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Da ist der Punk ab

Keine Panik: Punk ist heute nur noch Theater. Foto: Birgit Hupfeld

Keine Panik: Punk ist heute nur noch Theater. Foto: Birgit Hupfeld

Die Kassierer ersetzen Jacques Offenbach in der Punk-Operette „Häuptling Abendwind“ im Schauspiel Dortmund. Das roch nach Krawall und Skandal. Man musste auf alles gefasst sein, wenn der Wiener Schmäh von Johann Nestroys Nachdichtung gegen Wattenscheider Genitalien getauscht wird. Aber irgendwie war das dann doch alles viel harmloser. Und letztlich bleibt nur das Erschrecken über die eigenen merkwürdigen Erwartungen.

Ich gebe es offen zu, auch ich wollte unbedingt die Premiere von „Häuptling Abendwind“ am 24.1. im Dortmunder Schauspiel sehen. Was erwartete ich? Einen Clash der Kulturen? Punks vs. Bürgertum, Freiheit vs. Konvention, Hochkultur vs. Schmuddel? Ein Theaterskandal, die totale Verwüstung des Dortmunder Hauses? Irgend so etwas musste es gewesen sein. Umso größer war die Enttäuschung. Natürlich waren einige Kassierer-Fans da: Ordentlich rasierte Männer mittleren Alters (kaum Frauen), unter Jacketärmeln blitzten Tätowierungen hervor, zum Anzug trug man betont unpassende und gepflegt zerknitterte Krawatten, der eine oder andere kam auch ganz leger in Jeans und Harrington. Nun ja, wer sich – wie ich – noch daran erinnert, dass in den frühen 1980er Jahren in Opernhäusern der Zutritt wegen Turnschuhen und Bluejeans verwehrt wurde, hat zumindest eine vage Ahnung davon, dass das irgendwann mal etwas besonderes war. Ihrer Sonderstellung gaben die Punk-Herren Ausdruck, indem sie sich während des Einlasses lautstark über mehrere Sitzreihen hinweg unterhielte und eIn bisschen Klassenausflugsstimmung verbreiteten. Nichts Schlimmes, nur ein paar aufgedrehte Sätze, um der eigenen Aufgeregt- und Unangepasstheit Ausdruck zu verleihen. Auch als die Aufführung dann begonnen hatte, gab es noch wenige Zwischenrufe, einige Minuten lang, dann ermattete der freie widerständige Geist.

Neben mir saß eine jener gutbürgerlichen Dortmunderinnen, die es aus dem Sessel zu treiben galt. Und ganz erwartungsgemäß hielt sie sich beim ersten Kassierer-Song mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu. Natürlich, denn es war ja darauf hingewiesen worden, dass es laut werden könne und Ohrstöpsel waren kostenlos erhältlich. Tatsächlich war es nur überhaupt nicht besonders laut, aber die Vorwarnung bewirkt oft Wunder. Als die kurzzeitgeschockte Dortmunderin dann von Wölfi und seinen Mannen zum Mitklatschen aufgefordert wurde, war schnell die Lautstärke vergessen und bürgerliches Festzelt vereinigte sich mit Punkclub irgendwo im musikalischen Flachland zwischen Radetzkymarsch und Ritschratschpolka. So blieb es denn den Abend über. Die Punks waren still, nachdem Julia Schubert einmal ihre Möse in die erste Reihe gestreckt hatte. Die Dame neben mir hüstelte einmal, als Wölfi auftrat und seine Wampe unter dem zu kurzen T-shirt hervorschwappen ließ. Das war es.

Selbstverständlich erwähnten sämtliche Vorberichte, dass Wölfi auf den Kassierer-Konzerten seinen Pimmel zeigt. Warum eigentlich? Im Theater sind nackte Männer nicht erwähnenswert. Nicht einmal nackte unattraktive Männer. Armin Rohde zog sich schon zu Steckels Zeiten in Bochum umso öfter aus, je dicker sein Bauch wurde. Und Arne Nobel wedelte mit seinem Schniedel jahrelang durch die erste Reihe im Rottstr5Theater. Die Punkszene muss unvergleichlich spießiger und verklemmter sein als das Theater, wenn ein nackter Wolfgang Wendland ein erwähnenswerter Umstand ist. Nein, die gleich vier nackten Schwänze auf der Bühne des Dortmunder Schauspielhauses taugen nicht für Aufregung bei dem braven Hochkultur-Publikum und – wie gesagt – die eine nackte Möse verschlug dann auch eher den Zugereisten Punks die Sprache.

Auch die Songtexte der Kassierer funzten nicht wirklich. „Arbeit ist scheiße“ und „Blumenkohl am Pillemann“, das ist so nah an dem, was heute am Ballermann strandauf und -ab gesungen wird, dass es niemanden vom Hocker reißt. Selbst „mach die Titten frei, ich will wichsen“ wirkt in seiner antifeministischen Attitüde merkwürdig altbacken und brav. Um wieviel verstörender und damit moderner ist da eine Textzeile wie „Bettina, pack deine Brüste ein“ von Fettes Brot, weil sie eben gerade die Sexismus-Erwartung enttäuscht.

So blieb dieser Abend gänzlich skandalfrei. Kein Abonnent verließ den Saal türenknallend, kein Altpunk pisste in die Zuschauer und es gab nicht einmal „Buhs“. Das Wildeste steuerten denn auch die Schauspieler dem Abend bei, wenn Uwe Rohbeck und Uwe Schmieder eine schier endlose Fressorgie mit Tomatennudelmatsch veranstalten und Schmieder später noch in Kacke wühlte. Auch da ist natürlich die bürgerliche Hochkultur spätestens seit dem legendären Düsseldorfer Macbeth dran gewöhnt. Trotzdem taugte es in Dortmund, um die Kassierer noch ein bisschen harmloser und braver wirken zu lassen, als sie es eh schon sind. Eine Bierzelt-Kombo, bei der sich Sparkassenangestellte noch mal ein kleines bisschen jung und wild fühlen können.

Bemerkenswert ist, dass die Theaterkritik auch nach dem Besuch der Vorstellung immer noch an die wilden Kassierer glaubt. Da wird feingeistigen und zarten Gemütern vom Besuch abgeraten, da gibt es immer noch den Verweis auf (angeblich) laute Musik usw. Der Mythos von Punk und den Kassierern lebt wenigstens in der Theaterkritik weiter. Wer im Theater wirklich mal wieder richtig einen los machen will, müsste wohl eher Mickie Krause Songs für eine „Maria Stuart“ schreiben lassen. Da wäre mal richtig was los. Aber irgendwie wäre das halt einfach doof.

„Häuptling Abendwind“ von Johann Nestroy im Schauspiel Dortmund. Die nächsten Termine: 12.2., 21.2., 6.3., 29.3., 10.4., 26.4., 9.5., 24.5.

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