
Predigt oder Provokation? Letzten Donnerstag hatten die Ruhrbarone über den Israelhass berichtet, der im World Council of Churches (WCC) regiert. Am Montag ging die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf scharfe Distanz zum WCC. Der gestern eine Predigt weltweit teilte – „shares sermon“ – , die einer seiner Direktoren am Sonntag gehalten hat. In Wittenberg, der festen Burg der EKD. Thema: Israel.
Predigten werden viele gehalten vom WCC und seinen Funktionären, als Pressemitteilung verschickt nur wenige. Diese hier zeigt, wie es im WCC denkt, wenn es um Israel geht. Und um Juden, um die es dem WCC nicht geht. Sie tauchen auf, als existierten sie schon nicht mehr. Nicht in der Predigt, die der WCC – eben erst in Streit geraten mit der EKD über die Israel-, früher „Judenfrage“ (hier und hier) – jetzt weltweit streuen ließ.
Anlass der Predigt: eine Tagung der Evang. Akademie Sachsen-Anhalt und der dortigen Friedensszene über „Ways to Peace 2025 – Churches between responsibility for the world and their own nation“. Drei Panels, sechs Workshops, 90 € Tagungsbeitrag. „Opening Message“ von Friedrich Kramer, Friedensbeauftragter der EKD, zum Abschluss ein Gottesdienst da, wo Martin Luther begraben liegt, in der Schlosskirche. Auf der Kanzel: Kenneth Mtata, 1971 in Zimbabwe geboren, in Südafrika studiert, Programmdirektor des WCC für „Life, Justice, and Peace“.
Mtata legt eine Passage der jüdischen Bibel aus: Jakob – kurz darauf umbenannt in Israel, von ihm stammen die zwölf Stämme Israels ab – sieht im Traum eine Leiter, die Himmel und Erde verbindet, auf ihr steigen engelhafte Figuren auf und ab. Von oben hört er die Stimme Gottes, die erklärt – hier einmal in voller Länge zitiert deshalb, weil Mtata sich keinen Deut darum schert:
„Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.“
Nicht schwer zu verstehen, worum es geht: um den Vertrag, den Gott mit Israel geschlossen habe, es geht um das Land und das Leben in der Fremde, um Israels Auftrag und die Rückkehr in das Land, die Treue zum Vertrag. Nichts davon bei Mtata, er erklärt rundweg: „That ist the gospel: God meets us“. Wir seien Israel. Die Himmelsleiter, von der Jakob/Israel geträumt habe, verbinde nicht etwa Israel mit Gott, sondern uns mit Christus: „The ladder itself points to Christ — the bridge between heaven and earth — showing that God’s promise comes to us …“
Der ehrbare Weltkirchenrat
Originell ist das nicht, der WCC-Programmdirektor reiht sich ein in eine Auslegungstradition, die eine Spur längs durch die Kirchengeschichte zieht. Schon bei Origines, 3. Jh, stehen die Juden nur noch am Fuß der Leiter, die gen Himmel reiche. Augustin (4./5. Jh) erklärte, Juden sähen die Leiter, „steigen aber nicht auf“; ähnlich Thomas von Aquin im 13. Jh: Juden sähen die Gnade nur von unten, die Kirche dagegen erklimme die höchsten Stufen der Leiter. So denn auch Martin Luther im 16. Jh, auch er meinte zu wissen, Juden blieben „fern vom Heil“, weil sie auf der Erde am Fuße der Leiter verharrten.
In der Schlosskirche, an deren Tür Luther seine 95 Thesen angeschlagen und so die Reformation in Gang gesetzt haben mag, steigt Mtata jetzt – um im Bild zu bleiben – noch eine Stufe höher : Er serviert Israel restlos ab, Juden tauchen nirgends mehr auf, Jakob ist nur noch ein Typus, es geht allein um „uns“. Für die EKD ist das, höflich gesprochen, ein Affront: Sie hat sich vor langem dazu durchgekämpft, dass der Vertrag, den Gott mit Israel und Israel mit Gott geschlossen habe, in keiner Weise gekündigt oder auf Christen umgeschrieben worden sei. Eine solche Auffassung, heißt es etwa in der EKD-Studie „Christen und Juden II“ von 1991, „wird nirgends mehr vertreten.“
Außer im Weltkirchenrat. Mtata predigt, als gäbe es kein Israel mehr. Es braucht drei Minuten zu Fuß, um von seiner Kanzel zur „Judensau“ zu kommen, dem mittelalterlichen Steinrelief, das eine Kirche weiter ins Publikum hinein hängt und dort – Entscheidung der örtlichen Gremien, nicht der EKD – hängen bleiben soll. Und tatsächlich biegt Israel, der Staat Israel, zum Ende von Mtatas Predigt gleichsam um die Ecke: Mtata wirft einen Blick auf die Kriegsgebiete dieser Welt, er spricht von „der Verwüstung“ in der Ukraine, von „dem Blutvergießen“ im Sudan und „der Gewalt“ im Kongo und – plötzlich wird es konkret – von der „genocidal destruction in Gaza“. Er kennt sich aus mit Völkermord. Oder wie Thomas Thiel kürzlich in der FAZ schrieb: „Völkermord als Meinung“, eine, die sich hier als Gottes Wort ausgibt, völlig selbstgewiss.
Und wie auch sonst so oft beim WCC: Vom tatsächlich genozidalen Massaker der Hamas kein Wort. „Unausgewogen“ hat die EKD sehr höflich genannt, was der WCC in der laufenden „World Week for Peace in Palestine and Israel“ vertreibt. Dabei ist Mtatas Predigt wahrlich kein Hardcore-Text, seine Stimme durchschnittlich moderat. So wirkt der Dreischritt, wie er im WCC eingeübt zu werden scheint, beinahe subtil: Theologisch ist Israel wie ausradiert, schlichtweg vergessen; schon ist die jüdische Bibel „our text“, einer, der „invites us to dream peace“; und schon ist es Israel, das eine „genocidal destruction“ betreibe, das Urteil gefällt.
Offenbar denkt es so im Antisemitismus heute, so „ehrbar“, wie Jean Améry vor 56 Jahren bereits schrieb. Der Hass aber, der sich so sanft und sonders einprägt – damals zitierte Améry einen syrischen Unterrichtsminister – „der Hass, den wir unseren Kindern einprägen, ist ein heiliger Hass.“
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