Das Lexikon der vergessenen Fußballer

Julius Hirsch (unten, zweiter von rechts) mit der Meistermannschaft des KFV 1910. Foto: Unbekannt Lizenz: Gemeinfrei

Am Holocaust-Gedenktag veröffentlichte das Fußballmuseum des DFB ein Online-Lexikon über jüdische Fußballer.

Niemand weiß, wie viele jüdische Fußballspieler es in Deutschland in der Zeit vor dem Nationalsozialismus gab. „Die Nationalsozialisten“, sagt Museumsdirektor Manuel Neukirchner, „löschten nicht nur Leben aus, sondern auch Erinnerungen.“ Die Konterfeis sportlich erfolgreicher Juden wurden aus Sammelalben entfernt, ihre Namen von Gedenkplatten gekratzt, ihre Gesichter aus Vereinsfotos herausretuschiert und ihre Erfolge aus Rekordlisten gestrichen. „Mit dem Online-Lexikon machen wir auf das Schicksal verfemter und ermordeter jüdischer Sportpioniere aufmerksam, die dem Fußball in Deutschland einst wichtige Impulse gaben. Zudem ist es unser Anliegen, ein permanentes Zeichen gegen jede antisemitische und rassistische Tendenz im heutigen Fußball zu setzen.“

Mit der Veröffentlichung des Lexikons am 27. Januar, dem Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, ist die Arbeit an der Wiedersichtbarmachung der jüdischen Kicker nicht abgeschlossen. Der Gang des Fußballmuseums an die Öffentlichkeit ist verbunden mit dem Beginn einer intensiveren Suche nach vergessenen Spielern. Das Fußballmuseum bittet Vereine, aber auch Fans, die Arbeit fortzuführen.
Das Lexikon ist ein Open-Source-Projekt, bei dem jeder mitmachen und selbst Texte hochladen kann, die dann nach Sichtung durch Mitarbeiter des Museums freigeschaltet werden.  Die bislang veröffentlichten biografischen Notizen sind erst der Anfang. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit Vereinen, Fangruppen, Archiven und Fußballmuseen. Hertha BSC Berlin, Schalke 04 und Lokomotive Leipzig waren ebenso daran beteiligt wie das Museum von Bayern München und das Stuttgarter Kickers Fanprojekt.

Mit der Veröffentlichung löst das Fußballmuseum das Versprechen ein, das es beim Festakt zum 100. Geburtstag der Maccabi World Union im vergangenen Sommer gegeben hatte und jüdische Sportverband Makkabi Deutschland ist auch Kooperationspartner und Unterstützer des Projektes.

Die ganz großen Namen sind heute schon im Lexikon vertreten:

Das ist zum Beispiel Kurt Landauer, der als Siebzehnjähriger ein Jahr nach der Gründung 1901 Mitglied bei Bayern München wurde. Schnell übernahm der Spieler Funktionen im Verein und wurde 1913 und erneut nach dem ersten Weltkrieg, an dem er als Soldat teilnahm, Präsident der Bayern. Kurz nachdem die Nazis an die Macht kamen, legte er sein Amt nieder. Nach der Pogromnacht für vier Wochen in Dachau interniert gelang ihm die Flucht in die Schweiz. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er 1948 erneut zum Präsidenten gewählt. Wiederentdeckt wurde Landauer vor knapp 20 Jahren von der Ultra-Gruppe Schickeria, die dafür gesorgt hat, dass sich auch der Verein wieder für das Gedenken seines einstigen Präsidenten engagiert. Die Ultras veranstalten jährlich das Kurt Landauer Turnier und legten mit einer Spende von 10.000 Euro auch die Grundlage für die Kurt-Landauer-Stiftung. Oder Julius Hirsch, der in Auschwitz ermordete, ehemalige Nationalspieler, dessen Todesdatum bis heute nicht bekannt ist. Hirsch wollte nicht glauben, was er 1933 in der Zeitung las: Auch sein Verein, der Karlsruher FV, hatte sich bereit erklärt, jüdische Sportler zu entfernen. Damals war er noch Jugendtrainer beim FV. Zwischen 1909 und 1925 hatte er für den Karlsruher FV gespielt, nur unterbrochen von sechs Jahren, bei denen er für die SpVgg Fürth antrat. Zumindest auf dem Papier, denn von 1913 bis 1019 war er die meisten Zeit im Krieg. Von 1911 bis 1913 war er Spieler der Nationalmannschaft und hatte in dieser Zeit vier Tore erzielt: Alle in einem einzigen Spiel gegen die Niederlande. Nach seinem Rauswurf bei KFV war Hirsch noch Turnclub 03 Karlsruhe dabei, einem jüdischen Sportverein, der nach der Pogromnacht 1938 verboten wurde.

Gottfried Fuchs hält einen bis heute gültigen Rekord und es könnte gut sein, dass es ein Rekord für die Ewigkeit ist: Im Spiel gegen Russland schoss er bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm zehn Tore zum 16 – 0 der deutschen Nationalmannschaft. Er war der erste jüdischer Fußballer im Nationalteam. Bis 1920 war Fuchs als Spieler für den Düsseldorfer SC 99, Karlsruher FV und Wacker Halle aktiv.

In der Nazizeit verließ Fuchs Deutschland, zog erst in die Schweiz, dann nach Frankreich und lebte später in Kanada. 1979 starb er Montreal.

Die meisten jüdischen Spieler sind jedoch vergessen. Da ist Fritz Cohen. Das Lexikon erinnert an ihn. Er spielte in den 20er Jahren in der ersten Mannschaft des SV Meppen. Sein Schicksal ist unbekannt. Oder sein Bruder Hans, der 1939 in die USA fliehen konnte, wo sich seine Spur verliert. Karl Levi gehörte zu den 21 jungen Männern, die 1889 die Stuttgarter Kickers gründeten. Er spielte bis 1901 auf der halbrechten Position der Kickers-Elf. Als Leichtathlet wurde er mit der 4 x 100-Meter- Staffel Süddeutscher Meister. Was aus ihm wurde, weiß niemand. Anton Reitlinger spielte in den unteren Mannschaften von Bayern München und wurde am 2. Februar 1945 im KZ Dachau ermordet.

Schaut man sich die im Lexikon aufgeführten Spieler an, sieht man, dass die Vereine, in denen sich auch Fans dabei engagieren, die Geschichte aufzuklären, die Lebenswege besonders vieler viele jüdischer Fußballer nachzeichnen können. Und dass auch, wenn sie nicht zu den Stars ihrer Zeit gehören.

In den 80er Jahren waren es Laien und ambitionierte Historiker, welche die Geschichte des Nationalsozialismus in vielen Städten nachzeichneten, was bis zu dieser Zeit ein blinder Fleck der Geschichtsschreibung war. Dieser Arbeiten jedoch trugen erheblich dazu bei, die NS-Geschichte greifbar zu machen. Täter wurden benannt, Opfer vor dem Vergessen bewahrt und der Aufstieg der NSDAP, der sich über Jahre hinweg vollzog, beschrieben.

Etwas ähnliches könnte jetzt, wenn es gut läuft, in der Sportgeschichte geschehen. Die jüdischen Spieler, deren Lebenswege es zu entdecken gibt, waren früher einmal zum Teil die Lieblinge der damaligen Fans, Teil von Mannschaften, deren erfolgreiche Zeit oft viele Jahrzehnte zurück liegt.

Was die Bayern Münchens Schickeria mit der Wiederentdeckung Kurt Landauers geschafft hat, können nun Fans in vielen Vereinen machen. Nicht nur bei heute berühmten und großen Namen der Profiligen. Auch in den Amateurmannschaften, die es nie nach oben geschafft haben, gibt es Menschen zu entdecken, die längst vergessen sind.

Link: www.fussballmuseum.de/juedische-fussballer

Der Artikel erschien bereits in einer ähnlichen Version in der Jungle World

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