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Die vagabundierende Religiösität sucht sich einen neuen Ort

Mein alter Freund Franz Josef Wegener hat ein Buch über High Tech und Gnosis geschrieben. Über was? Ebend.

Ruhrbarone ?: Franz, Du hast Dich als Historiker auf die Ideengeschichte konzentriert und vor kurzem Dein neues Buch vorgelegt: „Gnosis in High Tech und Science-Fiction“. Auch auf die Gefahr hin, mich zu blamieren: Was ist Gnosis?
Wegener !: Gnosis ist eine antike Religionsphilosophie wie sie sich im Mittelalter etwa bei den südfranzösischen Katharern oder in der Kabbala wieder findet. Das Leitbild der Gnosis ist das metaphysische Licht, aus dem der Gnostiker zu stammen glaubt, dessen göttlicher Teil er zu sein meint, und in das er wieder einzugehen gedenkt. Das Erkennen der eigenen Göttlichkeit, des göttlichen Lichts als Funken in der eigenen Seele, wird als „Gnosis“ (Erkenntnis) bezeichnet. Heute finden sich gnostische Elemente offen bei den Anthroposophen, den Anhängern des New Age aber auch etwa bei Scientology. Für den klassischen Christen ist das Hybris, denn wie kann ein Mensch Gott sein?

?: Und wo liegt der High Tech-Bezug?
!: Nehmen wir etwa den inzwischen schon sprichwörtlichen Kult um Apple. Die Keynotes, auf denen Steve Jobs neue Produkte präsentierte, waren wie Hochämter inszeniert: Schwarze Vorhänge, das Produkt fährt auf einem Podest aus dem Boden nach oben, das Licht des strahlenden, angebissenen Paradies-Apfels überstrahlt die Szenerie, Jobs in seiner typischen Bettelmönch-Kluft aus Jeans und Rollkragenpulli hebt ein violettes Tuch zur Entschleierung des Mysteriums, des neuen Rechners. Auf dem neuen Rechner zeigt sich als Standardbildschirmhintergrund das dunkle All in dessen Mitte ein violetter Lichtkranz die Finsternis durchbricht.

Mein alter Freund Franz Josef Wegener hat ein Buch über High Tech und Gnosis geschrieben. Über was? Ebend.

Ruhrbarone ?: Franz, Du hast Dich als Historiker auf die Ideengeschichte konzentriert und vor kurzem Dein neues Buch vorgelegt: „Gnosis in High Tech und Science-Fiction“. Auch auf die Gefahr hin, mich zu blamieren: Was ist Gnosis?
Wegener !: Gnosis ist eine antike Religionsphilosophie wie sie sich im Mittelalter etwa bei den südfranzösischen Katharern oder in der Kabbala wieder findet. Das Leitbild der Gnosis ist das metaphysische Licht, aus dem der Gnostiker zu stammen glaubt, dessen göttlicher Teil er zu sein meint, und in das er wieder einzugehen gedenkt. Das Erkennen der eigenen Göttlichkeit, des göttlichen Lichts als Funken in der eigenen Seele, wird als „Gnosis“ (Erkenntnis) bezeichnet. Heute finden sich gnostische Elemente offen bei den Anthroposophen, den Anhängern des New Age aber auch etwa bei Scientology. Für den klassischen Christen ist das Hybris, denn wie kann ein Mensch Gott sein?

?: Und wo liegt der High Tech-Bezug?
!: Nehmen wir etwa den inzwischen schon sprichwörtlichen Kult um Apple. Die Keynotes, auf denen Steve Jobs neue Produkte präsentierte, waren wie Hochämter inszeniert: Schwarze Vorhänge, das Produkt fährt auf einem Podest aus dem Boden nach oben, das Licht des strahlenden, angebissenen Paradies-Apfels überstrahlt die Szenerie, Jobs in seiner typischen Bettelmönch-Kluft aus Jeans und Rollkragenpulli hebt ein violettes Tuch zur Entschleierung des Mysteriums, des neuen Rechners. Auf dem neuen Rechner zeigt sich als Standardbildschirmhintergrund das dunkle All in dessen Mitte ein violetter Lichtkranz die Finsternis durchbricht. Zum Abschluss erfolgt eine Art Schlusssegen: „One more thing …“ bevor die Gemeinde entlassen wird, den Fans der dunklen Seite der Macht, den Gates-Anhängern, die frohe Botschaft zu künden.  

?: Ein Beispiel aus dem Bereich Science Fiction bitte. Ich weiß, dass das vor allem unsere Freunde aus Duisburg interessiert.
!: Gerne. Nehmen wir den US-Blockbuster „Matrix“. Wie die antiken Gnostiker weiß Filmheld Neo nicht, dass er in einer von fiesen Archonten, hier Agenten, kontrollierten „falschen“ Welt lebt. Der antike Gnostiker fühlte sich als lichte, göttliche Seele durch ein kosmologisches Unglück in die dreckige, blutige, schmerzende Materie geworfen. Allerdings hatte die Seele ihre tatsächliche Herkunft vergessen. Sie schläft unwissend. Auch Neo schläft, als über seinen Computerbildschirm die ersten Worte flackern: „Wach auf, Neo …“

?: Seit der Aufklärung ist Metaphysik aus guten Gründen für viele, vor allem Intellektuelle, tabu. Doch trotz allem gibt es offensichtlich ein Bedürfnis nach Spiritualität.
!: Genau. Und diese heute ungebundene, vagabundierende Religiösität sucht sich nun einen neuen, möglichst der Metaphysik unverdächtigen Ort. Und die aktuellen Trägersysteme sind meines Erachtens auch High Tech und Science Fiction. Hier findet sich immer wieder das alte, bei den Gnostikern oft durch Selbstmord befriedigte Verlangen, der schmerzenden Körperlichkeit zu entfliehen, das Ich zu de-mater-ialisieren und unsterblich werden zu lassen. Es gibt Theoretiker, die zurzeit sogar dem Internet als cerebralen Kollektiv aus Rechnern und Gehirnen eine allwissende, göttliche Qualität zubilligen, mit der wir surfend zunehmend verschmelzen. Eine Fusion im gleißenden Datenlicht – auf Kosten unseres alten Ichs. Die Schattenseite: Das zerfließende Ich, dem zunehmend nur noch die Funktion eines Switches, einer Datenweiche, zukommt, versucht in einer verzweifelten Abwehrschlacht sich der eigenen Grenzen körperlich neu zu vergewissern. Dieser Versuch kann dann schon einmal heftiger ausfallen: Das geht vom Pilgern auf dem Jakobsweg oder Extremsport bis hin zum Amoklauf.

Links:
High Tech und Gnosis

Franz Wegener

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Ein Kommentar zu “Die vagabundierende Religiösität sucht sich einen neuen Ort

  • #1
    Prospero

    Die Zielgruppe aus Duisburg bedankt sich schön und hats in den Del.icio.us-Account gepackt. Vielleicht schafft es ja noch ein Rezi-Exemplar fürs NGC6544 – dem anderen, nur SF-lastigem schickem Blog – nach Duisburg? *zwinkerzwinkerzwinker*
    Ad Astra

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