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Das Ruhrgebiet hat keinen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen und sollte sich die Welterbe-Bewerbung ersparen


Stefan Berger, der Vorsitzende des Vorstandes der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, hat sich in einem Beitrag in der FAZ für die Bewerbung des Ruhrgebiets als UNESCO-Welterbe ausgesprochen. Nicht eins der von ihm angeführten Argumente sticht.

Die Industriekultur-Lobby des Ruhrgebiets und der Regionalverband Ruhr (RVR) haben einen Traum. Und wie immer ist es ein Traum, der viel Geld kostet und der wirtschaftlichen Entwicklung des Ruhrgebiets nicht nutzen, sondern schaden wird: Das Ruhrgebiet soll UNESCO-Welterbe werden. Hunderte von ehemaligen Industriegebäuden und ihr Umfeld sollen als Kulturlandschaft geschützt werden. Das beste Argument dagegen liefert das Papier, in dem die Bewerbung begründet wird: „Die strukturierte Ausrichtung auf eine Relikt- sowie eine fortbestehende Landschaft, was neue Funktionen und Werte miteinschließt, macht das Wesentliche des heutigen Ruhrgebiets aus.“

Hier knüpft auch Stefan Berger in seinem Beitrag in der FAZ an, wenn er schreibt: „Die Pflege des industriellen Erbes verhindert nicht die Ansiedlung neuer Wirtschaftszweige, sondern schafft die Bedingungen dafür. In einer Region mit einem starken kollektiven Regionalbewusstsein setzen sich die Menschen nicht nur nachhaltiger für „ihre“ Region ein, sondern von außen Kommende siedeln sich hier in dem Bewusstsein an, Teilhaber an eingespielten Regeln, Routinen und Werten zu werden, die wirtschaftliches Wachstum fördern und kulturelle Rahmenbedingungen für den Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft setzen.“

Der Welterbe-Status von Zeche Zollverein verhindert erst vor zwei Jahren die Ansiedlung eines Euref-Campus, die Stadt Essen sah den Denkmalschutz gefährdet. Am Euref-Standort Berlin wird Tesla ein Büro mit Ingenieuren und Designern ansiedeln. Auf Zollverein ist eine solche Entwicklung undenkbar. Tausende mögliche Jobs kamen nicht, die ehemalige Zeche bleibt auch in Zukunft ein dunkles Loch, dass Millionen verschlingt, aber den Menschen keine Zukunft bietet. Auch ansonsten ist das Argument Bergers, die Industriekultur würde die Bedingungen für neue Ansiedlung schaffen, kaum zu halten. Ja, wenn es den Denkmalschutz nicht gäbe und die „Industriekultur“ nur eine Kulisse wäre, die man nutzen könnte, könnten die entsprechenden Immobilien an den wenigen attraktiven Standorten Investoren anziehen. Aber da die Auflagen ebenso hoch sind wie die Kosten für den Erhalt der Gebäude, ist dies nicht der Fall. Ob in der Maschinenhalle in Gladbeck-Zweckel, dem Gelände um die Jahrhunderthalle in Bochum oder Zollverein: Nach einer wirtschaftlichen Nutzung sucht man vergebens. Aus Mangel an Ideen und der Kneblungen durch den Denkmalschutz setzte man auf eine kulturelle Nutzung und schuf damit nur neue Subventionstatbestände. Neue Jobs, sich selbst tragende Jobs sind nicht entstanden. Doch die sind das, was im Ruhrgebiet fehlt. Berger irrt, wenn er schreibt: „Solidarisches Verhalten und das Zusammenwirken der Konfliktpartner Gewerkschaften, Arbeitgeber und Staat haben aus der schwerindustriellen Ballungsregion in jahrzehntelangen Prozessen eine Region gemacht, die zwar nicht zu den Boomregionen Deutschlands zählt, aber durchaus optimistisch in die Zukunft blicken kann…“  Mit viel Geld wurde zwar der Kollaps abgewendet, aber Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen hat das Ruhrgebiet nicht: Nirgendwo während des langen Booms der 10er Jahre entstanden in Deutschland weniger Arbeitsplätze als im Ruhrgebiet. Der Abstand zu allen anderen Großstädten und Ballungsgebiet wurde größer. Eine aktuelle Prognose der Postbank geht davon aus, dass das Ruhrgebiet zu den Regionen gehört, in denen Immobilien in den kommenden Jahren an Wert verlieren werden. Das kann man kaum als Optimismus auslösenden Indikator werten, es sei denn man möchte in das lukrative Geschäft mit Schrottimmobilien einsteigen. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahr 2018 stellt dem Ruhrgebiet ein verheerendes Zeugnis aus: Wirtschaftskraft, Verkehrsinfrastruktur, Bevölkerungsentwicklung und die Anbindung der Hochschulen an die Unternehmen, nirgendwo läuft es auch nur halbwegs rund. Und dass der RVR seit Jahren nicht in der Lage ist einen Regionalplan zu erstellen, damit klar wird wo Wohnungen gebaut und Unternehmen sich ansiedeln können macht es wirklich nicht besser.

Grund zum Optimismus haben Menschen wie Berger, die ihr Geld vom Steuerzahler bekommen. Diejenigen, die dieses Geld erwirtschaften müssen, können seine Einschätzung kaum teilen.

Aber neben den harten Fakten gibt es noch einen weiteren Grund gegen ein mehr an Industriekultur: Sie ist mentales Gift. In Süddeutschland hält niemand der bei Sinnen ist, Industrie für etwas überholtes. Im Ruhrgebiet wurde sie musealisiert, was die Deindustrialisierung weiter beschleunigt hat. Nein, es ist nicht modern und zukunftsweisend, wenn in einer ehemaligen Zechenhalle Menschen in Strumpfhosen über eine Bühne hüpfen. Modern und zukunftsweisend wäre es, wenn dort neue Generationen von Industrierobotern entwickelt und gebaut würden. Und das, ohne auf Denkmalschutz großartig Rücksicht nehmen zu müssen.

Corona hat zudem gezeigt, wohin Geld in Zukunft fließen muss: In die Digitalisierung, vor allem des Bildungswesens. Geld für alte Backsteinbauten wurde in der Vergangenheit schon viel zu viel ausgegeben. Als rentierliche Investition hat es das nicht erwiesen.

 

 

 

 

 

 

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14 Kommentare zu “Das Ruhrgebiet hat keinen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen und sollte sich die Welterbe-Bewerbung ersparen

  • #1
    Angelika, die usw.

    Der Autor bringt es auf den Punkt. Ein Museum ist Museum, in einem Museum wird nicht produziert, da wird betrachtet. Punktuell nett (ich mag die Zeche Zollverein, das Ruhr-Museum), als Region dämlich.

    Vor einiger Zeit hatte ich zu einem anderen Artikel bei ruhrbarone auf die Firma Maxon (Schweiz, Obwalden) hingewiesen. Firmensitz (und Teil der Produktion) in einem Dorf.
    "…Maxon beschäftigt insgesamt ca. 3050 Mitarbeitende, davon über 1300 in Sachseln (Stand: 2020), und erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 567 Millionen Schweizer Franken. Die neun Produktionsstandorte befinden sich in Sachseln (Schweiz), Sexau (Deutschland), Veszprém (Ungarn), Cheonan (Südkorea), seit März 2019 in Taunton (USA), seit Herbst 2014 beim Tochterunternehmen MDP in Neyron (Frankreich), in Enschede (Niederlande), Suzhou (Provinz Jiangsu, China) und Cheonan (Südkorea).[7]

    Anwendungsgebiete der Maxon-Motoren
    Motoren der Firma Maxon werden verwendet in den Bereichen Medizintechnik, Industrieautomation, Mess- und Prüftechnik, Kommunikation, Robotik, Sicherheitstechnik, Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt und Consumer-Anwendungen.

    Am 4. Juli 1997 landete die NASA im Rahmen der Mission Pathfinder auf dem Mars. Das Marsfahrzeug Sojourner war mit 11 DC-Motoren von Maxon Motor ausgerüstet. Im Januar 2004 landeten die beiden Mars-Rover Spirit und Opportunity auf dem Mars, beide Fahrzeuge waren mit je 39 DC-Motoren der Firma ausgerüstet. Auch im Mars-Roboter Curiosity wurden Maxon-Produkte (Encoder und Sensoren) verwendet. Dieser landete am 6. August 2012 auf dem Mars. Am 18. Februar 2020 landete mit dem Rover Perseverance auch die Helikopterdrohne Ingenuity auf dem Mars. Perseverance braucht Maxon-Motoren für die Bodenproben. Die Drohne besitzt Maxon-Motoren in der Rotorblattverstellung. Damit befinden sich insgesamt über 100 Maxon-Motoren auf dem Mars.[8]…"

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maxon_Motor

    Schweiz, Sexau (Deutschland), Ungarn, Südkorea, USA, Frankreich, Niederlande, Suzhou China.

    In Sexau.
    "…eine Gemeinde im Landkreis Emmendingen in Baden-Württemberg etwa 15 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau…" siehe wiki

    Es ist eben da und nicht in Herne, Duisburg, Bottrop….

    Es könnte aber hier sein, Platz wäre genug.
    öm … Platz wäre genug gewesen? Man präferiert ja Shopping-Malls, Outlet-Center, Museums-Gedöns, Lebensmittellager. ein Hafen für Schiffchen (Freizeit) an einem Kanal, Erlebnis-Spaßbäder, Musical-Theater (ach so, das war ja nix … fluppte nicht mehr so, schon vor Corona) ………………..Tourismus …

    An einem renaturierten Bach lustwandeln (doch, ist schon schön), sich über den Preisverfall der Immos ärgern (schon Sch..). Nun ja … Wer kann geht weg. Wer bleibt hat Gründe, oft nicht Heimatverbundenheit, Perspektive, oft einfach nur das Alter (die Mieten im Pott sind niedrig, hat man als Rentner mehr – für Mallorca …).

  • #2
    Norbert Nierentisch

    niemand kann Zeitreisen in die 50iger Jahre so gut wie Stefan Laurin:

    als die Welt der Industrie noch in Ordnung war …

  • #3
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Norbert Nierentisch: Genau deswegen ja das Beispiel mit den Industrierobotern. Aber ich bin entspannt. Nach Corona wird für viel Unsinn hoffentlich kein Geld mehr da sein 🙂

  • #4
  • #5
    Philipp

    Ich hatte mich auch kurz gefreut, als ich die Meldung zur LIpidproduktion Evoniks für die Corona-Impstoffe gelesen hatte…nur um im nächsten Satz zu lesen, dass die serielle Fertigung am Standort Hanau (Frankfurt) stattfindet. Na ja. Knapp daneben ist auch vorbei. 😀

    Bleibt nur: Logistik, Logistik, Logistik.

  • #6
    Norbert Nierentisch

    @ Philipp

    Philipp: "Industrie ≠ Schwerindustrie"

    ganz tolle Analyse! ich vergöttere dich!

    natürlich nicht so sehr, wie den Industrie-Baron Stefan Laurin!

  • #7
    ccarlton

    #3:

    🙄 Eher werden die Steuern erhöht. Nochmal. Eine Steuererhöhung hatten wir in der Krise bereits.

  • #8
  • #9
    abraxasrgb

    Historiker, wie Berger sind und bleiben eben "rückwärtsgewandte Propheten".
    Netter Versuch Stillstand als Fortschritt umzuetiketieren.
    Selbst wenn sich die Kommunen einigen wird das bei der UNESCO ebenso krachend scheitern, wie beim letzten Versuch.

    Das Gegenteil wäre sinnvoll, Reduktion der Hinterlassenschaften der Schwerindustrie auf wenige signifikante Areale. Die Kokerei Hansa z.B. ist völlig überflüssig, denn knapp 30Km weiter gibt es die bereits als Welterbe qualifizierte Kokerei Zollverein. Ebenso die Henrichshütte Hattingen und der Landschaftspark Duisburg Nord als Stahlwerke. Die Liste lässt sich ziemlich fortsetzen.
    Dafür eine stärkere Internationalisierung z.B. der Route der Industriekultur (die es immer noch nicht einmal rudimentär in Englisch gibt).
    Aber in dieser großen deutschsprachigen Weltprovinz namens Ruhrgebiet ist #metoo ein inflationäres steigern und gegenseitiges kannibalisieren.
    Wie sagte schon der Säulenheilige der IBA, Karl Ganser: Er hat versucht Innovation in ein innovationsfeindliches Milieu zu bringen. Leider einer der vielen Punkte, an denen die IBA gescheitert ist.
    Wer die vorautomobilen urbanen Strukturen dieser Agglomeration ehemaliger Industriedörfer unter internationalen Denkmalschutz stellen möchte, der lebt eine geradezu reaktionäre Versteinerungsphantasie einer völlig verklärten Vergangenheit.
    Nostalgie ist zwar ein angenehm romantisches Gefühl, trägt aber nicht in die Zukunft.

  • #10
    DEWFan

    Die "gute" alte Schwerindustrie brachte im Ruhrgebiet gutbezahlte Arbeit für viele – auch geringqualifizierte – und Lärm, Dreck und schlechte Luft für alle! Logistikparks verbrauchen viel Fläche und bieten leider keine hochqualifizierten und entsprechend gutbezahlten Jobs in der Masse.

    Klar gibt es auch im Ruhrgebiet andere Industrie, die nicht so belastet. Wilo in Dortmund z.B. – sowas nehmen wir gerne.

    Das ganze Industriekultur-Gedöns ist natürlich reine Folklore wie die Fischernetze an der Wand in einer maritimen Kneipe auf einer Nordseeinsel. Die Zeche Zollverein und die wie ich finde noch schönere Zeche Zollern II finde ich aber absolut erhaltenswert. Aus Phoenix-Ost den Phoenixsee zu machen war dageben ein radikaler Bruch und auch die beste Option. Nicht alle rostigen Rohre sind erhaltenswert und manche sehen auch nur bunt angestrahlt bei Nacht schön aus.

  • #11
    thomas weigle

    Was ist daran sooo schlecht,wenn Immobilien an Wert verlieren? Das macht die Ansiedelung neuer Industriebetriebe und die Mieten billiger, ergo fördert es Zuzug aus Gebieten mit kaum mehr bezahlbaren Mieten und Immobilienpreisen.

  • #12
    Philipp

    @ 11 Thomas Weigle Wenn es so wäre, müssten Oberhausen und Herne langsam aber sicher boomen.

    Dass sie es nicht tun, hat nicht nur was mit der astronomisch hohen Gewerbesteuer zu tun.

  • #13
    Angelika, die usw.

    #11 @thomas weigle
    "…ergo fördert es Zuzug aus Gebieten mit kaum mehr bezahlbaren Mieten und Immobilienpreisen…"

    Sieht nicht so aus.
    Siehe Leerstand, siehe Bau von Lagerhallen, wo auf Flächen auch Produktionsstätten sein könnten.

    Und wer kann es schon schaffen im Pott billig zu wohnen und in Berlin, HH, München zu arbeiten …

    Düsseldorf (Arbeitsplatz), Duisburg (Wohnung/Haus), ok, das geht.

    Ach ja … Schauen Sie sich mal die Grundsteuern an, vergleichen Sie.
    Man tut viel, um den Pott unattraktiv zu machen.

  • #14
    Laubeiter

    Wie klar ist, dass Tesla auf das Zollvereingelände wollte? Hat man nach anderen Standorten im Ruhrgebiet für Tesla gesucht und sie Tesla vorgeschlagen? Zollverein steht unter relativ strengem Denkmalschutz, doch Dutzende andere ehemalige Zechengelände stehen für Ansiedlungen bereit. Wenn das Ruhrgebiet einen UNESCO Status bekäme, würde das nach meiner Einschätzung die Zahl an Industrie- und Gewerbeflächen nicht verringern, die man interessierten Unternehmen wie Tesla anbieten kann. Mir scheint, es geht eher um darum, welche Bedeutung man der im Ruhrgebiet gut erkennbaren Industriegeschichte beimisst. In BW schützt man Ruinen der Montanindustrie auch deshalb nicht, weil es sie nicht gibt. Ist Zollverein nicht einfach so sehenswert, dass man, statt es an Tesla zu geben, es als Magnet weiter schützen sollte?

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