Rohes Fest! – Ein kleines postweihnachtliches Resümée

Brenn, Baum, brenn. Foto: Feuerwehr Radolfszell

Von unserem Gastautor Daniel Kasselmann.

Es war mal wieder Heiligabend. Nachdem sich meine Eltern aufgrund von hochgebirgstibetischen Eis und Schneeverhältnissen in den vergangenen Jahren geweigert hatten, am 24. Zur Familie meiner Schwester zu fahren, feierten wir dieses Mal wieder bei meinen Eltern im beschaulichen Mülheim Ruhr, dem Herzen des Ruhrgebietes du der einzigen Stadt mit einer urbanen Skyline. Wir hatten das Essen Gans auf und waren zur Bescherung übergegangen.

Meine zweijährige Nichte hatte mit dem Krallenrupfgriff bereits alle Geschenke von ihrer überflüssig bunten Verpackung befreit und kutschierte Josef, Maria, Ochs, Esel und das Christuskind quer in ihrem neuen Puppenwagen quer durch die Wohnung. Wir ließen sie gewähren, denn im Jahr zuvor hatte sie während der Kindermesse in der Kirche das Jesuskind aus der Krippe entführt und durch die Kirche getragen und so sahen die Krippenfiguren meiner Eltern auch mal was von der Welt.

Ich hatte eine kleine Weihnachtsgeschichte von dem kleinen Engel Rudi vorgelesen, die alle zu Tränen gerührt hatte und dann hatten wir gemeinsam Weihnachtslieder auf dem Klavier gespielt. Ich die rechte Hand, mein Vater die linke,  wir hatten dazu gesungen und niemand hatte sich über den Lärm beschwert, auch nicht, wie im Vorjahr, der Flughafen. Alles war gut. Gut finde ich immer langweilig. Es musste etwas passieren.

Ich schüttelte nachdenklich den Kopf, was meiner Schwester auffiel.

„Bruder, was ist los mit dir?“

„Ich denke nach.“

„Das sehe ich. Worüber denkst du nach?“

„Über Jesus und die Dreifaltigkeit.“

„Was gibt es darüber nachzudenken?“ bohrte sie nach.

„Es ist eine Lüge. Jesus kommt schon im Alten Testament vor. Das verschweigt die katholische Kirche.“

„Wo kommt er da vor?“

„Buch der Sprichwörter, Kapitel 8.“

„Habt ihr eine Bibel hier im Haus?“ wandte sich meine Schwester an meine Eltern, die sie irritiert anschauten. „Vergesst die Frage!“ wiegelte meine Schwester ab und wandte sich wieder an mich: „Du hast also die Bibel gelesen?“

„Ja, stellenweise. Unter Anleitung einer Forscherin.“

„Einer Archäologin?“

„Nein. Einer Bibelforscherin.“

Meine Schwester schaute in diesem Moment ungefähr so klug wie die Kühe in „Bauer-sucht-Frau“ beim Almabtrieb, deswegen soufflierte meine Mutter, ihres Zeichens Historikerin: „Bibelforscher. Die Zeugen Jehovas.“

Es ist mit einem Mal eine sehr, sehr stille Nacht im Wohnzimmer meiner Eltern. Nur meine kleine Nichte kutschiert weiterhin mit ihrem neuen Puppenwagen und der heiligen Familie darin um den Weihnachtsbaum. Meine Schwester schaut mich so prüfend an, wie die Kardinäle den Papst, der ihnen erklärt, dass er soeben zu Buddhismus konvertiert ist.

Dann, gaaaaanz langsam: „Du lässt die echt in deine Wohnung? Bist du…?“

Meine Mutter beschwichtigt sie: „Warum? Er hat doch als ALG II-Empfänger eh keine wertvollen Sachen darin.“

Aber meine Schwester ist gar nicht zu bremsen: „Du lässt fremde Leute dieser Sekte in deine Wohnung? Krass, Bruder!“

„Also erstens“, hebe ich an, „ist der wesentliche Unterschied zwischen den Katholiken und den Zeugen Jehovas in der Verbreitung der jeweiligen Sekte begründet…“

Ich mache eine Kunstpause, meine Schwester fuchtelt wild mit den Händen herum.

„Außerdem habe ich mich nicht mit fremden Zeugen Jehovas über die Bibel unterhalten, sondern mit einer sehr lieben Freundin.“

„Du hast eine Freundin, die Zeugin Jehovas ist?“ keucht meine Schwester atemlos.

„Eine sehr liebe Freundin, die mir sehr viel bedeutet.“ präzisiere ich.

Einen Moment lang ist noch mal stille Nacht. Ich finde es immer wieder sensationell zu sehen, wie meiner Schwester ALLES aus dem Gesicht fällt. Selbst meine kleine Nichte merkt jetzt, dass irgendwas mit den großen Leuten nicht stimmt. Sie hält ihren Puppenwagen vor der Couchecke an und gluckst uns an: „Jehova….“

Dann bricht der Familiensturm  los.

Meine Schwester brüllt meinem Schwager an: „Nimm sofort das Kind hier wech!“ Meine Mutter blättert inzwischen hektisch im Telefonbuch. Ich frage sie, was sie sucht und sage ihr, dass sie die Information, die sie sucht, auch unter www.zeugenjehovas-ausstieg.de viel schneller findet. Mein Vater reißt ihr das Telefonbuch aus der Hand und herrscht sie an: „Hol mir lieber meine Herztabletten, mein Testament und einen Radiergummi!“ Mein Schwager schaut mich ungläubig an, meine kleine Nichte hat ob der allgemeinen Panik inzwischen angefangen zu weinen. Ich überlege, wie ich hier irgendwie Ruhe reinbringe und zünde mir eine Zigarette an. Wohlgemerkt, im Wohnzimmer meines Vaters, der als Ex-Raucher stalinistischer ist, was das Rauchen angeht, als die rotgrüne NRW-Regierung. Sie werden alle wieder still, nur noch meine kleine Nichte weint ein bisschen und wird von ihrem Papa auf dem Arm getröstet.

„Nur wegen dir weint die Kleine!“ faucht meine Schwester mich an.

„Nein, nicht wegen mir. Ich habe hier keinen Terz gemacht.“ wende ich ein.

„Kannste dir ja vorstellen, was das für uns bedeutet, wenn du uns hier erklärst, dass du dabei bist, einer Sekte mit Gehirnwäschemethoden anheim zu fallen.“

„Du meinst Scientology?“

„Ja, genau!“

„Und ich rede von den Zeugen Jehovas.“

„Alles Sekten!“

„Wie schreibt man ‚Enterbung?‘“ will Papa wissen, während Mama die Vorhängeschlösser an der Vitrine mit dem Silberbesteck montiert.

„Schwester, du bist gerade so peinlich, wie damals, als du mir vorgeworfen hast, den SPIEGEL nur deswegen gekauft zu haben, weil dort so ein geiles Kampfflugzeug auf dem Titel abgebildet ist.“

„Ich weiß, es ging um den Jäger 90.“

„Und der Artikel war ein Kampfpamphlet dagegen. Was du nicht begriffen hast, weil du zu blöde bist zu merken, welche politische Richtung der SPIEGEL hat.“

„Okay, meinetwegen. Und welche politische Richtung haben deine Zeugen Jehovas?“

„Wenn du dich auch nur ansatzweise damit beschäftigt hättest, auch nur einmal nur einen einzigen beschissenen Artikel auf Wikipedia darüber gelesen hättest, dass wüsstest du, dass sie vollkommen unpolitisch sind.“

„Ja und? Was willst du mir jetzt damit sagen?“

„Ich will dir sagen; wenn ich mich als Philosoph und Wissenschaftler mit Freunden über Glaubensfragen auseinandersetze, dann kann ich fragen, wen ich will. Und wenn du als ahnungslose Katholizicke davon Null Ahnung hast, dann gibt dir das noch lange nicht das Recht, hier herumzukrakeelen, wie ein akustischer Tzunami. Wenn man inhaltlich keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“

Jetzt ist wieder stille Nacht. Sogar meine kleine Nichte hat aufgehört zu weinen. Mein Vater hat inzwischen einen Single Malt für alle Männer eingeschenkt und versucht, entspannt zu wirken. Irgendwann sagt er dann doch was.

„Sohn. Ich möchte dir ja gerne glauben, dass du keiner Sekte blindlings folgst. Aber du warst immer ein sehr, sehr folgsamer Sohn. Insofern habe ich meine Zweifel.“

„Ich weiß, was du meinst, Papa. Die autoritäre Erziehung meines narzisstischen Vaters prädestiniert mich dazu. Narzisstische Menschen, die der festen Überzeugung sind, sie seien selbst ein Genie, haben generell nicht die Bereitschaft,  andere Menschen gleichwertig neben sich gelten zu lassen, weil das die Bewunderung und Aufmerksamkeit der Mitwelt automatisch von ihnen abziehen würde. Achtzehn Jahre von jemandem erzogen zu werden, der, indem er sich selbst groß macht, die Persönlichkeit der Menschen um ihn herum erniedrigt, führen zwangsläufig zu einem Mangel an persönlicher Entwicklung und dem Totalverlust des Selbstwertgefühls. Wie soll aber ein junger Mensch das Beste aus sich machen, wenn er gar kein Gespür für dieses Beste in sich entwickeln konnte, weil er sich selbst und seinen Fähigkeiten zutiefst misstraut? Er kann nicht für sein Recht auf Selbstentfaltung kämpfen, weil er meint, nicht das Recht dazu zu haben, und weil er sich seines Selbst nicht bewusst ist. Und er besitzt keinen eigenen Maßstab  der Wertung des eigenen Verhaltens. Dieses hast du erreicht, indem du deine Erziehung autoritär gestaltet hast, was zur Folge hatte dass mir jede Möglichkeit der Entwicklung einer eigenen Streitkultur verwehrt blieb, ebenso die Möglichkeit der  Selbstdurchsetzung, und damit der Erkenntnis der Möglichkeit, meine Ziele auch gegen Widerstände durchzusetzen. Menschen, die als Kinder geschlagen worden sind, haben zeitlebens Angst vor den Menschen, weil die Erfahrung der körperlichen Züchtigung lebenslang nachwirkt und auch bei dem Erwachsenen unbewusst die Angst am Leben erhält, man könne wegen einer Widersetzung körperlicher Bestrafung ausgesetzt werden. Ein autoritär erzogener Mensch setzt sich nicht gegen Widerstände durch, er verteidigt aus Angst sein Terrain nicht. Er tut, was von ihm verlangt wird und nicht das, was er als seine ureigensten Ziele erkennt, denn er misstraut dem Gedanken, dass er alle seine Lebensziele erreichen kann, wenn er nur die dazu notwendige unermüdliche Ausdauer entwickelt, und im Sinne seiner eigenen Ziele handelt. Er misstraut dem Gedanken, dass er Widerstände überwinden kann, weil er sich minderwertig fühlt. Er ist kein Kämpfer für sein Recht auf Glück und Selbstentfaltung. Er lebt nicht, er funktioniert höchstens. Er ist nicht autark. Meinest du das, Papa?“

Ich schweige und trinke von dem guten Single Malt. Mein Vater trinkt irgendwann auch. Meine Schwester bringt meine kleine Nichte ins Bettchen. Meine Mutter zieht  sich zum Spülen in die Küche zurück. Mein Schwager trinkt auch den Single Malt. Irgendwann meint mein Vater: „War ich wirklich so ein autoritäres Arschloch?“

„Jepp!“

„Das tut mir leid.“

„Ich habe dir das nicht erzählt, um dir‘n schlechtes Gewissen zu machen. Sondern um dir darzulegen, dass ich es niemals mehr wieder zulassen werde, dass mir irgendein Gott, Halbgott, Sektengott oder werauchimmer in meine verfickten Synapsen kackt!“

„Das ist gut.“

„Schönen Gruß von meinem Therapeuten. Er dankt dir, du Arschloch. Ohne dich wäre sein Bungalow auf den Bahamas nicht möglich gewesen.“

„Immerhin ein gutes Werk.“

„Er hat sein Bungalow übrigens direkt neben dem Bungalow des Therapeuten meiner Schwester.“

„Das ist auch schön.“

„Können wir noch mal zum Punkt kommen? Ich meine, es ging eigentlich mal in diesem Gespräch um die Dreifaltigkeitsproblematik.“

„Junge, dafür bin ich jetzt wirklich zu betrunken. Lass uns schweigen und den Tannenbaum anschauen.“

Es ist gerade mal 01:45 Uhr. Ich könnte ihm jetzt noch einen kurzen Passus aus dem Wachtturm vorlesen, warum der Tannenbaum tatsächlich ein heidnisches Symbol ist. Aber ich habe den Eindruck, dass das irgendwie jetzt wirklich übertrieben wäre. Vielleicht nächstes Jahr.  Stattdessen hören wir das  Weihnachtsoratorium von Johann  Sebastian Bach. Es ist Weihnachten. Der deutsche Papst Ratzinger spendet im Fernsehen sein urbi et orbi auf dem Petersplatz und kurz bevor ich einschlafe, frage ich mich noch, warum in meinem Perso als Religionszugehörigkeit eigentlich „römisch-katholisch“ steht, wo der Vatikan doch ein eigener Staat ist. Bin ich jetzt ein halber Italiener?

Ich liebe diese Familienfeste. Ich hoffe, Eures war mindestens genauso amüsant und unterhaltsam, wie meines.

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4 Kommentare

  1. #1 | Mimi Müller sagt am 28. Dezember 2011 um 15:11 Uhr

    Seit wann steht im Perso die Religionszugehörigkeit? Sie verwechseln da was mit der Lohnsteuerkarte… Bei aller literarischen Freiheit: Bringen Sie bitte niemand auf noch dümmere Gedanken, als die, die er ohnehin schon hat…

  2. #2 | claudia_do sagt am 28. Dezember 2011 um 20:49 Uhr

    Danke Daniel! So was Gutes hab ich schon lang nicht mehr bei den ruhrbaronen gelesen 😉 !

  3. #3 | garfield sagt am 30. Dezember 2011 um 10:49 Uhr

    sehr schön! da bin ich froh, dass ich keine weihnachten im familienkreise verbringen muss, mir sind die nazidiskussionen noch in erinnerung, welche nicht minder vehement geführt wurden. that’s life! 😉

  4. #4 | Katharina sagt am 17. Januar 2012 um 08:37 Uhr

    War Weihnachten zu beschäfigt, habe die Geschichte erst jetzt gelesen.
    Wunderbar amüsant.
    Liebe solche Diskussionen, die Leben in die Bude bringen.
    Zumindest redet man miteinander, feiert miteinander, nicht nebeneinander.
    Und wenn alle die gleiche Meinung hätten, wie langweilig.
    Danke für die kurzweilige Weihnachts-Familien-Geschichte.
    Hat Spaß gemacht. Und so roh war es doch gar nicht, oder?

    Weiß allerdings nicht, ob der Kommentar noch ankommt, denn heute ist der
    17.Januar 2012

    Bis Weihnachten 2012 ein amüsantes neues Jahr.
    Amüsant ist es ja schon, wenn man die Wulff-Analogie verfolgt.
    Jetzt weiß ganz Deutschland, wie wir uns in Duisburg mit einem PATTEX-Politiker fühlen. So ist das dann.

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