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Dass die Grünen die SPD in Bayern weit hinter sich gelassen haben, ist ein Menetekel

Gott kündigt König Belšazar seinen baldigen Tod und den Untergang seines Königreiches an. Sozialdemokraten kennen diese Situation. Bild: Rembrandt Lizenz: Gemeinfrei

Kollege Bartoschek hat völlig recht: Niemand will mehr einen Text über die Wahlerfolge der AfD lesen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn die SPD ist momentan ohnehin viel interessanter. Ihre Verluste bei der heutigen Wahl bestätigen einen bundesweiten Trend, der gerade erst am Anfang steht – und der den Sozialdemokraten eine düstere Zukunft verheißt.

Denn dass die Grünen die SPD in Bayern weit hinter sich gelassen haben, ist nicht nur ein Betriebsunfall oder die Folge von Regionalspezifika. Es ist ein Menetekel für die Partei insgesamt. Bei der Bayern-Wahl konnten wir die Wachablösung im linken Lager live und in Farbe beobachten, mal wieder.

Denn anders als noch vor wenigen Jahren in Baden-Württemberg hatten die Sozis es in Bayern nicht mit einem ausgesprochen charismatischen grünen Landesvater in spe zu tun, dessen bodenständiger Affekt ihn überall im Land anschlussfähig machte. Im Gegenteil, die bayerischen Spitzenkandidaten der Grünen, Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, wirken im Vergleich zum leutseligen Kretschmann wie die Verkörperung des überdrehten urbanen Hipsters. Kein Wunder daher auch, dass beide ihre Stimmkreise in München haben (und beide, Stand 20:30 Uhr, wohl auch gewinnen werden).
Doch so schwach – und unbekannt – die grünen Spitzenleute bis zum Schluss blieben, mit Natascha Kohnen bot die SPD eine noch schwächere Kandidatin auf. Die wirkte trotz fescher Positur fortwährend anämisch, forderte auf Plakaten abstrakt „Anstand“ oder arbeitete sich viel zu wortreich an Wohnungsspekulanten ab; ein Thema, das in den an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Wahlslogan „Besser wohnen mit Kohnen“ mündete. Ralf Stegner fand den Spruch super, mehr muss man nicht wissen.

Noch weniger attraktiv als die kluge, aber glücklose Kandidatin wirkt nur noch das inhaltliche Angebot der SPD. In einer Zeit, da ein allgegenwärtiger Öko-Lifestyle auch unter trendfernen Bevölkerungsgruppen die Grünen praktisch ex officio zur Partei der Stunde erhebt, wird die programmatische Nische für die Sozialdemokratie klein und kleiner. Die Arbeiterschaft ist ihr als Kernmilieu längst abhandengekommen, weil ins Bürgertum aufgestiegen oder an die Ränder abgewandert, und neue Wählerschichten gibt es nicht mehr zu erschließen. Beamte und Gutverdiener wählen lieber die Grünen, Arbeitslose Linke oder AfD. Wer mit den Grünen nicht kann und trotzdem für Offenheit statt Abschottung eintritt, der kann mit der Union immer noch eine Volkspartei wählen. Wer braucht da noch die SPD?

Der Abstieg bedingt auch den Imageverlust: Für die junge, urbane Elite wirkt die weiterhin heroisch staatstragende Sozialdemokratie im Vergleich mit den hippen Grünen so sexy wie eine Hüftprothese. Und auch die von urbanen Trends mittelbar Beeinflussten auf dem Land können mit der Mischung aus Biomarkt und konservativer „Schöpfungsbewahrung“, die ihnen die Grünen anbieten, gut leben. Das ist für die SPD tödlich, denn mehr als eine große Oppositionspartei braucht es schlicht nicht. Weiterhin schadet der Partei, dass sie den Menschen zu allem Überfluss auch nichts mehr zu sagen hat, wie Analysen von infratest zur Bayernwahl zeigen: Sage und schreibe 71 Prozent werfen ihr hier programmatische Unklarheit vor, und fast vier von fünf Befragten erklärten, die Partei habe im Wahlkampf kein Thema gefunden. Mit solchen Werten kann man als Partei eigentlich zumachen.

Es zeigt sich: Das linke Lager kommt nicht lange ohne einen Leitwolf aus, ein längeres Nebeneinander von gleich starken Sozialdemokraten und Grünen ist auch auf Bundesebene nicht zu erwarten. Die Grünen können sich auf dem Weg zur neuen Volkspartei links der Mitte nur noch selbst ein Bein stellen. Dass die Partei als Hort einer oft hysterischen Panik rund um alles, was nach moderner Technologie aussieht, eben doch besser „Angst machen“ als „Mut geben“ kann, ist egal. Dass eine SPD, die einen nur in Nuancen anderen Öko-Ansatz vertritt als sie selbst, ihr gefährlich werden könnten, glaubt kein Mensch mehr.

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3 Kommentare zu “Dass die Grünen die SPD in Bayern weit hinter sich gelassen haben, ist ein Menetekel

  • #1
    Bochumer

    Ach ja. Der tragische Tod von so ziemlich allem. Ich denke, dass die SPD auch wieder Wahlen gewinnen wird. Die FDP hat ja auch leider wieder den Sprung in den Bundestag geschafft. Die CDU nach Merkel vermag ich mir nicht vorzustellen, da wird es Chancen geben. Allerdings sollten die Spezialdemokraten gegen die Einführung der 5%-Hürde stimmen, wo immer sie können.

  • #2
    Gerhard Otto

    Das in der ARD von Frau Ellis Fröder mit Frau Andrea Nahles am Abend des 14.10.2018 gegen 18.45 Uhr geführte Interview ist quasi der Offenbarungseid der Funktionärs-SPD.
    (Hab‘ das Interview bisher bei ARD nicht gefunden. Bei YouTube ist es online. Allerdings auf nem blau-braunen Kanal. Und den Link erspar ich mir an dieser Stelle.)

    Hier sind die vielsagenden letzten Sekunden des Interviews abrufbar:
    https://www.ksta.de/politik/ard-interview-spd-chefin-nahles-laesst-reporterin-bei-bayern-fazit-stehen-31439452

    ("ARD-Interview SPD-Chefin Nahles lässt Reporterin bei Bayern-Fazit stehen")

  • Pingback: Wahl in Bayern, elektronische Patientenakte und Brexit-Verhandlungen – The Buzzard

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