
Ökonomin Joyashree Roy aus Bangladesch erzählt im Interview, warum sie dem Fortschritt vertraut. Das Interview führte Robert Benkens.
Liebe Frau Roy, bei uns in Deutschland wird Bangladesch in Schulbüchern und Projekten eigentlich immer als Beispiel für die Verheerungen des Klimawandels, des Kapitalismus und als Opfer der Globalisierung dargestellt. Was denken Sie darüber?
Wenn Bangladesch als Beispiel für die Verheerungen des Klimawandels dargestellt wird, ignoriert man die vielfältige Identität des Landes mit seinen extrem fruchtbaren Böden, den Flüssen und ihren Nebenflüssen, die den Grundwasserspiegel und die Bodenfeuchtigkeit aufrechterhalten, die perfekt für die Landwirtschaft und Fischzucht sind, und der lokalen sozialen Kultur, die seit Jahrhunderten mit reichen literarischen Produkten wie Poesie, Musik und Volksliedern gedeiht.
Bangladesch hat enorme Potentiale – etwa die Gas-Reserven unter der Erde, die Minerale, die reichen Wälder, das Wachstum der Feldfrüchte, die landschaftliche Schönheit und vor allem die unbezwingbare menschliche Widerstandskraft, den unternehmerischen Charakter der Menschen und den Geist zum Aufbau ihrer Nation.
Der Austausch von Ideen, Technologien und Handel hat uns über Grenzen hinweg mit anderen Menschen in der Welt verbunden, die internationale Arbeitsteilung hat zu nationalem und globalem Wohlstand geführt.
Wie Japan, die Philippinen und viele andere Länder ist auch Bangladesch mit schweren Wirbelstürmen konfrontiert, und die Schwere der Stürme nimmt mit dem Klimawandel manchmal noch zu.
Aber die Auswirkungen auf die menschlichen und nicht-menschlichen Verluste in Bangladesch sind heute viel weniger schwerwiegend als vor fünf Jahrzehnten, da verschiedene Entwicklungsprogramme verabschiedet wurden, die auf die spezifischen Gegebenheiten vor Ort eingehen.

Ich frage mich, warum sich die Inhalte von Schulbüchern im Laufe der Zeit nicht ändern? Liegt es daran, dass die Entwickler der Inhalte keine Ahnung von der »dynamischen Welt« haben und an eine »statische Weltanschauung« glauben?
Das Elend und die Leiden des Zyklons von 1971 in einem unvorbereiteten Land und den dort lebenden Menschen wurden von allen Medien aufgegriffen und haben bis heute zu einem statischen Bild von Bangladesch geführt. Dabei haben wir große Fortschritte gemacht! Die regelmäßige Aktualisierung der Schulbuchinhalte könnte ein florierendes Geschäft und ein Dienst an der menschlichen Gesellschaft sein.
Welche konkreten Fortschritte hat Bangladesch denn gemacht?
Vier bemerkenswerte Fortschritte sind hier zu nennen: Erstens die Verringerung der Armutsrate, zweitens die Senkung der Fruchtbarkeitsrate sowie – drittens und viertens – die Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit.
Zwischen 1990 und 2016 hat das Land eine einzigartige Erfolgsgeschichte mit bemerkenswerten Verbesserungen bei den sozialen Entwicklungsindizes geschrieben und konnte sich von einer antiemanzipatorischen Politik lösen: Nicht nur auf Frauen ausgerichtete Mikrokreditprogramme, sondern auch formale Regelungen zur Gewährung höherer Zinssätze für von Frauen geführte Bankkonten und relativ höhere zusätzliche Leistungen für Studentinnen haben dazu beigetragen, die Geschlechterstereotypen in der Gesellschaft zu durchbrechen.

Um Zahlen zu nennen: Die Armut (Kopfquote bei 1,90 Dollar pro Tag) sank von 44,7 auf 14,5 Prozent, die Fruchtbarkeit von 4,3 auf 2,1 Geburten pro Frau, die Säuglingssterblichkeit von 95,9 auf 28,3 pro 1000 Lebendgeburten, die Müttersterblichkeit von 569 auf 176 pro 100.000 Lebendgeburten und bei der Einschulung wurde Geschlechterparität erreicht.
Wie wurden diese Fortschritte erreicht?
Bangladesch zeigt, was der Aufbau eines starken institutionellen Kapitals und die damit verbundene Investition von Zeit und Geld für den allgemeinen Fortschritt einer Volkswirtschaft bewirken kann. Bereits 1972, in der Zeit nach der Unabhängigkeit, wurde das Weltraum- und Atomforschungszentrum (SARC) gegründet, um eine bessere Frühwarnung und Kartierung der natürlichen Ressourcen zu ermöglichen, aus der sich schließlich die Organisation für Weltraumforschung und Fernerkundung (SPARRSO) entwickelte.
Der sozioökonomische Wandel in Bangladesch begann dann mit dem »Bangladesh Petroleum Act« von 1974, mit dem die unterirdischen Energieressourcen des Landes und der Festlandsockel verstaatlicht wurden. Infolgedessen konnte die Regierung sowohl mit inländischen als auch mit internationalen Unternehmen Verträge über langfristige Investitionen in die Erkundung, Erschließung und Förderung der ein- heimischen Gasreserven abschließen.
Die Politik muss also eine grundlegenden Infrastruktur gewährleisten, die zum Aufbau des physischen Kapitals einer Wirtschaft beiträgt und die materielle Produktionsbasis für langfristiges Wachstum garantiert.

Das langfristige Wachstum Bangladeschs wurde 1974 mit dem Erdölgesetz und dem anschließenden Wachstum des gasbasierten Energiesektors, der Düngemittelindustrie und der Zementproduktion strukturell gewährleistet, was wiederum das Wachstum in Richtung eines hochproduktiven Agrarsektors beschleunigte.
Also haben die fossilen Rohstoffe maßgeblich zum Wachstum und zur Entwicklung Ihres Landes beigetragen?
Auf jeden Fall! Unter den asiatischen Ländern kann sich Bangladesch glücklich schätzen, dass es über reiche Erdgasvorkommen verfügt, die zur treibenden Kraft seiner Modernisierung wurden. Im Gegensatz dazu deckte Singapur während seiner schnellen Wachstumsphase im letzten Jahrhundert seinen Primärenergiebedarf mit importiertem chinesischem Öl und Südkorea mit importierter Kohle.
Bangladesch, ursprünglich eine auf Landwirtschaft und Fischerei basierende Wirtschaft, nutzte die einheimische Gasversorgung, um sich selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen und wurde zu einem großen Exporteur von Textilien, Bekleidung und Lederprodukten.

Der 1973 gegründete Bangladesh Agricultural Research Council (BARC) und das Bangladesh Institute on Nuclear Agricultural Research (BINA) sowie die damit verbundenen Einrichtungen trugen zur Umgestaltung der traditionellen Landwirtschaft bei.
Die Bauern, die auf ihrem eigenen Land arbeiteten, wurden mit ertragreichem Saatgut, der einheimischen Produktion von Düngemitteln und Strom für die Bewässerung ausgestattet, was schließlich zur Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln führte.
Das klingt alles viel positiver, als wir es im Westen erfahren. Haben Sie denn gar keine Angst vor dem Klimawandel?
Dazu erzähle ich Ihnen gerne eine Anekdote: Vor einiger Zeit erhielt ich eine E-Mail, in der ich gefragt wurde, ob ich – da ich seit langem in der Forschung zum Klimawandel tätig bin – aufgrund des mangelnden politischen Willens zu Klimaschutzmaßnahmen psychisch ängstlich werde und ob ich Beratungshilfe benötige, falls ich unter Angst und Frustration leide.
Das war übrigens kein Spam! Ich antwortete jedenfalls: Nein, ich weiß, wie man sich in solchen Räumen wissenschaftlich argumentativ bewegt, und ich habe keine Klimaangst, weil ich in einem Entwicklungsland lebe und gut ausgebildet und ausgerüstet bin, um eine Vielzahl von Herausforderungen zu beobachten, und eine davon ist der Klimawandel.

Ein Freund aus Bangladesch erzählte mir einmal, wie er jeden Tag auf den Mast einer überfüllten Fähre stieg, um den mächtigen Fluss zu überqueren und seine High School und sein College zu besuchen. Seine Mutter war nicht ängstlich, er war nicht ängstlich, sondern entwickelte einfach seine Fähigkeit, unter diesen Umständen zu pendeln und strebte danach, ein Wissenschaftler zu werden.
Heute ist er ein weltweit anerkannter Wissenschaftler, der auf der Grundlage seiner Lebenserfahrungen Theorien über die Widerstandsfähigkeit aufstellt. Er lacht über den Begriff »Klimaangst« und sagt, das sei ein Wort für diejenigen, die nicht mit den vielschichtigen Herausforderungen des Lebens zu tun gehabt hätten.
Ich erzählte ihm, wie meine Mutter zu sagen pflegte, man solle kein »alaaler gharer dulal« werden, was übersetzt so viel bedeutet wie »ein super verwöhntes Kind aus einer Familie, die das Kind zu sehr vor allen Widrigkeiten des Lebens schützt«.
Aber der Klimawandel spielt doch eine wichtige Rolle – auch in Bangladesch?
Ja, weil wir über den Schutz des Klimas, aber auch über den Schutz vor dem Klima – also über Anpassung – reden. Sie müssen wissen: Der Diskurs über den Klimawandel entwickelte sich aus dem Diskurs über Katastrophenmanagement in Bangladesch.
In den Jahren 1980–2000 lag der Schwerpunkt eher auf dem grundlegenden Verständnis des Abbaus der Ozonschicht, des Treibhauseffekts und der globalen Erwärmung sowie deren Auswirkungen auf natürliche Ressourcen und physikalische Funktionen.

Die zwischen 2001 und 2010 veröffentlichten nationalen Berichte enthalten Beschreibungen der Auswirkungen auf verschiedene Sektoren und mögliche Aktionspläne. In den Berichten für den Zeitraum 2011–2020 wurden feste Verpflichtungen eingegangen, um die Anfälligkeit von Menschen, Prozessen und Systemen für den Klimawandel zu verringern.
Die klimaresistente Entwicklung ist ein zentrales Thema in der Debatte. Lokale Wissenschaftler sind jedoch der Meinung, dass diese nationalen Bemühungen unter dem Glanz globaler Berichte, die hauptsächlich von internationalen Agenturen erstellt wurden, weniger zielgerichtet waren. Bangladesch war übrigens das erste und am wenigsten entwickelte Land, das einen nationalen Anpassungsplan aufstellte.
Viele Klimaaktivisten fordern eine globale Abkehr von fossilen Brennstoffen und eine Hinwendung zu 100 Prozent erneuerbaren Energien. Halten Sie das für realistisch?
In Ländern wie Bangladesch kann man nicht von heute auf morgen auf fossile Brennstoffe verzichten, zumindest nicht so, dass dies dann als nachhaltig oder gerecht bezeichnet werden könnte. Wir brauchen vor allem reichlich vorhandene Energie, um alle damit verbundenen Vorteile für die menschliche Entwicklung und die Wirtschaft zu gewähr- leisten. Eine Transformation, die den Zugang zu billiger und reichlich vorhandener Energie erschwert, wird scheitern.
Klar: Wir könnten auf der Grundlage von Papieren ein ehrgeiziges, technisch und wirtschaftlich realisierbares Stromerzeugungssystem ausarbeiten, das zu 100 Prozent auf sauberer Energie basiert und bezahlbaren Strom liefern kann. Dies setzt jedoch voraus, dass es keine Hindernisse beim Zugang zu Energie, Technologie und Finanzmitteln gibt.
Die globalen Treibhausgasemissionen werden erst die Kurve bekommen und deutlich sinken, wenn die heutigen armen Menschen der Welt einen grundlegenden Wohlstand erreicht haben und sich Klimaschutz leisten können. Es gilt, diese Entwicklung mit effizienten Technologien zu beschleunigen, sodass wir schnell die Kurve kriegen.
Dieses Interview ist ein Ausschnitt aus „Das andere Klimabuch„, das 25 Streitschriften und Interviews von Experten zum Klimawandel versammelt. Der Buchtitel geht auf eine Inspiration von Wolfgang Ferchl zurück.

Zitat:
„Wir könnten auf der Grundlage von Papieren ein ehrgeiziges, technisch und wirtschaftlich realisierbares Stromerzeugungssystem ausarbeiten, das zu 100 Prozent auf sauberer Energie basiert und bezahlbaren Strom liefern kann. Dies setzt jedoch voraus, dass es keine Hindernisse beim Zugang zu Energie, Technologie und Finanzmitteln gibt.“
Das ist doch interessant. Dann sollten die reichen Länder der Welt im Eigen- wie im gemeinsamen Interesse doch dafür sorgen, dass es diese Hindernisse nicht gibt. Dann müssen die sich – wie im Interview dargestellt in höchst beeindruckendem Maße – entwickelnden Länder keinen weiteren, teuren und für alle schädlichen Umweg über die fossilen Energien gehen. Zumal die Gestehungskosten für Strom aus erneuerbaren Energien eh schon niedriger sind als die Alternativen (1). Das mag in Ländern, in denen der CO2-Ausstoß sogar noch weniger bepreist ist als bei uns, sprich die Folgekosten einfach der Gemeinschaft auferlegt werden, noch nicht ganz so weit sein, aber mit Unterstützung durch Investitionen sollte es machbar sein.
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Stromgestehungskosten#/media/Datei:Stromgestehungskosten_Fraunhofer_2024.svg
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„Der sozioökonomische Wandel in Bangladesch begann dann mit dem »Bangladesh Petroleum Act« von 1974, mit dem die unterirdischen Energieressourcen des Landes und der Festlandsockel verstaatlicht wurden. Infolgedessen konnte die Regierung sowohl mit inländischen als auch mit internationalen Unternehmen Verträge über langfristige Investitionen in die Erkundung, Erschließung und Förderung der ein- heimischen Gasreserven abschließen.“
Die positive Entwicklung beruht also darauf, dass Schlüsselbereiche der Wirtschaft unter direkte staatliche Kontrolle gestellt und im Interesse Gesellschaft verwaltet wurden, während in anderen Bereichen dem Markt der Vorzug gegeben wurde. Also kluge, zielgerichtete staatliche Eingriffe, wo sie nützlich sind, statt ideologisch den reinen Markt zu predigen oder auf eine komplette Planwirtschaft zu setzen.