„Die Zeitzeugen der Schoa verlassen unsere Welt“

Josef Schuster Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland (ZdJ)

Angesichts des internationalen Holocaust-Gedenktages am 27. Januar weist der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, auf die Notwendigkeit einer vitalen Erinnerungskultur hin: „Erinnerungskultur ist ein Wesenskern unseres Landes. Sie darf kein starres Gebilde sein, sondern muss sich immer wieder neu erfinden. Die Zeitzeugen der Schoa verlassen unsere Welt, das rückt vor allem KZ-Gedenkstätten in den Fokus, um die Erinnerung an das beispiellose Menschheitsverbrechen der Schoa wachzuhalten. Sie müssen finanziell für die Zukunft abgesichert sein, denn sie schützen unsere offene Gesellschaft – in vielen Fällen auch vor sich selbst. Sie geben ihr einen Kompass. Ein Besuch sollte für angehende Geschichtslehrer obligatorisch sein. Darüber hinaus muss die Politik in Bund und Ländern die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der kontextualisierte KZ-Gedenkstätten-Besuch in allen Lehrplänen verankert werden kann. KZ-Gedenkstätten sind überdies häufig Vandalismus und Schändung ausgesetzt. Auch die Sicherheit dieser authentischen Orte muss gewährleistet sein.“

Der internationale Holocaust-Gedenktag wurde in Erinnerung an die Befreiung des KZ-Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 im Jahr 2005 auf Beschluss der Vereinten Nationen eingeführt. Bereits seit 1996 ist in der Bundesrepublik der 27. Januar Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, der auch dieses Jahr unter anderem mit einer Gedenkstunde im Bundestag begangen wird. Im Mittelpunkt stehen in diesem Jahr Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität im Nationalsozialismus verfolgt wurden.

2023 jährt sich am 30. Januar zudem die Machtübernahme der Nationalsozialisten zum 90. Mal. Dazu sagt Dr. Josef Schuster: „Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler war der entscheidende Baustein hin zum mörderischen und totalitären NS-Staat und zur Schoa. Wir leben heute nicht im Jahr 1933, aber diese Ereignisse zeigen uns, Demokratie – und das, was wir mit ihr verbinden, – besteht nie nur aus ihrem Selbstwillen heraus. Um demokratische Werte muss aktiv gerungen werden; Demokratie muss wehrhaft sein. Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen sich Krisen überlagern. Es grassieren Verschwörungserzählungen und gerade Juden werden immer wieder zu Sündenböcken. Menschenfeindlichkeit hat keinen Platz in Parlamenten. Die größte Bedrohung für demokratische Ordnungen und offene Gesellschaften geht im 21. Jahrhundert von ihrem Inneren aus.“

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