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Lesenswert für Fitnessfanatiker und Couchpotatos: Das Zeitalter der Fitness

Rosi the Riveter - Rosie the Riveter - Quelle: U.S. National Archives, gemeinfrei

Rosi the Riveter – Rosie the Riveter – Quelle: U.S. National Archives, gemeinfrei

In den 80er Jahren schwabte mit Aerobic („Enorm in Form“) Fitness via TV nach Deutschland. Der Trend zur Selbstoptimierung ist seitdem ungebrochen. Fitness-Apps auf dem Smartphone helfen jedem Hobbysportler bei der Überwachung der Fitnessaktivitäten. Sportstudios – teilweise mit 24h-Öffnungszeiten – und Personal Trainer haben nach wie vor Hochkonjunktur. Fitness ist ein Milliardenmarkt.

Der Historiker Jürgen Martschukat nimmt in seinem, im November 2019 veröffentlichten, Buch Das Zeitalter der Fitness den Leser mit auf eine spannende Zeitreise und hinterfragt die Gründe des Fitnesshypes: Ohne dabei den Spaß an Bewegung zu nehmen.

Sport und Selbstoptimierung ist in: Beim Biken, Nordic-Walking, Marathon oder im Fitnessstudio wird heute über Fitness-Apps und dazugehörige Hardware, wie Smartwatches oder Brustgurte, der Herzschlag, Puls und Kalorienverbrauch getrackt. Wie konnte es soweit kommen?

Wer sich fit hält, übernimmt Verantwortung. Für sich und die Gesellschaft, Er zeigt sich mit seinem durchtrainierten Äußeren als Leistungsfähig – ob in der Arbeitswelt, beim Militär oder beim Sex. Damit ist der Körper, so Martschukat, im Neoliberalismus angekommen. (Klappentext „Das Zeitalter der Fitness“)

Der Autor nimmt den Leser mit auf einen durchaus spannenden Rückblick. Im Kapitel Fitness im Zeiten von Krise und Krieg stellt der Autor dem Ideal der Nazis – Verehrung von Sport und Soldatenkörpern – das im Propagandastreifen Olympia (Leni Riefenstahl) filmisch auf die Spitze getrieben wurde, dem Ideal der freiheitlichen Welt gegenüber: Körperliche Fitness zum Ziel einer erhöhten Wehrhaftigkeit gegen die diktatorische Bedrohung. Rosie die Nieterin (Foto oben) zeigte ihre Muskeln, bereit um Amerika und die Freiheit zu verteidigen.

Das Zeitalter der Fitness; Foto: Peter Ansmann

Das Zeitalter der Fitness; Foto: Peter Ansmann

Fitness als Produktionsfaktor

In der Nachkriegszeit wird die Verschlankung von Unternehmen, Lean Production, und die zeitgleich aufkommende Fitnessförderung in Unternehmen, speziell in der Autoindustrie durch Jürgen Martschukat beleuchtet: Vorreiter bei diesem Trend waren nicht FORD in den USA, sondern Toyota in Japan: Gemeinsamer Sport als Faktor für Reduzierung von Fließbandarbeit, mehr Teamarbeit, geteilte Verantwortung im Produktionsprozess. Der Autor beleuchtet hier die wirtschaftliche Bedeutung von Sport und Eigenoptimierung, ohne den Spaß an dieser zu verleiden.

Sex haben

Kritisch behandelt Jürgen Martschukat im Kapitel „Sex haben“ die Veränderung des Sexuallebens durch Leistungsoptimierung, in diesem Falle durch die bekannte blaue Pille mit dem Wirkstoff Sildenafil (Viagra): Ebenfalls ein Milliardenmarkt.

Die Couchpotato als ultimativer Rebell

Bei diesem, in Neoliberalismus, idealisierten Bild des sportlich aktiven und durchtrainierten Menschen, ist das Leben als Couchpotato vielleicht die moderne Form des Widerstands, resümiert der Verfasser des Werkes. Über 100 Seiten Querverweise auf externe Literatur geben dem interessierten Leser die Möglichkeit, selber weiter zu recherchieren.

Fazit: Eine interessanter Blick auf den Fitnesstrend. Spannend zu lesen – auch, oder gerade, für überzeugte Verweigerer dieses Trends.

Jürgen Martschukat: Das Zeitalter der Fitness. Wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde

Verlag: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main,
Umfang: 352 Seiten (Davon ca. 100 Seiten Quellenangaben)
Preis:  25,00 Euro
ISBN: 978-3-10-397365-5

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