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Die Lokalzeitung ist tot und ich bin weg!

Hat auch immer weniger zu bieten: Die ‚Waltroper Zeitung‘ aus dem Medienhaus Bauer in Marl.

Zunächst einmal möchte ich vorausschicken, dass ich ursprünglich einmal ein ziemlich großer Fan unserer Lokalzeitung war. Seit ich denken kann, war die ‚Waltroper Zeitung‘ aus dem früheren ‚Zeitungshaus‘, dem heutigen ‚Medienhaus‘ Bauer aus Marl ein fester Bestandteil in meinem Leben.

Schon als Schüler gehörte es für mich zu den täglichen Ritualen einen Blick in unsere Familienzeitung zu werfen. Als großer Sportfan war es anfangs zunächst eben häufig der Sportteil, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog, später kamen dann auch Politik und Wirtschaft mit hinzu.

Doch je älter ich wurde, je wichtiger wurde für mich beim Zeitungslesen dann der Lokalteil. Mich interessierten irgendwann die Vorgänge an meinem Wohnort, die Lokalpolitik, das Geschehen in Vereinen und das (spärliche) Kulturleben mehr als alles andere. Da gehörte es dann einfach tagtäglich mit dazu, sich mit der Lokalzeitung diesbezüglich auf dem Laufenden zu halten.

Meine Begeisterung für die Zeitung im Allgemeinen war nach dem Abitur sogar so groß, dass ich letztendlich ‚Verlagskaufmann‘ gelernt habe. Schlicht deshalb, weil ich an diesem Produkt ‚Zeitung‘ zukünftig auch beruflich mitwirken wollte. Eine Entscheidung, die sich vor dem Hintergrund des sich rapide entwickelnden Internets nicht gerade als ein Glücksgriff herausstellen sollte.

Denn das Internet setzte den Zeitungen im Allgemeinen, und auch der bei mir am Wohnort erscheinenden Unterausgabe der Recklinghäuser Zeitung ab Mitte der 1990er-Jahre zunehmend zu.

Die Entwicklung war zunächst langsam, aber doch irgendwann deutlich spürbar. Die Anzeigen im Blatt wurden deutlich weniger, der Zeitungsumfang schrumpfte. Die Kosten für das Abo hingegen stiegen stetig. Irgendwann waren dann auch erste Sparmaßnahmen in der Zeitung selber zu erkennen.

Immer größere Teile des Inhalts wurden im Laufe der Zeit offenkundig durch Fremdbeiträge bestritten. Im konkreten Falle bedeutete dies eine Zusammenarbeit mit den in Dortmund erscheinenden Ruhr Nachrichten.

Häufig kam ich mir dann beim Lesen wie jemand vor, der lediglich irgendwelche Zweitverwertungsrechte der Zeitungsartikel im Abo hatte. Beiträge im Bereich Sport und regionale Nachrichten aus NRW, die mir am Vortag schon in den RN aufgefallen waren, fand ich plötzlich am Folgetag in meiner ‚Waltroper‘ beim Frühstück wieder.

Entbehrlich war die Lokalzeitung für mich seinerzeit trotzdem noch nicht, eben aufgrund des alternativlosen Lokalteils. Spätestens nach dem Ende des selbstproduzierten Lokalteils des direkten Konkurrenten WAZ im Kreis Recklinghausen waren die Bauer-Zeitungen hier in der Gegend konkurrenzlos, was das Lokale betraf.

Doch das Zeitungssterben machte irgendwann auch vor diesem Bereich nicht länger halt.

Zunächst strich man beim Medienhaus Bauer die Umfänge der Lokalberichterstattung auffällig zusammen, dann litt auch die Qualität augenfällig.

Wo früher noch regelmäßig selbstrecherchierte, kritische Artikel zu finden waren, sind heutzutage vielfach nur noch simple Pressemeldungen im Angebot.

Die Zeit, die ich im Laufe der Jahre tagtäglich mit meiner Lokalzeitung verbracht habe, schrumpfte im Laufe der Jahre dementsprechend kontinuierlich. Früher war das gut und gerne einmal rund eine Stunde, zuletzt manchmal nicht viel mehr als eine einzige Minute pro Ausgabe.

Die Mehrzahl der angebotenen Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport kennt man im Jahre 2019 eh längst schon vom Vortag aus dem Netz, lokale Geschichten von Interesse findet man derzeit leider kaum noch. Die Lokalnachrichten haben vielfach den Namen schlicht nicht mehr verdient, erinnern an eine Werbeveranstaltung.

Parallel dazu hat man bei Bauer auch den eigenen Internetableger kürzlich komplett neu gestaltet, aus den vertrauten Seiten der sechs bei Bauer erscheinenden Lokalzeitungen aus dem Kreis Recklinghausen das qualitativ auf erschreckende Art und Weise an ‚DerWesten.de‘ erinnernde gemeinsame Clickbaiting-Paradies ’24Vest.de‘ gemacht.

Einfach eine schreckliche Einrichtung und wohl auch nur ein weiterer zum Scheitern verurteilter Versuch irgendwie auf den letzten Drücker noch auf den abfahrenden Internet-Zug aufzuspringen.

Mir reichte es jetzt irgendwann. Ich habe für mich beschlossen mich nach gut 40 Jahren treuer Leserschaft von meiner Lokalzeitung zu verabschieden. Und ich bin, wie ich aus Gesprächen mit anderen Leuten aus der Region weiß, längst nicht alleine mit diesen Gedanken.

Hier zeichnet sich das bedauerliche Ende einer ganzen Ära ab. Mein halbes Leben hat sie mich begleitet, die gedruckte Tageszeitung. Aber jetzt ziehe ich die Reißleine. Kosten und Nutzen stehen längst schon in keinem sinnvollen Verhältnis mehr.

Schade drum, aber ich bin dann mal weg…

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7 Kommentare zu “Die Lokalzeitung ist tot und ich bin weg!

  • #1
    SH

    Hi, ja, der Niedergang ist echt bedauernswert. Hast Du eine Alternative zum Bezug von Lokalnachrichten?

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @sh: An einigen Orten gibt es Bemühungen Ersatz zu schaffen, aber von einem wirklich gleichwertigen Ersatz einer klassischen Lokalzeitung wäre mir bisher nichts bekannt. Wir werden wohl vielerorts leider damit leben müssen, dass echte, vollwertige Lokalnachrichten insgesamt weniger werden.

  • #3
    Klaus Lohmann

    Lensing-Wolff probiert es online ja mit dem unsäglichen "RUHR24"-Format, das sich stark an die Trümmerreste von derwesten.de anlehnt und gegen das euer 24vest.de ja noch wie ’ne richtige Zeitung aussieht und liest. Bei RUHR24 darf seit einiger Zeit ein eher unterbelichteter, gescheiterter "Fernseh-Star" der Autotuning-Szene mit seiner Kleinfirma in als "redaktionelle Beiträge" getarnten Artikeln völlich dummes Zeuch sabbeln, ohne dass der Monitor dabei fremdschäm-rot wird.

    "Lokal" ist hier spätestens seit der unrühmlichn Schließung der Dortmunder Rundschau-Redaktion nur noch ein Synonym für Klein- und Todesanzeigen sowie dem wöchentlichen Getränkeshop-Beileger, sonst nix mehr.

  • #4
    DEWFan

    #3: haha, das stimmt. Man schaue mal nur auf den Dortmunder Lokalsportteil der WAZ:
    https://www.waz.de/sport/lokalsport/dortmund/

    Da gibt es die "neuesten" Meldungen. Ich glaube, die stammen noch aus der Zeit, als der VfR Sölde an das Tor zur 2. Bundesliga geklopft hat. Bestimmt hat man in der Redaktion die Zugangsdaten vergessen, wer weiß.

    Auch der Dortmunder Lokalteil ist nicht gerade "reichhaltig".

    Besser sind – mit Blick auf Dortmund – allemal die Ruhrnachrichten. Reicht aber digital. WAZ konzentriert sich wohl mehr auf das mittlere und westliche Ruhrgebiet.

  • #5
    David

    es is so traurig…
    ich(geb. 1978) war seit meiner grundschulzeit treuester WAZ-leser, wir konnten uns die zwar nicht leisten, aber da ich jeden morgen meine klassenkameradin aus’m pfarrhaushalt abholte, konnte ich da als lesejunkie alles wichtige erfahren.

    dann viele jahre, wo ich sie schon lange nicht mehr wg großer politik, feuilleton etc las, sondern um lokale infos zu kriegen-sport, stadtteile, lokalpolitik (wobei sie, zumindest hier in essen, schon recht häufig wie ein offizielles rathaus-verlautbarungsblatt rüberkam, ima übrigens sowohl für cdu wie auch spd). relativ ernstzunehmen über die jahre eigtl nur noch die berichte aus dem lokalen kulturteil…

    nu kauf ich das nur noch sehr sporadisch (idR als mitbringsel für die alten eltern), bin in zwei min durch, &als mein budenmann neulich 2€ forderte, dachte ich an einen witz…

    ofen aus!

    aber: ein dicker phantomschmerz bleibt. ich wünsch mir+brauche eine lokalzeitung-der lokalkompass ist, zumindest hier, die einzige alternative, zT mittlerweile sogar wesentlich ansprechender/professioneller als die WAZ. dennoch halt auch FUNKE, ich würd dafür in gut aber auch gerne geld ausgeben.

    &zum thema ruhrgebietsübergreifende zeitung hat herr laurin ja erst kürzlich alles, wohl leider, letztgültige geschrieben.

    viele grüße

  • #6
    Ruhr Reisen

    Der Untergang der Lokalzeitungen und mit ihnen die einzige Mglichkeit, dass Bürger über Misstände in Politik, Dasein und Wirtschaft nachhaken können, ist katastrophal und trägt entscheidend zum Demokratieabbau bei.
    Andererseits: Wenn Lokalredaktionen sich nur noch aus Polizeimeldungen, Kommunal-Hofberichterstattung und Pressemitteilungen von Wohlfahrtsverbänden, Vereinen, etc speisen – sind sie überflüssig. Da reicht der WAZ-Stadtspiegel vollkommen aus.
    Ich fürchte, abgesehen von wenigen Randerscheinungen, die sich über Spenden oder eigenen Vereinsgründungen über Wasser halten, werden zukünftig nur noch Journalisten schreiben können, die finanziell unabhängig sind – und weil sie nicht anders können.

    Hier die neueste Entwicklung bei Funke-Medien:
    https://meedia.de/2019/09/11/ove-saffe-vor-der-absprung-zeitungschef-soll-angeblich-der-funke-mediengruppe-den-ruecken-kehren/

  • #7
    Rainer Kirmse , Altenburg

    FÜR DIE ZEITUNG

    Wir wollen unverzagt werben,
    Das Kulturgut darf nicht sterben.

    Der Computer ist superschnell,
    Das Internet nicht zu schlagen.
    An die Presse geht der Appell,
    Mutig Reformen zu wagen.

    Es soll das geschriebene Wort
    Wieder begeistern die Jugend.
    Die Zeitung ist ein guter Ort,
    Zu stärken die Lesetugend.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Mit freundlichen Grüßen

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