Das Ruhrgebiet und seine Industrie – Neue Wege statt schleichender Niedergang?


„Die Industrie verlässt das Ruhrgebiet.“ „Das Ruhrgebiet steckt noch immer im Strukturwandel“. „Das Ruhrgebiet? Eine abgehängte Region.“ Schlagzeilen, die in jüngerer Vergangenheit immer wieder zu lesen waren. Das Ruhrgebiet als der neue Osten des Westens. Die Frage nach dem „Stimmt das überhaupt?“ wird kaum gestellt. Von unserem Gastautor Dirk W. Erlhöfer.

Mit dem Weggang von Opel in Bochum vor zwei Jahren wurde dieses Bild einmal mehr schärfer gezeichnet. Wieder fielen Werkshallen, wieder demonstrierten Beschäftigte vergebens. Wogegen aber demonstrierten sie? Gegen einen großen Konzern, der weltweit vernetzt und vertreten ist, der weltweit produzieren lässt? Die Frage in der Konzernzentrale nach dem „Wo produzieren wir?“ ist schnell beantwortet. Dort wo Fachkräfte sind, günstig muss es sein, effektiv muss es sein – und die Qualität muss stimmen. Kurzum: Ein wettbewerbsfähiges Produkt, das letztendlich Gewinn abwirft. Ich meine: Die Opel-Beschäftigten hätten gut und gerne gegen die eigene Stadt, das eigene Bundesland NRW oder die Bundesrepublik Deutschland protestieren können. Zu viele Parameter sprachen gegen den Standort in Bochum, in NRW, ja gegen den Standort in Deutschland. Opel baut jetzt in Polen. Dort ist es günstiger, vielleicht effektiver, auf jeden Fall aber gewinnbringender. Sonst hätte der Mutterkonzern wohl anders entschieden. Kapitalismus at it’s best. Das kann man beklagen, oder aber man ändert etwas an den Rahmenbedingungen in unserer Heimat. Wie aber sehen die aus?

Deutschland leistet sich den Luxus, Energie künstlich durch staatliche Abgaben zu verteuern. Die Konkurrenz im internationalen Wettbewerb lächelt müde darüber. Die Energiewende, so sinnvoll sie für die jetzige und spätere Generationen ist: Aktuell ist sie ein massiver Standortnachteil für hiesige Unternehmen. Gleiches gilt für das hohe Lohnniveau. Die Fachkräfte in unseren Unternehmen leisten hervorragende Arbeit, für die sie eine faire Entlohnung verdienen – keine Frage. Das Ausland aber, gerade im Osten, hat aufgeholt. China ist nicht mehr NUR die Werkbank europäischer oder amerikanischer Großkonzerne. Das Know-how steigt, die Qualität steigt, auch die Löhne steigen. Vergleichbar mit denen in der deutschen Industrie sind sie aber längst nicht.

Weltweiten Ruf hat die deutsche Gründlichkeit. Wir Deutsche lieben Regeln, Gesetze, Verordnungen. Auch Unternehmen mögen klare Spielregeln. Spielregeln, die praxistauglich sind. Den Punkt der Praxistauglichkeit hat der Wust an Regelungen, an bürokratischem und verwaltungstechnischem Aufwand längst überwunden. Ein irrwitziges Beispiel: Eine erst vor kurzem geplante und glücklicherweise nicht umgesetzte neue Arbeitsstättenverordnung sah vor, dass alle Toiletten in einem Unternehmen ein Fenster haben müssen. Worauf man – einmal im Regelungswahn – kommen kann… Festzuhalten bleibt: Industrie-Unternehmen verlagern ihren Standort nicht aus einer Laune heraus. Viele Faktoren spielen eine Rolle und können letztlich zu dem Entschluss führen: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir etwas ändern.

Die Menschen im Ruhrgebiet sind Meister darin, neue Wege zu beschreiten, neue Strukturen aufzubauen, neue Ideen zu entwickeln Wenn diese Fähigkeiten institutionalisiert werden könnten, das Ruhrgebiet wäre das perfekte Versuchslabor. Versucht wird in der Region an vielen Stellen. Einzelne Projekte, Leuchttürme, innovative Produkte: Man muss suchen, aber man findet sie. Auch im Ruhrgebiet. Dieser Weg muss weiter beschritten werden. Ich plädiere für eine wissensbasierte, vernetzte Industrie, die im digitalen Zeitalter dem internationalen Wettbewerb wieder einen – oder wie früher sogar zwei – Schritte voraus ist. Die Voraussetzungen sind gut. Keine Region in Deutschland besitzt eine Hochschuldichte wie wir. Keine Region in Deutschland verfügt über ein ähnliches Fachkräftepotenzial wie wir. Das Ausland beneidet Deutschland um die Strukturen bei der dualen Ausbildung. Das sind Schätze, die nun gehoben werden müssen.

Die neue Währung im internationalen Wettbewerb ist Zeit. Wo aber stehen wir aktuell? Wir befinden uns in einer zweiten Restrukturierungs-Phase nach dem Bergbau und nach der Auto- bzw. Elektronikproduktion. Jetzt müssen wir Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen enger verzahnen. Jetzt müssen wir eine neue Gründerkultur entfachen. Jetzt müssen wir Tüftler, Forscher, Querdenker mit innovativen Ideen unterstützen und ermutigen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Tüftler sind keine Kaufleute und scheuen häufig administrative Hürden. Helfen wir ihnen. Vernetzen wir sie – mit Experten, die genau das können. Und mit Geldgebern, die in eine gute Idee investieren möchten. Jetzt. Dann ist mir nicht bange um eine Region, in der so viel Potenzial steckt.

Dirk W. Erlhöfer ist Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen 

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4 Kommentare

  1. #1 | teekay sagt am 26. Juni 2017 um 12:00 Uhr

    So mit Zahlen, Fakten und ähnlicher Empirie scheint's der Autor nicht so zu haben…statt dessen das übliche LaberRhabarber von einer "neuen Gründerkultur"…gähn…

  2. #2 | ke sagt am 26. Juni 2017 um 13:28 Uhr

    Ähnliche High Level Aussagen kenne ich, seit ich denken kann.
    Es fehlen Konkretisierungen. Insbesondere bezogen auf die Region Ruhrgebiet.

    Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen sind in vielen Bereichen Deutschlands gleich. Die Löhne sind im Süden seit Jahren deutlich höher als hier.

  3. #3 | abraxasrgb sagt am 26. Juni 2017 um 17:01 Uhr

    Heya, die Hochschulen. Ja, die sind prima, denn sie beschleunigen den "brain drain". Es wird zwar eventuell in der Region studiert, aber mangels Gründerkultur und Berufsaussichten verliert die Region die Absolventen. So kann man eine strukturelle schiefe Ebene schönreden 😉
    Die "Leuchttürme" haben ungefähr so viel ökonomische Strahlkraft, wie ein Glühwürmchen im Lichtsmog des Ruhrgebietes.
    Die wesentlichen Wirtschaftszonen NRWs sind nicht im Ruhrgebiet, sondern in der Rheinschiene und im Sauerland, Ostwestfalen und im Münsterland.
    Hier ist doch schon lange Schicht im Schacht. Was bleibt, sind die Ewigkeitskosten. Vielleicht ist der Phönixsee doch nicht so doof, Pumpen abschalten und neue Seen entstehen lassen. Das saisonale Niedriglohnsegment Tourismus hatte die Regierung von Hanni und Nanni doch toll als Zukunftsperspektive ausgegeben, weil es so toll viele Arbeitsplätze schafft ….

  4. #4 | Walter Stach sagt am 26. Juni 2017 um 20:00 Uhr

    "Neue Wege"……….
    Es sind in den letzten 3o-4o Jahren viele neue Wege konzipiert und einige noch Wege begangen worden. Und diese haben -nicht alle, aber einige, durchaus zu allseits gewünschten Zielen geführt- Unternehmen, die Gewinne machen, die neue Arbeitsplätze und den Städten Gewerbesteuern gebracht haben.

    Es war also in den letzten 3o-4o Jahren in Sachen "Wirtschaft im Revier" nicht "alles Scheiße" und es ist im Revier in Sachen "Wirtschaft" nicht alles "Scheiße".
    Die IHK, die Handwerkskammern u.a. könnten Daten liefern, die belegen , daß in den letzten 3o-4o Jahren mit Erfolg Standortsicherung von Unternehmen und Neugründungen von Unternehmen erfolgreich betrieben worden sind, also diesbezüglich keineswegs von einem totalen Mißerfolg gesprochen werden kann, sondern von durchaus beachtlichen Erfolgen. Im übrigen Erfolge, die in aller Regel zutun haben mit bester Kooperation von Unternehmern, kommunal Verantwortlichen und den Verantwortlichen auf Landesebene.

    Unstrittig ist, daß das Alles unbefriedigend erscheint, jedenfalls den meisten Menschen, die im Revier leben, die hier arbeiten bzw. die hier arbeiten wollen.
    Folglich kommt es eben immer wieder dazu, daß seitens der IHK, der Handwerkskammern, des Einzelhandelsverbandes, des RVR, der Parteien, der kommunalen Räten, seitens wirtschaftswissenschaftliche Institute, seitens diverser Ruhrgebietsinitiativen "neue Wege" gefordert, "neue Wege" beschrieben, um den "Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet" zu "optimieren", was immer auch Letzteres konkret bedeuten mag.

    Den großen Wurf gab es noch nicht. Kann es den denn geben? Und worin könnte der bestehen? Fragen, die immer wieder gestellt werden und gestellt werden müssen, z.B. in dem hier diskutieren Kommentar- einhergehend mit dem Bemühen, Antworten zu finden und zu liefern -.

    Ich kenne nicht den einen richtigen Weg. Ich kenne nicht `mal alle denkbar richtigen Wege, über die im Revier -in den Kammern, in den Kommunen, beim RVR , in den hier ansässigen Unternehmen- und auf Landes-, Bundes – und EU-Ebene diskutiert wird, wenn es um den "Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet" geht.
    Wenn ich mich dann und wann in diverse Diskussionen einbringen darf, erlaube ich mir immer wieder einleitend daran zu erinnern, daß es faktisch unmöglich ist, im Ruhrgebiet irgendwann, irgendwie wieder Großunternehmen anzusiedeln, in denen der Produktionsfaktor Arbeit in Qualität und Quantität auch nur annähernd den Stellenwert haben könnte wie das zur Hochzeit des Bergbaues und der Stahlindustrie der Fall war; trivial, ja, aber viele Menschen im Revier hegen und pflegen noch diverse Träume!

    Neuerdings erlaube ich mir zudem in diversen Diskussion das Folgende zu fragen:

    Wenn schon jetzt seitens der hier ansässigen Unternehmen ein Mangel (!) an Facharbeitskräften beklagt wird und der sog. demographische Wandel -trotz des Zuzuges von Einwanderer- den Mangel an arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen noch weiter verschärfen wird, würde sich dann nicht bei "gewaltigen Neuansiedlungen", bei "gewaltigen Unternehmenserweiterungen" diese Problematik verschärfen? Problemlösungen? Steht dem entgegen -auch im Revier-, daß die fortschreitenden Digitalisierung und "Roboterrisierung" zahlreichen Facharbeitsplätze überflüsssig machen wird und diese dann frei würden für…….?

    Die neue Landesregierung hat bekanntlich "neue Wege" für den Wirtschaftsstandort NRW und damit auch für das Revier angekündigt und dabei vor allem den "Industriestandort" betont -Bestand erhalten, neue Industrie ansiedeln-.
    Ich bin gespannt, was nach 4 Jahren dieserhalb zu bilanzieren sein wird.

    PS
    Im Gegensatz zu den auch bei den Ruhrbaronen sehr aktiven Anhängern der Stromproduktion aus Kohle und damit im Gegensatz zu den "Fans" neue KohlestromGroßkraftwerke im Revier und damiti im Gegensatz zu der darauf abgestellten und darauf ausgerichteten Industriepolitik für das Revier seitens diverser Großunternehmen, diverser Kommunen und der Landesregierung -egal welcher politscher Coleur-, war ich und bin ich der Meinung, daß mit einem radikalen Abschied von diesen Industrieunternehmen und von einer diesbezüglchen Industriepoltik die ganz große Chance bestanden hätte, das Revier zu dem weltweitführenden Standort für die Entwicklung ,die Produktion alles dessen zu etablieren, was heute , morgen und übermorgen an "technischem Gerät" benötigt wird in der Solarenergie, in der Stromgewinnung (und Verteiligung) durch Windkraft u.ä. mehr. Mir scheint, diese Chancen hat das Revier verpßaßt -die hier ansässigen Unternehmen, ihre Interessenvertretungen, die Kommunen, das Land. Das aber nur so nebenbei, auch gemeint, um all diejenigen, die immer wieder "für das "Revier/für das Land" neue Wege fordern, die immer wieder Risikosbereitschaft fordern, daran zu erinnern, daß es eben auch unter ihnen viele gibt, die wider alle Vernunft -wie ich meine- an dem Überkommenen zu Lasten des Neuen- festzuhalten versuchen. Das kann letztendlich nicht gelingen. Nur führt das zu gewaltigen zeitlichen Verzögerung im Prozess notwendiger inhaltlichen Veränderungen des Industriestandortes NRW, speziell des Ruhrgebietes.

    Politisch gedacht und so auch formuliert:
    Es geht nicht darum, Wege zu suchen , die wegführen vom Industriestandort NRW/Ruhrgebiet, sondern darum, neue Wege zu suchen, um den Industrandort NRW/Ruhrgebiet im neuen Inhalten zu füllen.

    Im übrigen:
    Wenn die Ruhrbarone `mal ihr "Archiv" öffnen, wird festgestellt werden können, wie oft schon über die "Zukunft des Wirtschaftstandortes Rurhgebiet" und über "neue Wege zu seinem Erhalt" hier diskutiert worden ist.
    Ich sehe nicht, wie der hier diskutierte Kommentar des Gastautors "uns im Revier" zu substantiell neuen Erkenntnissen verhelfen könnte. Trotzdem bewirkt er etwas, nämlich dass zumindest hier bei den Ruhrbaronen wieder einmal das für die Zukunft des Reviers wichtigste Thema "auf der Tagesordnung " steht.

    Der Gastautor merkt ua. an :"Die Menschen im Ruhrgebiet sind Meister darin, neue Wege zu beschreiten, neue Strukturen….".
    Ja, so ist.
    Für den WDR war das Anlaß für eine Reportage, die am Wochenende unter dem Titel…um …Uhr gesendet wurde. Leider sind mir die präzisen Daten dazu nicht präsent.
    Ich erwähne diese Reportage vor allem deshalb -als " Lokalpatriot"-, wie zu Anfang der Reportage über das in meiner Heimatstadt Waltrop ansässige Unternehmen "Biker Haase" berichtet wurde -die Erfolgstory eines Einzelnen – fachliches Können, Mut, ,viel Arbeit, Kreativität-, die dazu geführt hat, daß aus dem "Ein-Mann" Unternehmen ein mittelständischer Betrieb mit rd. 5o Mitarbeitern geworden ist. Ansässig in einer der renovierten Hallen -nebst ergänzendem Neubau auf der ehemaligen Zeche Waltrop. Im übrigen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptsitz von Manufactum. Auch ein Unternehmen, das entstanden ist, weil "man" im Jahre….(?) den Mut hatte, völlig neue Wege zu gehen. Dass dieses deutschlandweit bekannte Unternehmen seinen Hauptsitz "ausgerechnet" im nördlichen Ruhrgebiet gefunden hat, zeigt zudem jedermann, daß es n totaler Unsinn ist zu behaupten, im Revier sei kein Platz für kreative Ideen, für kreative Unternehmen -und zwar für in jeder Beziehung sehr erfolgreiche!

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