
Wie tief die CDU inzwischen in ihrer eigenen Führungskrise steckt, zeigt sich manchmal in einer einzigen Personalentscheidung. In Mecklenburg-Vorpommern ist es jetzt so weit. Die CDU fliegt erstmals in ihrer Geschichte aus dem Landtag, Landeschef Daniel Peters zieht die Konsequenzen und tritt zurück. Auch Generalsekretärin Katy Hoffmeister gibt ihr Amt ab. Und wer soll den Laden nun übergangsweise führen? Philipp Amthor. Ja, genau der.
Man muss sich diese Pointe wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Nach einem historischen Absturz soll ausgerechnet jener Politiker den Neuanfang organisieren, dessen öffentliche Wirkung seit Jahren zwischen politischem Ehrgeiz, bewusster Selbstinszenierung und reichlich „Cringe“ pendelt. Frischer Wind sieht jedenfalls anders aus.
Erst raus aus dem Landtag, dann zurück in die Zukunft
4,9 Prozent holte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern. Damit scheiterte sie erstmals an der Fünf-Prozent-Hürde. Noch wenige Monate zuvor war Peters auf einem Landesparteitag mit 97,22 Prozent als Vorsitzender bestätigt worden. Die Partei wollte sich damals als politische Mitte präsentieren und um einen Neustart kämpfen.
Nun also der Neustart. Und der beginnt mit Amthor.
Natürlich: Er soll zunächst nur kommissarisch führen. Ein Landesparteitag ist für Anfang kommenden Jahres im Gespräch. Amthor selbst betont, zunächst müsse die Niederlage sacken, eine tiefere Analyse komme später.
Aber genau darin liegt doch die unfreiwillige Komik dieser Personalie. Wenn eine Partei nach einer historischen Pleite erst einmal jemanden aus der eigenen Führungsspitze braucht, der bereits seit Jahren zur bekanntesten Projektionsfläche ihrer Nachwuchspolitik gehört, dann darf man sich schon fragen, wie groß die Personaldecke eigentlich noch ist.
Das System Amthor
Amthor ist längst mehr als irgendein Hinterbänkler. Der 33-Jährige sitzt inzwischen als Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Kanzleramt und gehört damit zur engeren politischen Umgebung von Friedrich Merz. Jetzt übernimmt er zusätzlich vorübergehend die Führung der schwer angeschlagenen Landes-CDU.
Das ist bemerkenswert. Denn Amthor bringt eine politische Vorgeschichte mit, die nun wirklich nicht gerade nach unbelastetem Neuanfang klingt. Seine Lobby-Affäre um Augustus Intelligence hat ihn schon 2020 bundesweit bekannt gemacht. Trotzdem wurde daraus kein Karriereende. Im Gegenteil: Die Karriere ging weiter.
Und genau das ist vielleicht die interessanteste Botschaft dieser Personalie. In der CDU scheint politische Fallhöhe inzwischen erstaunlich gering zu sein. Was gestern noch für Schlagzeilen sorgte, kann morgen schon der nächste Karriereschritt sein.
Wenn das die Nachwuchselite ist …
Das Problem ist deshalb gar nicht Philipp Amthor allein. Das Problem ist das Signal, das seine Beförderungen und Ämter aussenden.
Eine Partei verliert einen Landtagssitz nach dem anderen, kämpft bundesweit mit schlechten Umfragewerten und sucht nach Antworten. Und als Antwort präsentiert sie ausgerechnet einen Politiker, der bei vielen Menschen längst stärker mit seiner Inszenierung als mit einem überzeugenden Zukunftsentwurf verbunden ist.
Das kann man für clever halten. Man kann es auch für politische Realität halten. Aber eines ist es ganz sicher nicht: ein besonders überzeugender Beleg für einen personellen Aufbruch.
Und während Friedrich Merz auf Bundesebene trotz wachsender Zweifel an seiner politischen Führung weiterregiert, scheint auch dort niemand sichtbar bereit zu stehen, um die nächste Generation anzuführen.
In Mecklenburg-Vorpommern ist die Sache immerhin ehrlicher: Die CDU liegt am Boden – und Philipp Amthor soll sie wieder aufrichten.
Wenn das tatsächlich der große personelle Neuanfang sein soll, dann ist die Union offenbar nicht nur in einer Krise. Sie hat ein Nachwuchsproblem. Ein ziemlich großes.
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