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Die heimlichen Konservativen: Warum Queerfeminismus und Genderideologie keinen Fortschritt bringen

Die 50er: Typische Wohnzimmereinrichtung mit Nierentisch Foto: Hans Weingartz Lizenz: CC BY-SA 2.0 de

Noch vor 70 Jahren war die Welt eine einfache: Männer waren stark, gingen arbeiten, machten Politik, trugen Anzug, kurzes Haar und flache Schuhe, während ihre Frauen sich zuhause um die Kinder und den Haushalt kümmerten, um anschließend das Abendessen vorzubereiten. Wer damit nicht einverstanden war – ja, der hatte eben Pech. Von unserem Gastautor Paul Geilenkeuser.

Bis heute verlangt die Gesellschaft, wenn auch hierzulande in abgeschwächter Form, von jedem Einzelnen, sich gewissen Normen zu unterwerfen, die ihm aufgrund seines Geschlechts auferlegt werden. Mann und Frau haben ihre Rollen zu spielen, und wer aus diesen ausbricht, der wird vom Durchschnittsbürger mindestens schief beäugt. Eine Bewegung, die einmal versprach, die Menschen aus den unsichtbaren Rollengefängnissen zu befreien, ist der Feminismus. Jahrzehntelang lief das auch recht gut, doch was ist im 21. Jahrhundert aus dieser Mission geworden?

Der Feminismus der bürgerlich-liberalen Mehrheitsgesellschaft ist heute queer. Die Kernbotschaft der Queerfeministen lautet: Niemand muss sich mit dem “bei der Geburt zugewiesenen” Geschlecht und der damit verbundenen Rolle abfinden. Wer sich als Mann fühlt, ist ein Mann, wer sich als Frau fühlt, ist eine Frau, wer sich mit keiner der beiden Rollen identifizieren kann, ist eben “nichtbinär”, also weder Mann noch Frau. Die Biologie soll nicht mehr vorgeben, wie ein Mensch zu leben hat – soweit eine gute Sache – und das Geschlecht wird nicht durch Organe, Keimzellen, Chromosomen bestimmt, sondern durch das bloße Zugehörigkeitsgefühl des Subjekts, seine soziale Identität.

Wer den vorangegangenen Absatz aufmerksam gelesen hat, wird vielleicht bereits erkannt haben, wo das große Problem an diesem Queerfeminismus liegt, der sich derzeit immer größerer Beliebtheit erfreut. Die Ideologie der Queerfeministen sieht oberflächlich progressiv aus, jedoch trägt sie in keiner Weise zur Überwindung von Geschlechterrollen bei. Das Gegenteil ist der Fall: Die erwähnte soziale Geschlechtsidentität, Gender genannt, stellt eine direkte Affirmation dieser Rollenbilder dar – man könnte sagen, Gender ist bloß ein hippes, liberales Synonym für Geschlechterrolle. Identität heißt, man macht sich mit dieser identisch.

Wie fühlt man sich denn eigentlich als Mann, und wie fühlt man sich als Frau? Auf diese Fragen haben Queerfeministen zumeist keine Antwort, weil man sein Geschlecht eben nicht fühlen kann – es ist einfach da, Geschlecht ist eine materielle Sache und basiert nicht auf Gefühlen. Subjektive Gefühle können überhaupt keine Definitionsbasis für irgendeinen Begriff darstellen, weil sie eben subjektiv sind – das Gefühl, eine Frau oder ein Mann zu sein, könnte schließlich für jeden unterschiedlich sein, ohne dass wir das jemals herausfinden können, weil wir keinen Zugang zum subjektiven Empfinden eines anderen Menschen haben. Was der Inhalt des jeweiligen Geschlechtsidentitätsgefühls ist, ist daher unmöglich bestimmbar und kann kein Gegenstand einer objektiven, allgemeingültigen Definition von Geschlecht sein.

Wer das sexistische Rollenmodell bekämpfen will, der muss dafür sorgen, dass bestimmte Persönlichkeitseigenschaften, Vorlieben und Verhaltensweisen von der Gesellschaft nicht mehr untrennbar mit Männlichkeit oder Weiblichkeit verknüpft werden, sondern als bloßer Ausdruck der Individualität eines jeden Menschen betrachtet werden. Genau das tun Queerfeministen aber nicht, indem sie genau diese Attribute für geschlechtskonstitutiv erklären – setzt man sich als queere Transfrau in eine Talkshow und redet davon, wie man als Kind lieber mit Puppen als mit Autos gespielt und daran gemerkt hat, dass man ja eigentlich ein Mädchen sei, unterstützt man damit doch letztlich die These, dass nur Mädchen mit Puppen zu spielen haben, und wer das als Junge tue, der sei eben eigentlich gar kein richtiger – ganz im Sinne der sexistischen Rollenideologie.

Die Antwort auf die reaktionäre Idee der Geschlechterrollen lautet nicht, die Biologie als Maßstab für die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen zu verleugnen, während die Verknüpfung von Geschlecht und Persönlichkeit bestehen bleibt. Sie muss vielmehr darin bestehen, dass das Geschlecht als etwas vom Charakter und der Lebensweise eines Menschen vollkommen Unabhängiges betrachtet wird. Es mag sein, dass auch nach einer Überwindung gesellschaftlich zementierter Rollenbilder gewisse Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen bleiben, und das ist auch völlig in Ordnung – der Punkt ist der, dass ein Abweichen von diesen Rollen nicht bedeutet, dass ein Mann dann unmännlich oder eine Frau unweiblich ist. Diese sozialen Verhaltensweisen definieren nämlich nicht die Geschlechtszugehörigkeit, sie gehen nur vage korrelativ mit ihnen einher.

Würde man, ganz im Sinne der Queerfeministen, für jede soziale Identität ein neues Geschlecht erfinden, so gäbe es knapp acht Milliarden dieser Geschlechter, weil letztlich ein jedes Individuum in seiner sozialen Identität einzigartig ist – und dieses Erfinden immer neuer Geschlechter ist ja folgerichtig tatsächlich der Trend in der queerfeministischen Debatte. Was wir tatsächlich brauchen, sind aber nicht immer bunter und vielfältiger werdende Ketten, sondern das Zerreißen der Ketten und die Rückkehr zu dem, was Geschlecht eigentlich ist: Ein bloßer Indikator für die Funktion, die der Organismus Mensch beim Fortpflanzungsakt einnimmt, ohne jede zwingende soziale Implikation.

Der einzige Unterschied zwischen konservativen Sexisten und Queerfeministen ist in dieser Hinsicht offensichtlich, dass erstere keine Toleranz gegenüber jenen haben, die aus der Rolle ausbrechen, welche die Gesellschaft für ihr Geschlecht vorgesehen hat. Konservative meinen, der Einzelne müsse seine Persönlichkeit seinem Geschlecht anpassen, während Queerfeministen meinen, der Einzelne müsse sein Geschlecht seiner Persönlichkeit anpassen, es beruhe gar auf dieser. Analog zum ähnlich identitären und pseudolinken Konzept “Cultural Appropriation” wirft die queerfeministische The Independent-Autorin Katie Glover dem Schauspieler Jaden Smith folgerichtig vor, sich durch das Modeln für typischerweise von Frauen getragener Kleidung falsch verhalten zu haben: Smith bewege sich damit auf “Transgender-Territorium”, darf allem Anschein nach also nur Röcke anziehen, wenn er sich auch als Frau identifiziert.

Es mag ihnen selbst nicht bewusst sein, aber Queerfeministen sind die heimlichen Konservativen. Sie brüllen einen jeden Kritiker ihrer Ideologie als Hetzer oder gar Faschist nieder, um die tatsächliche Reaktion unter dem Deckmantel des Fortschritts als einzig akzeptable Norm zu setzen. Es ist an der Zeit, den Feminismus wieder genderkritisch zu machen.

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8 Kommentare zu “Die heimlichen Konservativen: Warum Queerfeminismus und Genderideologie keinen Fortschritt bringen

  • #1
    Christian Otto

    Gut auseinandergenommen, herzlichen Dank für diesen entlarvenden Blick auf den zeitgenössischen Queerfeminismus.

  • #2
    Anna

    Ja, Queerfeminismus ist reaktionär und schadet Frauen, weil Männer Zutritt zu Räumen und Rechten erhalten, für die Frauenrechtlerinnen jahrzehnte- wenn nicht gar jahrhundertelang gekämpft haben und immer noch kämpfen.
    Das Frauenstatut der Grünen zeigt übrigens gleich im 3. Satz, was uns bevorsteht, falls es dazu kommen sollte, wenn „Geschlechtsidentität“ ins Grundgesetz geschrieben werden sollte: „ Von dem Begriff „Frauen“ werden alle erfasst, sie sich selbst so definieren.“

  • #3
    Berthold Grabe

    Es wurde auch Zeit das die Medien anfangen die Lächerlichkeit und intellektuelle Fehlleistung der Identitätspolitik offenzulegen.
    Vor allem nach dem sie sie überhaupt erst zum Problem gemacht haben.
    Der Hang provokativen Spinnern zu Gunsten von Aufmerksamkeit einen Plattform zu bieten ist für die meisten Verirrungen unserer Gesellschaft heute verantwortlich.
    Das gilt auch für das Coronaversagen und die Umweltpolitik, das Politik opportun dazu zwingt zu tun, was "der letzten Sau die durchs Dorf getrieben wurde" entspricht.
    Wenn Europa und insgesamt der Westen an Einfluss verliert und die Disfunktionalitäten zunehmen dann liegt es genau daran, das wir zunehmend gedrängt werden Blödsinn wichtig zu nehmen, nur weil er so schön Aufreger produziert.
    Ignorierend und vergessend, das man damit erst "alternative Wahrheiten" hoffähig macht und verstärkt.
    Denn Identitätspolitik gehört eindeutig in die Kategorie "alternativer Wahrheiten", was die SPD auf Augenhöhe mit den Querdenkern bringt.
    Wir wurden zu Opfern unserer eigenen Propaganda.
    Und wenn wir das nicht wieder ändern, wird der Westen den Konkurrenzkampf gegen China verlieren.

  • #4
    Berthold Grabe

    Die Ausführungen des Autors lassen sich eins zu eins auf die gesamte Identitätspolitik übertragen.

    Im Grunde beweist der Autor damit nur, dass Bildung und selbst ein Universitätsstudium mit Dr. Titel nicht davor bewahrt subjektive Forschung zu betreiben und systematische logische Fehlurteile zu fällen und das sogar mit einer vollständigen Kausalkette, die lediglich eine paar Fakten außer acht lässt, die auch von Bedeutung sind wenn man echtes Wissen erarbeiten will.
    Bildung ersetzt eben nicht Intelligenz und bewahrt schon gar nicht davor Glauben zur Ausgangslage wissenschaftlicher Forschung zu machen und so den Input den Output bestimmen zu lassen.

  • #5
    paule t.

    Zitat: "Die erwähnte soziale Geschlechtsidentität, Gender genannt, stellt eine direkte Affirmation dieser Rollenbilder dar – man könnte sagen, Gender ist bloß ein hippes, liberales Synonym für Geschlechterrolle."

    Sorry, aber mE ist das für die allermeisten Queerfeminist:innen einfach Quatsch. ME hat kaum einer von denen ein Problem damit, wenn sich eine Cis-Person nicht geschlechterrolenkonform verhält; eher im Gegenteil. Das im Text genannte Beispiel mit Kritik am Modeln von "Frauenkleidern" durch einen Cis-Mann würde ich daher für eine Ausnahme halten. Sowieso verstehe ich die Aussagen von Transpersonen so, dass das, was mit Geschlechtsidentität gemeint ist, über simple Geschlechterrollen durchaus hinausgeht.

    Insgesamt wären mehr Belege und konkrete Auseinandersetzung mit queerfeministischen Positionen nötig. So halte ich den Text für eine ausgedehnte Strohpersonparade.

  • #6
    FeministiN

    Super platte "Kritik" zum Queerfeminismus, die schon 100 mal geäußert wurde, von Typen, die sich so oder so nicht mit Feminismus auseinandersetzen würden und aus PRINZIP auch nicht gendern, weil ÄH.

  • #7
    Stefan Laurin

    @FeministiN: Wir fanden dien Argumentation elegant und hoffen auf weiter Artikel von Paul.

  • #8
    Hanna Lenzer

    @Paule t: wen meinen Sie denn mit "Transpersonen"? Transsexuelle Menschen, die unbedingt die körperlichen Merkmale des anderen Geschlechts "brauchen", oder Transgender-Aktivisten? Das sind die, die eine "gefühlte" Geschlechtsidentität haben. D.h. ein Typ, der sich wie eine Frau fühlt, behauptet er sein eine und damit möchte er ausschließlich eine Geschlechterrolle leben – die Rolle einer Frau seiner Vorstellung. Kein Wunder, dass sich transsexuelle Menschen von den Transgender abgrenzen.

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