Die Ukraine kämpft, wir versagen

Zivilsten bereiten sich 2022 in Kyjiw auf den Kampf gegen den russische Armee vor Foto: Yan Boechat/VOA Lizenz: Gemeinfrei

Heute vor vier Jahren begann die russische Vollinvasion der Ukraine; der Überfall auf das Land hatte schon 2014 mit der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass begonnen.

Seit zwölf Jahren wehrt sich die Ukraine gegen den russischen Imperialismus. Ihre Soldaten sterben an den Fronten, ihre Menschen leiden unter Luftangriffen, werden von russischen Raketen zerfetzt oder, wenn sie in die Hände von Putins Truppen geraten – wie in Butscha –, vergewaltigt und ermordet.

Viele, auch der Autor, glaubten 2022, Putin würde das Land in wenigen Tagen erobern, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kapitulieren und sich ins Ausland absetzen. Ein Irrtum. Selenskyj wurde zum Churchill unserer Zeit, und die Ukrainer zeigten uns allen, wie man um seine Freiheit kämpft und was Mut und Tapferkeit bedeuten.

Doch wir, der Westen, haben versagt. In vielen Staaten wie Frankreich, Deutschland und Großbritannien wachsen die Parteien, die mal mehr, mal weniger deutlich auf Putins Seite stehen: Rechtsradikale wie die AfD, Rassemblement National und Reform UK, linksradikale wie die Linke oder La France insoumise. Aber auch in der CDU und in der SPD singen nicht wenige Putins Lied. Das Wirken von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Ralf Stegner (SPD) dürfte im Kreml mit Wohlwollen aufgenommen werden.
Europas Unterstützung der Ukraine könnte in den kommenden Jahren zusammenbrechen. Die USA haben ihre Unterstützung nach der erneuten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten eingestellt, Ungarn ist schon lange Putins Vasall und blockiert die Hilfe für das um sein Überleben kämpfende Land.
Und auch nach all den Drohungen aus Moskau ist den Europäern noch nicht klar, dass die Ukraine die Frontlinie des Westens gegen die Barbarei Putins, dass ihr Kampf der unsere ist.

Europa hat nicht auf Kriegswirtschaft umgestellt. Es kann weder der Ukraine die Waffen und Munition liefern, die das Land braucht, noch die eigenen Armeen auf einen russischen Angriff auf NATO-Gebiet rüsten. Drohnen, Munition, Aufklärung – es mangelt an allem. Ins Bild passt, dass Bundeskanzler Friedrich Merz, der vor seiner Wahl noch mit der Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern drohte, falls Russland weiterhin ukrainische Städte angreifen würde, sich als feige erwies und seine Drohung nicht wahr machte.

Auch in seinem Denken verharrt Europa in Dekadenz: Von postkolonialen Ideologen lässt es sich einreden, seine Geschichte wäre ausschließlich die verdorbener alter weißer Männer und es gäbe nichts, auf das es stolz sein könnte, nichts, das es zu verteidigen wert sei.
Anstatt seine Wirtschaft zu stärken, die die Grundlage für jeden Kampf gegen Russland ist, hält Europa an Irrwegen wie dem Green Deal fest und stranguliert seine Industrie mit immer neuen Regelwerken, die Wachstum und Innovation strangulieren.
Nur wegen Europas Unfähigkeit kann Putin Russlands, ein Land mit gerade einmal 143 Millionen Einwohnern und einer Wirtschaftsleistung, die kleiner als die Italiens ist, daran zu denken wagen, seinen Krieg auszuweiten.

Die Geschichte prüft uns, und wir versagen. Ein Kontinent, der auf den Schultern von Giganten steht, dessen Zivilisationsgeschichte in den minoischen Tempeln begann, für dessen Freiheit Athener und Spartaner im Krieg gegen die Perser auf den Feldern bei Plataia kämpften, in dem Ideen wie die Menschenrechte und die Aufklärung gegen die eigenen Regierungen erkämpft wurden, der zwei Weltkriege überstand, sich seinen begangenen Verbrechen stellte, zuckt vor einem KGB-Agenten, der als Straßenschläger in den Hinterhöfen Leningrads aufwuchs.
Europa droht durch sein Versagen, die Freiheit seiner Bürger und seine Stellung in der Welt nach 5.000 Jahren zu verlieren. Aus Feigheit, aus Dummheit, aus Dekadenz.

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