Die WAZ und die Evangelikalen

 

Der Niedergang der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung schreitet weiter voran. Die Veröffentlichung von verfremdeten Fotos der vermeintlichen Opfer aus dem Jemen auf der ersten Seite macht das mehr als deutlich. Das bewegt sich fast schon auf dem Niveau von Bild, wo die Frauen allerdings ohne Verfremdung gezeigt werden. Weiter geht es mit dem Bericht über die Bibelschule Brake vom Hayke Lanwert im Innenteil der Zeitung. Von hier sind die beiden Frauen als Teil ihrer Ausbildung zu einem Praktikum in den Jemen aufgebrochen. Es entsteht der Eindruck, dass in Ostwestfalen Menschen ausgebildet werden, um in aller Welt zu helfen und Gutes zu tun. Das wird dem Charakter der Bibelschule allerdings nicht ganz gerecht, denn es handelt es sich um eine evangelikale Bildungseinrichtung und das Ziel ist eindeutig die Missionierung. Um das festzustellen reicht schon ein Blick auf die Internetseite der Bibelschule und dem dort formulierten Glaubensbekenntnis: „Wir glauben an die göttliche Inspiration, Unfehlbarkeit und Autorität der gesamten Heiligen Schrift.“ Die Ausbilder und Lehrer haben in der Regel einen Abschluss einer evangelikalen Bildungseinrichtung in Deutschland oder den USA.

Viele Journalisten schauen hier gerne weg und haben in den letzten Jahren lieber über die Aktivitäten des „deutschen Papstes“ berichtet. Das die evangelischen Fundamentalisten in der Regel eine „gute Presse“ haben, liegt auch an ihrer intensiven Lobby und Medienarbeit. Diese besonders bibeltreuen Protestanten sprechen sich gegen Abtreibung aus und zweifeln an der Gültigkeit der Evolutionstheorie. Experten schätzten die Zahl der Anhänger evangelikaler Ideen in Deutschland auf etwa zweieinhalb Millionen Menschen. Die sind vor allem in freikirchlichen Gemeinden organisiert. „Diese Bemühungen sind nicht alle auf die Verbreitung fundamentalistischer Ideen ausgerichtet. Viele davon sind auch missionarisch orientiert“, sagt Hans Jörg Hemminger, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. „Das man sich in der modernen Gesellschaft, auch im öffentlichen Meinungskampf zeigen muss, diese Überzeugung hat sehr zugenommen.“

Die evangelikalen Christen haben in Deutschland in den vergangen Jahrzehnten ein umfangreiches Netzwerk an Medien aufgebaut. Dazu gehören der Nachrichtendienst “idea”, Fernsehsender wie “Bibel TV” oder das “Deutsche Christliche Fernsehen” und Zeitschriften wie das christliche Medienmagazin pro. Ein wesentliches Element dieser Weltanschauung ist der Kreationismus. „Das ist die Ablehnung der Evolutionstheorie aus religiösen Gründen. Im christlichen Bereich meistens, weil man die Schöpfungsgeschichte der Bibel für eine historische, naturwissenschaftliche Darstellung hält“, sagt Hans Jörg Hemminger. „Dann geht man davon aus, dass die Erde sechs bis zehntausend Jahre alt ist, anstatt vier Milliarden Jahre. Damit legt man sich mit einem großen Teil der etablierten Naturwissenschaften an.“

Die evangelikalen Medienaktivitäten sind in der Regel über Spenden finanziert. Mit den Möglichkeiten moderner Medientechnik und großem Engagement erreichen die Evangelikalen sehr viele Menschen. Viele Wissenschaftler kritisieren, dass die Amtskirchen sich nicht eindeutiger für die Evolutionstheorie aussprechen und sich fundamentalistische Ideen so leichter in der Gesellschaft etablieren. „Es gibt eine kreationistisches Lehrbuch der Evolution und da stellt sich natürlich die Frage, warum schreibt jemand der die Evolution für Humbug hält, ein solches Buch“, fragt sich der Biologe Thomas Junker, der in Tübingen eine Professur hat. „Sie versuchen in die Breite zu gehen, indem sie quasi seriöse Publikationen verfassen, die dann über den normalen Buchhandel vertrieben werden. Der Erfolg scheint den bibeltreuen Christen Recht zu geben, denn der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus hat dieses Buch sehr gelobt.“

Wie erfolgreich hier gearbeitet wird, zeigt auch die Preisverleihung des Goldenen Kompasses im letzten Jahr in der Schalker Arena. Den bekamen einige Fußballspieler des FC Schalke 04 für ihre Mitwirkung an dem Buch: Mit Gott auf Schalke. Ausgeschrieben wird der Preis vom Christlichen Medienverbund KEP. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, die evangelikale Öffentlichkeitsarbeit voranzutreiben. Bibeltreue Christen drängen weiter in die Öffentlichkeit und für 2009 sind weitere Fernsehsender geplant. Das ist eine Herausforderung für die Kontrolleure der Medien. „Sie dürfen nicht werben im klassischen Sinne, das heißt sie dürfen nicht offen zu Spenden aufrufen, sie dürfen keine Produkte verkaufen, denn das ist eine religiöse Werbung im eigentlichen Sinne“, erklärt Holger Gierbig, der bei der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen für die Programmaufsicht zuständig ist. „Die ist dem Staatsvertrag, der die Zulassungskriterien für solche Dinge regelt, verboten.“ Es sind auch die Missionierung und die Anwerbung neuer Mitglieder verboten. Wann man es mit Missionierung zu tun hat, ist für die Kontrolleure nur schwer zu beurteilen. Die Aktivitäten der evangelikalen Medien bewegen sich in hier in einem Grenzbereich. Verkündigung, Missionierung und Zweifel an den Naturwissenschaften werden weiter auf allen Kanälen gesendet.

Hier ist der Link zu dem Artikel in der WAZ.

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Jens Kobler
Jens Kobler
14 Jahre zuvor

Besten Dank! Hatte mich schon gefragt was diese Menschen dort eigentlich mit welcher Motivation gemacht haben. Ein eminent wichtiger Beitrag und ein gutes Beispiel für die natürlich total friedliche, total aufklärerische und natürlich vollkommen auf Frieden ausgerichtete deutsche „Entwicklungshilfe“ nicht nur in „Krisenregionen“. Wir sind halt nicht nur Papst, wir sind auch immer auf Mission. Und wir haben natürlich die total freie, von Lobbys unabhängige Presse hier in Europa, die total gerne Karikaturen druckt, sich aber nicht einen Deut um ihre eigenen Fundamentalisten kümmern will. So aber bringt man den rechten Glauben und eine Demokratie mit mündigen Bürgern in den total unterentwickelten Rest der Welt und Rohstoffe und neue Märkte erschließen sich dem so etwas tolerierenden Wahlvolk, das natürlich via Steuern und Schweigen auch noch dieses so genannte Christentum unterstützt. Nach Innen gelten halt andere Gesetze als nach Außen, und zwar solange bis das Außen Innen ist – ein ganz alter Trick dieser unserer Spezial-Zivilisation.

Martin
Martin
14 Jahre zuvor

Es stellt sich mir die Frage, was sich eine entsendende Organisation dabei denkt, junge und mglw. unerfahrene Menschen in ein Land wie Jemen zu schicken, für das es aus gutem Grund Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes gibt. Hier hat man sich entweder nicht ausreichend kundig gemacht oder ist die Risiken bewusst eingegangen. Dann trägt man jetzt auch Mitverantwortung für die Opfer, die man mit Auftrag dorthin geschickt hat.
Hayke Lanwert habe ich bisher als WAZ-Autorin geschätzt. Gibt es keinen Link zu ihrem Text?

Heino Lerche
Heino Lerche
14 Jahre zuvor

Ich bin nicht „evangelikal“. Aber diese Verteufelung von „Missionierung“ finde ich heuchlerisch. Andere überzeugen von seiner eigenen Weltanschauung, wollen doch alle.
Oder haben wir nicht demnächst eine Bundestagswahl?
Wichtig ist doch, dass eine „Missionierung“ durch Argumente und „gute Taten“ erfolgt, nicht durch Mord und Totschlag.
Diese Häme, die Frauen seien selber schuld an ihrer Ermordung, finde ich widerlich.

Jens Kobler
14 Jahre zuvor

@Heino Lerche: Und ich fände es widerlich, wenn man in Deutschland/Europa 2009 nicht mal ernsthaft über hiesige Außenpolitik reden dürfte, ohne gleich in eine Mittäter-Ecke gedrängt zu werden. Die „Argumente und gute Taten“ des Einzelnen dienen halt meist dem Interventionismus und den Wirtschafts- und Machtinteressen der anderen. Das habe ich spätestens bei Schröder/Fischer gelernt und ich bezweifle dass das heute anders ist. In jedem Land der Welt ist es normal, (auch Nicht-)Regierungsorganisationen zu hinterfragen, speziell wenn es Tote zu beklagen gibt. Wenn sie die Toten unhinterfragt in Kauf nehmen, bitte. Das aber wäre jedenfalls nicht meine Weltanschauung.

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