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Die vierte Dimension des Sisyphos

 

Inszenierungsfoto mit Linus Ebner. Foto: Sandra Schuck

Kritik zur Stückentwicklung SISYPHOS! von Linus Ebner, Romy Schmidt und Martin Widyanata.

Die Theaterwelt an sich ist weit, ist eine weite Welt. Voller Weite. Wie weit sie tatsächlich ist und wie nah sie dem Kern der Dinge, also dem Kern des Daseins kommen kann, kann man derzeit noch im Bochumer Prinzregenttheater erleben, und zwar in der Inszenierung „Sisyphos!“, der kongenialen Stückentwicklung von Linus Ebner, Romy Schmidt und Martin Widyanata nach dem Versuch über das Absurde „Der Mythos von Sisyphos“ von Albert Camus.

Das Motto der Spielzeit 2017/2018 „Wahrheit und Pflicht“ wird vom Ensemble um Romy Schmidt mit der unbedingten Verpflichtung des Theaters zur Wahrheit begründet; „Wir als Theatermacher*innen haben nicht die Möglichkeit, zwischen Wahrheit oder Pflicht zu wählen. Wir müssen und wollen uns in unserer Arbeit der Pflicht stellen, nach der Wahrheit in unseren Stücken und unserem Handeln  zu suchen.“ Die Inszenierung „Sisyphos!“ ist die logische Konsequenz daraus: Sisyphos verpflichtet seine Frau zu einer Aufgabe, die sie seiner Annahme nach aufgrund der von ihm unterstellten Wahrheit ihrer grenzenlosen Liebe nicht ausführen wird. Doch sie sieht ihre höhere Wahrheit im bedingungslosen Gehorsam ihrem Gatten gegenüber, ihm seinen Wunsch zu erfüllen und führt die Aufgabe aus. Weil er die Wahrheit ihres Gehorsams nicht versteht und es ihn aber umso mehr zum Verstehenwollen drängt, bittet er um die temporäre Rückkehr auf die Erde, um die Wahrheit herauszufinden. Anschließend wird er hinsichtlich seines Versprechens  gegenüber Hades wortbrüchig und kehrt nicht zurück. Das tut er entgegen seiner eigenen kongnitiv gewussten Wahrheit, dass er damit nicht auf Dauer durchkommen wird, dass es Ärger und möglicherweise eine Strafe nach sich ziehen wird. Doch der Lebensdrang, die Liebe zum Diesseits ist stärker und daher trifft Sisyphos seine Entscheidung zum Wortbruch wider besseren Wissens hinsichtlich seiner eigentlichen Pflicht zur Rückkehr in die Unterwelt. Das Urteil der Götter als Pflicht zur Strafarbeit liegt nicht in der Arbeit selbst, sondern im Strafmaß: Sisyphos verliert mit der Erkenntnis, dass er niemals mit seiner Arbeit erfolgreich sein kann, die Perspektive, seine Sünde irgendwann einmal verbüßt zu haben; es ist eine ewige Strafarbeit und die Ewigkeit ist ja bekanntlich ein ziemlich langer Zeitraum, besonders am Ende.

„Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter, kennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage; über sie denkt er während des Abstiegs nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“ Albert Camus

Improvisationstheater

Der Text zu SISYPHOS! ist am Prinzregenttheater aus der Improvisationsarbeit entstanden; er führt von der weiten Welt über den Kern der Welt, Saunawelten, Flugzeugtoilettensex und ein Modelleisenbahnmuseum zum Glückskeks:
„Versuchen sie es mal mit Humor.“
Vom Glückskeksspruch im übelsten Sinne, kommt Linus Ebner in einem verbalen Looping vom Humor zum Hummer:

„Der Hummer verlässt sich ja auf seine Schale und stirbt sofort, wenn er keine Schale mehr hat. Das ist bei uns ja anders. Bei uns kann ein Mensch ja ohne Schale leben.“

Und weiter geht es über das Surfen, das Gedicht „Der Panther“  von Rainer Maria Rilke über Markus Lanz pseudointellektuelle Schwafelsendung, in der ein nackter Grieche mit einem Stein unter dem Arm keinen Zuschauer mehr hinter der Photovoltaikanlage hervorlocken würde, über ein Buchstabenimpro zum Ende entgegen. Und so nichtssagend das hier in seiner nüchternen Aneinanderreihung erscheinen mag, so virtuos ist diese Tour de force auf der Bühne: die Rezitation des Rilkeschen Panthers gehört mit zum Ausdrucksstärksten, was in den letzten Jahren auf Bochums Bühnen zu erleben war, es ist Körpertheater PUR.

Bühnenberserker

Linus Ebner ist ein Bühnenberserker von allererster Qualität, der das Gedicht der Panther an einen Rollstuhl gelehnt x-fach zelebriert und mit seinem Mikrofon Geräuschmalerei dazu erzeugt. Und das bringt uns direkt zu dem zweiten Bühnenberserker des Abends, der dies in einer ganz anderes Art und Weise ist; Martin Widyanata der Musiker, DJ und Elektro-Komponist an der Musikanlage mit dem Mischpult, die  er virtuos bespielt, zumal er ohne Arme und Beine lebt und das speziell für ihn eingerichtete Pult reinweg mit Mund und Gesicht bedient. Doch nicht nur das, er ist auch Mitspieler, der sich mit unglaublicher Virtuosität über die Bühne rollt und mit Linus Ebner gemeinsame Choreographien erstellt, welche die Zuschauer zutiefst ergreifen und nicht mehr loslassen.

Denn neben den bereits beschriebenen Künsten der Improvisation, des Körpertheaters und der musikalischen Komposition gibt Martin Widyanata diesem SISYPHOS! eine weitere  Erfahrungsebene für die Zuschauer mit; wenn Linus Ebner am Schluss die Frage stellt, ob man denn sein Päckchen unbedingt tragen muss, oder ob es nicht eine Option wäre, einfach aufzugeben, dann kommt er einerseits wieder bei Camus‘ Ausgangsfrage nach dem Selbstmord des Menschen in einem absurden, gottlosen Universum an. Der Schluss von Camus‘ Essay bekommt hier seine ursprüngliche Bedeutung wieder: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ beweist im Angesicht dieses schwer gehandicapten Menschen seine zeitlose Brisanz und Konsequenz des absurden Menschen.

Inszenierungsfoto mit Linus Ebner und Martin Widyanata. Foto: Sandra Schuck

Romy Schmidt gelingt mit Linus Ebner und Martin Widyanata der künstlerische Spagat, dass dessen Handycap an keiner Stelle überspielt wird, aber dabei niemals mitleidsheischend wirkt, denn die Virtuosität, mit der er seinen Körper einsetzt, entspricht genau derjenigen von Linus Ebner mitsamt seiner größeren Arm- und Beinfreiheit. Dieses Stück ist von der Regisseurin Romy Schmidt genial konzipiert und in der gemeinsamen Entwicklungsarbeit von den Beteiligten Schmidt, Ebner und Widyanata einzigartig umgesetzt und großartig auf die Bühne gebracht, die von Sandra Schuck mit amorphen Gesteinsbrocken, riesigen Stoffbuchstaben sehr präzise als absurdes Spielzimmer ausgestattet wurde.

Der Mülheimer Dramaturg Helmut Schäfer hat mal treffend bemerkt; „Im Theater geht es nicht um Wissen, sondern um Erfahrung.“ Diese Erfahrung des Bochumer SISYPHOS! muss jeder für sich selbst machen. Festzuhalten bleibt hier, dass Romy Schmidt, Linus Ebner und Martin Widyanata sich damit künstlerisch in die erste Liga gespielt haben, dazu ihnen und dem gesamten Ensemble meine Gratulation! Und allen anderen meine uneingeschränkte Empfehlung, sich diese Ausnahmeinszenierung anzusehen, es gibt nur noch zwei Vorstellungen.

SISYPHOS! von Albert Camus
Fassung und Performance: Romy Schmidt, Linus Ebner und Martin Widyanata
Bühne und Kostüme: Sandra Schuck
Lichtregie: Awa Winkel
Letzte Vorstellungen: 12. & 13. Juni 2018, 19:30 Uhr
Prinzregenttheater, Prinz-Regent Str 50-60, 44795 Bochum
Tickets: 16,-€ / 8,-€ (erm.)
Kartenreservierung unter www.prinzregenttheater.de oder
Telefon: 0234-77 11 17

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