
:… auch für uns Westdeutsche. Viele wollen aber 35 Jahre danach nichts mehr davon wissen und sind den jeweils anderen in Ost und West fremd geblieben. Rück- und Ausblick eines Zeitzeugen.
Die DDR war für mich als Rheinländer bis 1989 wie sicher den meisten meiner sehr westlichen Nachkriegsgeneration eines fernes Land, die Menschen dort ein fremdes Volk, die deutsche Teilung die gerechte, unabänderliche Strafe für den Nazi-Weltkrieg. Das änderte sich schlagartig, als sich die Freiheitsbewegung, die in Polen begonnen hatte, auch im piefigen deutschen Zweitstaat Bahn brach, die SED-Diktatur über Nacht hinwegfegte und alles, was wir bis dahin kannten, ins Wanken geriet. Von diesem Schock haben sich viele auch diesseits der ehemaligen innerdeutschen Grenze bis heute offensichtlich nicht erholt.
Als Reporter der internationalen Nachrichtenagentur Reuters durfte ich damals ziemlich hautnah dabei sein, als sich im Wortsinn Geschichte ereignete. Im Sommer 1989 war ich in Ungarn, wo Tausende DDR-Bürger wie in Prag und Warschau auf die ersehnte Ausreise in den Westen hofften, durch den dort schon löchrigen Eisernen Vorhang nach Österreich schlichen und Hunderte in Sopron bei einem Grenzpicknick der Paneuropaunion unter Jubelrufen in die Freiheit flohen.
Für mich war das zunächst nur ein aufregender journalistischer Auftrag. Aber je mehr ich Menschen aus diesem fremden Land kennen- und verstehen lernte, dass sie einfach ein nicht reglementiertes Leben so wie wir wollten, desto näher kamen sie mir. Und ich begann zu begreifen, dass sich etwas Großes ereignete: Ganz normale Deutsche, die sich jahrzehntelang in einem aus Moskau gesteuerten Unterdrückungsapparat eingerichtet hatten, manche schon vorher unter der Nazi-Diktatur, nahmen sich plötzlich die Freiheit, nicht mehr angepasste Untertanen sein zu wollen. Etwas, was für mich als Westdeutscher selbstverständlich war.
Und was sich bei nicht wenigen bis heute gehalten hat – nur eben jetzt in einer zum Teil dumpfen Weise, die insbesondere Linke nicht begreifen können und wollen, denen diese aufmüpfigen Michels schon damals nicht geheuer waren, weil sie ihnen merkwürdig patriotisch bis nationalistisch vorkamen, was sich die meisten Westdeutschen eingedenk des Dritten Reichs gründlich abgewöhnt hatten und haben. Und denen mit der DDR ein irreal sozialistischer Wunschtraum abhanden kam.
Im Herbst 1989 berichtete ich von einer der ersten großen Montagsdemonstrationen in Leizpig, voller Bangen, ob die bewaffneten DDR-Sicherheitsorgane in den Nebenstraßen losschlagen und die friedliche Revolution in Blut ertränken würden wie kurz vorher in Peking. Als am 9. November die Mauer fiel, was ich im fernen Bonn aufgeregt verfolgte, jubelte mein Herz. Zehn Tage vorher hatte mich ein englischer Reuters-Kollege aus Ostberlin angerufen und berichtet, dass ihm ein Informant aus dem DDR-Innenministerium von einer geplanten neuen Reisenverordnung erzählt hätte. Ob ich das in Bonn gegenchecken könne. Zum Glück gelang es mir nicht, eine Bestätigung dafür zu bekommen. Wer weiß, wie die Geschichte sonst verlaufen wäre.
Eine Zumutung für die Wessis
Mit Kohl war ich danach bei seinen Auftritten in Dresden, Erfurt und anderen Städten, als Noch-DDR-Bürger nicht mehr „Wir sind das Volk“, sondern „Wir sind ein Volk“ riefen. Was ich da auch schon so sah, was aber Kohl zunächst zu dämpfen versuchte, weil er die Zeit für eine Vereinigung noch nicht gekommen sah. Mit Genscher bei den 2+4-Verhandlungen. Und dazwischen immer wieder zu Reporterreisen durch den untergehenden Arbeiter- und Bauernstaat, der mich mehr und mehr an die Ruinenlandschaft meiner Kindheit erinnerte. Dass Hunderttausende dem in Trabi-Flüchtlingstrecks entflohen, konnte ich gut verstehen, auch wenn viele in der kommoden Westrepublik das als Zumutung empfanden, wie wenig später die Flüchlinge und Späaussiedler aus der zerfallenden Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten. Und seitdem die Fluchtmigranten aus anderen Weltgegenden.
Nicht nur für die Bewohner der gewesenen DDR, auch für die in der alten Bundesrepublik bedeutete das Ende der jahrzehntelangen Teilung und des Kalten Kriegs einen Zusammenbruch der gewohnten alten Ordnung. Aber für sie fühlte es sich nicht so an. Denn vordergründig ging ja alles weiter wie bisher, nur dass 17 Millionen, gewollt oder nicht, dazu gekommen waren. Die hatten nun gefälligst froh zu sein und sich einzufügen. Weiter interessierten sie viele Westdeutsche bald nicht mehr. (So wie viele bis heute noch nie im „Osten“ waren, und umgekehrt viele „Ossis“ noch nie im Westen.)
Eindrücklich erlebte ich das, als ich zunächst vom Gründungsparteitag der Ost-SPD in Leipzig berichtete, wo bärtige Pfarrer und andere aus der Bürgerrechtsbewegung darum rangen, wie sie aus dem Schutt der zweiten deutschen Diktatur einen neuen demokratischen DDR-Staat aufbauen wollten. Und unmittelbar danach von einem Parteitag der West-SPD, wo sich Lafontaine und seine Genossen in einem Paralleluniversum darauf vorbereiteten, im Herbst 1990 endlich Kohl abzulösen, als wäre weniger Kilometer weiter nichts geschehen. Es kam bekanntlich sehr anders. Und das war gut so.
Seltenes Glück
Dreieinhalb Jahrzehnte später ist das Bild lethargisch bis deprimierend. Im Osten der Republik haben sich zuviele, auch Junge, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben, bequem im Dauer-Opferstatus eingerichtet und wählen, weil ihnen die Freiheit inzwischen sehr unbequem und ungeheuer vorkommt, aus Protest und Nostalgie, aber etliche auch aus Überzeugung Parteien, dien ihnen die Wiederherstellung eines obrigkeitlichen, sauberen, sehr deutschen Führerstaats versprechen – in rechtsextremer oder stalinistischer Weise. Für viele Westler ist die frühere „Zone“ auch deshalb eine Brutstätte unverbesserlicher Nazis und ewiger Quengler, mit denen sie nichts zu tun haben wollen. Letztlich ist beiden die Einheit ziemlich egal.
Dabei hätte sie auch für die im Westen ein Weckruf sein können, dass Freiheit ein kostbares Gut ist. Und dass man sie sich immer wieder erkämpfen muss. Stattdessen ist der 3. Oktober zu einem Ritual verkommen wie vordem der 17. Juni, in Erinnerung an denVolksaufstand von 1953, ebenfalls als Tag der deutschen Einheit begangen. Ohne größere Bedeutung. Halt ein freier Tag.
An jenem 3. Oktober 1990 war ich in Ostberlin, erlebte dort den Tag über eine überaus friedliche, fröhliche Stimmung fern jedes Nationalismus, und am Abend das feierliche Zeremoniell der Vereinigung am Reichstag und Brandenburger Tor inmitten einer feiernden Menge, in der es kein West und Ost mehr gab. Nur noch freudentrunkene Menschen.
Wie fern ist das heute. Und doch so nah. Man muss nur hinsehen.
Das friedliche deutsche und europäische Zusammenwachsen nach Jahrhunderten europäischer Kriege ist, auch wenn das viele längst nicht mehr so sehen wollen, ein Glücksfall der Geschichte. Erst recht, wenn man sich die Kriege erst in Ex-Jugoslawien, heute in der Ukraine anschaut. Auch wenn es im Alltag beschwerlich sein mag, sollte man das nie vergessen. Freiheit und Einheit sind ein seltenes Glück. Vergessen wir es nicht. Und kämpfen wir dafür, dass sie bewahrt werden gegen ihre Feinde.

Ja, die Stimmung in Berlin war gut. Am Samstag drauf wurde ich bei einem ersten Spaziergang in Bautzen von Jugendlichen mit dem Hitlergruß „empfangen“ Immer in Erinnerung wird mir ein Spruch Jürgen Beckers im WDR2 vom Februar 90 bleiben. „Die haben in der DDR die gleiche Ausländerfeindlichkeit wie bei uns, nur ohne Ausländer.“ 1984 stellte die Stasibezirksverwaltung Dresden entsetzt fest, dass v.a. Kinder höherer Partei-und Wirtschaftsfunktionäre nazistisch orientiert seien und machte das West-TV verantwortlich, das man aber im „Tal der Ahnungslosen“ überhaupt nicht empfangen konnte. Im Sommer 89 wies der Dresdner SED-Bezirkschef, ein gewisser Modrow in einem Brief an die Kreissekretäre auf eine wachsende Ausländerfeindlichkeit hin. Und sofort nach der Öffnung der Grenze, schwärmten bundesdeutsche Neonazis in der DDR aus und wurden herzlich aufgenommen,Das berichtete die ARD Ende 89 oder Anfang 90.Schon bald gab es schon einige „national befreite Zonen,“ wie bspw. in Anklam. uswusf.
Ich habe nie verstanden, warum „Freiheit“ und „(deutsche) Einheit“ von so vielen Leuten als quasi natürlich zusammengehörig empfunden werden, so als wären es zwei Seiten derselben Medaille, die gar nicht voneinander zu trennen sind. Auch dieser Artikel geht mit einer derartigen Selbstverständlichkeit von dieser Zusammengehörigkeit aus, dass er „Freiheit“ und „Einheit“ durchgehend als zusammengehörig behandelt, das aber nirgends begründet.
Ich persönlich habe das nie so empfunden. Die Diktatur und die damit zusammenhängende mangelnde Reisefreiheit in der DDR fand ich immer schlimm und habe mich deswegen natürlich über die demokratische Wende und den Fall der Mauer gefreut (ebenso wie über entsprechende Entwicklungen in anderen Ostblock-Staaten). Auf wie viele Staaten der deutsche Sprach- und Kulturraum sich dann verteilen würde, war mir aber wirklich wumpe; die Vereinigung von BRD und DDR hat bei mir – im Gegensatz zu den Demonstrationen für freie Wahlen und Menschenrecht und zum Mauerfall – keine besonderen Emotionen ausgelöst (freilich auch keine negativen wie bei sog. „Antideutschen“).
Der Weg von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ war logisch auch keineswegs zwingend – warum hätte man nicht zunächst einmal ein demokratisches System in der DDR etablieren können, ohne sofort eine Vereinigung anzustreben? Ob das historisch realistisch erreichbar gewesen wäre, ist eine andere Frage, aber logisch denkbar ist das doch ohne Frage. Vielleicht hätten sich die DDR-Bewohner dann stärker selbstbestimmt fühlen können und würden sich heute zu einem geringeren Anteil einbilden, Opfer geheimnisvoller Mächte zu sein.
Es waren ja größtenteils auch nicht einmal dieselben Akteure: Die Bürgerrechtsgruppen, die wesentlich den Widerstand gegen die Diktatur organisiert und auf die Straße gebracht haben, haben sich dann ja zum größten Teil im Bündnis 90 gesammelt; die waren meiner Erinnerung nach eher skeptisch gegenüber einer schnellen Wiedervereinigung und warben bei der freien Volkskammerwahl im März 1990, wenn schon, dann für eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe mit der BRD, mit einer neu erarbeiteten gemeinsamen Verfassung entsprechend Art. 146 GG – und haben damit nur wenige Stimmen bekommen.
Für den bloßen schnellen Anschluss nach Art. 23 standen dann dagegen die Blockflöten von der Ost-CDU, die zuerst 40 Jahre lang die SED-Diktatur mitgetragen haben und sich dann nicht schnell genug Helmut Kohl unterwerfen konnten – und damit die Wahl gewonnen haben. Es waren eben nur wenige, die für die Demokratie gekämpft haben, aber viele, die die schnelle West-Mark wollten. Was ja eine legitime demokratische Entscheidung war – aber diese Vorgänge zeigen eben, dass Einheit und Freiheit eben nicht automatisch identisch sind.
Das sind sie nur für diejenigen, die in einem einheitlichen deutschen Staat per sei einen Wert für „die Deutschen“ sehen, oder gar ein grundsätzlich vorrangiges Ziel, sprich: Patrioten und Nationalisten. Und ja, diese Geisteshaltungen sind mir bis heute nicht geheuer und ich fände es schön, wenn sich die Deutschen, ob in Ost- oder West-Variante, sich das mal tatsächlich abgewöhnt hätten.
Natürlich gehörten Freiheit und Einheit nicht zwingend zusammen. Die Bürgerrechtler und Widerständler waren, wie Sie schreiben, gegen eine schnelle Vereinigung, weil sie zurecht fürchteten, dass die DDR-Bürger im großen geeinten Land untergehen würden und sie noch gar nicht „reif“ waren für die Demokratie. Aber für die DDR, auch in gewandelter Form, gab es nach dem Sturz der SED-Diktatur schlicht keine Daseinsberechtigung mehr. Und sie war ohne Unterstützung aus Moskau und die Milliardenhilfen aus Westdeutschland auch gar nicht überlebensfähig. Zudem wusste ja niemand, ob in Moskau nach dem Putschversuch gegen Gorbatschow nicht wieder ein stalinistisches Regime an die Macht kommen würde, dass die Freiheitsbewegungen in ganz Mittel-Osteuropa blutig zerschlagen würde. Deshalb blieb nur ein kurzes historisches Zeitfenster. Die erste und letzte frei gewählte Volkskammer hat unter diesem Eindruck fast einstimmig für die Einheit gestimmt – Ausdruck des Wählerwillens der Noch-DDR-Bürger. Die Reisefreiheit spielte dabei eine Rolle, aber genauso die demokratische Freiheit, die Freiheit des Denkens, Redens und Handelns – all das, was uns im Westen schon immer selbstverständlich war. Und was nun auch in der ehem. DDR gilt – ob es uns gefällt oder nicht.
„Ich habe nie verstanden, warum „Freiheit“ und „(deutsche) Einheit“ von so vielen Leuten als quasi natürlich zusammengehörig empfunden werden, so als wären es zwei Seiten derselben Medaille, die gar nicht voneinander zu trennen sind.“
Ich erinnere mich an ein Interview seinerzeit mit Schorlemmer, der für einen demokratischen, sozialistischen Staat votierte. Dabei aber gleichzeitig feststellte, mit der Aufgabe des gewalttätigen Grenzregimes, habe dieser keine Chance mehr. Was Schorlemmer so unter demokratisch oder frei verstand, scheint mir dadurch sehr fragwürdig.
Laut Gauck stand Schorlemmer mit seinem Verständnis von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz nicht alleine. Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden gilt für viele Linke nur dann, wenn der Andersdenkende man jeweils selber ist, während die was anderes als die Andersdenkenden denken nicht denkende sind, die man als solche Untermenschen(?) auch schon mal über den Haufen schießen kann.
Irgendwie war realiter selbst bei den Verfechtern von Freiheit in Zweisamkeit die Freiheit mit der Einheit verquickt.
@Wolfram Obermanns, Zitat:
„Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden gilt für viele Linke nur dann, wenn der Andersdenkende man jeweils selber ist, während die was anderes als die Andersdenkenden denken nicht denkende sind, die man als solche Untermenschen(?) auch schon mal über den Haufen schießen kann.“
Können Sie, statt einfach so ins Blaue und Unbestimmte hinein zu diffamieren, auch konkret benennen, wen Sie damit meinen? Schorlemmer etwa? Das wäre ja wohl völlig absurd.
Falls Sie das Interview, das mir leider nicht vorliegt, richtig wiedergeben, verstehe ich die Aussage resignativ: Das, was er sich als Staat wünschenwürde, hat keine Chance mehr, weil es nur mit einem gewalttätigen Grenzregime machbar wäre. Sie verdrehen das dazu (wenn ich Sie richtig verstehe), dass er das gewalttätige Grenzregime befürworten würde, wenn es zu seinen Zielen führen würde. Wie gesagt: Gerade bei Schorlemmer eine völlig absurde Verleumdung.
„Schorlemmer etwa?“
Schorlemmer.
Das Interview ist mir wegen des kruden Gedankengangs in Erinnerung geblieben.
Und wie geschrieben ist Schorlemmer nicht nur mir wegen seines eigentümlichen Politikverständnisses aufgefallen.
So, wie es für mich aussieht, haben den „kruden Gedankengang“ Sie selbst böswillig konstruiert. Wie ich das verstehen würde, schrieb ich ja. Ansonsten hätt‘ ich gern was zum Nachlesen, das Interview selbst oder was anderes. Da wird’s ja wohl was geben – wenn jemand tatsächlich so eine Haltung vertreten würde, würde sich das ja wohl auch kaum nur ein einziges Mal äußern.
Sorry, das war ein Fernsehinterview in den frühen 90’ern, der Aufwand dazu jetzt die Quelle zu suchen, ist die „Diskussion“ hier nicht wert.
Damals ging es mir, wie es ihnen heute geht, man will es erstmal nicht glauben. Ich hatte ihn vorher ja auch anders wahrgenommen. Schorlemmer war aber beiweitem nicht der einzige, der den Fall der Mauer wegen des damit unabwendbar einhergehenden Endes des sozialistischen Experiments bedauerte. Vielleicht hat er nachgeplappert, was andere vorgesagt hatten. In dem von mir genannten Interview hatte er sich jedenfalls diese von Linken öfters vertretene Position zu eigen gemacht.
Aber was sind sie auch grundsätzlich so überrascht?
Rechte wollen auf dem Weg zurück in die goldene Vergangenheit auf Immigranten schießen.
Linke wollen auf dem Weg in eine goldene Zukunft auf die Nachbarn schießen.
Das sind propagandistische Stereotype der jeweiligen Lager und lassen sich gut in Geschichtsbüchern nachlesen. Tatsächlich wollen sie natürlich beide auf alles schießen, was ihnen in die Quere kommt. Auch das kann man aus Geschichtbüchern lernen.
Tut mir Leid, aber schon Ihre eigene Darstellung dessen, was er angeblich gesagt hat, lässt sich, wie gesagt, auch ganz anders verstehen: Als Resignation darüber, dass seine Vision eines demokratischen sozialistischen Staates von der Mehrheit der DDR-Bürger nicht gewollt ist, diese Vision nur mit der Mauer umsetzbar wäre – also nicht umsetzbar ist, weil das mit dem gewünschten demokratischen Staat nicht vereinbar wäre.
Also nicht einmal Ihre eigene Schilderung seiner Aussage führt zwingend zu Ihrem extrem steilen Vorwurf, dass nach Schorlemmers Meinung „die was anderes als die Andersdenkenden denken nicht denkende sind, die man als solche Untermenschen(?) auch schon mal über den Haufen schießen kann“. Das ist ein gegenüber diesem DDR-Bürgerrechtler und -Opositionellen absolut unglaublicher Vorwurf.
Und wenn das einzige, worauf Sie diesen Vorwurf gründen können, ist: „ich habe vor mehr als 30 Jahren eine Fernsehsendung gesehen, in der er meiner Erinnerung nach etwas gesagt hat, was ich so interpretiere“, dann kann ich das einfach nicht ernst nehmen. Eine solche Haltung Schorlemmers hätte garantiert Wellen geschlagen, und wenn er so eine Meinung tatsächlich vertreten hätte, müsste sich das entweder in anderen Texten/Interviews von ihm selbst oder aber in den unausweichlichen Reaktionen, die so etwas nach sich gezogen hätte, nachweisen lassen. Ohne einen solchen Nachweis bleibt Ihre Behauptung für mich bestenfalls das Produkt einer böswillig missverstandenen Interview-Aussage.