Der BVB sollte mehr drauf haben als Schuld und Süle

Trübe Aussichten an der Strobelallee / Foto: Peter Hesse

Nationalspieler Niklas Süle, dessen auslaufender Vertrag beim FC Bayern nicht verlängert wird, hat sich zu einem ablösefreien Wechsel zu Borussia Dortmund im kommenden Sommer entschlossen. Das war gestern das entscheidende Thema in der schwarz-gelben Welt. Doch das Thema überdeckt das Hauptproblem der Borussia, die in dieser Saison aus allen drei Wettbewerben (Meisterschaft, Champions-League und DFB-Pokal) viel zu früh ausgeschieden ist. Thommy Junga und Peter Hesse probieren sich an einer Fehler-Analyse.  

Peter Hesse: Ich war vergangenen Sonntag im Stadion beim Debakel gegen Leverkusen. Es gab Pfiffe zur Halbzeit. Mich erinnerte das an die Situation vor einem Jahr, als der BVB daheim 1:5 gegen Aufsteiger VfB Stuttgart verlor – und schlussendlich hat diese Niederlage Lucien Favre den Job gekostet.

Thommy Junga:
Ich sehe das als ein klassisches Problem bei Dortmund – denn es ist selbst eingerührt und hausgemacht. Das zentrale Problem ist fraglos die Personalie Erling Haaland. Dessen Angewohnheit in Topform zwei bis drei Buden zu machen überdeckte jegliche Probleme in der Abstimmung und Auflösen von komplexen Spielsituationen. Zudem macht die Spielweise des Norwegers den Weg zum gegnerischen Tor unheimlich weit für die Mitspieler. Ein Reus muss da schon fünfmal pro Halbzeit komplett durch das Stadion rennen und sieht trotzdem keinen Ball. Außerdem holst du dir, um die tiefen Räume für Haaland zu schaffen quasi den Gegner dauerhaft vor das eigene Tor. Das konnte Real mit Ronaldo so machen, da hat aber auch eine ganz andere Innenverteidigung gestanden.

Peter Hesse: Es gibt meiner Meinung nach drei Hauptprobleme im Spiel der Dortmunder: eine überforderte Wackelabwehr mit viel zu vielen Flüchtigkeitsfehlern. Dazu ein Mittelfeld, was nicht nach vorne schnell machen kann  – und in der Defensive dicht. Sowie eine Offensive, die kläglich versagt, wenn Erling Haaland nicht da ist. Brandt läuft viel, auch Dahoud ist bemüht – aber das reicht nicht. Für mich war das Schlüsselspiel das Pokal-Aus gegen St. Pauli. Die Offensivkräfte sind nicht raffiniert genug einen Abwehrbollwerk zu knacken, das Dortmunder Spiel ist ideenarm, hölzern und ausrechenbar – außerdem seelenlos und im absoluten Niemandsland von Power-Pressing angesiedelt. Dazu war St. Pauli keine wirkliche Übermannschaft. Ich hätte mir am Sonntag Thomas Tuchel als Co-Kommentator gewünscht, der bei jedem einzelnen die Fehler aufzeigt – im körperlichen Bereichen, in den taktischen Bereich und im falschen Stellungsspiel. Leverkusen spielte kombinationsstark und vor allem sehr souverän und sicher. Die können sofort die Abwehr zum Abseits auflösen, und überrennen die Dortmunder mit drei Mann – das ist toller Fußball. Und so müsste der BVB eigentlich auch spielen…

10.000 Zuschauer sahen gegen Leverkusen eine desolate Leistung ihrer Borussia | Foto: Peter Hesse

Thommy Junga: Eine Mannschaft wie Dortmund muss kompakt und dominant auftreten. Muss in Freiburg oder bei der Hertha pressen – und dort breite Schultern zeigen. Mit Kontern ist seit 50 Jahren keiner mehr Meister geworden. Die Spieler hätten sie, aber Rose ist eben auch noch genau deshalb aus Gladbach geholt worden. Der passt fraglos menschlich, aber sportlich müsste da eigentlich eher ein Van Gaal her, der Fußball immer kurz vor dem Strafraum inszeniert. Immer schnell und vogelwild, mit starken Flügeln.

Peter Hesse: Du hattest bei den Leverkusenern keinen Moment den Eindruck, dass die das Heft aus der Hand geben, obwohl Dortmund in Prozentzahlen mehr Ballbesitz hatte – aber keine Ideen. Bei Standardsituationen, wie Ecken, agieren die wie eine Schülermannschaft. Das ist wirklich nicht zu fassen. Und Haaland ist im Sommer weg, was soll denn anderes passieren? Malen ist kein Ersatz, der erinnert in seiner Laufweise an den frühen Ailton – aber ein Stürmer muss eine Mischung aus Frank Mill, Gerd Müller und Lewandowski sein – ein Schlitzohr mit Torriecher. Und Youssoufa Moukoko ist zu zahm, da kommt zu wenig von ihm, wenn er denn mal endlich eingesetzt wird – Ibrahim Tanko war im Vergleich zu seiner Zeit ein viel größeres Talent.

Thommy Junga: Mit Spielern wie Reus, Hummels und Witsel bricht eben erst mal nix zusammen. Platz zwei in der Bundesliga ist halt immer noch stabiler Beton unterm Stuhl für jede Jahres- oder Aktionärshauptversammlung

Peter Hesse: Das Hauptproblem in Dortmund heisst Watzke, ein zu groß gewordener Kaufmann für Feuerwehrkleidung aus dem Sauerland, der nicht mehr drauf hat als gestelzte Friedrich-Merz-Vokabeln abzufeuern und zum 50. Mal gegen die Corona Politik zu wettern. Es nervt kolossal! Ich würde mir dort mit dem ehemaligen Evonik-Boss Dr. Klaus Engel als BVB-Präsidenten einen Neuanfang wünschen – einen Mann, der in der Industrie bestens vernetzt ist und ein sozialdemokratisches Herz hat, wie es sich für einen echten Dortmunder gehört. Und einer, der einem Verein eine Haltung geben kann, so wie Peter Fischer bei Eintracht Frankfurt. Du brauchst schon eine Persönlichkeit, die Business-Bimbes kann und gleichzeitig beim kleinen Karl-Otto aus Dortmund Dorstfeld gut ankommt. Dazu soll Edin übernehmen, Kehl soll die Stelle von Zorn mit neuem Leben befüllen und für ihn soll Hummels nachrücken.

Wäre Dr. Klaus Engel ein geeigneter Nachfolger für Aki Watzke?  |  Foto: Evonik

Thommy Junga: Dein personelles Wunschkonzept klingt hochinteressant und würde vermutlich auch funktionieren, aber wir sind hier im Ruhrgebiet, wo der Sonnenkönig nur fällt, wenn alles zusammenbricht. Du holst den Aki zwar aus dem Sauerland, aber nicht das Sauerland aus dem Aki – das macht eben etwas eindimensional.

Peter Hesse: Ja! Aki Watzke hält sich als „Dr. Gott“ für unersetzlich und es wird nichts passieren. Ich hoffe sogar auf eine Pleite gegen Union Berlin, damit etwas passiert – und ich glaube, Stand jetzt, auch an kein gutes Abschneiden gegen die Glasgow Rangers in der Europa League.

Thommy Junga:. Ich kenne das nur zu gut. Diese schräge Sehnsucht nach Versagen, damit ein 1:0 gegen einen Gegner auf Augenhöhe (siehe Wolfsburg gegen Fürth 4:1) sich nicht wieder wie ein Pflaster auf die spritzende Schussverletzung legt. Ich muss auch sagen: Herr Watzke ist mir zunehmend suspekt. Was will Watzke eigentlich? „Bayern hat wirtschaftliche Vorteile hier, wir können Stars nicht halten dort“ – das kann keiner mehr hören, wenn du bedenkst welche Summen Dortmund in den letzten Jahren eingenommen hat, durch Haaland in Kürze und durch Bellingham vermutlich in absehbarer Zeit einnehmen wird. Da ist der Ertrag dann mit gefühlten 10 Punkten Rückstand nach der Hinrunde Jahr um Jahr schon recht dünn.

Peter Hesse: Das sehe ich genauso…

Thommy Junga:. Ich frag mich da ehrlich gesagt auch, warum man da nicht auch mal sich selbst hinterfragt. Gleiches gilt für Zorc, der zwar intern und extern Talente herzaubert, aber seit der Verpflichtung von Klopp eigentlich keine nachhaltige Entscheidung getroffen hat. Sicher: voll cool, dass da ständig englische Talente kommen, aber doch auch nur um sich im gemütlichen Tempo der Bundesliga für höhere Premier League-Aufgaben zu empfehlen. Von denen nimmt eben keiner das Heft in die Hand oder ist mit 19 konstant genug um das Team zu führen.

 

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3 Kommentare

  1. #1 | Manni sagt am 9. Februar 2022 um 02:57 Uhr

    "Es gibt meiner Meinung nach drei Hauptprobleme".

    Genau genommen gibt's nur eins: Grossmannssucht.
    Oder kurz: Watzke.

  2. #2 | Brigade Burgsmüller sagt am 9. Februar 2022 um 14:35 Uhr

    Der Watzke nervt wirklich nur noch – und euer Kommenar ist wirklich sehr zutreffend: "Du holst den Aki zwar aus dem Sauerland, aber nicht das Sauerland aus dem Aki." – der Süle Transfer hat PR-mäßig ganz gut das Leverkusen-Spiel überdeckt, wenn sie am Wochenende bei Union wieder straucheln sollten müssten sie nächste Woche wieder einen Top-Transfer verkünden – sonst wird es echt eng für Rose…

  3. #3 | thomas.weigle sagt am 9. Februar 2022 um 18:05 Uhr

    Der gelungene Titel verspricht,was das "Gespräch" leider nicht hält.

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