Das gute, alte Internet war kein Bällebad

Bällebad Foto (Ausschnitt): Rachmaninoff Lizenz: CC BY-SA 4.0

Auf der NGO-Digitalshow re:publica und in vielen Artikeln wird es beschworen: Finstere Techbros hätten das gute, alte Internet gekapert, und nun müssten es sich die Guten, Klugen und Schönen mit Hilfe des Staates zurückholen. Was für ein Unsinn.

Wann ich das erste Mal im Internet war, habe ich leider vergessen: Es war im Januar oder Februar 1994, und ich weiß noch, dass es an diesem Tag schneite. Es war mir gelungen, meinen Uni-Zugang auf meinem Mac LC II einzurichten. Einen Webzugang gab es damals an der Uni Essen für Studenten noch nicht, aber ich konnte auf Gopher zurückgreifen, einen sperrigen Vorläufer des Webs ohne Grafiken. Der erste Gopher-Server, den ich ansteuerte, war The WELL – das Whole Earth ’Lectronic Link, der Treffpunkt all jener, die sich für dieses neue und spannende „Interdings“ interessierten.

Man hatte das Gefühl, einen neuen, nur dünn besiedelten Kontinent zu betreten, der anarchisch und wild war. Der Staat hatte keinen guten Ruf. 1996 veröffentlichte John Perry Barlow, Netzaktivist und Grateful-Dead-Texter, seine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, die lange an der Wand neben meinem Schreibtisch hing. Sie begann mit den Worten:

„Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln.“

Hätte sich Barlow die Videos der Reden angeschaut, die auf der gestern in Berlin zu Ende gegangenen NGO-Show re:publica gehalten wurden, hätte er mit der dort – üppig vom Staat und den öffentlich-rechtlichen Anstalten finanzierten – Digital-Community nicht viel anfangen können: Böse war alles Private, die großen Tech-Unternehmen und die von ihm wohl als Ausdruck von Meinungsfreiheit empfundene „Hass & Hetze“. Die Skepsis gegenüber Technologien wie der Künstlichen Intelligenz und der latente Antiamerikanismus wären ihm wohl fremd gewesen. Dass ausgerechnet die selbsternannte digitale Avantgarde heute reflexhaft nach Staat und Regulierung ruft, hätte Barlow vermutlich für einen schlechten Witz gehalten.

Das gute, alte Internet war kein Bällebad: Auf Seiten wie „Warmduscher der Woche“ wurden arme Teufel mit einer privaten T-Online-Homepage lächerlich gemacht. Leichenfotos gab es auf Rotten.com, und im Usenet fanden sich neben spannenden Diskussionen Kinderpornografie und jede Menge Nazipropaganda. Ich bin mir nicht sicher, ob re:publica-Gründer Markus Beckedahl dieses Internet meint, wenn er im Interview mit der Zeit sagt:

„Was uns in der sogenannten Netzgemeinde früher geeint hat, war die Faszination, dass wir durch das Internet mit allen kommunizieren können, uns aus allen möglichen Quellen informieren können.“

Was Beckedahl damit meint, dass die Plattformen das Internet demokratisiert hätten, verstehe ich nicht, denn demokratisch – wenn auch nicht so bequem – war es auch in seinen Anfängen. Aber ich ahne, worum es ihm geht, wenn er sagt:

„Wir sind in einer Dystopie gelandet, in der Mark Zuckerberg und Elon Musk quasi über Nacht entscheiden können, dass wir nur noch rückwärtslaufen dürfen.“

Der Verlust der linken Hegemonie auf X, früher Twitter, nach der Übernahme durch Elon Musk scheint ihn sehr zu schmerzen. Aber auch vor Musk war Twitter ein ungemütlicher Ort, an dem Shitstorms und Blockadelisten zum Alltag gehörten: Wer auf der biologischen Tatsache bestand, dass Transfrauen keine Frauen sind, brauchte schon die Nerven erfahrener Blogger wie der Betreiber dieser Seite, um sich über die Reaktionen zu amüsieren. Andere fühlten sich schlicht eingeschüchtert. Und auch auf Bluesky, der von Netzaktivisten gepriesenen X-Alternative, gilt die Meinungsfreiheit nur für die genehmen Meinungen.

Nun hat das Internet und vor allem haben seine Dienste wie X, Facebook oder Instagram die unangenehme Eigenschaft, sehr teuer zu sein: Die Serverfarmen, die Milliarden Menschen einen schnellen und sicheren Zugang ermöglichen, sind fußballfeldgroß und verbrauchen so viel Energie wie Großstädte. Will man das imaginierte gute, alte Internet wiederhaben, muss das jemand bezahlen. Und als Experte für NGO- und Messefinanzierung hat Beckedahl natürlich auch schon eine Idee. Als Sascha Lobo ihn im Zeit-Interview fragt, ob er eine staatliche KI wolle, antwortet er:

„Nein. Wir haben im Mediensystem vor vielen Jahren beschlossen, dass wir uns einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Medienalternative leisten. Nun kann man sehr viel daran im Detail kritisieren. Aber warum denken wir über solche Ansätze nicht für soziale Kommunikationsräume im Netz nach?“

Damit steht er nicht allein. Die Idee eines öffentlich-rechtlichen Facebooks oder eines Anstalts-Twitters geistert schon seit Längerem durch die Köpfe der Mitglieder der Aufsichtsräte von ZDF, WDR und anderen medialen Seniorenangeboten. Warum nicht den kreativen Köpfen, denen wir den Bergdoktor, das ZDF Magazin Royale, Funk und Die Feste mit Florian Silbereisen zu verdanken haben, die Möglichkeit geben, das langweiligste soziale Medium des Planeten aufzubauen?

Mir persönlich wäre es egal, welches Angebot, für das ich bezahlen muss, ohne es zu nutzen, ich mit meinen Zwangsgebühren finanziere. Das Geld wird sowieso abgebucht.

„Ohne uns wären die schon längst pleite“, sagte eine prominente WDR-Führungskraft einem Freund von mir, der ihn am Montag darauf ansprach, warum die öffentlich-rechtlichen Sender auf der re:publica so präsent seien. Ob das stimmt oder nur Anstaltshybris war, kann ich nicht beurteilen.

Sascha Lobo hat recht, wenn er in der Zeit sagt, es sei ein Trugschluss, die dingliche und die digitale Welt einfach miteinander zu vergleichen und das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eins zu eins in die digitale Welt übertragen zu wollen:

„Gegen die Übermacht von, sagen wir, Meta brauchen wir andere Unternehmen in Deutschland und Europa, die ähnliche wirtschaftliche Erfolge herstellen können. Dieser Bedarf potenziert sich durch künstliche Intelligenz.“

Aber solche Unternehmen wird es nicht geben: Es fehlt in Europa nicht nur an Kapital, sondern schon am Strom, um die nötigen Rechenzentren zu betreiben. Und wer es trotzdem versucht, würde an der Regulierungswut der Europäischen Union scheitern.

Woran es allerdings zurzeit noch nicht mangelt, ist Geld für NGOs, und auch die Anstaltsfinanzierung ist gesichert. Wer diesen Weg gehen will, muss sich auch keine Gedanken um die Nutzer machen; es reicht, in der Politik gut vernetzt zu sein.

Nein, es geht bei der Debatte keineswegs um das „gute, alte Internet“. Es geht um Geld und um die Hegemonie in digitalen Räumen. Nichts Neues unter der Sonne.

 

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