Der morbide Charme in der Alltäglichkeit

Fotografien von Klaus Homann vereinen Morbidität und Endzeitstimmung / mit freundlicher Genehmigung von K. Homann

Das Wechselbad zwischen Nähe, Ferne und Verfall ist der rote Faden in der Bildsprache von Fotograf Klaus Homann. Der Mann mit den Ruhrgebietswurzeln (geboren in Lünen, lebt in Essen) flaniert durch den öffentlichen Raum – und hat als Chronist mit der Kamera immer wieder ein Händchen für verletzliche Momentaufnahmen mit einem schwebenden Ewigkeitsanspruch.

Klaus Homann findet das Ästhetische im Kaputten und porträtiert Hochhäuser, Tiefgaragen, Einzelhandelsgeschäfte, Schrottplätze, Imbissbuden, Spielhallen, Tankstellen und Restaurants, die ein Schattendasein im modernen Leben fristen. Seine Gebäude strahlen eine existentielle Einsamkeit aus und wirken spooky – manchmal sogar wie Schauplätze aus einem noch nicht bekannten Thriller. Vor fast 30 Jahren ist er über einen Urlaub in Amerika zum Fotografieren gekommen.

Spielhalle in Marl | Credit: Klaus Homann

Richtig angefangen zu Fotografieren hat er damals, als er seine bessere Hälfte Anne kennengelernt hat: „Sie hat immer viel fotografiert, wenn wir unterwegs waren. Dann bin ich auch irgendwann beim gleichen Thema gelandet. Und mit den Jahren ist es immer mehr geworden“, sagt Klaus. Das er sich auf Gebäude und Straßenzüge mit einem gewissen geisterhaften Charakter spezialisiert hat, liegt an seiner Vorliebe für das Kino: „Filme habe ich schon immer oft und gerne geschaut. Der US-Regisseur David Lynch gehört zu meinen Favoriten, erst kürzlich habe ich mir wieder ›Mulholland Drive‹ angeschaut – ein echter Klassiker.“ Die Bilder von Klaus strahlen bei aller Tristesse und Hoffnungslosigkeit manchmal zudem einen sehr leisen Humor aus.

Ehemalige Pommesbude in Essen | Credit: Klaus Homann

„Ich fotografiere gerne auch mal Trinkhallen, aber die werden ja auch immer weniger“, sagt Klaus. Natürlich gehört das Ruhrgebiet zu seinen bevorzugten Gebieten, aber er hat auch schon in Ländern wie Frankreich, Argentinien oder in vielen Teilen der USA fotografiert. Für den international ausgerichteten Bildband ›The B-Side Of Archticture‹ sind nun drei Bilder von Klaus ausgewählt worden, die er in Portugal, Kolumbien und Kuba fotografiert hat. „Aber das Ruhrgebiet auch sehr geile Ecken – manchmal fahre ich drauf los – einfach irgendwohin, wo ich noch nicht war. Manchmal habe ich Glück und finde sehr interessante Ecken.“

Wenn Klaus zwischen Herten und Hattingen kein attraktiver Schnellschuss dabei ist, hilft manchmal der Faktor Zeit. „Ich fotografier manchmal trotzdem irgendwas, was mir vor die Kamera kommt. Manchmal merke ich erst nach ein paar Wochen, dass sich vielleicht unter einem Haufen Ausschussware doch noch eine heimliche Perle versteckt hat. Und dann denke ich: wow, das ist ja der Hammer – warum habe ich das letztens nicht gesehen. Manchmal muss man nur den Bildausschnitt verändern, das kann helfen. Oder ich fahre sonst nochmal hin, wenn ich weiß, ich könnte das noch irgendwie besser machen.“

Trinkhalle am Schauspielhaus Bochum | Credit: Klaus Homann

Welche Träume hat ein Fotograf, der sich auf verlassene Städtelandschaften mit Endzeitstimmung spezialisiert hat? Klaus Homann überlegt kurz und antwortet dann: „Wenn es technisch gehen würde und meine Gesundheit nicht angegriffen würde, tja, dann würde ich schon gerne einmal in Tschernobyl am kaputten Kernreaktor fotografieren wollen. Das wäre natürlich was. Ich hab dieses Jahr im Februar eine verlassene Bergarbeiterstadt namens Humberstone in Chile fotografiert. Das war von der schwer zu fassenden Stimmung, die das ganze Quartier ausstrahlte, wirklich super.“

Was ihn an dem kaputten Charme reizt, kann Klaus schwer auf einen Nenner bringen: „Ich finde Fotos gut, die etwas Zeitloses ausstrahlen – also, wenn ich als Betrachter jetzt nicht sofort sagen kann, ist das heute gemacht worden – oder Mitte der 1980er Jahre. So etwas finde ich wirklich reizvoll. Es hilft natürlich, wenn dann zufällig ein alter BMW irgendwo an der Straßenecke steht – und kein brandneues Opel Corsa Modell. Aber so ein Glück hat man nicht immer. Wenn ich eine Straßenszene sehe, die gerade irgendwie besonders erscheint, dann fotografiere ich die auch sofort. Es gibt aber auch viele Street-Fotografen, die wie am Fließband knipsen. Das ist nicht so sehr meine Sache.“

Hier der Kontakt zum Flickr-Profil von Klaus Homann

Geister-Hochhaus in Dortmund | Credit: Klaus Homann

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3 Kommentare

  1. #1 | David sagt am 16. Dezember 2020 um 20:42 Uhr

    über dem sexkino im titel wohnte einst ein kumpel von mir, in/mit 'ner WG von, wie man heute sagen würde, losern/trinkern/bummelstudenten und sonstigen druffis

    lieblingsanekdote von damals(hws so mittlere 00er jahre):

    neuer mitbewohner wurde gesucht, der angekündigte bewerber ließ zur vereinbarten zeit auf sich warten.

    sogar die in dieser hinsicht nicht allzu genaue wg-restbewohnerschaft war irgendwann(ok, zumindest teilweise, auf jeden fall in form meines kumpels) so aufgeschreckt, dass es geboten erschien, am fenster ausschau zu halten.

    dabei dann: über die vierspurige straße lief irgendein verrückter, völlig zugedröhnt, großes hallo bei allen, denn:
    er ging RÜCKWÄRTS.

    das lachen nur unterbrochen durch die türschelle.

    unnötig zu sagen, dass derjenige als vertrauenserweckender neumitbewohner NATÜRLICH eingeschätzt wurde (na gut, bis zur sache mit dem beil, aber das ist eine andere sache)!

    ich liebe den pott, lasst uns diese dreckigen, lebendigen ecken immer weiter aktiv mitleben, schrottkneipen besuchen, budenkiosketrinkhallen stützen!

    prost

  2. #2 | Philipp sagt am 17. Dezember 2020 um 09:54 Uhr

    Eine Serie "Humans of Ruhrgebiet" hier bei den Baronen, das wärs doch. 😉

  3. #3 | DEWFan sagt am 17. Dezember 2020 um 15:58 Uhr

    Wirklich schöne Bilder 😉

    Dabei gibt oder gab es solche "Perlen" der Architektur – Marke "100 Jahre nach dem Menschen" – nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch an Orten, die heute niemand mehr dafür vermuten würde.

    Ich erinnere mich an einem Urlaub im Winter der 70er Jahre. Leerstehende, einst wunderschöne Jugendstilbauten mit kaputten und verbretterten Fenstern, abblätternden Putz, usw. Das volle Programm des Verfalls. Nur Graffiti gab es damals noch nicht, zumindest nicht an diesem Ort. Und diese leerstehenden Gebäude standen auf Norderney – direkt am Meer!

    Eines davon – die Strandhallen – wurde später abgerissen, die anderen beiden saniert und zu einem Hotel. Einst sollten auch diese abgerissen und durch ein 22-stöckiges Hochhaus ersetzt werden. Im Ruhrgebiet hätte man das vermutlich auch so durchgeführt.

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