
Was einst als Plattform für Austausch, Kreativität und globale Vernetzung gedacht war, hat sich in weiten Teilen zu einem Raum entwickelt, in dem Anstand, Respekt und Empathie zunehmend auf der Strecke bleiben.
Social Media – einst gefeiert als Demokratisierung der Kommunikation – hat eine Schattenseite hervorgebracht, die unsere gesellschaftlichen Umgangsformen tiefgreifend verändert. Und nicht zum Besseren, wie viele von uns inzwischen feststellen mussten.
Ein zentraler Punkt dabei ist die Anonymität, die viele Plattformen bieten. Wer ohne Namen und Gesicht auftritt, fühlt sich oft weniger verantwortlich für das, was er oder sie sagt oder schreibt. Die Hemmschwelle sinkt rapide. Aus konstruktiver Kritik wird boshafter Spott, aus Diskussionen werden immer schneller persönliche Angriffe, aus Meinungsverschiedenheiten digitale Schlammschlachten. In dieser Atmosphäre gedeihen Hass, Hetze und Polarisierung besonders gut – und das inzwischen nahezu ungebremst.
Hinzu kommt der algorithmische Verstärkereffekt. Soziale Netzwerke leben von Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit generieren vor allem Inhalte, die emotionalisieren. Wut, Empörung, Skandale – all das sorgt für Klicks, Kommentare und Shares. Der Ton wird schriller, die Inhalte radikaler, und differenzierte, ausgewogene Stimmen gehen unter. Was zählt, ist viel zu häufig nicht das bessere Argument, sondern die provokanteste Zuspitzung. So entsteht eine Dynamik, in der Extrempositionen dominieren und Dialoge kaum noch möglich sind.
Besonders bedenklich: Diese Entwicklung macht auch vor jungen Nutzerinnen und Nutzern nicht halt. Wer früh lernt, dass Beleidigungen Likes bringen, dass Mobbing Aufmerksamkeit schafft und dass Rücksichtslosigkeit Reichweite generiert, übernimmt dieses Verhalten oft auch in analoge Räume. Die digitale Verrohung bleibt nicht im Netz – sie schwappt in Schulen, auf Schulhöfe, in Familien, in die Arbeitswelt.
Gleichzeitig erzeugt die ständige Präsenz in sozialen Medien eine Kultur der Selbstinszenierung und Bewertung, in der echte Begegnung und menschliches Miteinander zunehmend durch Performanz ersetzt werden. Wer ständig senden muss, hört irgendwann auf zuzuhören. Empathie und Verständnis – Grundpfeiler jeder zivilisierten Gesellschaft – werden durch Like-Zahlen und Follower-Wachstum entwertet.
Wie wir da wieder rauskommen? Keine Ahnung….
Natürlich sind soziale Netzwerke nicht per se schlecht. Sie können auch verbinden, informieren, mobilisieren. Aber wir dürfen nicht länger ignorieren, dass sie längst zu Katalysatoren gesellschaftlicher Spaltung geworden sind. Die Verantwortung liegt dabei nicht nur bei den Plattformbetreibern, die Algorithmen und Moderation oft bewusst lax gestalten, um Interaktionen (und damit Einnahmen) zu maximieren. Auch jede und jeder Einzelne trägt Verantwortung. Für den Ton, für den Umgang, für das, was gepostet, geteilt oder kommentiert wird. Zu befürchten ist nur, dass das viel zu vielen entweder egal ist, oder dass sie diese Effekte sogar willentlich und sehr bewusst herbeiführen.
Fest steht: Wenn wir den zivilisierten Diskurs nicht vollständig verlieren wollen, braucht es dringend eine neue digitale Ethik – und eine konsequente Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung. Social Media darf kein rechtsfreier Raum sein, kein Ort, an dem Respektlosigkeit zur Normalität wird. Es ist Zeit, das Netz nicht nur technologisch, sondern auch menschlich neu zu denken.

Ehemals Twitter, heute X, ehemals für Leute mit Triller unter dem Pony, heute für leicht Verstrahlte ist z.B. aber auch Symptom für ein tiefer liegendes Problem.
In Frankfurt zeigt sich eine Elternschaft eines Gymnasiums dissozial verhaltensauffällig, indem sie Sturm läuft, weil Berufschüler zeitweilig im selben umgebauten Bürokasten untergebracht werden sollen, wie die Sensibelchen vom Gymnasium.
Die FAZ-Leserschaft macht sich im Kommentarbereich überwiegend über die Sorge der Eltern als weltfremd lustig. Den mit dem Vorgang verbundenen Sozialchauvinismus halte ich für weniger komisch und die als Sorge kaschierte Arroganz für einen Ausdruck von Wohlstandsverwahrlosung, die breitere Kreise der Gesellschaft durchdringt als man vielleicht denkt.