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Deutschland wird grün – und dann?

Life and Death (Foto: Crusty Da Klown/ Flickr/ CC0 1.0)

Die Grünen sind derzeit auf dem wohl größten Höhenflug ihrer Geschichte, wenn man einmal von ihrer Regierungsbeteiligung unter Schröder absieht. Sie sind der Sieger der Stunde, was zum einen damit zu tun hat, dass sie mit dem Thema „Klima“ so sehr verknüpft werden wie keine andere Partei, zum anderen aber auch damit, dass sie vornehmlich von Losern umgeben sind, die so ziemlich alles falsch machen, was man falsch machen kann. So ist das aktuelle Forsa-Hoch der Grünen, so es nicht nur statistisches Rauschen ist, nicht eigenen cleveren Moves geschuldet, sondern ein Nebenprodukt sozialdemokratischen Selbsthasses ebenso wie christdemokratischer Regression. Doch sei es drum: Der Zeitgeist ist grün, das Klima kaputt, und die Rettung des eben selben das Maß aller Dinge – für viele.

Sicherlich trägt auch zum Stimmungsbild bei, dass die Grünen angenehm weit weg von der politischen Rechten erscheinen, etwas, das man der CDU eben zusätzlich nicht abnimmt, kretschmert sie sich doch langsam an die AfD heran. Anders als die SPD versprechen die Grünen dann auch noch irgendwasmitsozialemfriedendurchnonhate. Was auch immer. Doch auch das mag hintenangestellt werden.

Was man sich vielmehr fragen mag: Und wenn Deutschland komplett grün wäre, und man meinetwegen Sachsen und einige andere Bundesländer gewinnbringend an Russland verkauft hätte, was wäre denn dann? Wäre dann der Klimawandel gestoppt? Genau diesen Eindruck mag man mitunter gewinnen. Es ist ein Rausch der Forderungen nach Verzicht, nach Selbstgeißelung, nach Abkehr vom Wege des Konsums. Nur: Wie denn dann? Und wer derjenigen, die grün wählen, ist dazu selbst bereit? Und wenn er, oder sie, oder wie auch immer, dazu bereit ist, wieso wird dann nicht konsequent im Privaten danach gehandelt?

Wenn das Klima, die Welt, ja der Seelenfrieden aller dadurch zu retten ist, dass alle Einzelnen das Richtige tun, und die überwältigende, zumindest westdeutsche, Mehrheit in diesem Land der Meinung ist, dass es dafür Zeit ist, wieso handelt dann die kleinste Zelle dieser Mehrheit, der einzelne Grünen-Wähler, nicht unausgesetzt und fortwährend danach?

Es soll hier nicht von Doppelmoral die Rede sein. Das Wort ist unschön und polemisch, und es löst selbst keine Probleme. Es soll vielmehr von Ablasshandel die Rede sein. Einem modernen, einem politischen Ablasshandel, in dem der Wähler glaubt, wenn er seine Stimme bei einer Wahl oder bei einer Umfrage den Grünen gibt, sich den jungen Gebildeten zurechnet, dann wird er erlöst werden. Von der Schuld, die er auf sich geladen zu haben glaubt, weil er bisher eben lebte, wie er lebte, und wählte, was er wählte, und nun auch weiterhin lebt, wie er lebt, aber eben grün wählt. Psychologisch funktioniert das.

Nur dem Klima bringt es nichts.

Die innere Wahrheit ist: Niemand weiß im Moment genau, welche Schritte tatsächlich welche Klimaveränderungen aufhalten würden und wie die spezifischen Folgen welcher Maßnahme oder des Ausbleibens eben jener wären. Es wird Zeit, sich das einzugestehen. Wir wissen, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, und wir können einige der Veränderungen, vor allem negativer Natur, die positive Seite mag sich schwer erschließen, gleichwohl es auch sie geben wird, extrapolieren, aber eben nicht alle. Wir wissen, dass der CO2-Austoß zu hoch ist. Wir wollen andererseits aber auch keinen Atommüll, und Windräder töten Vögel, und die Sahara wird man wohl auch nicht bald mit Solarpaneelen überdachen.

Letzteres wäre zumindest eine Vision, ein Anker, den man setzen könnte. Wenn man denn wollte. Man will jedoch nicht. Zumal nicht in Deutschland. Man will nur nicht weitermachen wie bisher, sondern es anders machen – wie auch immer. Diese Einsicht ist natürlich sinnvoll und gut, aber eben nicht lösungsorientiert.

Und wenn man wissenschaftliche Lösungen hätte: wie sie im Politdiskurs durchsetzen? Glaubt man wirklich, dass die Grünen in der Lage wären, und die Deutschen wirklich bereit, eine vollständige disruptive Transformation ihrer Wirtschaft hinzunehmen? Mit dem kurzfristigen Verlust von tausenden, vielleicht zehntausenden von Arbeitsplätzen in „klimaschädigender“ Industrie? Es ist das eine, sein Kreuz bei einer Partei zu machen, und das andere, seinen eigenen Wohlstand und mit Blick auf andere, nicht-grün wählende, deren finanzielle Existenzgrundlage aufgeben zu wollen.

Gegen den grünen Rausch des „Klima first – no matter how“ wird derzeit nur das traditionelle „Hängt die Grünen, solange es Bäume gibt“ gesetzt – sinnbildlich; beides. Wer aber wirklich etwas am Klimawandel ändern will, wer wirklich will, dass sich jetzt etwas ändert, der sollte eigentlich fordern, dass man denen zuhört, die nicht nur das Problem beschreiben, sondern auch Lösungsmodelle parat haben: Wissenschaftlern.

Und dann sollte man sich fragen, ob man hierzulande, wenn man doch ach-so-klimafreundlich sein will, sich wirklich traut, auch große, auch bizarre, auch utopische Entwürfe anzugehen, wenn man es schon nicht wirklich schafft, oder schaffen will, sich selbst im Kleinen grundlegend zu ändern.

Wie war das also nochmal mit den Solarpaneelen über der gesamten Sahara, Herr Habeck?

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2 Kommentare zu “Deutschland wird grün – und dann?

  • #1
    ke

    Die Grünen sind überall für das Gute. Widersprüche interessieren. Naturwissenschaften werden ignoriert.

    Es ist ein Ablasshandel und Populismus verbunden mit dem Überschätzen der Bedeutung Deutschlands.

    Es gibt natürlich eine Lösung. Jeder fängt bei sich selber an und versucht seinen Einfluss auf den Planeten zu optimieren.

    Energiesparen:
    – Weniger mit Verkehrsmitteln fahren, mehr laufen, gehen und mit dem Fahrrad (ohne Motor) fahren.
    – Aufs Streamen verzichten bzw. die Auflösung reduzieren.
    – Licht aus, Fernseher etc. auf geringe Helligkeit
    – Weniger Fleisch
    – Grillen verursacht sicherlich auch viel Feinstaub und die Holzkohle ist auch nicht besonders ökologisch
    – Feuerwerk ist out wg. Feinstaub
    – Kreuzfahrten sind sowieso umweltschädlich
    – Kleinere Wohnungen mit wenig Energie. Zurück zu Platte?
    – Reduzierung des Bevölkerungswachstums
    ….
    Ja wird sind so grün, schaffen es aber nicht den Strom- oder Benzinverbrauch im Privaten zu reduzieren. Die Kippen landen auf der Straße und rund um die Fast-Food-Buden ist alles zugemüllt.

    Deutschland ist nicht Öko. Es wird von anderen gefordert. Bahnen und Stromtrassen können nicht gebaut werden, weil irgendwo eine lokale Bürgerinitiative – oft mit Unterstützung der Grünen – gegen die Maßnahmen ist bzw. die Realisierung an extrem hohe Kosten verknüpft. Gerichte brauchen Jahre für Entscheidungen.

    Selbst die E-PKWs werden massiv subventioniert. Aus ökologischen Gründen. Was ist am Individualverkehr ökologisch? Es ist ein Öko-Populismus mit einer großen Lobby.

    Es sollen die anderen machen, aber persönlich schränken sich die meisten Menschen kaum ein. Die SUV fahren weiter mit 180 über die Autobahn, um schnell im Urlaub oder beim Wochendausflug zu sein. Reiche Menschen haben den höchsten Ressourcenverbrauch. Die teuren Autos sollen jetzt noch weiter subventioniert werden.

    Die Politiker von SPD/CDU/CSU sind dann noch so dumm und bringen das Thema weiter auf die Tagesordnung und stärken damit die Originale.

    Solarpanele in der Sahara. Kann man machen. Nur wer möchte, dass der Strom aus der instabilen Region kommt? Die Leitungen würden natürlich auch wieder zu Problemen führen ….

    Fangt mit dem Klimaschutz und mit der besseren Welt im Privaten an, fordert die Politik. Aber es gibt wirklich noch andere Themen, die bedeutender sind. Deutschland ist einfach zu klein, um die Welt zu retten. Ein Blick auf die Ökobilanzen vieler angeblich ökologischer Produkte ist oft sehr ernüchternd.

    Bzgl der Flüchtlingspolitik frage ich mich, wieso hier nicht auf internationale Lösungen gesetzt wird. Es macht keinen Sinn alle Flüchtlinge der Welt in einem der teuersten Länder der Welt zu versorgen. Das funktioniert einfach nicht.

  • #2
    Nina

    Das scheint mir der vernünftigste Beitrag zu dem Thema zu sein, den ich in letzter Zeit gelesen habe.
    Schön, dass Bartoschek wieder schreibt.

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