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Der Homo Sapiens richtet sich auf

Gestern war „Liegen lernen“, heute zählt „Die Kunst stillzusitzen“ Tim Parks ist ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung. Von Unserem Gastautor Ronald Milewski.

Der Journalist Ronald Reng hat ein Buch über seinen Freund Robert Enke, dessen Todestag sich aktuell jährt, geschrieben. Darf man das? Die Professorin für Corporate Communication Miriam Meckel, Lebensgefährtin von Anne Will, hat schon in der Klinik während der eigenen Behandlung begonnen, ein Buch über ihren Burn-out zu schreiben. Soll frau das?  Der Schriftsteller und Übersetzer Tim Parks, hat ein Buch über das Stillsitzen geschrieben: 364 Seiten. Kann man das? Worte machen über das Schweigen?

Tim Parks hat in Cambridge studiert. Tim Parks ist Master of Arts. Tim Parks ist Dozent und lehrt an der Universitá IULM in Mailand. Tim Parks ist ein Pfarrerssohn aus Manchester. Tim Parks hat 20 Romane und Sachbücher veröffentlicht. Tim Parks ist verheiratet und hat drei Kinder. Tim Parks ist ein Meister der Worte. Tim Parks hat die Geschichte der psychologischen Einzelfalldarstellungen um einen höchst interessanten Fall erweitert, um seinen eigenen. Tim Parks hat jahrelang unter Schmerzen, Verspannungen und anderen Symptomen einer typischen Männerkrankheit gelitten. Tim Parks, der Tausendsassa, hat die Bedeutung seines eigenen Ich in Frage gestellt: Sein 21. Buch ist sein persönlichstes.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Die Kunst stillzusitzen“ ist Parks Mitte 50.  Seine Beschwerden beginnen mit Anfang 30. Die Broschüre, die er zu diesem Zeitpunkt von seinem ärztlichen Behandler in die Hand gedrückt bekommt, ist voller unguter Suggestionen. So heißt es darin, eine vollständige Genesung sei bei einer Prostataentzündung äußerst unwahrscheinlich, ja, „de facto ausgeschlossen“. Prostatitis-Patienten seien in der Regel ruhelose und unzufriedene Menschen. Schlussendlich lasse die überwiegende Mehrheit solcher Patienten nach jahrelangem, manchmal jahrzehntelangem Leiden unweigerlich ihre Probleme auf dem Operationstisch zurück, „sobald sie die fünfzig oder sechzig überschritten haben“. Tim Parks ist 51, als ihm ebendiese Empfehlung von einem „Schulmediziner“ gemacht wird.

Doch Parks weigert sich – trotz Schmerzen, Sextaner-Blase, nächtlichen Toilettengängen und Druckverlust beim Urinieren. Er erinnert sich an den postulierten Zusammenhang von Persönlichkeit und Erkrankung. Statt sich unters Messer zu legen wird Tim Parks in der Selbstbehandlung experimentierfreudig und fündig. Er probiert Ayurveda, paradoxe Entspannung und punktgenaue myofasziale Release-Massage, respiratorische Sinusarrhythmie-Atmung zur Vorbereitung auf die paradoxe Entspannung und Shiatsu aus. Die Belohnung ist erste Linderung und eine Empfehlung: Meditation.

Parallel kramt er seine – gefühlt – erste literarische Liebe aus und liest auf der Suche nach eigenen kritischen Persönlichkeitseigenschaften Samuel Taylor Coleridges Beschreibung seines Abstiegs (!) vom Scafell Pike im Lake District im Jahre 1802. Diese kann laut Parks „als der erste schriftliche Bericht von einer Bergbesteigung zum Zwecke der Freizeitgestaltung“ gelten. Sie ist gleichzeitig die Geschichte von einem, der ständig krank und von Schmerzen gepeinigt auszieht, das (Körper-) Empfinden zu lernen. Coleridge verlässt dafür vorübergehend Frau und Kind und berichtet einer Angebeteten von seinen Abenteuern.

Parks Lektüre dieses Berichts nährt seine Zweifel am Segensreichtum eigener Wortmächtigkeit und der Wortmächtigkeit des Vaters. Die eigene und dessen körperliche Verkrampftheit werden zu stillen Zeugen der unguten Wirkung der „Erfindung der Sprache“. Und Parks beginnt an die Weisheit des Körpers zu glauben – und an dessen Überlegenheit über den Geist.

In Entspannungsübungen vor die Aufgabe gestellt, den eigenen Körper zu erleben, vertiefen sich seine Zweifel am eigenen Lebensstil. Er entdeckt in seinem Körper vorrangig Anspannung und ertappt sich bei der ständigen Begier, seine Erfahrungen sprachlich zu kategorisieren. Die „Reinkarnation“ seiner Erfahrungen betreibt er zunächst punktuell in seiner Körpermitte,  am Ort der Beschwerden. Als Orientierungsrahmen dient ihm wiederum ein Buch, David Wise’ „A Headache in the Pelvis“.

Doch Parks macht nicht bei der symptomatischen Behandlung des Beckens und den Übungen im Liegen Halt. Er wird im Meditationszentrum zum Generalisten. Bei der Vipassana-Meditation gerät sein Körper als Ganzes im Schneidersitz in den Fokus des Gewahrseins. Bühne der Handlung ist ein 10tägiges Schweige-Retreat. Werkzeuge zur Begegnung des Geistes mit dem Körper sind die Atemmeditation, der so genante Body-Scan und die Einübung des liebevollen Gewahrseins für den Mitmenschen, die Metta Bhavana.

Mit der Entdeckung der wohltuenden Wirkung des Stillsitzens in der Meditation umtreibt Parks zeitweilig, die Idee zur vollständigen Genesung, dem Sprachprojekt insgesamt abzuschwören:

„Da hatte ich das Gefühl, eine unwiderrufliche Veränderung in meinem Leben nur erzwingen zu können, wenn ich mich von dem Projekt lossagte, das mich seit ich denken kann angespornt, aufgerieben und krank gemacht hat: DAS PROJEKT DER WORTE.“

Tim Parks fühlt sich genesen, von der Erfahrung in der Meditation mit so enormen körperlichen und geistigen Veränderungen bedacht, dass er beginnt die Krankheit als „Glücksfall“ zu bezeichnen. Und er überwindet stillsitzend die Zweifel an Kategorisierungsgewohnheiten seiner neuen Lehrer, die einerseits zur unmittelbaren Erfahrung auffordern und andererseits die „wahnsinnige Vorliebe“ für Numerierungen pflegen, nämlich in „Drei Juwelen“, „fünf edle Wahrheiten“, „fünf Silas“, „sieben Stufen der Läuterung“, „den achtfachen Pfad der Erleuchtung“, „die zehn Betrachtungen, …“. Sie tun dies  laut Parks in typischer Weise als Glaubensgemeinschaft – nicht als Wissenschaft.

Am Ende kategorisiert auch Parks seine Erfahrungen und kehrt so zum Sprachprojekt zurück. Er teilt sie uns in einem Narrativ unter der Überschrift, „Die Kunst stillzusitzen“, mit, so zu sagen in einer Heilsgeschichte. „Ohne dem“ wäre diese  Buchbesprechung nicht möglich gewesen. Tim Parks Prostata sei Dank!

Um indes seine Erfahrungen zu teilen, bedürfte es regelmäßiger Praxis dessen, was Parks an Übungen beschreibt. Er wird doch wohl noch üben?

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3 Kommentare zu “Der Homo Sapiens richtet sich auf

  • #1
    Arnold Voß

    á prospos Schweigen und Sprache:

    „Der Mensch ist ein sprachbegabtes Tier und wird sich immer durch das Wort verführen lassen.“

    Simone de Beauvoir

  • #2
    lebowski

    „Die Professorin für Corporate Communication Miriam Meckel, Lebensgefährtin von Anne Will, hat schon in der Klinik während der eigenen Behandlung begonnen, ein Buch über ihren Burn-out zu schreiben. Soll frau das? “

    Definitiv nicht! Statt sich zu fragen, für wen und zu welchem Zweck sie sich eigentlich krank schuftet, hängt sie ihre Blödheit auch noch an die ganz große Glocke und schreibt ein Buch darüber.
    Es ist deprimierend, erkennen zu müssen, dass unsere angebliche „Elite“ so dumm ist wie hundert Meter Waldweg vor Marl-Hüls.

  • #3
    mabragg

    So mancher Literat hat lang auf das einschneidende Ereignis gewartet, dass er was Wahrhaftiges zum Schreiben hatte. Wenn’s dann nach 20 Büchern endlich kommt und die Prostata ist, muss man nicht gleich pingelig sein.
    Überhaupt: Prostata is ja schon was Ernstes. Früher oder später erwischts uns alle und dann bist Du vielleicht froh, das Buch im Schrank zu haben.

    Und wenn nicht, tröstet mich jedenfalls, dass Bücher nicht mehr für die Ewigkeit, sondern für den schnellen Verkauf geschrieben werden. Sie verschwinden auch wieder.
    So sei’s ihm nachgesehen.

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