Critical Whiteness: Bin ich weiß?

Demonstrantin auf einer Black-Lives-Matter-Demo in Rotterdam | Quelle: Wikipedia | Lizenz: Gemeinfrei

Immer wenn von weißen Menschen die Rede ist, frage ich mich, ob ich weiß bin. Ich weiß es wirklich nicht. Geht es nach Critical Whiteness ist die Frage aber ziemlich wichtig. In letzter Konsequenz soll sie bestimmen, was ich sagen darf und was nicht. Mitunter auch, was ich denken darf oder woran ich zu denken habe. Dabei soll Critical Whiteness Menschen mit Migrationsgeschichte doch empowern. Warum funktioniert das bei mir nicht? Etwa weil ich weiß bin? Nur: Bin ich das wirklich? Und wer entscheidet das?

Wenn wir über Diskriminierung und Privilegien sprechen, dann sprechen wir fast zwangsläufig über Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. In der Critical Whiteness ist etwa die Rede von weißen und Schwarzen Menschen oder von PoCs (Persons of Color). Unklar ist, was damit genau gemeint ist. Wer sich nicht näher mit dem Thema befasst, der kann schon beim Sprechen und Schreiben darüber ins Fettnäppfchen treten. Das sehen wir zum Beispiel daran, dass wir Schwarze Menschen groß zu schreiben haben, da es sich dabei nicht um eine äußere Beschreibung, sondern um einen Eigennamen handelt. Wer also ist eine PoC und wer nicht und was steckt dahinter?

Identitätspolitik kann ohne Fremdzuschreibungen nicht existieren

Für die meisten Menschen liegt die Antwort vermutlich auf der Hand und lautet in etwa so: „Entweder du bist weiß oder du bist es nicht.“ Tatsächlich geht es in der Debatte aber nicht primär um Hautfarbe, sondern um Erfahrungen, die Menschen in einer Gesellschaft machen, in der Weißsein die (konstruierte) Norm ist. Dass das so ist, erkennen wir daran, dass wir eben nicht sagen „entweder du bist schwarz oder du bist es nicht“. Unser Referenzpunkt sind weiße Menschen. Wenn wir an einen Mann denken, denken wir daher in der Regel nicht an einen afrikanischstämmigen Mann, sondern an einen Mann mit heller Hautfarbe, etwa in Jeans und T-Shirt. Auf diesen Umstand macht Critical Whiteness aufmerksam. Soweit so gut.

Nun gibt es zwischen Schwarz und Weiß als Hautfarbe eine Vielzahl an Nuancen und auch Erfahrungen sind erstens nicht gleich und werden zweitens von uns unterschiedlich interpretiert. Was Bob als diskriminierend wahrnimmt, fällt Alice gar nicht auf. Erfahrungen sind subjektiv und zwar auch dann, wenn sie uns persönlich als Wirklichkeit erscheinen und entsprechend auf uns einwirken. Im Sinne der Identitätspolitik und im Speziellen der Critical Whiteness schließen Angehörige einer Minderheit sich zusammen, um kollektiv auf ihre Erfahrungen in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Damit stellen sie einem kollektiven Bewusstsein (Wir Deutsche oder Wir Weiße) ein anderes kollektives Bewusstsein gegenüber (Wir PoCs). Unterschiede werden notwendigerweise betont, um die oftmals verdeckte Norm des Weißseins überhaupt hervorheben zu können.

Ich persönlich finde das paradox: Um eine konstruierte Norm aufzubrechen (Weißsein), dekonstruiert man sie und bedient sich dabei den selben Merkmalen (Hautfarbe, Herkunft), die der Konstruktion zugrundeliegen. Bei anderer Betrachtung ergibt das allerdings Sinn: Wenn wir nicht jede subjektive Erfahrung zu einer objektiven Wahrheit erheben wollen, dann müssen wir uns auf real existierende, also objektivierbare, Merkmale wie Hautfarbe oder ethnische Herkunft stützen. Wir landen dann gezwungenermaßen bei Zuschreibungen nach der Form: Dieser Mensch hat eine dunkle Hautfarbe, also sind seine Diskriminierungserfahrungen glaubwürdig, also ist er PoC. Identitätspolitik kann ohne solche Zuschreibungen gar nicht existieren, da ihr Fokus nun einmal auf Partikularinteressen und damit auf der Abgrenzung vom „Anderen“ liegt. Damit die Zuschreibung breite Akzeptanz findet, muss sie notwendigerweise auch fremdzugeschrieben werden können. Sie muss für möglichst viele Menschen Sinn ergeben und das tut sie am ehesten, wenn sie an sichtbare oder „messbare“ Merkmale geknüpft ist.

Wenn nun aber jeder Mensch rassistische Diskriminierung für sich beanspruchen könnte, etwa weil daran eine Quotenregelung geknüpft ist, dann ginge die besondere Situation von Minderheiten in der Debatte wieder verloren. Und genau das möchte man durch Identitätspolitik vermeiden. Man möchte, dass wir einen Unterschied zwischen der Situation „der Arbeiterklasse“ und der von „Schwarzen LGBT“ sehen. Dahinter kann allerdings nur die These stehen, dass Letztere es in jedem Fall schwerer haben, was an sich schon zweifelhaft ist. Hinzu kommt, dass die Zuschreibung bei Critical Whiteness auf eine Ethnisierung hinausläuft. Für mich wirft das natürlich die Frage auf, ob ich weiß bin. Wer zieht da wo die Grenze?

Chancengerechtigkeit für alle oder geschicktes Agenda-Setting?

Je mehr Raum Identitätspolitik und Critical Whiteness in der Anti-Rassismus-Debatte einnehmen, desto wichtiger wird auch die Frage, wer zur Minderheit der PoCs gehört oder gehören darf. Die Frage, ob asiatischstämmige US-Amerikaner PoCs sind, wird in den USA viel diskutiert. Mitunter habe ich den Eindruck, dass hier auch Felle verteilt werden. Für einen Menschen, der Diskriminierung erfährt, ist die Erfahrung schließlich nicht weniger schlimm, nur weil er sich nicht als PoC identifiziert oder von anderen Menschen so gesehen wird. Ganz realistisch gesehen, lohnt es sich sogar, sich wenn möglich als PoC zu identifizieren. Denn so landen die eigenen negativen Erfahrungen in Form der kollektivierten Diskriminierungserfahrung auf der medialen und politischen Agenda. Ein abgehängter, von seinen Eltern misshandelter alter weißer Mann, dessen Probleme von der Gesellschaft strukturell vernachlässigt werden, steht hingegen ziemlich allein da. Mitunter darf er sich von übereifrigen „Antirassistinnen“ auch noch kollektiv beleidigen lassen.

Wo die ethnische Herkunft also Zugang zu einem privilegierten Diskriminierungserleben erlaubt, führt sie auf der anderen Seite zu einer Pflicht für all diejenigen, die nicht in die Kategorie der PoC fallen. Ihr Diskriminierungserleben (zum Beispiel aufgrund des Alters) bekommt weit weniger Aufmerksamkeit; gleichzeitig haben sie gegenüber anderen Diskriminierten eine Bringschuld, der sie sich aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, wenn es nach Critical Whiteness geht, nicht entziehen dürfen. Eine der Kernauffassungen der Critical Whiteness ist etwa, dass Weiße die Pflicht haben, sich ihrer Privilegien bewusst zu werden, um verdeckte Normen und Machtverhältnisse nicht zu reproduzieren. Weiße Menschen sollen ihre durch ihr Weißsein gewonnenen Privilegien nicht einfach als selbstverständlich ansehen, sondern ihre weiße Identität und die damit verbundenen (in der Regel positiven) Erfahrungen hinterfragen. Auf diese Weise sollen die konstruierte Norm des Weißseins und die damit verbundenen Privilegien aufgedeckt werden. Wer das nicht tut, reproduziere letztlich auch rassistische Machtverhältnisse.

Damit dringt Critical Whiteness tief ins Private vor. Zwar motiviert sie uns, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen, was ich gut finde. Sie führt allerdings auch dazu, dass Menschen in Gruppenzugehörigkeiten denken und sich in einen Symbolismus und Denkverbote hineinsteigern, die großes Unbehagen in mir auslösen. Sie posten etwa schwarze Rechtecke und bitten öffentlich für ihre Handlungen und für ihre Gedanken (!) oder ihr Nichtinteresse am Thema um Entschuldigung. Dem entgegne ich: Es gibt keine Pflicht, sich für Rassismus zu interessieren und es gibt auch keine Pflicht, sich ständig die eigenen Privilegien vor Augen zu führen. Dass die Erwartungshaltung einiger Debattierender eine andere ist, erkennt man unter anderem an Aussagen wie diesen: „Einige Menschen in meinem Bekanntenkreis haben sich nicht bei mir gemeldet, obwohl ihnen bewusst sein musste, was dieser Tod [Anm. d. Verfassers: George Floyd] für mich bedeutet.“ So schmerzhaft die Erfahrung auch ist – solche Aussagen lassen tief blicken. Das ist, als würde ich bei jedem Terroranschlag in Nordafrika Kondolenzschreiben aus meinem Bekanntenkreis erwarten. Geht es hier also noch um Chancengerechtigkeit und Freiheit von Diskriminierungserleben für alle oder darum, die negativen Erfahrungen der eigenen Gruppe möglichst prominent im Diskurs zu platzieren?

„Dir gefällt das nicht, weil du weiß bist“

Wenn ich über diese Dinge nachdenke, erscheinen mir sogleich die Stimmen, die sagen: Natürlich löst das alles Unbehagen in dir aus, du bist schließlich weiß. Ich weiß, dass Menschen mit dunklerer Hautfarbe das hier lesen werden und vielleicht werden es einige als Affront sehen oder es wird sie verletzen. Ich bin nun einmal recht hell und kann in der Masse gut untergehen. Andere können das nicht und das ist mir bewusst. Es ändert aber nichts daran, dass ich Diskriminierung erfahren habe, die allerdings – und das ist mir wichtig zu betonen – eben nicht immer eindeutig rassistisch oder muslimfeindlich war. Mit inzwischen über 30 Jahren kann ich sagen, dass man ständig und in allem Möglichen diskriminiert wird. Darf ich mir die Frage also überhaupt erlauben, ob ich PoC bin? Und wenn ich das darf: Darf ich mir die Frage deshalb erlauben, weil ich marokkanischstämmig bin oder darf ich sie mir erlauben, weil ich Diskriminierungserfahrungen beanspruche? Wer prüft das nach? Darf ich einfach behaupten, ich würde in Deutschland ständig aufgrund meiner Herkunft diskriminiert und deshalb mit stolzer Brust verkünden: Ich bin PoC? Da könnte ja jeder kommen.

Ich persönlich habe große Schwierigkeiten damit, mich überhaupt irgendeiner Gruppe zuzuordnen. Noch größere Schwierigkeiten habe ich, wenn andere Menschen mich irgendwo einsortieren und zwar gerade dann, wenn sie meinen, mich schützen oder empowern zu müssen. Weniges empfinde ich als herablassender. Ich habe aber den Eindruck, dass genau das passiert. Dass da draußen ganz eifrige „Antirassisten“ herumlaufen und, wenn nicht öffentlich, dann zumindest im Stillen für sich selbst entscheiden: „Der Typ ist nicht so schlimm dran, seine Haut ist noch zu hell, aber irgendwie ist er ja auch ein Araber, der hat es sicher auch ein wenig schwer.“ Wer dazu einlädt, ethnische Herkunft zu betonen, um auf Rassismus aufmerksam zu machen, der ermuntert uns, so zu denken. Man mag sich einreden, die Kontrolle darüber zu haben, also selbst entscheiden zu können, ob man PoC ist oder nicht. Aber seien wir ehrlich: Je dunkler man ist, desto glaubhafter werden die Geschichten und genau nach diesem Muster werden sie bewertet.

Ich weiß also nicht, ob ich weiß bin, und eigentlich ist es mir auch egal. Ich vermute aber, dass Menschen mich anschauen und darüber nachdenken, ob ich weiß genug oder eben nicht weiß genug bin. Das stört mich enorm. Was mich aber am meisten stört, ist, dass Identitätspolitik, die sich zwangsläufig auf Zuschreibungen stützen muss, selbst blinde Flecken erzeugt. Es gilt eben nicht zwingend, dass PoCs weniger privilegiert sind als weiße Menschen. Es gibt in dieser Gesellschaft viele Schwarze Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund, die privilegierter sind als weiße Menschen. Mir fällt kein Argument ein, den einen mehr zuzuhören als den anderen.

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27 Kommentare

  1. #1 | Angelika sagt am 22. Juni 2020 um 11:28 Uhr

    Ein hervorragende Zusammenfassung und Bewertung der aktuellen „Anti-Diskriminierungs- bzw. „Rassismusdebatte“!

  2. #2 | Thomas sagt am 22. Juni 2020 um 16:11 Uhr

    Da du arabische Wurzeln hast gehörst du wohl klar zu POC. Letztens wurde doch MSN heftig angegangen weil deren Algorithmus zwei Bandmitglieder von Little Mix nicht auseinander halten konnte. Beide POC, die anderen Beiden sind wohl weiß auch wenn auf den Fotos alle im Grunde gleich aussehen. Es kommt wohl nur auf die Wurzeln an, wenn jemand in der arabischen Welt aufgewachsen ist muss derjenige POC sein, auch wenn er weiß ist.

  3. #3 | Angelika sagt am 22. Juni 2020 um 18:46 Uhr

    öm … Gibt es hier zwei die unter dem Namen Angelika kommentieren?

  4. #4 | Hollis Brown sagt am 22. Juni 2020 um 21:28 Uhr

    @ Thomas: Glaube nicht, dass jemand nur deshalb schon POC ist, weil er arabische Wurzeln hat. Das ist vermutlich zu einfach gedacht. Er/Sie/Es könnten ja auch blau, grün oder khakifarben sein. Gildet das denn als korrekte Farbe? Wie soll ein anscheinend zweimal vorhandener violett-oranger LGBT mit dem Namen Angelika klassifiziert werden? Oder darf der gar nicht mitspielen?

  5. #6 | paule t. sagt am 22. Juni 2020 um 23:16 Uhr

    Zitat: "Dem entgegne ich: Es gibt keine Pflicht, sich für Rassismus zu interessieren und es gibt auch keine Pflicht, sich ständig die eigenen Privilegien vor Augen zu führen."

    Das ist offensichtlich korrekt (auch wenn immer wieder Leute, die Diskussionen über Rassismus entgleisen lassen wollen, unliebsame Meinungsäußerungen in paranoider Weise als "Vorschriften" respektive "Verboten" imaginieren, gegen die man sich unbedingt wehren müsse).

    Nett, anständig und an allerlei positiven Grundwerten wie Gerechtigkeit u.Ä. orientiert wäre es allerdings schon, das zu tun. Aber es gibt natürlich keine Pflicht, das zu sein.

  6. #7 | lambrechtsirrungen sagt am 23. Juni 2020 um 02:11 Uhr

    An meinem Handgelenk habe ich immer den Mundschutz baumeln. Das ist keine Frage von Gesetz und Ordnung, sondern des Anstands. Man kann während einer Pandemie Rücksicht auf andere nehmen, man kann natürlich auch Bezug nehmen auf Ereignisse, die hier vor Ort gar nicht statt gefunden haben. Auf meinem Datingportal hat gerade jemand ein positives und schönes Feedback hinterlassen. Er wohnt aber nicht in den USA, sondern andeswo. Was mache ich denn jetzt?

    Seine Bilder waren traumhaft. Aber ich bin Beobachtungsobjekt. Und ich werde ihn woll nie besuchen können.

  7. #8 | Citoyen Kane sagt am 23. Juni 2020 um 10:26 Uhr

    Bei all diesen Spielarten des Vulgär-Postmodernismus ist für mich das Zusammenspiel zweier Auslegungen besonders bedenklich:

    a) die Summe individueller Eigenheiten wird aufgesplittet auf die Zugehörigkeit zu x „Opfer“-Gruppen – unabhängig der persönlichen Einstellung der betroffenen Person – anstatt sie als persönlichen Vektor zu verstehen (schwarz, heterosexuell, aus reichem Haus, weiblich kann sozio-ökonomisch das gleiche Ergebnis liefern wie weiss, homosexuell, Mittelschicht, männlich). Ab Werk wird die Anzahl „heterogener Identitäten“ auf die Ideologisch „gewünschten“ reduziert. Alle anderen sind Normabweichungen, die sanktioniert werden (schwarzer Kapitalist = Onkel Tom, schwuler Nazi = OMG, Nazi!!, konservative Professorin aus der Unterschicht = Class Traitor).

    b) der aus der Aufklärung abstammende Individualismus & Liberalismus wird von zwei Seiten in die Zange genommen. Abgelehnt als „große Erzählung“ aus PoMo Sicht (Elfenbeinturm) und von kulturell/ethnisch/ideologisch kollektivistischer Sichtweise (eher intellektueller Streetfight), der die selbstbestimmte & exponierte Rolle des Individuums abseits des Familien- oder anderweitigen Sozialverbandes per se ablehnt.

    Statt einer emanzipierten & gleichberechtigten Pluralität an Identitäten – wet dream des akademischen Elfenbeinturmes – führt dieses Zusammenspiel zu einem primitiven Tribalismus, mit brüchigen auf Snowflake Score basierenden temporären Koalitionen.

    Der geneigte Außenstehende greift zum Popcorn, wenn einfache Lebenssituationen das wackelige Gedankengerüst zum Einsturz bringen – „Vier PoCs haben zwei Transmenschen mit Messern in Neukölln schwer verletzt.“

    Das Fehlen von Axiomen & universellen Werten in einer tribalistischen Gesellschaft benötigt ein nicht auflösbares Feindbild als verbindende Klammer. Rassismus, oder whatever, muss dementsprechend fortwährend & unauflösbar sein. So wie die Rechte seid Jahrhunderten gegen diese fiese Weltverschwörung ankämpft. Je nach politischer Großwetterlage in den Geschmacksrichtungen jüdisch, bolschewistisch, kapitalistisch, mongolisch, migrantisch, etwas mit Krankheiten oder Impfungen, oder dem Leipziger Völkerschlachtsallerlei als bunten Mix.

  8. #9 | GeraldS. sagt am 23. Juni 2020 um 10:35 Uhr

    Diese ganze Diskussion um Rassismus ist wiederum Rassismus. Wie weiß bin ich! Geht es noch! Natürlich gibt es Gesellschaften in denen Diskriminierung das Geschäftsprinzip ist. Das bekommt man aber nicht weg, in dem man die Diskriminierer diskriminiert. Diskriminierungen sind in allen Gesellschaften allgegenwärtig und scheinen ein Bestandteil unserer DNA zu sein. Da geht es meistens um andere Dinge als die Hautfarbe. Wer sich aber durch seine Hautfarbe über jemanden erheben will, der eine andere Hautfarbe hat, ist und bleibt ein armer Wicht. Genau wie die Milliarden Menschen, die sich aufgrund ihrer Religion wähnen, über anderen zu stehen. Genauso bekloppt ist es, irgendwelche historischen Figuren von ihren Sockeln zu stoßen, weil sie Rassisten waren. Liebe Leute, die Erkenntnisse der modernen Biologie zur Entstehung des Menschen sind mit der Entschlüsselung der DNA gekommen. Das war nach 1945. Jemanden als Kind seiner Zeit für etwas zu verurteilen, was er nicht besser wusste, ist einfach nur übel und dumm. Wer sich für die Biologie interessiert, meiner Erfahrung nach tun das nur extrem wenige, sollte hier lesen: https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/menschenrassen/42123

  9. #10 | paule t. sagt am 23. Juni 2020 um 13:55 Uhr

    Sorry, aber wer sich allein durch die Aufforderung zur Frage an sich selbst: "Habe ich in dieser und jener SItuation aufgrund meiner Hautfarbe Vorteile, bzw. werden andere mir gegenüber diskriminiert?", wiederum selbst diskrimiert fühlt, ist offenbar ein ziemliches Schneeflöckchen, das von echter Diskriminierung keine Ahnung hat.

    Und nichts anderes ist Critical Whiteness. Und ja, ähnliche Fragen nach Geschlecht, sexueller Orientierung kann man genauso stellen. Und selbstverständlich sollte man Klasse nicht vergessen. Zu kompliziert? Das Leben ist halt kompliziert.

  10. #11 | Wolfram Obermanns sagt am 23. Juni 2020 um 15:55 Uhr

    #10 paule t.
    Vorsicht.
    Identitäre Ansätze dienen dazu mittels Gruppenzugehörigkeit Ansprüche zu formulieren und durchzusetzen. Nicht das was kann jemand, sondern wer jemand ist soll entscheiden. Dabei gibt es eine Vielzahl an diskriminierten Herkünften die als legitimierend akzeptiert werden (zumindest in der identitäten Szene). Armut spielt meiner Wahrnehmung nach in diesem Kontext eine völlig untergeordnete Rolle, dabei lässt sich zumindest in Bildungsfragen genau hier eine extreme Korrelation mit Unterprivilegierung zeigen.
    Ein meritokratischer Ansatz der nach Chancengleichheit strebt, ist dabei aufgegeben worden. Der gläserne Deckel der sozialen Schicht, wird zum identitären Betondeckel – in beide Richtungen blickdicht.

  11. #12 | paule t. sagt am 23. Juni 2020 um 16:44 Uhr

    #11 Wolfram Obermanns:

    Ich bin nicht ganz sicher, was Ihre Antwort mit meinem Beitrag zu tun hat. Nach dem, was ich geschrieben habe, sollten Ansprüche formuliert werden, ja – nämlich die Ansprüche, Diskriminierungen und Privilegien wahrzunehmen, um sie abbauen zu können. Nicht mehr, nicht weniger. Und so verstehe ich eben auch Critical Whiteness bezüglich der Diskriminierungsstruktur Rassismus: Dass ich, als weißer Mensch, versuche wahrzunehmen, wo ich Privilegien habe, wo andere Menschen benachteiligt werden, um mitzuhelfen, das abzubauen. Das Ziel ist dabei selbstverständlich gerade Chancengleichheit, die wird mitnichten aufgegeben.

    Dass es auch noch andere Diskrimierungsstrukturen gibt, die beachtet werden sollten, habe ich ja geschrieben. Ebenso habe ich geschrieben, dass Klasse (sie erwähnen Armut) selbstverständlich nicht vergessen soll (vielleicht habe ich das zu schwach formuliert: Klasse ist natürlich sehr wichtig).

    Wenn in der Praxis andere Diskrimierungsstrukturen (wie Klasse) vergessen werden, muss das natürlich kritisiert werden – aber mMn nicht als Fehler im Konzept, sondern als Verstoß gegen den Grundgedanken, alle Diskriminierungsstrukturen mitzudenken und zu bekämpfen.

    Ich habe den Eindruck, sie sind einem merkwürdigen Zerrbild des Konzepts "Critical Whiteness" aufgesessen, das hier im Blog allerdings gehegt und gepflegt wird.

  12. #13 | Helmut Junge sagt am 23. Juni 2020 um 17:54 Uhr

    @Paule.t, ich verstehe @Wolfram Obermanns so, daß er die Klasse, oder den sozialen status, als absolut wesentlich für die gesellschaftliche Stellung ansieht. Sie aber verstehe ich so, daß für Sie die Farbe der Haut diese Rolle übernimmt. Wie wollen Sie da zusammenkommen?
    Es gibt kein "und". Eine Eigenschaft benötigt die Andere nicht.
    "Ist auch wichtig!"–Nein!
    @Obermanns schreibt doch, daß "Armut" in diesen identitären Kreisen fast keine Rolle.
    Und das empfinde ich selber auch als Erstes, wenn ich mit mit identitären Theorien beschäftige.
    Da redet man aneinander vorbei. Das kann nicht anders sein. Ich weiß zum Beispiel auch, daß sich jemand wegen seiner Herkunft unterdrückt fühlen kann. Aber auch, wenn es mir leid tut, ist das für mich kein Grund anzunehemen, daß alles Elend dieser Welt einzig von der Farbschattierung der jeweiligen Hautfarbe abhängen könnte. Für Sie aber ist das normales Denken. Daß Sie sich bemühen, Ihre Ansichten zu vertreten und zu erklären, macht Sie unter denen, die identitäres Gedankengut in sich aufgenommen haben, zu einer beachtenswerten Figur. Denn sonst macht es niemand über die Länge von 10 Zeilen hinaus.

  13. #14 | DAVBUB sagt am 23. Juni 2020 um 19:51 Uhr

    Eine unserer früheren Regierungen hatte als Kanzler eine ostdeutsche , nicht mehr junge Frau. Unter den Ministern fanden sich ein Schwuler (allerdings weiß, zählt aber glaube ich trotzdem zur diskriminierten Minderheit), ein Rolli-Fahrer und ein vietnamesisches boat-people-child. In unserer Stadtverwaltung sind in den vergangenen zwanzig Jahren peu à peu in allen Ämtern, mit denen ich zu tun hatte, Menschen mit verschiedensten Hintergründen(blödes Wort, aber mir fällt gerade kein besseres ein) eingestellt worden; und nicht nur in den unteren Rängen. Die gleiche Beobachtung mache ich bei einigen Kunden in der Wirtschaft ebenso wie bei institutionellen. So langsam drücken diese auch in die Führungspositionen.
    D.h. nicht, daß ich nicht glaube, daß es in D keine Diskriminierung auf Grund der verschiedensten Eigenschaften gibt, sondern daß das Armut und schlechte Bildung die wichtigsten Diskriminierungsgründe sind ( in denUSA gibt es den "white trash, bei uns wird das vornehmer "bildungsferne Schichten" genannt). Ein "Mensch mit Migrationshintergrund" aber ohne Schulabschluß wird eben eher benachteiligt, sozial isoliert und verächtlich gemacht als einer mit universitärer Bildung, dementsprechendem Job und Gehalt. Natürlich wird es immer Menschen geben, die auch solche Menschen wg. ihrer Herkunft bzw. Hautfarbe nicht respektieren, aber deren Einstellung ändert eh'nichts außer evtl. der persönliche, länger andauernde Kontakt und Austausch im zwischenmenschlichen Bereich.
    Das Mittel der Wahl ist Bildung, Bildung, Bildung sowie die Stärkung der Menschen in Ihrem Selbstwertgefühl von Kindsbeinen an, vom Kindergarten über die Schulen sowie dem sozialen Umfeld wie Vereinen oder in der Jugendarbeit/hilfe. Das schafft die Probleme nicht ab,ermöglicht aber den Betroffenen, sich besser zu wehren.
    I.Ü. haben sich alle( "Weiße" und "PoCs") zumindest eine Gruppe vorbehalten, über die jeder ungestaft herziehen kann: Die Dicken.

  14. #15 | Wolfram Obermanns sagt am 23. Juni 2020 um 20:54 Uhr

    #12 paule t.
    Nobelpreisverdächtig war mein Einwand tatsächlich nicht, er hätte präziser sein können.

    "Klasse nicht vergessen" hast Du geschrieben. Genau dieses Vergessen geschieht aber meiner Wahrnehmung nach in identitären Kreisen regelmäßig. Wie bereits Karim Dabbouz ausgeführt hat, gerät dabei auch schon mal ein alter weißer Mann unter die Räder, der nicht mit dem Silberlöffel im Mund gebohren wurde. Und es ist häufig nicht nur dieses individuelle Feindbild, nein, die ganze Familie, die mit dieser Person verbunden ist, wird gleich mit entsorgt.
    Wir hatten hier auch mal eine kleine Diskussion über einen Zwischenfall im Kölner Hbf. Junge Muslime in traditioneller Tracht sind von der Polizei festgehalten und kontrolliert worden. Rassismus wurde von manchen festgestellt. Mein Einwand, es gäbe Zeugen die von durch den Bahnhof stürmenden Männern, die laute "Allahu akbar"-Rufe ausstießen, berichten, und das dieses Bild für viele Flüchtlinge geradezu traumtasch assoziiert wird, wurde von einigen Diskussionteilnehmern beiseite gewischt. Diese Leute interessierte weder die unklare Quellenlage noch der Umstand, daß hier als diskriminiert geltende Gruppen woanders als diskriminierend erfahren werden. Den Mitdiskutanten interessierten die Neger, die durch die Nordafrikanische Hölle gegangen waren nicht.
    Auch die Diskussion bezüglich Rowling und wie oder ob sich manche Transsexuelle antifeministisch positionieren, ist nicht führbar. Denn es gibt ein fein abgestuftes Ranking bei der Paternalisierung diskriminierter Gruppen und da sind ganz offensichtlich Transsexuelle um Klassen höher angesiedelt als verprügelte Frauen.
    Die Diktion der identitären Antidiskrimierungsbewegung folgt in einem hohen Maße den Mustern rassistischer Gesinnungen und produziert regelmäßig erhebliche Kollateralschäden.

  15. #17 | Yilmaz sagt am 23. Juni 2020 um 23:21 Uhr

    Für türkische Familien, die sich, oft aus bitterster Armut kommend, manchmal über Generationen hinweg abgestrampelt haben und auf viele Annehmlichkeiten verzichteten, um endlich so etwas wie Bildung und bescheidenen Wohlstand zu erreichen, ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn ihnen vorgehalten wird, ihr "Status" beruhe lediglich auf unverdienten Privilegien, die ihnen einfach so zugeflogen seien, weil sie zufällig eine helle Hautfarbe haben.

  16. #18 | Wolfram Obermanns sagt am 24. Juni 2020 um 09:26 Uhr

    #16 Arnold
    Die Diskussion trägt nicht wenig repititive Züge.
    Eins der vielen Mißverständnisse identitärer Diskutanten ist die feste Überzeugung Betroffenheit würde Kompetenz bedingen. Das Gegenteil ist häufiger der Fall.
    Zum Mißverständnis kommt es wahrscheinlich, weil Ignoranz gegenüber Betroffenen jeden Verbesserungsansatz mindestens beschädigt, wie eine Therapie ohne Anamnese.
    Verführerisch ist das Reiten der Betroffenheitswelle, weil es besondere Rücksichtnahme abnötigt, egal ob die Betroffenheit authentisch oder nur paternalisierend geliehen ist. So oder so wird die Hürde für die Gegenrede höher. Im Umgang mit den Betroffenen ist das noch legitim, wer einem Patienten an die gebrochene Nase fasst, um sie zu richten, sollte wissen was er tut. Bei den selbsternannten Vormündern aber ist es anmaßend, da die "Betroffenheit" als Kompetenzersatz instrumentalisiert wird (werden kann).
    So oder so, von der häufig geforderten "Schmerzlosigkeit" bei Auseinandersetzungen um Diskriminierung kann man nur träumen.

  17. #19 | paule t. sagt am 24. Juni 2020 um 19:37 Uhr

    @#15 Wolfram Obermanns, Zitat:
    ""Klasse nicht vergessen" hast Du geschrieben. Genau dieses Vergessen geschieht aber meiner Wahrnehmung nach in identitären Kreisen regelmäßig."

    Nun, ich habe nicht gründlich untersucht, wie oft das passiert – aber wenn, dann ist es, wie gesagt, nach allen Leuten, die ich positiv über Critical Whiteness u.Ä. las, ein Fehler _gegen_ die Grundidee, verschiedene Diskriminierungsformen gleichzeitig wahrzunehmen – und nicht etwa ein Fehler _aufgrund_ des Konzepts. Auch bei schwarzen Autor*innen, von denen ich Artikel oder Interviews zum Thema "race" las, habe ich oft in diesem Zusammenhang gelesen, dass sie es durchaus reflektieren, wenn sie in anderer Hinsicht (z.B. Bildungsmöglichkeiten, Jobs, Einkommen …) selbst privilegiert sind.

    Ich selbst lese also so oft von Vertretern antirassistischer Positionen mit positivem Bezug zu Critical Whiteness, dass andere Diskriminierungen wie Armut nicht vergessen werden sollen, und gleichzeitig von deren Gegnern, dass das geschehe, dass mir letzteres fast wie ein Strohmann-Argument vorkommt. Oder wie ein ganz grobes Missverstehen (s. meine kommende Antwort an Helmut Junge).

    Nur: Wenn eine Diskussion gerade um das Thema rassistische Diskriminierung geht, dann ist das eben das Thema. _In diesem Zusammenhang_ dann nicht alle denkbaren anderen Diskriminierungen – von denen Armut sicher besonders wichtig ist – mitzubehandeln, bedeutet nicht, dass man diese anderen Thema vernachlässigt, sondern einfach, dass man beim Thema bleibt. _Dann_ zu bemängeln, es werde aber das Thema Armut "vergessen", kommt mir wie ein Ablenken per Whataboutism vor.

    ——————————-

    Übrigens halte die Bezeichnung "identitäre Kreise", die Sie benutzen, für höchst problematisch. Als Selbstbezeichnung wird das Wort "Identitäre" nämlich meines Wissens nur von den Rechtsextremen der sog. "Identitären Bewegung" benutzt. Dass nun auch auf Gruppen anzuwenden, die per Identitätspolitik diskriminierte Gruppen stärken wollen, ist mE absolut nicht sachgerecht.

    Denn bei aller Kritik, die SIe an letzteren vielleicht üben wollen: Aus der Perspektive einer diskriminierten Gruppe _gegen_ Diskriminierung vorgehen zu wollen, ist immer noch etwas völlig anderes, als aus einer privilegierten Position heraus andere zu diskriminieren, wie es die IB will. Beides unter denselben Begriff zu subsumieren, hieße mMn, den Unterschied von Kampf gegen und Kampf für Diskriminierung zu verwischen, der wesentlich bleibt, auch wenn sich beides vielleicht auf die Identität einer Gruppe bezieht.

  18. #20 | paule t. sagt am 24. Juni 2020 um 20:08 Uhr

    @ #13, Helmut Junge, Zitate:
    "[…] absolut wesentlich für die gesellschaftliche Stellung ansieht. Sie aber verstehe ich so, daß für Sie die Farbe der Haut diese Rolle übernimmt."
    "[…] daß alles Elend dieser Welt einzig von der Farbschattierung der jeweiligen Hautfarbe abhängen könnte. Für Sie aber ist das normales Denken."

    Herr Junge – wollen Sie mich veräppeln?
    Ich habe ausdrücklich und deutlich geschrieben, dass es natürlich mehrere Diskriminierungsformen gibt, die man alle betrachten soll, und dass darunter Armut natürlich sehr wichtig ist. Das kann jeder oben nachlesen. Und jetzt wollen Sie mir auf diese Weise exakt gegenteilige Aussagen unterschieben? Nicht Ihr Ernst, oder?

    Solches Aussagen, bei denen ich den Verdacht hatte, dass der Autor anderen solche AUssagen als Strohmänner unterschiebt, habe ich aber schon mehrfach bei Kritik an antirassistischen identitätspolitischen Konzepten gelesen, gerade hier bei den Ruhrbaronen. Um das zu prüfen, hätte ich aber intensiv recherchieren müssen, was ich dann nicht getan habe. Hier ist es aber mal ganz offensichtlich.

    ————————————

    Zitat:
    "Daß Sie sich bemühen, Ihre Ansichten zu vertreten und zu erklären, macht Sie unter denen, die identitäres Gedankengut in sich aufgenommen haben, zu einer beachtenswerten Figur. Denn sonst macht es niemand über die Länge von 10 Zeilen hinaus."

    Wieder: Nicht Ihr Ernst, oder? Dass _Sie_ nichts längeres gelesen haben, heißt ja nun wirklich nicht, dass es das nicht gibt.

    Hier ein schnell ergoogelter Artikel, der mir nach Überfliegen ganz gut zu schein scheint:
    https://www.deutschlandfunk.de/critical-whiteness-weisssein-als-privileg.1184.de.html?dram:article_id=315084

    Und ja, auch in diesem Artikel kommen Armut und andere Diskriminierungsformen nur am Rande vor. Aber nicht, weil die Autorin meinen würde, diese seien nicht wichtig – sie sind bloß _in diesem Artikel_ einfach nicht das Thema.

  19. #21 | paule t. sagt am 24. Juni 2020 um 20:13 Uhr

    @#17 Yilmaz, Zitat:
    "Für türkische Familien […] ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn ihnen vorgehalten wird, ihr "Status" beruhe lediglich auf unverdienten Privilegien, die ihnen einfach so zugeflogen seien, weil sie zufällig eine helle Hautfarbe haben."

    Das wäre allerdings auch ein grobes Missverständnis. Wer behauptet das denn bitte, dass Menschen türkischer Abstammung in dieser Weise als "Weiße" privilegiert seien? Ich halte das für einen Strohmann.

  20. #22 | Helmut Junge sagt am 25. Juni 2020 um 19:13 Uhr

    Mein Kommentar ist im falsch en Thread gelandet. aber Paule wird ihn finden.

  21. #23 | Helmut Junge sagt am 25. Juni 2020 um 21:55 Uhr

    @Paule.t. In den Fünfzigern war die Ernährung der damaligen Kindern einigermaßen gesichert. Die Zeit der Care-Pakete war vorbei. Bei mir war es der in die USA ausgewanderte Onkel, der manchmal Pakete schickte.
    Deren Öffnung waren allerdings regelrechte Familienfeste. Ansonsten erinnere ich mich, zusammen mit anderen Kindern an der Autobahnböschung britischen und amerikanischen Militärfahrzeugen zugewunken zu haben um die um Kaugummi oder Schokolade anzubetteln. Manchmal konnten wir wirklich ein Päckchen aufschnappen. Mein Vater konnte trotz Meisterbrief als Schuhmacher seine Familie nicht ernähren und arbeitete als Kokereiarbeiter, bis er mit 52 an Bronchialasthma starb. Diese Krankheit war nicht als Berufskrankheit anerkannt. Meine Mutter bekam auch entsprechend keine hohe Rente. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich arm. Aber ich hatte eine Ausbildung, die geeignet war, deutlich mehr zu verdienen. Ich arbeitet in Kraft-und Stahlwerken, und in Kokereien. Nicht an den Öfen, wie mein Vater, aber dennoch tief im Dreck. Türken hatte ich dort wohl gesehen. Und die mußten richtig was für ihr Geld tun. Genau wie die Deutschen, die dort arbeiteten. Und sie lebten damals genau wie heute in direkter Nachbarschaft gemischt nebeneinander. Und meistens klappt das ganz gut. Da machen sich die akademischen POC-Theoretiker überhaupt keine Vorstellung von. Das sind Akademiker, die nie im Dreck der oben genannten Anlagen arbeiten mußten oder arbeiten werden. Was die sich über "Privilegien" aus den Fingern saugen, ist falsch und macht auf mich keinen Eindruck. Das ist übrigens auch ein komplett anderes Thema als die tatsächlich existierende rassistischen Diskriminierungen. Das sind zwei verschiedene Themen.
    Ich hatte es erst in einem falschen Thread gepostet. Es ist warm heute.

  22. #24 | paule t. sagt am 26. Juni 2020 um 23:54 Uhr

    @#23 Helmut Junge:
    Sie markieren Ihren letzten Beitrag als Antwort auf mich; ich kann aber nicht verstehen, warum, da ich keinen Zusammenhang mit meinen Aussagen erkenne.

    Ich entnehme Ihrem Beitrag, wenn ich SIe recht verstehe, drei Punkte:

    1) Die sozialen Verhältnisse – Finanzen, soziale Absicherung, Arbeitsverhältnisse usw. – sind sehr wichtig, was Sie mit Beispielen aus Ihrem Leben belegen.
    Das ist mMn völlig richtig; ich weiß nur nicht, warum Sie dem in Ihrer angeblichen Antwort an mich so viel Raum widmen. Sinn hätte das doch vor allem, wenn ich eine andere Meinung verträte – das tue ich aber nicht, sondern habe im Gegenteil deutlich, mehrfach und ihr diesbezügliches Missverständnis schon einmal korrigierend geschrieben, dass ich die sozialen Verhältnisse als Benachteiligungsstrukturen natürlich auch sehr wichtig finde.

    2) Die "akademischen POC-Theoretiker", also wohl die Vertreter der "Critical Whiteness", intersektionaler Betrachtungsweisen u.Ä. hätten von solchen Problemen keine Ahnung. Ja nun, dass Akademiker eher nicht dauerhaft Knochenarbeit in Fabriken leisten werden, ist banal und kaum auf diese spezielle Gruppe von Akademikern beschränkt.
    Dass diese Gruppe aber _stärker als andere Akademiker_ keine Ahnung von der Lebenswelt der Arbeiter und von sozialen Problemen hätte, ist dagegen eine völlig unbelegte Behauptung. Woher wollen Sie das denn wissen?
    Dass sie als Akademiker, auch wenn sie PoC sind und als solche rassistisch gegenüber Weißen diskriminiert werden, in sozialer Hinsicht privilegiert sind, wissen, reflektieren und schreiben viele dieser Leute ja durchaus selbst (wie ich oben schon einmal schrieb).

    3) Das, was diese Leute über Privilegien schreiben (sie werten es als "aus den Fingern saugen" ab), sei "falsch". Mit Verlaub: Dafür wären Beschreibungen, _was_ daran falsch sein soll, sowie die ein oder andere Begründung nicht schlecht. Sie werfen das aber ohne irgendeine Begründung und sogar ohne Beschreibung, was Sie denn inhaltlich überhaupt meinen, dahin.
    Dass PoC in Deutschland nicht diskriminiert würden und Weiße deshalb auch nicht in entsprechender Weise privilegiert seien, wollen Sie ja wohl hoffentlich nicht ernsthaft behaupten (das wäre gar zu albern).
    Dass bestimmte weiße Personen in anderer Hinsicht diskriminiert sein können (als Arme, Frauen, Behinderte …) und bestimmte schwarze Personen in entsprechender Weise privilegiert, ist richtig, heißt aber nichts anderes, als dass es _außer_ rassistischer Diskriminierung/Privilegierung noch andere Diskrimnierungsstrukturen gibt. Das wird idR ja aber überhaupt nicht bestritten (deswegen ja auch "intersektional", weil die Leute _verschiedene_ Diskriminierungsstrukturen betrachten wollen).

    Was also meinen Sie mit dem schlicht dahingesagten "ist falsch"? Es ist mir einfach schleierhaft. Ihre Aussage mit den "10 Zeilen" weiter oben lässt in mir den Verdacht aufkommen, dass Sie dementsprechende Aussagen gar nicht hinreichend _kennen_, um ihr "ist falsch" näher zu beschreiben und zu begründen.
    Vielleicht könnten Sie ja als Beispiel den oben schon einmal verlinkten Artikel …
    https://www.deutschlandfunk.de/critical-whiteness-weisssein-als-privileg.1184.de.html?dram:article_id=315084
    … nehmen und mir sagen, was genau daran denn falsch ist. Dann könnte man weiter argumentieren. Ihr schlichtes "ist falsch" ist für eine weitere Diskussion zu inhaltslos.

  23. #25 | Berthold Grabe sagt am 28. Juni 2020 um 11:55 Uhr

    Es ist immer wieder entlarvend, wie sehr doch gerade diejenigen die so gerne Schubladen anklagen am eifrgsten sich dabei betätigen neue zu schaffen, die nur die anderen Stigmatisieren, ebenso pauschal, ebenso dumm und unversöhnlich.
    Auf Anklägerseite sitzt es sich halt immer bequemer vor allem da das Prinzip der Beweisumkehr angewandt wird. Es muss nicht Schuld bewiesen werden, sondern der Beschuldigte muss seine Unschuld beweisen.
    So einfach lassen sich Diskriminierungen eben nicht bekämpfen und schon gar nicht die richtige Seite veroten

  24. #26 | Helmut Junge sagt am 28. Juni 2020 um 13:46 Uhr

    @Paule t., ich habe mir den Link beim Deutschlanffunk durch gelesen. Diese " critical-whitenes"-Bewegung stammt aus den USA mit all ihrer eigenen Geschichte der Beziehungen zwischen schwarzen und weißen Bevölkerungsgruppen. Die Autorin glaubt, daß diese Bewegung auch zu Deutschland passen würde, obwohl sie anerkennt, daß Deutschland eine eigene Geschichte hat, die sich von der der USA unterscheidet. Offenbar aber stößt sie auf eine, für sie verblüffende Schwierigkeit in der Vermittlung ihrer Ideen, bei Deutschen. Deutsche sehen sich nämlich nicht als Weiße. Das Weiß sein sehen sie einfach nicht. Deutsche sehen sich vielfach nur als Menschen. Offenbar gelingt es der Autorin und anderen Vertretern von Critical Whitenes unter diesen Umständen, nicht im gewünschten Maße, Erfolge bei der Vermittlung ihrer Gedanken zu erzielen. Auch eine Umbennung des Begriffs in "kritische Weißseinsforschung" half nicht viel. Die Deutschen wollen sich einfach nicht als Weiße sehen. Und das zu erklären ist recht einfach. Die Autorin ist selber sogar ganz nahe dran, wenn sie schreibt:"In Deutschland hat eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus stattgefunden. Unter anderem wird rassisches Denken heute mit den Begriffen aus dem Faschismus identifiziert. Selten wird weiter zurück in die Geschichte geblickt, um dort die Wurzeln für rassistisches Gedankengut zu suchen. Diese Fokussierung auf den Nationalsozialismus verliert die deutsche Kolonialgeschichte aus dem Blick. Ein völkisches Denken, das schon vor den Nazis identitätsstiftend war, wirkte auch nach ihnen und bis heute weiter." Ja, alle Generationen, die in Deutschland nach dem Krieg aufgewachsen sind, wurden so erzogen, das was die Väter getan haben, nicht wieder hochkommen zu lassen. Was die Väter aber getan haben, war Vernichtung und Versklavung der NACHBARVÖLKER! Und so etwas ließ den Gedanken des "Weißseins" außen vor. Die weiße Gemeinschaft ist undenkbar, wenn die weißen Nachbarn versklavt werden. Wir Nachkriegler verstehen unter Rassismus eben das was die Nazis betrieben haben. Und darum sind neue nachgewachsen Nazis auch nie wieder hochgekommen. Das sehen ich und viele andere Deutsche als Erfolgsgeschichte. Bis vor rund 20 bis 25 Jahren hat in Deutschland auch kein Nazi davon gesprochen, daß wir Weiße seien. Diesen, auf uns bezogenen Begriff, habe ich erstmals bei einer Dokumention über den Vlaamse Block in Antwerpen (Belgien) gehört, wo die Wirtin einer Stammkneipe des Vlaamsen Block davon sprach, daß sie nur Weiße reinliesse. "Wir Weiße" war mir absolut neu. Wenn dieser Begriff ins Denken der Deutschen eindringen würde, was wäre damit gewonnen? Dann wären wir Teil einer weltweiten weißen Gesellschaft. Wäre das denn gut für die anderen, die nicht weiß sind? Hat die Autorin, die sich genau das wünscht, so weit gedacht? Ich fürchte nicht. Niemand kann nämlich voraussagen, was sie warum wie entwickelt.
    Soviel möchte ich zu diesem Aspekt sagen, weil es wichtig werden könnte.
    Dann zu den Klagen über rassistische Äußerungen, die sie eingangs ihres Artikels macht. Daß jemand gefragt wird, von woher er stamme ist eine völlig normale Frage. Ich bin in allen Mittelmeerländern, die ich besucht habe danach gefragt worden, weil ich offenbar auffällig ander aussah als die durchnittliche Bevölkerung. Ich habe das fast nie als Problem empfunden, außer einmal in der Normandie. Bei den beiden anderen Beispielen fehlt es mir an Phantasie oder vielleicht am Gefühl, mich da hineinzudenken. Es gibt Schlimmeres in der Welt in Deutschland und sogar in meinem Umfeld. Um damit Leute in die critical Whitenes- Bewegung einzubinden, scheint mir die Argumentation doch reichlich schwach aufgebaut zu sein. Aber das ist nicht mein Problem.

  25. #27 | Wolfram Obermanns sagt am 28. Juni 2020 um 16:19 Uhr

    #19 paule t.
    "lese"
    Das ist gar keine Frage, geschrieben steht in den Büchern zum Thema viel Schönes.
    Aber was hat das mit Politik, Medien und Straße zu tun?

    "problematisch"
    ist m.E. vor allem der Umstand, daß es nur ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zwischen der links- und rechtsidentitären Szene gibt: die rechten halten sich allein an irgendwelche autochthone Gewohnheiten Mitteleuropas.
    Chauvinismus, Rassismus, Nationalismus, Bedrohung der Rede-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit, Antisemitismus, Sexismus, Gewalt als Mittel der Politik (hierbei erscheinen mir die Rechten unverschämter) etc.pp. gibt es hüben wie drüben in allen Abstufungen.

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