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Der Streit um verkaufsoffene Sonntage in unseren Innenstädten ist irrelevant!

Foto: Robin Patzwaldt

In weiten Teilen der Wirtschaft scheint noch immer nicht angekommen zu sein, wie weitreichend das Internet unsere Gesellschaft verändert hat und es zukünftig noch tun wird. Da liest man aktuell zum Beispiel von offenkundigen Streitigkeiten rund um verkaufsoffene Sonntage in den Innenstädten unseres Landes.

Zum Hintergrund: Das NRW-Wirtschaftsministerium hatte per Erlass vier verkaufsoffene Sonntage bis Ende des Jahres 2020 erlaubt, um Umsatzeinbußen durch Corona zumindest zum Teil ausgleichen zu können. Die Richter des Oberverwaltungsgerichts in Münster hatten diese Pläne zahlreicher Gemeinden und Städte zuletzt per Eilverfahren gekippt.

Und jetzt wird ganz aufgeregt darüber diskutiert, wie das Ganze gelöst werden kann und soll. Dabei ist das völlig irrelevant. Zumindest im größeren Kontext betrachtet.

Immer mehr Bürger kaufen einen Großteil ihrer benötigten Waren inzwischen im Internet ein, lassen sich längst schon nicht mehr maßregeln, was ihre Einkaufsgelüste betrifft. Verständlicher Weise, denn im Netz findet sich nicht nur die deutlich größere Auswahl und die im Regelfall günstigeren Preise. Online gibt es eben auch keine zeitlichen Beschränkungen, wann ich mich dort nach Waren umschauen kann. Auch gibt es hier keinerlei örtlichen Beschränkungen mehr, die eine zeitaufwändige und auch kostspielige Anreise der Kunden erfordern.

Unsere Innenstädte befinden sich da in einem Kampf, den sie nicht gewinnen können. Wer das nicht wahrhaben will, der verschließt die Augen vor der Realität.

Der Schrumpfungsprozess, in dem sich unsere Einkaufsmeilen befinden, er wird sich maximal etwas verzögern lassen. Statt also über den einen oder anderen verkaufsoffenen Sonntag mehr oder weniger nachzudenken, sollten die Verantwortlichen lieber sehen, wie sie die Städte zukunftssicher machen können, wie sie die Zentren unserer Städte ‚am Leben‘ halten können.

Rückwärtsgewandte Träumereien bringen uns hier nämlich garantiert nicht weiter. Das Kaufhausmodell hat sich lange schon überlebt, wie man derzeit nicht nur am Krisenkonzern Galeria Karstadt/Kaufhof beobachten kann. Anderen Konsumtempeln alten Schlages geht es kaum besser. Auch sie drohen über kurz oder lang größtenteils zu verschwinden. Völlig egal, ob wir ihnen nun die Möglichkeit dazu geben vier oder vierzig verkaufsoffene Sonntage anzubieten.

Der derzeit laufende Diskussionsprozess kostet nur sinnlos Kraft und Nerven. Auch seitens der Gewerkschaften. Läden und Arbeitsplätze die kaum zukunftsfähig sind, sollten sozialverträglich abgebaut werden, statt sich für ihren Erhalt um jeden Preis einzusetzen.

Wesentlich wichtiger als sich gegen verkaufsoffene Sonntage in den Geschäften zu wehren, wäre es doch die zukunftsfähigen Branchen im Bereich Onlinehandel so aufzustellen, dass die Arbeitsbedingungen dort ein wirtschaftliches Auskommen der Mitarbeiter möglich machen. Hier tut sich seit Jahren jedoch wenig. Sicherlich auch, weil der Einfluss der Gewerkschaften in diesem Sektor (noch) vergleichsweise gering ist.

Die ganze Debatte um die verkaufsoffenen Sonntage in unseren Innenstädten ist somit wenig hilfreich und lenkt eher von den echten Herausforderungen im Einzelhandel und bei der Stadtentwicklung ab. Schade!

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14 Kommentare zu “Der Streit um verkaufsoffene Sonntage in unseren Innenstädten ist irrelevant!

  • #1
    Angelika

    Es ist alles so, wie der Autor es schildert.

    Ich (Jahrg. 1956) habe mich jahrelang gegen Bestellungen im Net gesträubt, mein Mann noch länger. Wir fuhren bis nach Dingenskirchen, um bestimmte Artikel noch zu bekommen. Wir brachten dies und aus dem Urlaub mit, was es in unserem Umfeld nicht (mehr) gab. Und irgendwann wurden die online-Bestellungen mehr. Irgendwann wurde es Gewohnheit. Selbst das Zurückschicken von Ware ist inzwischen Gewohnheit. So wie früher die Parkplatzsuche, die Präferenz für dieses Parkhaus usw..

    Irgendwann war ich es leid, dass es in der Parfümerie Soundso im Limbecker Platz Center nie die Lippenstiftfarben gab, die ich gerade wollte. "Vielleicht diese Marke? Da ist einer in Pink dabei!" Nein, nicht diese Marke und richtig Pink ist der gar nicht … Und online war von ‘meiner’ Marke die ganze Farbskala der Saison vorrätig. Nicht einmaliges Erlebnis, so und bei anderen Produkten oft.

    Und in dem Laden für hochwertige Blusen und Oberhemden gab es viele Blusen nicht in meiner Größe. "Leider nein. Aber wir können für Sie bestellen. Dann ist die Ware in einigen Tagen da." Jau … Dann lieber direkt per Post zu mir. Nochmals nach Essen fahren?! Was für eine Zumutung.

    Inzwischen bestellten wir Kleidung, Backformen, italienische Seife, Lippenstifte, eine Tagesdecke, Handtücher, Bücher…………. Aber unser Auto, das haben wir bei einem ..-Händler geleast. Ob man demnächst….

    Ach ja, wir benötigen auch keine Reisebüros. Alles online. Und unser Geld bekamen wir nach einer online-Kommunikation wieder, als eine isländische Fluglinie (genannt Billig-Fluglinie, aber wir mochten sie und die lila gewandeten Flugbegleiter/innen – jetzt mach ich das auch schon mit diesem Gendergedöns …).

  • #2
    Jakob

    Es ist kaum besser möglich, den Sachverhalt so dicht zusammenzufassen und ihn dabei gleichzeitig so plastisch zu schildern.

  • #3
  • #4
    der kalle

    Schließe mich dem Artikel voll an. Gegen das breite Angebot und die effizienten Suchmodalitäten im Netz kann der sog. Einzelhandel nix aufbieten. Allerdings muss klar sein, was es für die Umwelt bedeutet, wenn für jeden neuen Schlüpper ein DHL-Wagen vorfährt. Vom Jäger und Sammler zum Shopper und Blogger. Ich finde Angelikas Kommentar ehrlich und hilfreich, aber wenn eine globale Produktpallette über 3 Mouseclicks zu dir nach Hause kommt und das Rücksenden "normal" wird, dann hat der Mensch seine Evolution überdauert. "Shopping" an sich sollte als anachronistisch begriffen werden.

  • #5
    Matt

    "Allerdings muss klar sein, was es für die Umwelt bedeutet, wenn für jeden neuen Schlüpper ein DHL-Wagen vorfährt." Mit Verlaub, das ist Bullshit. Der DHL-Wagen fährt ja gerade nicht für einen einzelnen Schlüpper los. Und wenn er auf einer möglichst kurzen Route 50 Kunden hintereinander abklappert, verbraucht das definitiv weniger Ressourcen, als wenn von diesen 50 Kunden mindestens jeder zweite das eigene Auto für eine Kurzstreckenfahrt zum stationären Einzelhandel anwirft.

  • #6
    Berthold Grabe

    Wir leben Ordnungspolitisch im vorgestern, egal ob Verkehr, Handel oder sonstige Infrastruktur, es geht nicht um Lösungen,sondern Befindlichkeiten und Besitzstände.
    und das wird immer schlimmer, da immer mehr Tätigkeiten direkt oder indirekt nicht marktwirtschaftlich sind.
    Und die Folge davon sind immer engere finanzielle Spielräume für die eigentlich wichtigen Dinge.

    Wir brauchten eigentlich einen Komplettumbau der Infrastruktur und Verkehrskonzepte, die den Verkehr nicht behindern, damit jedes Interesse Berücksichtigung findet, sondern wir brauchen Lösungen die von Interessenkonflikten befreien.
    Verkaufsoffene Samstage sind Rückzugsgefechte der auf ganzer Linie gescheiterten Gewerkschaften.
    Es gibt nur zwei Extremzustände bei der Frage mit oder ohne Gewerkschaftsvertretung in den Unternehmen, zumindest bei den Größeren.
    Die Folge davon lässt sich bei amazon oder VW bewundern, beides keine Positivbeispiele aus neutraler Warte.

  • #7
    Helmut Junge

    "…..es geht nicht um Lösungen,sondern Befindlichkeiten und Besitzstände."
    Wenn es noch um Besitzstände ginge, wär die Analyse einfach. Aber nach meinem subjektiven Gefühl geht es fast nur noch um Befindlichkeiten. Die lassen Analysen meist überhaupt nicht zu. Ohne Analyse gibt es auch keine Lösungen.

  • #8
    Angelika

    Hallo, Kalle! #4
    "…"Shopping" an sich sollte als anachronistisch begriffen werden."

    Was schlagen Sie vor? Tauschhandel? Selbstversorger sein auf der ganzen Linie? Eine Gesellschaft ohne Währung(en), ohne jeglichen individuellen Besitz. Zuteilung an Ausgabestellen (wo ich natürlich keinesfalls den Lippenstift der Marke..in der gewünschten Farbe bekäme…)?

  • #9
    Angelika

    #7
    Ich komme nicht ganz mit. Subjektive Gefühle gut und schön, aber welche Befindlichkeiten, die Analysen nicht zulassen, sind konkret gemeint?

  • #10
    Helmut Junge

    @Angelika, Sie meinen meine Antwort an @Berthold Grabe? Gut,soll ich jetzt Überschriften sammeln, um Ihnen zu zeigen, wer alles beleidigt ist, mit wem ich Mitleid haben sollte, ab wann sich jemand belästigt fühlt, was ich zum Thema Klimakatastrophe denken soll? Solche und hunderte von anderen Befindlichkeiten, bzw. Gefühlen werden mir doch täglich in allen Medien serviert.
    Analysen sind dagegen immer sachlich und kühl. Ich rede, wenn ich Analyse meine, eben nicht emotional, sondern sachlich
    Und ganz ehrlich, ich verkneife mir manch eine Analyse, weil aufgeregte ZeitgenossInnen die in ihren Gefühlswallungen ganz entsetzlich finden würden. Wenn ich sage, daß ich konkret gegen die Auswirkungen de Klimawandels angehen will, statt wie ein Kaninchen auf die Schlange zu gucken, bekommen immer ein oder zwei Leser dieses Forums Schnappatmung. Dann muß ich mich manchmal lange mit diesen Leuten wegen deren Gefühlswelt auseinandersetzen. Und das sogar bei einem an sich abstrakten Thema. Und ich werde Ihnen genau deshalb erst recht keine Beispiele nennen, wenn es um Menschen geht. Ach so, meine subjektiven Einschätzungen müssen Sie nicht unbedingt teilen. Es sind ja meine Einschätzungen, daß emotionale Themen zur Zeit in der öffentlichen Diskussion in einem besonderen Maße "in" sind. Und wenn sich zwei Seiten gegenseitig ihre jeweiligen Gefühlswelten entgegenhalten, ist das aus meiner Sicht keine richtige Diskussion. Ich hoffe, daß Sie jetzt nicht noch mehr Fragen zu diesem Thema an mich haben.

  • #11
    Helmut Junge

    @Angelika, es gibt mindestens zwei Angelikas unter den Kommentatorinnen. Falls Sie die Angelika sind, die in Oberhausen wohnt und Historikerin sind, UND Interesse and Archäologie im Raum Oberhausen haben, sollten Sie den FARO. e.V. in Oberhausen mal per e-mail anschreiben. Der Verein stirbt wegen Corona zwar vor sich hin, weil keine Treffen stattfinden, aber es wird weitergehen.

  • #12
    Angelika

    #11 @Helmut Junge
    Ich bin die Angelika, die schon länger hier kommentiert, und ich dachte, ich müsste es nicht immer dazu schreiben (aber kann ich ja machen: Angelika, die…). Jau, ich wohn in OB. Studienabschluss Sek 1 Geschichte usw. (lange her, 80ziger Jahre), aber ich werde nicht Mitglied irgendeines Vereins mehr (man soll ja nie nie sagen, aber ich nehme es doch sehr stark an, dass ich es schaffe zu dem Thema nein zu sagen). Nach meinem Austritt aus dem Trägerverein des Jüdischen Museums in Dorsten (nicht nur mein Austritt, auch der meines Mannes), habe ich nicht vor mich in der Richtung zu engagieren. Anmerkung: Das Museum ist klasse, es möge noch lange erhalten bleiben (!). Es ging um Kritik am Trägerverein (an bestimmten Punkten – alles Schnee von gestern). So etwas möchte ich nicht nochmals erleben …
    Dass das Interesse an Geschichte verschwindend klein ist, konnte ich erst kürzlich erleben, als ich dachte, es sei interessant einen Oberhausener Straßennamen (Flurbezeichnung) kurz zu erklären. "Hier war mal…" Nein, ist es nicht. Interessant ist es nur einen Parkplatz zu finden in der besagten Straße.

  • #13
  • #14
    der kalle

    @Matt
    Ich hatte drauf gewartet, dass jemand auf den Schlübber anspringt. Der Vergleich zwischen 25 PKW-mobile Einkäufer und dem einen DHL-Wagen hinkt weil fängt die Dimension des Phämones Online-Shoppings so gar nicht ein. Bedenken Sie bitte, dass die Hemmschwelle bei 3 Mouseclicks im Vergleich zu "nochmal in die Stadt müssen" viel geringer ist. Es wird dementsprechend mehr gekauft und mehr zurück gesendet. Und da man seine Einkäufe nicht aus eigenen Kapazitätsgründen bündeln muss, kann man bequem Tag für Tag hintereinander bestellen. Wie wir erfahren haben, werden bspw. bei Amazon viele Rücksendungen einfach entsorgt – ist billiger als eine personalaufwendige Umverpackung. Desweiteren kaufen nicht nur Menschen die ‘sonst mit dem Auto in die Stadt pendeln müssten’, sondern Jugendliche unter 18 und Rentner ohne Auto, es kaufen ebenso Großstädter, welche theoretisch mit dem öffentlichen Verkehr einen guten Zugang zu großen Sortimenten hätten. Große Versandhäuser können gigantische dezentrale Lager und Logistikzentren betreiben weil Sprit billig ist, es wird direkt aus dem Ausland bestellt, ein größeres Angebot erhöht die Nachfrage – ich glaube das lernt man in BWL in der ersten Klasse – und fördert den Konkurrenzdruck, was sich wiederum auf die Produktionsbedingungen niederschlägt etc… Möchten Sie noch mehr erfahren?
    Mir ist schon klar, dass für einen Schlüpper nicht ein DHL-Wagen vorfahren muss, verstehen Sie es als rhetorisches Stilmittel. Danke für Ihren Input, Gott zum Gruße und schöne Restwoche.

    @Angelika: Ja, ich fordere Katechismus, Millionensubventionen für Änderungsschneidereien und Steinzeitkommunismus im Allgemeinen. Nein Spass, ich habe nichts gegen neue Tagesdecken, Handtücher und Budget-Airlines. Hauptsache glücklich.

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