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COVID-19: „Ich hatte es und wußte es lange nicht“

Thomas Viell, 48, hatte COVID-19. (Foto: privat)
COVID-19 Corona-Virus Krankheit überlebt

Thomas Viell, 48, hatte COVID-19. (Foto: privat)

Thomas Viell hat es gehabt. Das Corona-Virus und die Krankheit. Und er hat es überstanden. Aber seine Geschichte ist unglaublich. Sie erzählt von Behörden-Wirrwarr, von föderalem Kompetenz-Labyrinth und von einer unglaublich langen Zeit, bis sein Testergebnis feststand. Das Protokoll einer COVID-19-Erkrankung mitten in Deutschland.

Thomas Viell, 48, ist Geschäftsführer eines mittelständischen, süddeutschen Maschinenbau-Unternehmens in der Kanalinspektionsbranche und dort in erster Linie für den internationalen Vertrieb verantwortlich. Er wohnt im Kreis Kleve in Nordrhein-Westfalen, hat aber aus beruflichen Gründen einen Zweitwohnsitz im Oberallgäu in Bayern.

Hier seine persönliche Corona-Geschichte:

„Ich habe am 21. März einen Test auf CORONA / COVID-19 gemacht, weil ich mich nicht gut fühlte, leichte Temperatur und ungewöhnlich starken Husten hatte. Dazu kamen mehr und mehr Gliederschmerzen und Kopfschmerzen. Der Test wurde am 1. April (!!!) positiv ausgewertet. Ich habe die Krankheit mit einem relativ milden bis mittleren Verlauf nun hinter mir. Das vorneweg.

Trotzdem ist die Geschichte, wie der Test und die Informationskette abgelaufen sind, schon fragwürdig und macht nachdenklich, ob die Zahlen, die wir so hören und lesen, auch wirklich stimmen.

21. März

Ein Arzt in voller Seuchenschutzmontur klingelt an der Türe. Ich öffne und berichte, wie es mir geht. Er sagt, ich müsse den notwendigen Rachenabstrich selbst manchen. Dafür legt er mir das Testkit auf den Boden und geht zwei Meter zurück. Ich mache den Abstrich ohne Schwierigkeiten und lege das Kit wieder auf den Boden zurück. Meine Krankenkassenkarte lege ich dazu. Ich mache zwei große Schritte zurück.

Der Arzt holt den Test und das Kärtchen, geht zum Auto, Kommt zurück und legt mir meine Krankenkassenkarte sowie die Schutzkleidung vor die Tür. „Bitte selber entsorgen. Das Ergebnis kommt Dienstag oder Mittwoch per Telefon“, waren die letzten Worte, die ich hörte.

22. März

Quarantäne, kein Anruf, kein Ergebnis. Fieber steigt, Husten wird mehr und mehr. Die Gliederschmerzen sind aber am schlimmsten. Wirklich heftig.

23. März

Quarantäne, kein Anruf, kein Ergebnis. Weiter Fieber, Husten, Gliederschmerzen etc.

24. März

Quarantäne, kein Anruf, kein Ergebnis. Symptome bleiben.

25. März

Quarantäne, ich versuche meinen Hausarzt zu kontaktieren, vielleicht weiß er ja was: leider nein. Heute geht’s mir echt dreckig.

26. März

Quarantäne, kein Anruf, kein Ergebnis vergebliche Versuche über den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter Telefon 116117 etwas zu erfahren. Keine Info. Die Symptome lassen etwas nach.

27. März

Quarantäne, kein Anruf, kein Ergebnis. Fieber geht runter. Die anderen Symptome bleiben. Ich bekomme den Tipp, dass ich beim Gesundheitsamt anrufen soll. Leider zu spät, die haben schon Feierabend.

28. März

Quarantäne, kein Anruf, kein Ergebnis. Ich habe jetzt drei Durchwahlen vom Gesundheitsamt in Sonthofen. Also mache ich Telefonterror. Nach 35 oder 40 Versuchen geht jemand ran. Dort wurde mir dann gesagt, dass der Test von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern durchgeführt wird. Die würden sich aber NUR bei einem positiven Ergebnis melden. Ich könne also davon ausgehen, dass ich negativ getestet wurde, die Quarantäne sei damit aufgehoben.

OK, es geht mir deutlich besser, nur die Gliederschmerzen sind immer noch da und der Husten.

29. März

Es war ja kein Corona, trotzdem bleibe ich noch daheim.

31. März

Ich geh zu meinem Hausarzt, muss ja noch die Krankmeldung abholen. Der hat sofort das komplette Programm gefahren und unter Schutzmaßnahmen Lungenfunktionstest, Blutabnahme und Allergietest gemacht. Das Ergebnis: allergisches Asthma auf Frühblüher…. also kein CORONA! Ein Spray und Tabletten sollen helfen.

1. April

Ich fühle mich gut, bis auf den Husten und leichte Gliederschmerzen, also kann ich ja auch wieder arbeiten und fahre ins Büro.

2. April

Um 08:10 Uhr ruft meine Hausarztpraxis an. „Sie hatten eine Influenza, das konnten wir an den Entzündungswerten und Antikörpern im Blut feststellen.“ Gut, war also kein CORONA.

Um 14:00 Uhr erreicht mich dann aber der Anruf vom Gesundheitsamt meiner Heimatstadt aus Nordrhein-Westfalen. Man fragt, wo ich denn sei und warum ich in Bayern wäre. Ich erkläre, dass ich hier arbeite und die letzten Wochen eben hier verbracht habe. Ich will wissen, warum denn der Anruf jetzt kommt, schließlich bin ich ja negativ getestet.

Nein, sagt man mir, das Ergebnis ist COVID-19 POSITIV. Nach elf (!!) Tagen bekomme ich diesen Anruf.

Nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt in Kleve haben die tatsächlich den Laborbericht meines Tests erst am 1. April um 18:40 Uhr per Telefax bekommen (willkommen in der digitalen Welt!). Der Test hat also im Labor so lange gedauert. Für mich unverständlich und fragwürdig.

Meine Quarantäne wird bis zum 9. April verlängert, na Klasse! Warum eigentlich? Ich wurde am 21. März getestet, bis zum 9. April sind es fast drei Wochen.

3. April

Ich muss aufschreiben, mit wem ich vor der Erkrankung Kontakt hatte. fülle die Kontaktliste aus und schicke sie per email ans Gesundheitsamt in meiner Heimatstadt, eine Kopie sende ich vorsichtshalber mal an das Gesundheitsamt in Sonthofen.

Eine Ärztin aus Kleve ruft mich an und wir besprechen den Krankheitsverlauf. Sie ist der Meinung, 9. April wäre zu lang und ändert die Ordnungsverfügung ab. Neues Enddatum: 5. April.

4. April

Das Gesundheitsamt München (!!) ruft mich an. Der Herr will wissen, mit wem ich in München Kontakt hatte. Es war nicht einfach ihm zu erklären, dass ich seit über einem Jahr nicht mehr in München war. Ich schicke ihm meine Kontaktliste nochmals per E-Mail zu. Nachdem er sich die Namen/Adressen angesehen hat, stellt er fest, dass er nicht zuständig ist, aber er würde es nach Sonthofen weiterleiten.

5. April

Heute endet meine Quarantäne. Ich habe mit den Gesundheitsämtern in Kleve und München telefoniert. Sonthofen hat sich bisher nicht gemeldet.

Mein Fazit:

Wir haben wahrscheinlich das beste Gesundheitssystem der Welt, die meisten Intensivbetten, die meisten Beatmungsgeräte, aber das schlechteste Kommunikationssystem der Welt.

Wie kann es sein, dass ein Test erst nach elf Tagen ausgewertet wird?

Wie kann es sein, dass im digitalen Zeitalter die Ergebnisse per Fax übermittelt werden?

Wie kann es sein, dass mich das eigentlich zuständige Gesundheitsamt bis heute noch nicht angerufen hat?

Es bleiben viele Fragen.

Ich aber habe es hinter mir, habe es gut überstanden. Bin wieder gesund geworden, bevor das Amt überhaupt gemerkt hat, dass ich krank bin.“

 

Wie er sich infiziert hat, weiß Thomas Viell bis heute nicht. Weil er kurz vor den ersten Krankheitssymptomen ein paar ruhige Tage zu Hause verbracht hatte, waren seine einzigen näheren Kontaktpersonen seine Frau und ein Kollege. Beide sind bisher nicht getestet worden, obwohl Thomas Viell sie in seiner Kontaktliste aufgeführt hat. Jetzt macht ein Test nach nunmehr über drei Wochen auch keinen Sinn mehr.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “COVID-19: „Ich hatte es und wußte es lange nicht“

  • #1
    ke

    Es ist einfach ein strukturelles Versagen bei der Seuchenbekämpfung. Die Vorgänge sind sicherlich besonders unglücklich gelaufen, offenbaren aber die abenteuerlichen Strukturen, die auch schon in anderen Bereichen fassungslos dokumentiert wurden.
    Hier muss natürlich einerseits die Verantwortung für die strukturellen Versäumnisse gesucht werden und andererseits die fehlende Vorbereitung als klar war, dass das Virus international wird.
    Auch heute könnte man ja mit Personaleinsatz und 08/15 IT die Wege beschleunigen.

    Je mehr Details ans Licht kommen werden, desto unverständlicher wird, wieso so viele unsere Verantwortlichen aktuell feiern.
    Handel, Internet, Energie etc. funktionieren.
    Nur die Medizin ist nicht in der Lage, für 4 Wochen Schutzausrüstung auf Vorrat zu haben?

    Das RKI beklagt die fehlende Digitalisierung des Gesundheitswesens. Man sieht auch schön an den RKI Zahlen, dass die Daten teilweise Tage nach dem Stichtag (Positiver Befund) noch nachgetragen werden müssen.

    Wie soll auf Basis dieser Zahlen entschieden werden, wann dieser Zustand aufhört? Wir blicken immer viele Tage zurück und an Stichproben für die Dunkelziffer wird erst jetzt gedacht.

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