuheben.

3) den Generalverdacht über homosexuelle Männer zu beenden und eine diskriminierungsfreie Regelung zu schaffen, in der statt der sexuellen Orientierung das Risikoverhalten bei Spenden abgefragt wird und gegebenenfalls zum Ausschluss führt.

Angesichts der regelmäßigen alarmistischen Aufrufe der Blut- und Knochenmarkspende-Lobby erscheint es ohnehin als Farce, dass auf einen großen Teil der Gesellschaft einfach aufgrund längst überholter Klischees als Spender verzichtet werden kann. Entweder kann der Bedarf dann so groß nicht sein – denn auch Schwule müssten sich selbstverständlich vorher testen lassen – oder aber die homophoben Klischees von anno dunnemals sind zählebiger als erwartet. Mit dem Antrag hat Rot-Grün in NRW ein wichtiges Zeichen gesetzt. Die Union muss nun klare Stellung beziehen. Es ist immerhin Wahlkampf, und mit ihrem Nein zur steuerlichen Gleichstellung der Homoehe haben sich die Christdemokraten schon auf ihrem Parteitag zurück in die Provinz manövriert. Zu hoffen wäre, dass die Verantwortlichen zur Besinnung kommen. Zugunsten der Homosexuellen – und auch der Spendebedürftigen.

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10 Kommentare zu “SPD und Grüne: Generalverdacht gegen Homosexuelle bei der Blutspende abschaffen!

  • #1
    Jan

    In den 90ern wollten zwei Freunde von mir Blutspenden gehen. Beide gaben den Fragebogen ab, einer bekam eine Nadel in den Arm – und von der indiskreten Mitarbeiterin direkt ein paar überraschende Erkenntnisse über den anderen …

  • #2
    amo

    “Heterosexuelle Männer können theoretisch jeden Tag unverhüteten Sex mit allen möglichen Frauen haben. Sie sind dennoch zur Spende berechtigt.”

    Vollkommen falsch, Martin (Niewendick). @Jan#1. Es gibt schon in den 90zigern den anonymen Selbstausschluss, gerade wegen solchen Themen.
    Hast Du mal den Bogen bei einer Blutspende gelesen?
    Da wird wechselnde Sexaulkontakte abgefragt, genauso wie der “Besuch” bei Prostituierten. Ein Ausschlusskriterium.
    Mein Bruder wurde von der Blutspende wegen eines erhöhten Nachweiswertes für Hepatitis C infolge der Impfung als Zivi ausgeschlossen. Das Blut war ok, aber der Testaufwand zu hoch, daher ein genereller Ausschluss. Auch das finde ich ok.
    Ein genereller Ausschluss für MSM ist nicht ok, es sollte ein Restrisiko nicht überschritten werden. Wie aber das Robert-Koch-Insitut darlegt, liegt das Risiko bei MSM um den Faktor höher. Grob geesprochen bedeutet ein Wechsel des Sexualpartners bei MSM 100 Wechsel bei herosexuellen Männern.
    Daher kommen nur MSM mit streng monogamer Lebensweise in Frage. Auch Seitensprünge kommen in den “besten” Familien vor, nur ist das Risiko bei MSM 100mal höher.

  • Pingback: Links anne Ruhr (12.12.2012) » Pottblog

  • #4
    Demokrit

    “[…] Das Blut war ok, aber der Testaufwand zu hoch […]”
    Schlüsselwort “Testaufwand”. Wenn, aufgrund der Kosten, keine Gewähr garantiert werden kann, verstehe ich den Ausschluss. Egal von wem, das Blut kann nicht weniger, als “sauber” sein.

  • #5
    Helmut Junge

    Aus untem stehendem Link zwei Ausschlußgründe:

    “Als in den 80er Jahren zu Beginn des Ausbruchs der AIDS-Epidemie noch keine ausreichende Klarheit über die Verbreitung der HI-Viren über das menschliche Blut herrschte, kam es insbesondere bei auf längerfristige Bluttransfusionen angewiesenen Personengruppen (z.B. Bluter) zu tausenden von Infektionen durch HIV-kontaminierte Blutprodukte.”
    und weiter:

    “Es gilt eine allgemeine Altersobergrenze von 68 Jahren, wobei Erstspender höchstens 60 Jahre alt sein dürfen. Oberhalb dieser Altersgrenze ist Blutspenden ist medizinischen Gründen nicht mehr möglich.”

    http://www.blutspende-plasmaspende.de/zulassung-ausschluss/dauerhafte-ausschlusskriterien-fur-blutspender-welche-grunde-gibt-es-fur-den-ausschluss-vom-blutspenden/

  • #6
    amo

    zur Info Ausschluss (dauerhaft, temporär)
    (insbesondere der Punkt “Personen mit oft wechselnden Sexualpartnern” ist bei MSM wegen der erhöhten Ansteckungsgefahr viel sensibler).

    Dauerhaft. Dazu zählen u.a.:

    Personen mit oft wechselnden Sexualpartnern (insbesondere männliche und weibliche Prostituierte)
    Homosexuelle Männer
    Häftlinge
    Drogen-, Medikamenten- und Alkoholabhängige

    Temporär

    Reise in ein Malaria-Gebiet

    6 Monate nach Rückkehr (nicht nach Einreise) aus einem Malaria-Risikogebiet. Dabei spielt es keine Rolle, ob Medikamente zur Malariaprophylaxe eingenommen wurden oder nicht. Hier finden Sie eine Übersicht zu Malaria-Risikogebieten: Malaria Risiko nach Ländern.

    Impfungen

    Bei Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln und Tetanus (Impfung mit Tetagam) gilt eine Sperrfrist von 4 Wochen, bei eines Hepatitis B Impfung von 1 Woche. Impfungen gegen Diphterie, FSME (Zeckenschutzimpfung), Grippeschutzimpfung, Hepatitis A, Polio und Tetanus (Impfung mit Tetanol) stellen keinen Grund für eine Rückstellung dar. Dennoch sollten zwischen Impfung und Blutspende mindestens 2 Tage Abstand liegen, um Neben- und Wechselwirkungen auszuschließen.

    Neue Geschlechtspartner

    Um das Risiko von Infektionskrankheiten wie HIV zu vermindern, gilt bei neuen oder einmaligen Geschlechtspartnern eine Sperrfrist von 6 Monaten.

    Piercing, Tätowierung, Branding, Ohrlochstechen oder vergleichbare Eingriffe

    4 Monate

    Antibiotika

    14 Tage nach Absetzen der Antibiotika, jedoch mindestens 4 Wochen nachdem die Symptome abgeklungen sind

    Krankheiten

    4 Wochen: Fieber, Durchfall

    Operation

    Zwischen einer Woche und mehreren Monaten, je nach Schwere des Eingriffs, abhängig vom Ermessen des Arztes

    Schwangerschaft

    Mindestens 6 Monate nach der Entbindung

    Mindestgewicht, Mindestalter

    Unabhängig vom Gesundheitszustand gilt das gesetzliche Mindestalter von 18 Jahren sowie das Mindestgewicht von 50 Kilogramm

  • #7
    Demokrit

    @AMO und @Junge begründen mit Fakten. Wenn die Homoverbände Diskriminierung wittern, haben sie ein krudes Gleichbehandlungsverständnis.

  • #8
    Jan W.

    “Temporär
    […]
    Neue Geschlechtspartner
    Um das Risiko von Infektionskrankheiten wie HIV zu vermindern, gilt bei neuen oder einmaligen Geschlechtspartnern eine Sperrfrist von 6 Monaten.”
    Wenn man bei hetero- und homosexuellen potentiellen Spendern diese Gruppe aussiebt, ist das Risiko einer HIV-Infektion bereits bei beiden stark vermindert. Trotzdem sollten bei allen, die dieses Kriterium erfüllen, das Blut auf HIV, bzw. auf HIV-Antikörper untersucht werden, um die Sicherheit des Blutspendesystems zu gewährleisten. Der HIV-Antikörpertest ist 12 Wochen nach einem Risikokontakt bereits zuverlässig – kombiniert mit einer doppelt so langen Sperrfrist, ist das sicher.

  • #9
  • #10
    Demokrit

    @jiri

    “Liebe Deinen Nächsten”. Vielleicht nimmt das ein pathologische Psychopath wörtlich und ist bereit seine Krankheit mit seinen Mitmenschen zu teilen!

    Es wird doch wohl möglich sein ein preiswertes Verfahren zu entwickeln, um brutale Krankheitserreger nachzuweisen!

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