
Ihr kennt das beim E-Bike: Mehr Reichweite bedeutet bei der bestehenden Batterietechnologie mehr Gewicht, und mehr Gewicht bedeutet im Ernstfall, mehr tragen zu müssen. Wer ein E-Bike mit mehr als 40 km Reichweite mal eine Treppe rauf- oder runterwuchten musste, weil der Aufzug oder die Rolltreppe kaputt war, weiß, wovon ich schreibe. Also was tun, um mit dem gleichen Batteriegewicht mehr Strecke zu schaffen?
Zuerst mal, sofern notwendig oder sogar gewünscht, oder beides: das eigene Gewicht reduzieren. Nach der einfachen und bislang einzig erfolgreichen Methode: weniger essen und mehr Bewegung. Das Fahrrad hat dann weniger zu tragen und fährt bei gleicher Batteriestärke entsprechend weiter. Der zweite Schritt ist die Art und Weise des Fahrens nach dem Motto: mehr Eigenleistung statt E-Unterstützung.
Das setzt allerdings voraus, der natürlichen Neigung zu widerstehen, den Motor möglichst jede Anstrengung übernehmen zu lassen. Moderne Technik macht das bequem – doch genau dieser Bequemlichkeitseffekt verhindert oft, dass das gesundheitliche Potenzial eines E-Bikes ausgeschöpft wird. Bei der Bewegung auf dem E-Bike schlägst du damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Du wirst beim Radfahren nicht nur schlanker, sondern erhöhst dadurch auch noch seine Reichweite.
Fünf einfache Regeln
Das Ziel dabei ist es, das E-Bike nicht als Ersatz für eigene Bewegung zu nutzen, sondern als Trainingspartner. Dafür haben sich bei mir einige einfache Regeln bewährt.
1. Ohne Unterstützung anfahren.
Wenn keine unmittelbare Steigung folgt, sollte grundsätzlich ohne Motorunterstützung gestartet werden.
2. Den Motor erst zuschalten, wenn es notwendig wird.
Solange die eigene Kraft ausreicht, bleibt die Unterstützung ausgeschaltet. Erst danach wird die niedrigste Unterstützungsstufe gewählt.
3. Am Berg möglichst lange sparsam fahren.
Steigungen sollten nach Möglichkeit mit der niedrigsten Unterstützungsstufe und einem kleineren Gang bewältigt werden. Eine etwas geringere Geschwindigkeit spart häufig deutlich mehr Energie als ein höheres Tempo.
4. Bergab grundsätzlich ohne Motor fahren.
Auf Gefällestrecken wird die Unterstützung ausgeschaltet. Der gewonnene Schwung sollte genutzt werden, um Geschwindigkeit in die Ebene oder sogar in die nächste Steigung mitzunehmen.
5. Den Motor erst spät wieder einschalten.
Nach einer Abfahrt sollte die Unterstützung erst dann wieder aktiviert werden, wenn die eigene Kraft nachlässt.
Das E-Bike als Fitnessgerät
Faktisch macht ihr damit euer E-Bike zum Gravelbike. Das heißt, ihr pedaliert mit dem ganzen Körper, sprich mit fast allen Muskeln einschließlich der Arm- und zum Teil auch der Brustmuskulatur. Diese Art des Radfahrens, die alle Menschen kennen, deren Rad nur einen Gang hat, auch Singlespeed genannt, erfordert naturgemäß mehr Körperkraft. Zu Beginn sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit häufig etwas. Mit zunehmender Fitness kann sie jedoch wieder ansteigen.
Hinzu kommt eine technische Besonderheit aller in Europa zugelassenen Pedelecs: Die Motorunterstützung endet bei 25 km/h. Wer Gefällestrecken konsequent nutzt und den Schwung möglichst lange mitnimmt, kann diese Grenze häufiger aus eigener Kraft erreichen oder bei entsprechendem Gefälle sogar überschreiten. Dadurch wird weniger Batterieleistung benötigt, ohne dass die Durchschnittsgeschwindigkeit zwangsläufig sinkt.
Gerade zu Beginn braucht diese Fahrweise jedoch eine starke Motivation und viel Disziplin. Der große Vorteil des E-Bikes besteht dabei darin, dass die Motorunterstützung jederzeit zur Verfügung steht. Reicht die eigene Kondition noch nicht aus, hilft der Motor dabei, das Ziel trotzdem sicher zu erreichen. Mit zunehmender Fitness kann die Unterstützung Schritt für Schritt reduziert werden.
Dadurch wächst die Reichweite des Akkus fast automatisch. Am besten beginnt man deswegen auf einer vertrauten Strecke. Dort lässt sich gut beobachten, wie sich der Batterieverbrauch mit zunehmender eigener Leistung verändert. Erst wenn diese Strecke deutlich sparsamer gefahren werden kann, lohnt es sich, längere Touren in Angriff zu nehmen.
Mehr Freiheit statt mehr Batterie
Hat man so eine neue Fahrstufe erreicht, d. h. die Steigerungsmöglichkeiten ausgenutzt, die den eigenen körperlichen Möglichkeiten entsprechen, kann man sich aufgrund der so dauerhaft gesteigerten Batteriereserven eine Art Bequemlichkeit 2.0 erlauben: die längere, aber schönere Strecke. Die gleiche Strecke, aber mit mehr Pausen. Die volle Unterstützung bei steilen Anstiegen.
Neben diesen neuen Freiräumen bei der Gestaltung der Fahrt ergibt sich noch ein weiterer, entscheidender Nebeneffekt. Da die Motorunterstützung nicht dazu dient, jede Anstrengung zu vermeiden, sondern nur dort zu helfen, wo sie tatsächlich benötigt wird, kann die Batterie leicht genug sein, um das Bike auch dann noch ohne größere Anstrengung zu fahren, wenn sie leer ist.
Damit wird E-Bike-Fahren ohne Batterieangst möglich – und mehr Freiheit gibt es beim E-Radeln nicht.
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