12

Dem Ruhrgebiet läuft die Zeit davon

Alte Industrieflächen können schnell und preiswert der Natur überlassen werden. Gewerbe benötigt schnell frische, freie Flächen.


Bei der Schaffung neuer Gewerbeflächen setzt das Ruhrgebiet vor allem auf die Nutzung ehemaliger Industrieflächen. Doch die zu sanieren ist teuer und kostet Zeit.

Dem Ruhrgebiet gehen die Gewerbeflächen aus. Schon im vergangenen Jahr warnte die IHK Duisburg davor, dass die Reserve an Flächen, die ansiedlungs- und expansionswilligen Unternehmen zur Verfügung stehen, nur noch für einen kleinen Zeitraum ausreicht. Fatal für eine Region, die Unternehmen mit hohen Gewerbesteuern abschreckt und in der im Boom der vergangenen Jahre weniger neue Arbeitsplätze entstanden als in allen anderen Ballungsgebieten Westdeutschlands. 

Im nun beginnenden Abschwung ist der Mangel an Flächen ein weiterer Nachteil, denn der Wettbewerb zwischen den Regionen wird sich verschärfen – nur wer passgenaue Flächen liefern kann, wird in ihm bestehen können. Das aber kann und will die Region nicht, denn der Regionalplan der Regionalverbandes Ruhr setzt in erster Linie nicht auf die Bereitstellung neuer Flächen sondern auf die neue Nutzung ehemaliger Industriebrachen. Bis die zur Verfügung stehen, müssen sie allerdings saniert werden. Das kostet Zeit und Geld. Zeit hat das Ruhrgebiet nicht, um Geld muss es bei anderen wie der Europäischen Union, dem Land oder dem Bund betteln.

Und  im Abschwung und nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU wird das Geld knapp werden – beim Land, im Bund und in Europa.

So sympathisch die Idee auf den ersten Blick sein mag, in erster Linie alte Industrieflächen nach teurer Sanierung neu zu nutzen, so fatal ist sie für den Standort. Sinniger wäre es, Ackerland, das ökologisch ohnehin nur einen geringen Wert hat, schnell in Gewerbeflächen umzuwandeln und alte Industriebrachen der Natur zu überlassen. Die schafft auf ihnen innerhalb kurzer Zeit ökologische vielfältige Lebensräume. Und das zu einem kleinen Preis.

 

 

RuhrBarone-Logo

12 Kommentare zu “Dem Ruhrgebiet läuft die Zeit davon

  • #1
    Andreas Flenker

    Zitat:
    “Der Regionalplan der Regionalverbandes Ruhr setzt in erster Linie nicht auf die Bereitstellung neuer Flächen sondern auf die neue Nutzung ehemaliger Industriebrachen.“

    Und das ist auch gut so !

    Siehe jahrelange (Jahrzehnt) Komfortzone der drei Kraftwerksblöcke 1 bis 3 i Datteln.

  • #2
    Klaus Lohmann

    Solange die Emschergenossenschaft die schon vor zig Jahren geforderten 800 Mio. für weitere Pumpwerke und Aufrüstung der Deiche, die durch eine noch stärkere Flächenverdichtung bei gleichzeitig durch die Verschiebung der Niederschlagsmengen steigenden Starkregengefahren notwendig sind, und die Kommunen ebenso gleichzeitig Milliarden für die Erweiterung ihrer Kanalstrukturen bekommen, ist das mit den Ackerflächen diskutierenswert. Vorher nicht – oder die neuen Gewerbegebiete werden ohne Übergang zu Seenplatten.

  • #3
    ke

    Wohin wollen wir denn gehen?
    Noch mehr Gewerbegebiete am Ende der Welt, die dann nur per Auto erreicht werden können? Das wird zu Klimaschutz und Schadstoffproblemen führen.
    Weitere Lagerhallen im Niemandsland? Das gibt in 10 Jahren den nächsten Strukturwandel und bis zu dem Zeitpunkt viel Verkehr.

    Welche Industrien sollen denn hier in einem der größten Ballungsräume jenseits großer Wasserstraßen -abgesehen vom Rhein- entstehen?
    Welches Gewerbe braucht riesige Flächen? Büroarbeitsplätze gehören in Stadtnähe, damit sie auch per ÖPNV erreicht werden können. Hier hat zumindest Dortmund viele geeignete Flächen.

    Aktuell werden die Flächen doch durch die Parkplätze von immer größeren Baumärkten und Discountern sinnlos verbraucht. Die LKWs für die Anlieferung brauchen dann weitere Flächen an den Autobahnen, weil sie ja aus Kostengründen ihre Betriebsflächen auf öffentlichen Grund erwarten.

    Ich sehe hier keinen dringenden Handlungsbedarf. Ballungsräume brauchen auch Frischluftschneisen.

  • #4
    abraxasrgb

    @ke Für die oft wiederholte, aber noch nie schlüssig belegte, urbane Legende der Auslagerung von Lagerflächen auf die Straße, hätte ich gerne mal eine plausible Erklärung …

  • #5
    ke

    @4 abraxasrgb
    Welche urbane Legende? Mir ging es zuerst um Parkplätze, d.h. um LKW, die überwiegend auf Parkplätzen an der Autobahn das Wochenende oder die Nächte verbringen. Hierzu werden aktuell riesige Flächen verbraucht, die auch immer noch erweitert werden sollen.

    Zur Lagerfläche auf Straßen:
    Dies bezieht sich doch insbesondere auf die Just in Time/Sequence Fertigung sowie auf die Vermeidung von Lagerbeständen, die dann durch viele Einzellieferungen ersetzt werden.
    Dass die Einzellieferungen zu mehr Fahrten führen, ist für mich nachvollziehbar.

  • #6
    Andreas Flenker

    Die HSP-Hoesch Fläche in Dortmund liegt seit dem Jahr 2015 mit ca. 45ha (63 Fußballfelder) brach und wer weiss wie lange noch. Wenn die deutsche Industrie doch so einen riesigen Hunger nach Standortflächen hat, warum sieht man niemanden dort Schlange stehen ?

    Bestimmt, wie so oft vom Autor gebetsmühlenartig gepredigt, verhindern das sicherlich auch die “Grünen“.

  • #7
    Bochumer

    Wieso werden im Ruhrgebiet neue Flächen benötigt? Hier ist doch laut diesem Blog alles tot und es gibt keine nennenswerte wirtschaftliche Aktivität mehr.

    Die Umwandlung von Ackerflächen halte ich für sehr kurzsichtig. Die Weltbevölkerung steigt: Da werden auch die Preise für Lebensmittel steigen. Ob es noch viel Spielraum für Produktionssteigerungen gibt, wissen wir derzeit nicht.

  • #8
    Klaus Lohmann

    @Andreas Flenker: Die alte Hoesch-Spundwand-Fläche soll Teil eines neuen "Stadtquartiers" mit Hochschul-Standorten und Technologie-Park-Ablegern werden, welches bis 2027 fertiggestellt sein soll:
    https://www.nordstadtblogger.de/hoesch-spundwand-das-geplante-stadtquartier-soll-teil-eines-gruenguertels-vom-mooskamp-bis-dorstfeld-werden/

  • #9
    Andreas Flenker

    @Klaus Lohmann

    Das ist mir alles bestens bekannt, ebenso (nur beispielhaft auf Dortmund bezogen) die jahrzehnte lange Konversion der ehemaligen militärischen Liegenschaften. Dort stand auch kein Industrieller mit hoher Belegschaftsgröße Schlange!

    Vielleicht liegt es auch oft daran, das Voreigentümer, besonders hier die Industrie selbst, solche großen Flächen mit Altlasten jeglicher Art selbst kontaminiert haben und von daher lieber frische, unbelastete und billige Grünflächen bevorzugen.

    Oder wie am Beispiel von E.ON (Uniper) und der Stadt Datteln bzw. den “besonderen“ Bemühungen des ehemaligen Bürgermeister W. Werner und “seinem“ Stadtrat. Wo der Betreiber/Verursacher der Kraftwerksblöcke 1-3 grenzenlose Fristen in Bezug auf die Wiederherstellung zugeschoben bekommen hat und die Fläche somit über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte für neue Industrie oder Kleingewerbetreibende verschlossen bleibt.

    So viel zu den “roten Socken“ und ihrer Loyalität (Geschachert) zur Industrie, aber auf der anderen Seite nach neuen Grünflächen (newPark) und Steuergelder schreien.

  • #10
    Klaus Lohmann

    @Andreas Flenker: Es liegt in nicht unbedeutendem Maße in Dortmund daran, dass die Schwerindustrie ihr Gelände über anderthalb Jahrhunderte verseucht hat, aber nach ihrem Abgang alles daran setzte, ihren gesetzlichen Verursacher- und Eigentümerpflichten zu entgehen und sogar noch viel Geld von der (SPD-)Kommune für die Übertragung des Grunds zu bekommen – im Falle Phoenix-West und Phoenix-See war das z.B. ein Kaufpreis von ca. 5 Mio. Euro ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Entsorgungs- und Dekontaminationsarbeiten, die dann – wie immer flankiert von Düsseldorfer Förderkohle – vom Steuer- und Gebührenzahler bezahlt werden mussten.

    Heißt auf deutsch: die Industrie muss sich in NRW nur lange genug zieren, ihre alten Brachflächen zu sanieren und zu veräußern, dann schmeißt die Politik irgendwann schlechtes Geld dem guten hinterher, indem sie jeden unsinnigen Preis zahlt, um an Fläche zu kommen.

  • #11
    Andreas Flenker

    Und wieder so eine heuchlerische Vorgehensweise unserer Gesellschaft, in dem die Natur gegen wirtschaftliche Interessen ausgespielt wird. Es geht um die seit 1989 erneut (!) als geschützter Landschaftsbestandteil ausgewiesene Fläche gegenüber der Vestische Kinder- und Jugendklinik in Datteln, ein bewaldeter Teil der ehemaligen Zeche Emscher-Lippe.

    Dieser Wald soll nun der Erweiterung einer Parkplatzfläche geopfert werden.

    Natürlich wie immer wegen zu hoher Kosten, hier eines Parkdeckneubaus, und die üblichen Totschlagargumente wie die Gefährdung der Arbeitsplätze, Standort usw..
    Also sollen auch jetzt wieder die alten Parolen diese ökonomische Ungerechtigkeit rechtfertigen und wer fragt noch nach Jahren danach, warum auch die dortigen Bäume absterben oder der ökologische Wert betoniert wurde.

    Und immer nach dem gleichen Prinzip.
    Kohlekraftwerke weg? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Zwang zur Schadstoffminimierung? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Zwang zur deutlich hohen Versteuerung von Flügen und Kerosin? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Die Autoindustrie zur Rechenschaft ziehen? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Ausgaben vom Straßenausbau in den Schienenausbau stecken? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Waffenexporte verbieten? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Lobbyismus unter Strafe stellen? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Ein Nachtflugverbot? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Lügen im Wahlkampf strafbar machen? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“
    Mit Diktatoren keine Geschäfte mehr machen? „Damit vernichten Sie Arbeitsplätze!“

    Man kann die Worte „vernichten Sie Arbeitsplätze“ auch teilweise austauschen gegen:
    „stören Sie persönliche Empfindlichkeiten“
    „bevormunden Sie öffentliche Bequemlichkeiten“
    „unterbinden Sie Wachstum“
    „beschränken Sie die unendliche Freiheit“
    „rufen Sie nach einer Diktatur aus“
    „das wird der Wirtschaft nicht gerecht“
    „das ist der Wirtschaft nicht zumutbar“
    „es gibt keine vernünftige Alternative“

    Quellen:
    Zechenwäldchen Emscher-Lippe
    https://maps.regioplaner.de/?activateLayers=geschuetzteLandschaftsbestandteile

    Kein Parkplatz an der Kinderklinik: So soll die katastrophale Situation ein Ende nehmen
    https://www.24vest.de/datteln/datteln-vestischen-kinderklinik-fehlen-parkplaetze-situation-katrastophal-12820749.html

  • #12
    ke

    @11 A. Flenker
    Ich kann es aktuell nicht nachvollziehen, dass trotz der Klimaproblematik noch so viele Flächen sinnlos für Parkplätze geopfert werden. Moderne Stadtplanung sieht anders aus.

    Die Bürger wollen offensichtlich das Klima retten, aber nur, wenn nicht das eigene Verhalten geändert wird.
    Selbst im Kreuzviertel in Dortmund sind mehr Parkplätze in der Diskussion, obwohl das so "fortschrittliche Viertel" in ÖPNV-/STadtnähe von jetzt von den Bewohnern ständig zugeparkt wird. Irgendwie kommt das Ökoverhalten/Klimaretten nicht beim Bürger an. Als Ablasshandel wählt man Grün und schimpft über die Industrie und Kohlekraftwerke.

    Man muss meistens nicht direkt vorm Gebäude parken und Parkplätze werden oft entweder nachts oder tagsüber genutzt . Nur findet selten eine Öffnung statt, so dass sie von versch. Zielgruppen (Anwohner/Werktätige), Supermarkt/Freizeit am Sonntag genutzt werden können.

    Es ist schade, dass final immer nur das Auto mit seinem Flächenbedarf siegt, weil 500m Umweg ein Problem darstellen (siehe Freibad Deusen).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.