Deutschland wird die Klimaneutralität bis 2045 11,3 Billionen Euro und seinen Wohlstand kosten

Ruinen in Bruckhausen Foto: Laurin
Ruinen in Bruckhausen Foto: Laurin


Agora Industrie und die Bertelsmann Stiftung haben in einer Analyse berechnet, wie viel Geld der Umbau Deutschlands zu einem klimaneutralen Wirtschaftsstandort kosten wird. Das Ergebnis liegt am oberen Rand der bisherigen Schätzungen.

In der im vergangenen Jahr veröffentlichten Analyse „Zur Berechnung der Investitionskosten für die Energiewende“ kamen die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages zu dem Ergebnis, dass „je nach Betrachtungszeitraum die Kosten auf Beträge zwischen 500 Milliarden Euro pro Jahr oder 13,3 Billionen Euro insgesamt bis zum Jahr 2045 beziffert“ werden. Die Summe von 13,3 Billionen Euro Investitionskosten bis 2045 bezog sich auf eine Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) aus dem März vergangenen Jahres mit dem Titel Beschleunigte Investitionen in den Klimaschutz lohnen sich – auch ökonomisch.

Im April dieses Jahres kam eine Analyse von Agora Industrie und der Bertelsmann Stiftung, deren Grundlage Interviews mit Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft waren, zu einem ähnlichen Ergebnis: Dort wurden die Kosten bis 2045 auf 11,3 Billionen Euro geschätzt, die jährlichen Kosten bis dahin auf 540 Milliarden.

Bis 2045 werden demnach 4,3 Billionen Euro in Gebäude, 4,7 Billionen Euro in den Bereich Land- und Forstwirtschaft, 1,6 Billionen in Energiewirtschaft und Energieinfrastruktur und eine halbe Billion in den Verkehrssektor investiert werden müssen, um die angestrebte Klimaneutralität zu erreichen.

PwC stellte in der Studie den Kosten des klimaneutralen Umbaus die Kosten gegenüber, die in einem Weiter-wie-bisher-Szenario entstehen würden: „Unsere Berechnung verdeutlicht, dass die aggregierten Gesamtkosten für eine emissionsneutrale Energieversorgung im Jahr 2045 (bei einem Betrachtungszeitraum bis 2050) mit etwa 13,2 Billionen Euro nicht höher sind als die Kosten im Weiter-wie-bisher-Szenario mit geschätzten 13,3 Billionen Euro. Die aggregierten Gesamtkosten liegen sogar leicht darunter! Und: Im Weiter-wie-bisher-Szenario erreicht Deutschland die THG-Neutralität (Treibhausgas-Neutralität) unserer Auffassung nach nicht (wie im Beschleunigter-Klimaschutz-Szenario) bis 2045, auch nicht bis 2050, sondern braucht dafür eher bis in die Mitte der 2050er-Jahre hinein oder länger.“

Der Grund für die hohen Kosten des „Weiter-wie-bisher-Szenarios“ seien Effekte des Emissionsrechtehandels, der dazu führen werde, dass der Preis pro Tonne CO₂ immer weiter steigen wird, sodass CO₂-Einsparungen wirtschaftlich nötig werden. Die Europäische Union will bis 2050 klimaneutral werden. Die Bundesrepublik will dieses Ziel schon 2045 erreichen. Das ist im Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen ambitioniert:

Bis zur Mitte des Jahrhunderts wollen die großen Volkswirtschaften klimaneutral werden – doch ihre Strategien unterscheiden sich teils erheblich. Besonders beim Emissionshandel zeigen sich die unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen deutlich.

Die Europäische Union setzt dabei Maßstäbe. Mit dem seit 2005 bestehenden Emissionshandelssystem (EU ETS) verfügt sie über das international am weitesten entwickelte Modell. Seit 2024 umfasst es auch den Gebäude- und Verkehrssektor. Ziel ist Klimaneutralität bis 2050, mit einem Zwischenziel von minus 62 Prozent Treibhausgasemissionen bis 2030. Das Beratungsunternehmen Ernst & Young hat die mögliche Entwicklung der CO₂-Kosten skizziert: „Laut einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (März 2023), welche die Auswirkungen der aktuellen Reformen des EU ETS – wie etwa die schnellere Reduzierung der verfügbaren Emissionszertifikate – berücksichtigt, könnten die Preise für Emissionszertifikate im Jahr 2030 auf bis zu 126 Euro/t CO₂ ansteigen. Auf lange Sicht, bis 2050, werden Preisanstiege bis zu 400 Euro/t CO₂ vorhergesagt.“ Die Folgen wären massive Preissteigerungen bei Gas, Heizöl und Kraftstoffen innerhalb der Europäischen Union.

Europa hat allerdings global einen Sonderweg beschritten: In den USA stellt sich die Lage vollkommen anders dar. Ein flächendeckendes Emissionshandelssystem existiert dort nicht. Einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien oder der Nordosten setzen auf eigene Cap-and-Trade-Programme. Daneben existieren freiwillige Märkte, auf denen Unternehmen Zertifikate zur Kompensation erwerben – meist für weniger als 10 US-Dollar pro Tonne. Ein national einheitlicher CO₂-Preis ist politisch kaum durchsetzbar, obwohl auch die USA bis 2050 klimaneutral werden wollen. Die Rückkehr Trumps ins Weiße Haus bedeutet zudem nicht nur ein „America first“ in der Energiepolitik – sondern auch das Ende jeder ernsthaften globalen Koordination im Klimaschutz für die nächsten vier Jahre.

China verfolgt einen anderen Weg: Seit 2021 existiert dort ein nationales Emissionshandelssystem – vorerst nur für den Energiesektor. Weitere Branchen sollen folgen. Die Preise bewegen sich aktuell im Bereich von 10 bis 12 Euro pro Tonne – deutlich unter dem europäischen Niveau. Der Fokus liegt nicht auf rigider Emissionsbegrenzung, sondern auf planbarer Entwicklung und Marktstabilisierung. China peilt Klimaneutralität bis spätestens 2060 an, den Emissionshöhepunkt vor 2030.

Indien steht noch am Anfang. Ein landesweites Emissionshandelssystem gibt es bislang nicht, doch Pilotprojekte in energieintensiven Branchen laufen. Ein konkreter Zeitplan fehlt, langfristig ist jedoch ein nationaler ETS geplant. Ziel ist Klimaneutralität bis 2070. Ein funktionierender Kohlenstoffmarkt gilt als Schlüssel für grüne Investitionen und eine kosteneffiziente Transformation.

Europa bleibt Vorreiter in Sachen Emissionshandel – mit der stärksten Verbindlichkeit, aber auch hohen ökonomischen Risiken. Die USA verfolgen fragmentierte Ansätze, China setzt auf schrittweisen Ausbau und Indien experimentiert noch. Klar ist: Der Emissionshandel soll helfen, Märkte klimafest zu machen. Ob er das leisten kann, hängt vor allem von politischem Willen und gesellschaftlicher Akzeptanz ab. Die EU steht vor einem Dilemma: Sie hat die größten Ambitionen – aber mit den höchsten CO₂-Preisen der Welt. Das macht die grüne Transformation teurer, politisch schwieriger und ökonomisch riskanter.

Die Studien von PwC und Agora/Bertelsmann ignorieren, dass sich die EU auf einen Sonderweg begeben hat. Was auf Deutschland noch einmal besonders zutrifft: Denn nicht nur im Gegensatz zu den USA, China und Indien, sondern auch zu den meisten EU-Partnern versucht es, die Klimaneutralität ohne Kernenergie, ausschließlich mit erneuerbaren Energien zu erreichen. Auf dem Weg zur Klimaneutralität wäre Deutschland auch weiter, wenn es den Atomausstieg nie gegeben hätte.

Dabei hängt der Wohlstand der Bundesrepublik – wie die Agora-Industrie-/Bertelsmann-Analyse feststellt – am Export: „Das Wirtschaftswachstum wurde in den vergangenen Jahrzehnten stark von der Exportnachfrage getragen. Seit 1990 hat sich der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt von circa 23 Prozent auf über 50 Prozent mehr als verdoppelt.“

Die Analyse macht auch deutlich, dass von einer „postindustriellen Gesellschaft“, deren Existenz unter anderem von dem gehypten Soziologen und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz behauptet wird, nicht die Rede sein kann. Sie stellt klar: „Die große Bedeutung der Exporte für das deutsche Wachstum geht Hand in Hand mit der hohen politökonomischen Relevanz des – exportorientierten – verarbeitenden Gewerbes. Zum einen trägt es zu etwa einem Viertel zur gesamten Bruttowertschöpfung bei und beschäftigte im Jahr 2023 mehr als 7,5 Millionen Menschen, zum anderen fungiert es als wesentlicher Nachfrager für inländische Dienstleistungen. Jobs in diesen Branchen seien häufig überdurchschnittlich gut bezahlt und wiesen einen besonders hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad auf.“

Agora Industrie/Bertelsmann gehen davon aus, mit grünen Technologien könne künftig „eine erhebliche Anzahl von Arbeitsplätzen geschaffen werden – so etwa für Ingenieurinnen in der Energietechnik, Maschinenbauer in der Entwicklung klimaneutraler Produktionsanlagen oder Spezialistinnen in der Elektrotechnik oder der Bauwirtschaft.“ Allerdings müssten die Energiepreise sinken. Das würde auch geschehen: „Mit Blick auf 2045 besteht breite Zuversicht, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien die Strompreise langfristig senkt.“

Eine Wette auf die Zukunft – doch die ist noch weit entfernt. Zurzeit sind die Energiepreise in Deutschland sowohl für Privathaushalte als auch für die Industrie hoch. Die Deindustrialisierung ist der Preis, den die Bundesrepublik – und vor allem die Beschäftigten – dafür zahlen. Das Agora-Industrie-/Bertelsmann-Papier stellt klar, „dass das aktuelle deutsche Exportmodell durch das Ende der günstigen Gasversorgung und die stark gestiegene Fertigungstiefe in Exportmärkten (etwa China und Indien) zumindest mit Hinblick auf Industriegüter für Massenmärkte nicht mehr zukunftsfähig ist.“

Die Analyse geht davon aus, dass Deutschland auch im Jahr 2045 voraussichtlich stark exportorientiert bleiben wird. Der Grund: Das nationale Wachstum gilt als zu schwach, um allein als Nachfragemotor zu dienen. Der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit soll daher künftig in einer gezielten Spezialisierung liegen.

Im Zentrum des Zukunftsmodells steht ein Industriestandort, der auf technologische Führerschaft und die Innovationskraft des Mittelstands setzt. Deutschland wird dabei eine globale Vorreiterrolle im Bereich nachhaltiger Technologien zugeschrieben. Klimaneutrale Produkte könnten sich zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil entwickeln. Zugleich gewinnt der europäische Binnenmarkt an Bedeutung – als strategische Plattform für wirtschaftliche Integration und als Absatzraum für spezialisierte, klimafreundliche Lösungen „Made in Germany“.

Das klingt moderater, als es ist. Denn auch wenn in Deutschland kaum noch Produkte für Massenmärkte wie Smartphones, Fernseher oder Textilien hergestellt werden, hängt die deutsche Wirtschaft am Export von Massengütern wie Autos, chemischen Erzeugnissen, Medikamenten und Nahrungsmitteln. Sie spielen im „Zukunftsmodell“ keine Rolle mehr. Denn Energie soll nicht nur mit Wind und Sonne hergestellt werden, sondern auch weniger verbraucht werden: PwC geht davon aus, dass bis 2050 der Energieverbrauch in Deutschland von heute 2.390 Terawattstunden auf 1.380 Terawattstunden sinken wird.

Das kann kaum ausschließlich – wie erhofft – durch gesteigerte Energieeffizienz geschehen, sondern rechnet mehr oder weniger offen auch mit dem Ausstieg aus energieintensiven Industrien. Für diejenigen, die sich in einer postindustriellen Gesellschaft wähnen, ist das sicher kein großes Problem. Schon 2022 machte Patrick Graichen (Grüne), der damalige Staatssekretär im von Robert Habeck (Grüne) geführten Wirtschaftsministerium, im Gespräch mit dem britischen Klimalobbyisten Michael Liebreich deutlich, dass energieintensive Industriezweige wegen der hohen Energiepreise in Deutschland keine Zukunft hätten: „Nun, das ist in der Tat eine große Herausforderung, und zwar nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa“, sagte er. Natürlich gäbe es Orte auf der Welt, wo man Strom für ein bis zwei Cent pro Kilowattstunde bekomme. Und damit ließe sich dann preiswert Wasserstoff erzeugen. Aber Deutschland, das ist klar, ist keiner dieser Orte.
„Was bedeutet das nun für uns? Im Wesentlichen wird es wahrscheinlich bedeuten, dass energieintensive Industriezweige – die Produkte, die man auch an anderen Orten einfach herstellen könnte – dorthin gehen, wo es den Strom für ein bis zwei Cent gibt.“
Man müsse sich bei den energieintensiven Industrien auf diejenigen spezialisieren, deren Produkte viel Know-how und eine enge Kundenbindung benötigen.

Dass Graichen zu einem ähnlichen Schluss kommt wie Agora Industrie, ist wenig verwunderlich – war er doch vor seinem Eintritt in die Bundesregierung Chef von dessen Schwesterorganisation Agora Energiewende, die – wie alle „Agora-Thinktanks“, wie sich die Lobbyorganisationen nennen – maßgeblich von der in Essen ansässigen Mercator-Stiftung unterstützt werden.

Wenn in der Bundesrepublik in Zukunft der Energieverbrauch – wie von PwC berechnet – sinkt, würde sie sich von der Entwicklung der Wettbewerber abkoppeln: Für die USA, China und Indien gehen alle Prognosen von einem steigenden Energiebedarf aus. Treiber ist neben einem Wachstum der Industrie in China und Indien vor allem der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz. Die Server, auf denen die KI-Modelle trainiert und betrieben werden, benötigen immer mehr Energie.

Wird Deutschland also tatsächlich weniger Energie verbrauchen, wird das nicht nur über ein Wegbrechen traditioneller Industrien als Verbraucher geschehen – es muss auch darauf verzichten, an der KI-Entwicklung teilzuhaben, was auch die erhoffte technologische Führerschaft und Innovationskraft des Mittelstands zunichtemachen könnte.

Will Deutschland auch in Zukunft ein wohlhabendes Land bleiben, wird es seine Energiekosten senken und die zur Verfügung stehende Energiemenge steigern müssen. Alle Szenarien gehen global von einer wachsenden Bedeutung der erneuerbaren Energien aus, einem Ausbau oder einem Erhalt der Kernenergie und einer sinkenden Bedeutung von Kohle und Gas – die aber in den USA, China und Indien noch sehr lange hoch sein wird.

Auch das Agora-Industrie-/Bertelsmann-Papier kommt zu dem Schluss, dass wettbewerbsfähige Strompreise entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Standorts sind. Um dieses Ziel zu erreichen, könnten beispielsweise reduzierte Netzentgelte und Stromsteuern die Strompreise senken. „Darüber hinaus sollten Optionen zur Reduzierung der Netzkosten geprüft werden, indem Ausbau und Bewirtschaftung der Netze effizienter gestaltet werden. Außerdem sollten Energieversorger mit zusätzlichem Eigenkapital ausgestattet werden, um ihre Kapitalkosten zu senken.“ Langfristig führe der Ausbau erneuerbarer Energien zu sinkenden Strompreisen und sollte „weiterhin mit Nachdruck vorangetrieben werden.“

Sicher lassen sich die Kosten für den Ausbau der Netze senken, wenn Hochspannungsleitungen wie früher über- statt unterirdisch gebaut würden – was allerdings die Landesregierungen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens aus Angst vor Protesten ablehnen. Aber der Grund für den Umbau der Netze bis auf die Stromleitung vor dem Haus ist die Umstellung der Stromversorgung von traditionellen Kraftwerken auf die Erneuerbaren. Versorgten Kraftwerke früher dezentral die Verbraucher und wurden in der Nähe von Industrieregionen und Ballungsgebieten gebaut, wird nun viel Strom mit den Windparks in Nord- und Ostsee produziert, der zu den Verbrauchern in West- und Süddeutschland transportiert werden muss. Der dezentrale Bau von Windkraftwerken, Solarparks, aber auch Solaranlagen auf Dächern, die in das Netz einspeisen, sorgt dafür, dass auch die Netze in den Städten umgebaut werden müssen. Die Stadtwerke Dortmund gehen für diese Umbaumaßnahmen von Kosten in Milliardenhöhe aus.

Die Einnahmen aus den Netzentgelten und der Stromsteuer reichen schon heute nicht aus, um die Energiewende zu finanzieren. Übernimmt der Staat diese Kosten ganz oder zum Teil, werden sie aus Steuern finanziert werden müssen. Es verwundert wenig, wenn nahezu alle Interviewpartner von Agora Industrie/Bertelsmann die Schuldenbremse ablehnten: Die Kosten für den Umbau sollen auch über Kredite finanziert werden.

Deren Zinsen werden den Bundeshaushalt belasten und in anderen Bereichen wie Forschung, Infrastruktur oder Soziales die finanziellen Spielräume verringern. Oder aber der Staat erhöht die Steuern, was Bürger und Unternehmen noch mehr belastet.

Auch die 4,3 Billionen Euro, die in den kommenden 20 Jahren in den klimagerechten Umbau des Immobilienbestandes investiert werden müssen – übrigens ohne, dass die Zahl der Wohnungen steigt –, will Deutschland 2045 klimaneutral sein. Höhere Mieten, subventionierte Kredite und staatliche Fördergelder werden sowohl in den Kassen des Staates als auch bei den Bürgern Mittel binden, die für andere Ausgaben nicht zur Verfügung stehen oder über Schulden finanziert werden müssen.

Es gibt günstigere Alternativen, um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Den Umbau der Netzinfrastruktur könnte man sich sparen, wenn der Ausbau der Erneuerbaren gestoppt oder zumindest deutlich gebremst werden würde. Mit einem Bruchteil der Kosten ließen sich Kernkraftwerke bauen und das CO₂ aus Kohle- und Gaskraftwerken abscheiden und speichern. Auch der Bau teurer Batteriespeicher, für deren Nutzung das Netz ebenfalls umgebaut werden muss, könnte Sinn machen, wenn er geplant erfolgen würde. Zurzeit scheitert er an fehlendenden Anschlussmöglichkeiten. Zudem könnten über die Förderung von Kernfusions-Versuchsanlagen einer Technologie zum Durchbruch verholfen werden, die mittelfristig eine günstige und unerschöpfliche Energiequelle bieten könnte.

Bei der energetischen Sanierung von Immobilien macht es Sinn, sich nicht darauf zu konzentrieren, ihren Energieverbrauch perspektivisch mit immer höheren Investitionen gegen null zu senken, sondern dafür zu sorgen, dass es möglichst viel günstigen und CO₂-freien Strom gibt. Preiswert große Mengen CO₂-freier Energie zur Verfügung zu stellen, sollte ohnehin das Ziel der Politik sein – doch dafür muss mit dem „Nur-Erneuerbare“-Dogma gebrochen werden, und Deutschland muss sich auf den Pfad der Technologieoffenheit begeben.

Natürlich steht es der Politik frei, den von Agora Industrie/Bertelsmann und PwC vorgegebenen Weg zu folgen. Die Folgen sind schon heute sichtbar, wie ein Interviewpartner von Agora/Bertelsmann klar machte: „In starken Automobil- oder anderen Industrieregionen sehen wir beispielsweise, dass der Zuspruch zur AfD deutlich überproportional ist.“

In der vergangenen Woche stellten Gewerkschafter aus dem Osten in einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fest: „Die deutsche Energiepolitik hat sich zu einem der gefährlichsten Standort- und Wirtschaftsrisiken entwickelt.“

Die Zustimmung zur Energiewende nimmt rasant ab. Will die Politik verhindern, dass bald auch das Ziel der Klimaneutralität insgesamt gefährdet ist, muss sie ihren Kurs ändern. Eine Energiepolitik, die Wohlstand vernichtet, die Deindustrialisierung vorantreibt, Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz verhindert und nicht zu finanzieren ist, wird keinen Bestand haben.

 

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
4 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
hase12
6 Monate zuvor

Zum Thema „postindustrielle Gesellschaft“: Halten Sie mich für vollkommen übergeschnappt, aber über 50 Prozent sind eindeutig mehr als circa 23 Prozent! Kann aber auch sein, dass Ich (G8-Abitur Bayern in Nürnberg) bezüglich Prozentsatz und Prozentrechnung einfach im Matheunterricht in der Schule zu gut aufgepasst habe. 🙂

paule t.
paule t.
6 Monate zuvor

Mit seiner durch keine validen Fakten grundierten Kernkraft-Fanfiction bleibt der Autor in einem Fantasieland. Der Bau von Kernkraftwerken ist keineswegs günstig, sondern hat sich in den letzten Jahren immer wieder als finanzielles Desaster erwiesen, das massive Subventionen notwendig macht: Olkiluoto, Flamanville, Hinckley Point … überall dauert es deutlich länger und wird deutlich teurer als vorher versprochen. In Frankreich hat nicht etwa irgendeine Öko-Organisation, sondern vielmehr der Rechnungshof aus rein finanziellen Gründen dringend davon abgeraten, Macrons Atom-Träumereien weiterzuverfolgen.
Deutschland ist dabei auch keineswegs auf einem Sonderweg – wenn man sich die realen Zahlen anschaut, welche Energieformen europa- wie weltweit tatsächlich am stärksten ausgebaut werden, sieht man, dass die erneuerbaren Energien weit vor der Atomkraft liegen.

Und bei dieser finanziellen Betrachtung sind die Ewigkeitskosten der Endlagerung von Abfällen und die Risikokosten bei einem evtl. Unfall, die durch Deckelung ab einem bestimmten Punkt einfach der Öffentlichkeit aufgebürdet werden, noch nicht einmal drin.

Der kostengünstigste Weg zur Emissionsfreiheit sind derzeit einfach die erneuerbaren Energien. Dank der in den letzten Jahren drastisch gefallenen Preise sind sie schon jetzt weitaus günstiger als Strom aus zu bauenden AKWs es sein könnte. Ähnlich erfreuliche Entwicklungen haben bei Speichertechnologien schon angefangen.

paule t.
paule t.
6 Monate zuvor

@ Stefan Laurin

Jein. Erst einmal sind in der horrenden Gesamtsumme, die oben über dem Artikel steht, alle möglichen Bereiche enthalten und nicht nur der Stromsektor, an den die meisten Leute wohl zuerst denken. Zweitens erwähnen Sie die Gegenrechnung, die genauso horrend ist, dann nur vergleichsweise versteckt im Artikel.

Drittens, auch wenn wir nur den Stromsektor betrachten: Ich bezweifle, dass wir ohne einen Umbau des Stromnetzes auskämen, wenn wir bloß auf AKWs setzen würden. Denn wenn Heizung (–> Wärmepumpen) und Mobilität (–> E-Autos) auf Elektrizität umgestellt werden, werden auch mit AKWs die Ortsnetze in ihrer jetzigen Kapazität an vielen Orten nicht ausreichen und erneuert werden müssen. Ebenso wird man auch mit AKWs Smart-Meter brauchen, um den Verbrauch intelligent zu steuern. D.h. auch dann wären erhebliche, wenn auch vielleicht nicht ganz so hohe Investitionen in Infrastruktur nötig. Und der Umstieg auf Elektrizität in diesen Sektoren ist nun mal zwingend, wenn man Klimaneutralitär erreichen will.

Ich halte es für höchst zweifelhaft, ob diese Investitionen in die Netze tatsächlich die Kostennachteile, die Atomkraft nun mal hat (und die im Gegensatz zu den Kosten für erneuerbare Energien und Speichertechnologien voraussichtlich auch nicht sinken werden), übersteigen.

Und am Ende hat man dann eben ein modernes, auf die kostengünstigste Produktionsweise ausgerichtetes Stromnetz.

Werbung