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Ditib: „Einen Falschparker fragt man auch nicht, ob ihm der Strafzettel gefällt“

Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh Foto: Arne List Lizenz: CC BY-SA 2.0


Sie wurde das „Wunder von Marxloh“ genannt und als die Ditib-Moschee mit dem 34 Meter hohen Minarett vor zehn Jahren eröffnete, war die Begeisterung groß. Der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers forderte nannte sie ein Beispiel für gelungen Integration und forderte „Wir brauchen mehr Moscheen in diesem Land, aber nicht in den Hinterhöfen, sondern sichtbar, erkennbar.“

Ditib, die deutsche Dependance der türkischen Religionsbehörde Diyanet, galt als seriöser Partner, die Türkei unter Erdogan damals als das Land eines reformfreudigen, weltoffenen Islams.

Das ist lange her: Seit September prüft das Bundesamt für Verfassungsschutz, ob die Ditib als Verdachtsfall unter Beobachtung genommen werden soll. Die Ditib könnte dann mit geheimdienstlichen Mitteln beobachtet werden. Für den Bundesverfassungsschutz könnte  sich die Ditib als  extremistische Organisation erweisen. Gründe für diese Annahme gibt es genug: Auf Ditib-Veranstaltungen marschierten Kinder in Uniformen mit Spielzeuggewehren auf. Die Ditib-Gemeinde im nordhessischen Melsungen veröffentlichte eine Sammlung antisemitischer Sprüche aus dem Koran und den Hadithen, Sammlungen von Legenden über den Propheten Mohammed, und ließ die  Gläubigen wissen:  „Die Juden sind gemein“, „Juden sind geizig“ und „Juden sind schwache Kämpfer“. Imame der Ditib arbeiteten als Agenten für das Erdogan-Regime und bespitzelten türkische Dissidenten. In Ditib-Predigten wurde in den vergangenen Jahren mehrfach dem Märtyrerkult gehuldigt und immer wieder kam es zu einer Zusammenarbeit zwischen der Ditib, der noch islamistischem Milli-Görüş-Bewegung und der Muslimbruderschaft. Letzteres verwundert kaum: Immer wieder macht zeigt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in der Öffentlichkeit die „R4bia“, den vierfingerigen Gruß, der die Solidarität mit der Muslimbruderschaft bekundet.

Je mehr sich die Türkei unter Erdogan zu einem undemokratischen, islamistischen Staat entwickelt, umso mehr entwickelt sich die Ditib zu einem undemokratischen, islamistischen Verband. Die auf 66-Seiten vom Bundesverfassungsschutz zusammengestellten Belege für diese These stoßen jedoch bei den Landesverfassungsbehörden auf Widerstand.

Und der ist mehr politisch denn fachlich begründet. Mehr als 900 Moscheevereine sind mit der Ditib verbunden. Die Ditib behauptet, 70 Prozent der Muslime in Deutschland zu vertreten. Das wären bei ca. 4,5 Millionen Muslimen über drei Millionen – eine Zahl, die auch die Politiker aller Parteien in den Bundesländern beeindruckt. Ihre Größe machte die Ditib zum Partner der Politik. Die Ditib redet mit, wenn es in den Ländern um Religionsunterricht und die Besetzung von Professuren für Islamkunde geht. Mit dem Land Hamburg wurde sogar ein Staatsvertrag geschlossen, in dem Religionsunterricht, der Bau von Moscheen und die Trägerschaft von Kindertagesstätten geregelt ist.

Die Verfassungsschützer in den Ländern befürchten, dass sich das Verhältnis zu den Muslimen verschlechtert, wenn die Ditib vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft und beobachtet wird. Sie folgen damit der Logik der Ditib, die auf die Ankündigung des Bundesamtes für Verfassungsschutz mit dem Verweis auf ihrer Größe und einer Drohung reagierte: „Hunderttausende in Deutschland sozialisierte ‎Muslime zum Gegenstand zwischenstaatlicher ‎Beziehungen zu machen und die um darüber hinaus ‎die Aufmerksamkeit von den aktuellen Diskussionen ‎innerhalb Deutschlands  abzulenken, wird dazu ‎führen, dass der gesellschaftliche Frieden gestört ‎wird und die Gräben zwischen den unterschiedlichen ‎gesellschaftlichen Teilen größer werden.‎“

Doch da wo die Länder klare Kante gegen die Ditib zeigten, wurde der gesellschaftliche Friede bislang nicht mehr gestört als er es ohnehin durch die Arbeit der Ditib ohnehin wurde: NRW hat die Zusammenarbeit mit der Ditib beendet, ohne dass es zu Problemen kam.

Denn wie alle muslimischen Verbände ist die Ditib ein Sitzriese, der seine Größe der Art und Weise verdankt, wie Muslime „gezählt“ werden. Während als Christ gilt, wer Mitglied einer christlichen Kirche ist, gilt als Muslim, wer als Muslim geboren wurde. Ditib beansprucht für sich, für alle Muslime mit einem türkischen Hintergrund zu sprechen. Eine kühne Behauptung. Tatsächlich hat die Ditib nach älteren Schätzungen, aktuelle Zahlen gibt es nicht, wohl um die 130.000 tatsächliche Mitglieder in ihren Vereinen. Also in etwa so viele, wie die Sektion Oberland des Deutschen Alpenvereins Mitglieder hat und deutlich weniger als Bayern München, Schalke 04 und Borussia Dortmund.

Gibt es bei näherer Betrachtung keinen Grund aus Sorge für der Größe der Ditib vor eine Beobachtung zurück zu schrecken ist das Too-Big-To-Fail-Argument inhaltlich ohnehin Unsinn: Je größer eine Organisation ist, umso eine größere Gefahr ist sie.

Die Verfassungsschützer in den Ländern bestreiten nicht, dass die Ditib eine dubiose Organisation ist- Aber sie gelten vielen als türkische Nationalisten und nicht als religiöse Extremisten. Die Landesschlapphüte wollen einzeln Ditib-Angehörige beobachten, zum Beispiel im Rahmen der Spionageabwehr.

Die Frankfurterin Sigrid Herrmann-Marschall beobachtet die Islamistenszene seit langem. Sie ist dafür, Ditib vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen: „Bei dem Bundesverband der DITIB sowie einzelnen Mitgliedsgemeinden halte ich eine Beobachtung für sinnvoll. Das betrifft aber nicht alle Mitgliedsgemeinden. Der Bundesverband sollte wegen der Einflüsse und auch Rückmeldung an die Türkei beobachtet werden.“ Einzelne Mitgliedsgemeinden sollten beobachtet werden, da in ihnen teilweise Gedankengut propagiert wird, das gegen den Gedanken der Völkerverständigung verstößt.

Das Ditib sich gegen die Beobachtung wehrt, verwundert Herrmann-Marschall nicht, aber sie hält es auch nicht für entscheidend: „Muslime haben Rechte und Pflichten wie alle anderen auch. Sie sind keine kleinen Kinder. Einen Falschparker fragt man auch nicht, ob ihm der Strafzettel gefällt.“

Der Artikel erschien bereits in einer ähnlichen Version in der Jungle World

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Ein Kommentar zu “Ditib: „Einen Falschparker fragt man auch nicht, ob ihm der Strafzettel gefällt“

  • #1
    Wolfram Obermanns

    Obacht!
    Die Fachfrau empfiehlt die Beobachtung des Bundesverbandes und bestimmter, einzelner Mitgliedsgemeinden. Das ist eine Einschätzung, der ein aufmerksamer Beobachter des Verbandes gut folgen kann.
    Da sind aber nicht mal die Landesverbände bei und wahrscheinlich z.B. auch keine der Dortmunder Gemeinden bei.
    Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, damit ist niemanden gedient.

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