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Die B3E-Story 12 – Wie aus dem baulich-materiellen Dreieck ein soziokulturelles wurde.

Mit der gastronomischen und organisatorischen Etablierung der drei „Hauptclans“ um Leo Bauer, Alex Schüler und Armin Reisewitz hatte sich das städtebauliche Dreieck  – bestehend aus der Viktoriastraße zwischen Konrad Adenauer Platz und Südring, dem Südring zwischen Viktoriastraße und Brüderstraße, und der Brüderstraße selbst, verlängert um die obere Kortumstraße bis wiederum zum Konrad Adenauer Platz, endgültig zum Bermudadreieck entwickelt.

Obwohl sich dieser Name zu diesem Zeitpunkt bereits im öffentlichen Sprachgebrauch durchgesetzt hatte, gab es Leute, die im Rahmen des Stadtteilmarketings ,damals hieß es noch  hausbacken „Werbegemeinschaft der Kaufleute“, den alten Namen Engelbertviertel erneut und nun erst recht in den öffentlich Sprachgebrauch einbringen wollten. Dieser Zusammenschluss der Einzelhändler des Viertels wollte damit natürlich auch seine fortschreitende räumliche Verdrängung durch die Gastronomie deutlich machen und, wenn möglich, zum Stillstand bringen. Aber auch die noch verbliebenen Händler- und Gewerbetreibenden konnten sich der neuen Dominanz der Kneipiers, und erst recht nicht der realen Dreiecksform entziehen, an dem sich baulich, räumlich und vor allem soziokulturell die neue Identität des Quartiers als Szene-und Entertainementviertel ausgebildet hatte.

Erst recht, weil es sich von der Straßenführung sogar um ein doppeltes Dreieck handelt. Das oben beschriebene Straßendreieck enthält nämlich in sich das ursprüngliche Bermudadreieck, dessen kürzerer Schenkel nicht durch den Südring sondern durch das viel schmalere Sträßchen namens Kerkwege gebildet wird, die, wie der altdeutsche Name schon verrät, direkt auf die Marienkirche zuführt, die wiederum, mittlerweile entweiht, zum Trainings- und Spielort der durch das Kulturhauptstadt Jahr 2010 international bekannt gewordenen Tanztruppe „Urbanatix“ geworden ist.

So versuchten es die Einzelhändler mit dem Kompromissbegriff „Engelbertdreieck“, scheiterten letztlich aber auch damit, denn die durch die Bermudapioniere geschaffenen Tatsachen waren nun mal nicht mehr rückgängig zu machen. Auch nicht die steigenden Mieten die es interessierten neuen Gewerbetreibenden immer schwerer machten, in diesem städtebaulichen Dreieck überhaupt Fuß zu fassen. Auch die, die, wie z.B. der Fahrradladen Balance,selbst zu den Eroberern gehörten und auf Grund der dort ständig zu nehmenden Laufkundschaft unbedingt dort bleiben wollten, hatten mit immer höheren Mietforderungen der Immobilienbesitzer zu kämpfen. Für sie war die Umwandlung des Viertels von einem immer weniger besuchten Anhängsel der Bochumer Innenstadt zu einem hochfrequentierten Kneipen- und Szeneviertel zugleich Segen und Fluch. Die Kunden und der Umsatz nahmen zwar zu, die Miete aber auch.

Bei genauerer Betrachtung hat sich das heutige Bermudadreieck dabei  von seinen  „Ecken“ her entwickelt. Hier lagen, wie bei jeglicher Gastronomie nicht unüblich, auch schon ein Teil seiner Vorläuferlokale aus der Vor- und Nachkriegszeit, die von den „Eroberern“ eigentlich nur übernommen und aktualisiert werden mussten. Die erste, engere Zeilenentwicklung der Gastronomiebetriebe in der Nachkriegszeit gab es dann an der Brüderstraße. Sie allein hätte aber niemals ausgereicht, um der Motor für das zu sein, was sich Ende der 80er Jahre schon als das größte und dichteste Kneipenviertel des Ruhrgebiets darstellte. Ausschlaggebend war vielmehr die gastronomische Eroberung und Erneuerung der Dreiecksspitze am und auf dem Konrad-Adenauer-Platz. Erst mit diesem Anziehungspunkt war die Achsenentwicklung entlang der oberen Kortumstraße und entlang der Viktoriastraße als durchgehende Zeilenentwicklung der Kneipenlandschaft überhaupt möglich. Ansonsten wäre ohne diesen „geerbten “gastronomischen Konzentrationsansatz in der Umgebung der Brüderstraße und um den Konrad-Adenauer-Platz herum womöglich die gastronomische Entwicklung ein Solitär geblieben.

Deswegen ist , rein räumlich gesehen, auch die Rolle des alten Engelbertplatzes nicht zu unterschätzen, der übrigens selbst beim renommierten Wikipedia im diesbezüglichen Eintrag offensichtlich mit dem Konrad-Adenauerplatz verwechselt wird. Ganz abgesehen davon, dass auch er eine Dreiecksform hat, ist er der städtebauliche Schnittpunkt zwischen dem kleinen und großen Dreieck und damit zugleich die geographische Mitte des Quartiers. Auch hier gab es entsprechend Kneipenvorläufer aus der Vor- und Nachkriegszeit. Der Platz ist aber zugleich neben dem Konrad-Adenauer-Platz und der Einmündung der Kerkwege in die Viktoriastraße die dritte Ecke des kleinen Dreiecks. Von den beiden, das Viertel bestimmenden Straßentriangeln, ist dies jedoch spätestens Anfang der 90er Jahre das, was von allen drei Seiten von Gastronomie umschlossen ist.

Der typische bzw. häufigste „Rundlauf“ oder vielleicht  besser „Dreieckslauf“ findet für die Mehrzahl seiner Besucher deswegen nicht entlang des großen, sondern entlang des kleinen Dreiecks statt. Aus diesem Grunde würde das Bermudadreieck als ruhrgebietsweite Attraktion sicherlich auch ohne die Brüderstraße funktionieren. Bis heute floriert die Brüderstraße nicht so wie die obere Kortumstraße einschließlich des Konrad Adenauerplatz, was die zeitweise überdurchschnittlich vielen Besitzerwechsel, die hektische Umstellung der Gastronomie-Konzepte sowie die überdurchschnittlich häufigen Leerstände dort bezeugen.

Das liegt daran, dass der harte Kern und zugleich die Hauptattraktionen und somit die Strahlkraft dieses Kneipenviertels von dem Straßendreieck ausgeht, das die Brüderstraße nicht einschließt. Dieses Kern-Bermudadreieck, in dem am Konrad-Adenauer-Platz erstmals mit dem Ausbau der Außengastronomie eine über die Stadt hinausreichen Attraktion entstanden war, ist bis heute und als Ganzes die eigentlich Attraktion, bei der das Sehen und Gesehen werden von Anfang an und nachwievor die urbane Hauptrolle spielt. Dabei macht die mittlerweile nicht nur zahlen- sondern auch flächenmäßig mehr als großzügige Außengastronomie entlang der oberen Kortumstraße und auf dem auch als Kap bezeichneten Konrad Adenauerplatz die  spezielle Bermuda-Sommer- Atmosphäre aus, die an schönen Tagen zigtausende aus dem ganzen Ruhrgebiet und darüber hinaus anlockt.

Dieser Teil des Dreiecks ist seit Mitte der 80er Jahre der dauerhafte Motor eines gastronomischen Umfeldes, das bis heute und auch in weiterer Zukunft das große Dreieck in Richtung Innenstadt, Theater und die andere Seite der Viktoriastraße überschreitet und auch im Winter weiter seine, wenn auch abgeschwächte, Wirkung zeigt. Das dieser wahrscheinlich am höchsten frequentierte Teil Bochums zunehmend die Effekte aller Menschenmassenverdichtungen zeigt, die heutzutage, meistens abfällig, als „Ballermannisierung“ bezeichnet werden, ist ein unausweichlicher Teil des Erfolgs, den es wiederum, um eben diesen als Ganzen auf Dauer zu halten, einzudämmen und zu dosieren gilt.

Andererseits gibt genau dieser Effekt anderen nicht am Mainstream orientierten Angeboten der Gastronomie die Möglichkeit, in der Nähe dieses Frequenzerzeugers das Publikum mit abzuschöpfen, das eben dieser Menschendichte zeitweise oder sogar regelmäßig entkommen möchte. Was das B3E betrifft, muss dieses dafür nur ein paar Meter unter der Eisenbahnbrücke Richtung Stadttheater laufen, um nach Ehrenfeld und damit genau dahin zu gelangen, wo sich mittlerweile die unkonventionellen und „szenigeren“ Kneipen sammeln. Eine Art „Off-Bermuda-Dreieck“ das sich zwar absichtlich und erfolgreich von der gleich um die Ecke stattfindenden Vermassung abgesetzt hat, unabsichtlich aber  die ideale räumlich-funktionale Ergänzung dazu darstellt.

Mehr zu dem Thema:

Teil 1: Die B3E-Story – oder wie das Bochumer Szeneviertel namens Bermudadreieck entstanden ist

Teil 2: Die B3E-Story 2: Entstanden aus dem Nichts?

Teil 3: Die B3E-Story Teil 3- Vom proletarischen Moltkeviertel zur Bochumer Studentenbewegung

Teil 6: Die B3E-Story 6 – Vom Club Liberitas zum Mandragora

Teil 7: Die B3E-Story Teil 7: Vom Appel zum Sachs

Teil 8: Die B3E-Story 8 – Die 80ger Jahre und die Entstehung der Szenemagazine

Teil 9: Die B3E Story 9 – Die Rolle der Bochumer Stadtverwaltung

Teil 10: Die B3E-Story Teil 10 – Die Entstehung des „Bauer-Imperiums“

 

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8 Kommentare zu “Die B3E-Story 12 – Wie aus dem baulich-materiellen Dreieck ein soziokulturelles wurde.

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