Corona: Wissenschaftler warnen vor schnellen Lockerungen

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig Foto: TeWeBs Lizenz: CC BY-SA 3.0

Sowohl die Leopoldina als auch die Macher der Heinsberg-Studie aus NRW sprachen sich in den vergangenen Tagen in von Politprosa bestimmten Texten für den Einstieg in den Ausstieg des Shutdowns aus. Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung aus Osnabrück. Die in der Öffentlichkeit wenig beachteten, jedoch schon am 8. April in der wissenschaftlichen Community veröffentlichten  Ergebnisse zur Berechnung der Verbreitung des Coronavirus lassen die Forscher zu dem Schluss kommen, noch nicht mit Lockerungen des Shutdowns zu beginnen.  Derzeit, schreiben die Forscher in einer Mitteilung, würden  sich die Forderungen, die seit Mitte März verordneten Einschränkungen im sozialen Leben zu lockern. mehren.

Wissenschaftler um den Physiker Prof. Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung Systemimmunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, beschreiben eine Methode, um die Effekte quantitativ zu messen und so den Entscheidungsträgern in der Politik eine Grundlage für die Bewertung der Lage zu geben.

Eine entscheidende Größe in der Beschreibung der Ausbreitung eines infektiösen Krankheitserregers sei dabei  die Reproduktionszahl. Die Basisreproduktionszahl gäbe an, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Sie sei ein wichtiger Indikator dafür, wie schnell sich eine Epidemie ausweitet.

Meyer-Hermann und seine Kollegen errechneten nun eine zeitabhängige Reproduktionszahl von SARS-CoV-2 für verschiedene, überlappende Zeitfenster des bisherigen Epidemieverlaufs. Sie haben dafür ein klassisches Model aus der mathematischen Epidemiologie um SARS-CoV-2-spezifische Komponenten erweitert, um die Ausbreitung des Erregers präziser zu beschreiben. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die zeitabhängige Reproduktionszahl des Virus seit der Einführung der Restriktionen in allen Bundesländern deutlich gesunken ist.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung konvergieren die Werte für alle Länder in Richtung eines Wertes von 1. „Unsere Daten deuten jedoch auch an, dass das kein Plateau ist“, sagt Meyer-Hermann. „Der Wert ist seit der Fertigstellung des Manuskripts in den letzten drei Tagen weiter gesunken, und diese Tendenz scheint anzuhalten.“ Das heißt, bei den derzeitigen Bedingungen des sozialen Lebens kann sich die Ausbreitung weiter verlangsamen.

Meyer-Hermann und seine Mitarbeiter haben zudem Angaben zur Anzahl stationär aufgenommener und intensivmedizinisch betreuter Patienten in ihr Model integriert, sodass sie die Belastung für das deutsche Gesundheitssystem in verschiedenen Ausbreitungsszenarien vorhersagen können. Bei einer Reproduktionszahl von 1, wie sie derzeit in den meisten Bundesländern erreicht ist, wären deutschlandweit auf ein ganzes Jahr dauerhaft Intensivbetten in der Größenordnung von zehntausend mit COVID-19-Patienten belegt. Laut Meyer-Hermann könne das Gesundheitssystem diese Situation gerade so verkraften, bei dieser Rate wäre jedoch nach einem Jahr nur etwa ein Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert worden. „Eine Immunisierung der gesamten Bevölkerung ist unter Einhaltung der Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu erreichen“, betont Meyer-Hermann. Stiege die zeitabhängige Reproduktionszahl des Virus wieder auf ihren Wert von vor einer Woche oder vor zehn Tagen, läge die Zahl der Intensivpatienten innerhalb weniger Monate in den Hunderttausenden und das Gesundheitssystem wäre komplett überfordert.

Gelänge es dagegen, die Reproduktionszahl auf Werte deutlich unter 1 zu senken, wäre die Ausbreitung des Virus nach den Berechnungen der Braunschweiger Infektionsforscher innerhalb von ein bis zwei Monaten gestoppt. Aus ihrer Sicht ist daher zu überlegen, ob die Einschränkungen im sozialen Leben kurzfristig sogar noch verstärkt werden sollten, um die Ausbreitung weiter zu verlangsamen. „Je weiter wir die Reproduktionszahl absenken können, desto schneller ist die Notsituation vorbei, was vielleicht sogar für strengere Maßnahmen spricht“, sagt Michael Meyer-Hermann. Es sei auch gar nicht klar, ob eine Lockerung der Maßnahmen aus wirtschaftlicher Sicht nicht schlimmer wäre, weil dies den Kampf gegen das Virus verlängert. „Wir brauchten die offiziell verordneten Einschränkungen, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Gefahr durch die Epidemie zu lenken. Sie jetzt zu lockern, ist zu diesem Zeitpunkt das falsche Signal“, sagt Meyer-Hermann.

Auch Wissenschaftler aus dem nichtmedizinischen Bereich warnen vor einer zu schnellen Rücknahme der Einschränkungen. Das  Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) Spricht sich dafür aus, die Einschränkungen noch eine Weile aufrecht zu erhalten. Sie warnen vor den wirtschaftlichen Folgen einer zu schnellen Lockerung: „Am Ende zählt die Gesamtdauer der Betriebsunterbrechungen. Wenn jetzt für zwei Wochen alles wiedereröffnet wird, um dann wieder für zwei Monate schließen zu müssen, ist nichts gewonnen.“ Die Welt fasst in einem Artikel die Ergebnisse der Stiftung zusammen: „Grobe Simulationsrechnungen des IMK mit verbreiteten epidemiologischen Modellen zeigen, dass sich nach einer Lockerung innerhalb von wenigen Wochen wieder ein exponentielles Infektionswachstum einstellen könnte, wenn nicht gleichzeitig die Reproduktionsrate deutlich und nachhaltig gesenkt wird. Die Eckpunkte für eine Öffnungsstrategie müssten „in den allernächsten Tagen klar und praktisch umsetzbar kommuniziert werden“, wenn eine Lockerung Anfang Mai beginnen solle. „

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6 Kommentare

  1. #1 | C. Karpus sagt am 14. April 2020 um 18:17 Uhr

    Heute werden wir in Deutschland offiziell mehr Tote durch COVID-19 haben, als China.

    Ein Grund innezuhalten und zu überlegen, wie es weiter gehen soll.

    Sind wir in unseren westlichen Gesellschaften wirklich nicht in der Lage, den Virus zu stoppen?

    Worin unterscheiden sich die Maßnahmen in China von denen in den westlichen Staaten?

    Waren die Maßnahmen in Italien und Spanien weniger einschneidend als die in China, waren sie weniger autoritär?

    Wenn ein sozial benachteiligter Afroamerikaner in Chicago oder New York wählen könnte, würde er jetzt mit einem sozial benachteiligten Chinesen in Wuhan tauschen wollen?

    Die Argumentationen der Helmholtz-Wissenschaftler und des IMK sollten bei den Entscheidungen, die morgen getroffen werden, ernsthaft in Betracht gezogen werden. Ich glaube, dass unsere offenen Gesellschaften die aktuellen Herausforderungen eigentlich bewältigen können. Hier vorzeitig die Flinte ins Korn zu werfen, wäre aus meiner Sicht ein Armutszeugnis.

    Die aktuelle Situation zeigt recht deutlich, dass in Krisenzeiten eine reine Marktwirtschaft, die nicht auch dezidiert sozial ausgerichtet ist, klar im Nachteil ist. Meine Befürchtung ist jedoch, dass wie nach 2008 die Lehren aus der Krise nicht gezogen werden, bzw. wenn sie gezogen werden, diese in ein paar Jahren wieder vergessen werden.

  2. #2 | ke sagt am 14. April 2020 um 19:51 Uhr

    Ich finde die Argumentation wenig überzeugend. Es geht final darum, die Anzahl der Neuinfektionen zu beschränken. Daran hängt (zeitversetzt) alles.

    Das Virus wird immer wieder ausbrechen. Wieso hier ein längerer Shutdown helfen soll, erschließt sich mir nicht.

    Wir werden unter massiven Einschränkungen mit dauerhaften Anit-Virus-Massnahmen leben müssen. Das ist aber eben nicht mit dem aktuellen Zustand zu verbinden. Die einzelnen Massnahmen sind nicht modellierbar. Dafür fehlen die Werte.

    Es geht also darum , sehr schnell auf Veränderungen zu reagieren. Diese Situation werden wir in den nächsten Monaten beibehalten, egal wie stark wir die Grundrechte einschränken.

    Gut, wir haben das Pech, dass unsere Verwaltung einfach extrem wenig von schnellen und schlanken Prozessen versteht.

  3. #3 | Helmut Junge sagt am 14. April 2020 um 22:21 Uhr

    @C. Karpus "Worin unterscheiden sich die Maßnahmen in China von denen in den westlichen Staaten?"
    Zunächst hat die chinesische Führung die Seuche ignoriert, aber als sie dies davon ausgehende Gefährdung begriffen hatte, hat sie sofort die Stadt Wuhan und etwas später die gesamte Provinz Hubei abgeriegelt.
    Und bei uns?
    Wäre Heinsberg sofort abgeriegelt worden, statt Einzelpersonen unter Quarantäne zu stecken, was weiß ich was dann geschehen wäre. Zu dem damaligen Zeitpunkt wäre das Absperren eines Bezirks politisch kaum durchsetzbar gewesen. Wenn die zweite Welle kommt, wird das aber wohl möglich sein. Hoffe ich wenigstens. Denn zuletzt hat man das ganze Land absperren müssen. Das kann manwirklich lernen. Schnell, aber unpopulär handeln, damit später nichts Schlimmeres angeordnet werden muß. Bis zum Herbst wird das noch nicht vergessen sein. Ich bin aber froh, daß trotz dieses Fehlers die Seuche bei uns in Deutschland bisher noch relativ glimpflich auszugehen scheint.
    In Italien hat man gewartet, bis die gesamte Toskanainfiziert war. Dann hat man das ganze riesige Gebiet absperren wollen. Aber das ging nicht. Zu spät.

  4. #4 | Angelika sagt am 15. April 2020 um 09:52 Uhr

    Leseempfehlung:

    Ein Artikel (s. link) von Prof. Paul Robert Vogt, der sich zwar in einigen Teilen auf die Schweiz konzentriert, aber m.E. auch allgemein sehr interessant ist. Denn die Schweiz war ebenso wenig gut vorbereitet wie Deutschland und andere Länder (und das obwohl noch Zeit war). Vogt hat Verbindungen (med.) zu Wuhan. Er ist ein Kenner der Lage in China (med.). Der Artikel ist lang, aber die Zeit lohnt sich, finde ich.

    https://www.mittellaendische.ch/2020/04/07/covid-19-eine-zwischenbilanz-oder-eine-analyse-der-moral-der-medizinischen-fakten-sowie-der-aktuellen-und-zukünftigen-politischen-entscheidungen/

  5. #5 | C. Karpus sagt am 15. April 2020 um 11:58 Uhr

    @Angelika

    Der Artikel von Dr. Vogt ist das beste was ich zum Thema gelesen habe. Er bestätigt viele meiner Vermutungen und klärt einige Fragen, die ich mir gestellt habe, wie z. B. ob die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus mutiert mit der Anzahl der Infizierten erhöht. Auf den ersten Blick erscheint mir das logisch. Daher habe ich mich gewundert, dass dies bisher nirgendwo als Argument gegen eine Herdenimmunisierung angeführt worden ist. Dass Dr. Vogt diese Gefahr auch so sieht ist alarmierend, da somit die Gefahr besteht, dass mit den geplanten Lockerungen dem Virus die Möglichkeit geben wird sich wie ein Chamäleon anzupassen.

  6. #6 | Wolfram Obermanns sagt am 15. April 2020 um 15:06 Uhr

    Der Beitrag von Prof. Dr. Vogt scheint auch mir neben seiner Polemik gegen die Defizite des schweizerischen Gesundheitssystems eine der umfassendsten Zusammenfassungen zum aktuellen Kenntnisstand zu sein.
    Daß in der Schweiz nicht alles Gold ist was glänzt wissen wir seit der BSE-Krise, da war das Alpenland der europäische Hotspot neben GB.

    Hätte Vogt aber noch darauf hingewiesen, daß Peng Zhou ausdrücklich die verbotenen aber geduldeten und inzwischen wieder geöffneten Schlachtmärkte (wet market) als wahrscheinlichste Verbreitungsquelle benannt hat, wäre der Beitrag vollständiger.
    Auch ist der Tod von Li Wenliang nicht einfach eine Tragödie, sondern das Ergebnis chinesischer Gesundheitspolitik, die mindestens 6 Wochen lang den Trump gemacht hat.
    Wir wissen inzwischen, dass es zwischen dem 12. Dezember und dem Ende des Monats 104 Fälle der neuen Krankheit mit vier Toten gab. Warum vertrat China am 31. Dezember offiziell die Aussage, es gebe «keine klaren Beweise» für eine Übertragung von Mensch zu Mensch? Und warum wurde diese offizielle Richtlinie bis zum 20. Januar nicht geändert?
    Und wieso mußte Taiwan am 31.12. ein Flugverbot erlassen, wenn die vorbildliche(?) chinesische Regierung gegen die Empfehlung der WHO (aufgrund welcher und wessen Informationen?) erst im Januar Flüge aus Hubei ins übrige China aber nicht in die übrige Welt untersagte?

    Nicht alle Seuchen kommen aus China, aber SarsCov II kommt nach Ansage aus Wuhan.
    Man kann die Politik des eigenen demokratischen Landes kritisieren, man kann auch die Politik fremder Länder kritisieren ohne rassistisch zu werden und man kann die Regierung fremder Länder beurteilen ohne ihnen in den Arsch zu kriechen – wenn man unabhängig von deren Diktatur ist.

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