Dieser Papst macht einen fassungslos

Papst Franziskus (links). Quelle: commons.wikimedia.org, Foto: Palácio do Planalto Ricardo Stuckert/PR, Lizenz: CC BY 2.0

Als jemand der bereits 1996 aus der Katholischen Kirche ausgetreten ist, weil ich mich schon damals nicht länger mit der Organisation verbunden fühlte, in der ich seit Kindesbeinen an war und in deren Sinne ich von meinen Eltern über Jahre hinweg erzogen wurde, könnte es mir eigentlich ziemlich egal sein, was Papst Franziskus in diesen Tagen so von sich gibt. Als politisch interessierter Mensch ist mir das, was sich das Kirchenoberhaupt da aktuell leistet, aber schon ein paar kritische Zeilen hier im Blog wert.

Als am Wochenende plötzlich die Nachricht die Runde machte, dass der Papst die Ukraine wohl allen Ernstes zum Hissen der weißen Flagge aufgefordert haben soll, da fiel mir schon die Kinnlade herunter, um es mal flapsig auszudrücken.

Hat er das wirklich so gesagt, war die erste Frage, die mir in den Kopf schoss. Ein Irrtum seinerseits schien allerdings ziemlich rasch ausgeschlossen, schließlich verfügt Franziskus ja über einen großen Beraterstab und ist im Umgang mit Medien seit Jahren geschult. Und auch wenn ‚die Kirche‘ die Aussage, die erwartungsgemäß weltweit hohe Wellen schlug, direkt wieder ein Stück weit einzufangen und zu relativieren versuchte, der Kern der Aussage scheint leider  tatsächlich war gewesen zu sein.

Wirklich unglaublich, dass der Papst sich so geäußert zu haben scheint. Die von Russland überfallene Ukraine soll ihren Verteidigungsversuch tatsächlich aufgeben und sich ergeben, bevor sich die Lage aus ihrer Sicht noch weiter verschärft? Die weltweiten Reaktionen waren überwiegend entsprechend harsch und sind es noch.

Als jemand, der sich in diesem Zusammenhang auf der anderen Seite schon länger mit dem Trommeln für einen Sieg der Ukraine schwer tut, und der damit schon eine wesentlich andere Meinung vertritt als viele andere der Autoren dieses Blogs, war ich von Beginn des Konfliktes an felsenfest davon überzeugt, dass ein dauerhafter Frieden in der Region nur über einen Kompromiss möglich sein wird.

Ich wünsche mir daher schon seit Februar 2022 Friedensverhandlungen. Natürlich ist mir dabei sehr bewusst, dass das kein einfaches Unterfangen ist, dass es dafür erst einmal Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten geben muss. Derzeit scheint das leider noch immer nicht realistisch, was ich sehr bedaure.

Einen ‚Sieg der Ukraine‘ vermag ich mir aber auch nach zwei Jahren Krieg noch immer nicht vorzustellen. Niemand konnte mir bisher erklären, wie auch immer ein solcher den konkret  aussehen könnte. Klar, es wäre natürlich sehr wünschenswert, wenn die Ukraine die Eindringlinge  vollständig zurückdrängen könnte. So könnte ein ‚Sieg‘ der Ukraine auf dem Papier aussehen. Wirklich realistisch erscheint mir (und nicht nur mir) das aber nicht. Schließlich hat das Land es hier mit einer Atommacht zu tun. Sollte Putin in Verlegenheit geraten, den Konflikt nicht zumindest für sich gesichtswahrend beenden zu können, ich würde ihm einen Atomschlag durchaus zutrauen. Deshalb würde auch ich der Ukraine grundsätzlich zur Vorsicht raten. Zuviel Druck auf Moskau könnte tödlich enden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber gut, diese Debatten werden wir hier im Blog sicherlich nicht beenden können. Dazu sind selbst ‚die Ruhrbarone‘ untereinander zu unterschiedlicher Meinung.

Was aber selbst mich, der bei der letzten Bundestagswahl die Linkspartei gewählt hat, die ja bei vielen Kritikern als traditionell  Putin-freundlich gilt, an den jüngsten Worten des Papstes verschreckt hat, das ist seine Aussage, die der Ukraine quasi eine Kapitulation nahelegt. Das kann, ja das darf Franziskus ja eigentlich nicht wirklich ernst gemeint haben. Statt den Angegriffenen gegen den Aggressor in Schutz zu nehmen, wie es dem Selbstverständnis der Kirche entsprechen müsste, spielt der Papst Putin mit seinen Aussagen genau in die Karten. Da kann einem selbst als politisch eher linkem Menschen und als Ex-Katholik gehörig der Kamm schwellen.

Erschwerend kommt hier aus meiner Sicht noch hinzu, dass das Kirchenoberhaupt in diesem Konflikt (und leider längst nicht nur in diesem) schon länger eine recht unglückliche Figur abgibt. Zunächst sprach Franziskus seit 2022 wiederholt öffentlich davon, dass der Krieg in der Ukraine dringend beendet werden solle, ohne seit Beginn des russischen Überfalls jemals auch nur einen Fuß auf das Staatsgebiet der Ukraine gesetzt zu haben, so wie es viele Politiker aus aller Welt getan haben, was sicher eine weltweit beachtete und die Moral der Angegriffenen stärkende Aktion gewesen wäre. Und jetzt fällt er dem Land durch sein Interview sogar auch noch faktisch in den Rücken. Es ist nicht zu fassen! Wäre ich nicht schon vor fast 30 Jahren ausgetreten, spätestens jetzt hätte ich mit der Katholischen Kirche endgültig gebrochen…

 

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