Dona Quijote, Weise und schönes spätes Mädchen – Katja Lange-Müller las gestern im Essener Maschinenhaus

Ich geb’s zu: Ich bin einer von denen, die nie zuviel kriegen von Katja Lange-Müllers Texten. So eine Überdosis KLM macht mich lebendiger als ich es eigentlich bin. Und – wie viele Leser – betrübt’s mich, dass ihre kurzen Romane so schnell an die Abgründe des Glücks und Unglücks führen und ein Trost oft nur darin liegt, auf ein neues Buch von Katja L.-M. zu warten.

Zu schnell vorbei, ‚dies Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn’: So ging’s auch den Besucherinnen und Besuchern ihrer Lesung gestern im Maschinenhaus Essen, in dem Maschinen längst nicht mehr hausen, aber ein Kunstverein Carl Stipendium e.V.
Und der hat  aus dem schönen Backstein-Denkmal einen Produktionsort der Künste gemacht. Die Dampfmaschine, die hier einst Energie lieferte für die Schachtanlage Carl, braust zwar längst nicht mehr, Dampf aber wird immer noch gemacht. Etwa bei Crossovern (was für ein Wort!) von Jazz & Poetry, von Ausstellung mit Sprechmusik, von Alltagschaos bis Choreographie von Rock (meist nebenan in der Zeche Carl) bis zu Barock und Arie. (www.maschinenhaus-essen.de)

Aktuell läuft im Maschinenhaus „April-Gesicht“, eine Ausstellung zu Skulptur und Grafik des  1949 geborenen Berliner Künstlers Hans Scheib, ein Freund auch und Weggefährte Katja Lange-Müllers, dem sie zum Schluss ihrer großen Lesung einen kleinen Text widmete. Scheib scheibchenweise.
Vor allem aber entführte Katja Lange-Müller die aufmerksamen Zuhörer in ihren eigenen literarischen Kosmos. Und das fiel der geübten Kosmonautin leicht, ist sie doch eine Schriftstellerin, die ihre eigenen Texte virtuos vortragen kann. Wie sie da lakonisch berlinerte, räsonierte, sprachspielte, in Figuren schlüpfte, das war Katja-Sound vom Feinsten. Ein kleines Live-Wunder.

(Und wo wir gerade beim Wundern sind und Wunden nicht fern: Wen wundert’s, dass der Abend im Katja-Kosmos auch von der Allbau-Stiftung gesponsert wurde? Ja, von wem denn sonst, wenn nicht von denen, die am All bauen, dem großen göttlichen Bauherrn gleich, dem Alles-Stifter…  Fast war man geneigt – den Sponsor zu preisen – das Kirchenlied anstimmen „Herr gib mir Mut zum Brücken bauen“. Aber Zeit und Ort dafür war nicht, deshalb hier nur vier Verse O-Ton:
herr gib mir mut zum brücken bauen, / gib mir den mut zum ersten schritt, /lass mich auf deine brücken trauen, / und wenn ich gehe gehst du mit! )

Katja Lange-Müller ist Berliner Ureinwohnerin, erst in Ost- jetzt in Westberlin lebend. Sie hat große Erzählungen als kurze Romane geschrieben – mit so vertrackten Titeln wie „Kasper Mauser – Die Feigheit vorm Freund“, „Verfrühte Tierliebe“, „Vom Fisch bespuckt“ oder „Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“.
Dass sie von der Oberschule flog, Schriftsetzer lernte –  übrigens gemeinsam mit Hans Scheib – , dass sie als pflegerische Hilfskraft in der Frauenpsychiatrie arbeitete und in eine Teppichfabrik nach Ulan Bator in die Mongolei versetzt wurde, 1984 in die BRD übersiedelte, fließt auf die ein oder andere Weise als autobiographische Grundierung in ihre Texte ein – die sich aber von Gefundenem und Erfundenem gleichermaßen nähren.

Katja Lange-Müller hat sich einen schrägen Blick auf die Dinge, auf Berlin, die Welt bewahrt, wohl auch bewahren müssen. Über ihre Zeit in der mongolischen Teppichfabrik schrieb Sie: „Eine furchtbare Zeit. Als ich meine Stasiakte später gelesen habe, wusste ich auch, warum die mich dorthin geschickt hatten. Die Mongolei, stand da ganz explizit drin, ist ein anstrengendes Land. Es ist nicht auszuschließen, dass ihr was zustößt… kurz. Die hatten die Hoffnung, dass ich gar nicht zurückkomme. Bin ich aber.“

Katja Lange-Müller, die an diesem Abend auch Gast des Literaturbüros Ruhr war, hat zu dessen Anthologie „Experiment Wirklichkeit. Renaissance des Erzählens“ einst eine so genannte Poetik-Vorlesung beigesteuert, unter dem kulinarischen Titel „Der Hang zum Brühwürfel“.
Darin schreibt sie: „Mir ist meine, unsere Sprache niemals selbstverständlich vorgekommen. Immer, wenn ich irgendein Wort ganz beiläufig benutzen wollte, es aussprechen, hinschreiben gar, musste ich es mir erst einmal vorstellen. Ja, tatsächlich, ich stellte mir die Wort-Bilder bildwörtlich vor. Sie wurde Zeichnungen vor meinem ‚geistigen Auge’, oft genug Karikaturen.“

Die Vorstellung, dass die Sprache der Eskimo (in Wirklichkeit gibt es viele Inuit-Sprachen) eine im Vergleich zu anderen Sprachen extrem hohe Anzahl an Wörtern für Schnee habe, ist ein verbreiteter Irrtum. (Kann man bei Wikipedia nachlesen …)
Katja Lange-Müller allerdings entspricht so einem Mythos, sie ist tatsächlich ein genau beobachtender Sprach-Eskimo, findet immer wieder neue Worte oder erfindet alte neu, Worte für das unzählig Einmalige, das zwischen Menschen geschieht, für die Subtexte und das innere Sprechen hinter dem äußeren Schweigen und Reden. Wer sonst kann in der deutschen Gegenwartsliteratur – nur zum Beispiel –  Dutzende Arten von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung so nuanciert unterscheiden und gestalten?

In den Erzählungen/Romanen Katja-Lange Müllers gibt es das Weinen und das Lachen immer nur im Paket. In Hunderten Facetten des Tragikomischen halt – wie im richtigen Leben auch. Katja Lange-Müllers warmherzige Geschichten und manchmal kaltschnäuzig wirkende Figuren können einen rühren oder selig machen, rührselig aber sind sie nie. Nicht umsonst erhielt sie – neben vielen anderen den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

Gestern las Katja Lange-Müller vor allem aus ihren Roman „Böse Schafe“.
Dieser schillernde Roman ist vieles in einem: ein Abschiedsbrief, -monolog, eine Abrechnung, ein Nachruf auf einen Mann namens Harry, vielleicht auch ein Nachruf auf ein früheres Selbst der Erzählerin Soja, deren Selbstvergewisserung, ein Roman über das verschwundene Berlin der 80er Jahre, ein Wenderoman und vielleicht auch ein Schelminnen- und Entwicklungsroman, jedenfalls eine Dona-Quijote-Geschichte.

Auf eines möchte ich Sie als zukünftige Leser deshalb jetzt schon hinweisen. Seien Sie nicht zu leichtgläubig, was die Selbstdarstellungen der Figuren angeht. Die Autorin liebt es, einiges im Dunkeln zu lassen, führt Sie als Leser etwas in die Irre: spielt mit Versionen ihrer Geschichte und der Figurenbiographien.
Genießen Sie also vorsichtig. Aber erst kaufen Sie jetzt mal mindestens drei Bändchen KLM.

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Mir
Mir
13 Jahre zuvor

Was ist ein „spätes Mädchen“ ?

Mir
Mir
13 Jahre zuvor

Eine albtraumhafte, tragische Beziehungsgeschichte… von Anfang an zum Scheitern verurteilt… dann das hoffnunsglose Ende… eine leidende Frauenfigur … eine weitere Depri Geschichte wäre wohl zuviel… nett geschrieben…

Weiterempfehlen? Auf jeden Fall!

Mir
Mir
13 Jahre zuvor

Lieber Herr Herholz,

nach dem Lesen des Romans habe ich zuerst überlegt, wer die bösen Schafe sind…

Mir gefällt die Konstellation der Geschichte nicht: Frau verliebt sich in einen mehrfach unheilbar Kranken und rückfällig gewordenen Junkie, den sie vergeblich versucht zu Retten und im Siechtum begleitet. Belohnt wird sie am Ende der Geschichte mit Depression und eventuell auch noch Heroinsucht.

Die Frauenfigur Soja finde ich am Anfang überzeugend stark: ihre Jugend Erinnerungen, die Flucht, der Neuanfang. Wie so eine kämpferische Frau am Ende so hoffnungslos wird, ist eher enttäuschend. Die Liebesgeschichte ist im Prinzip keine, man kann sagen sie ist unecht. Harry ist nicht ehrlich, nutzt sie aus, liebt seine Freiheit, erwähnt sie nicht mal in seinen einzigen Aufzeichnungen.
Er ist ein Schurke. Ich hätte es besser gefunden, wenn Soja am Ende der Geschichte wenigstens mehr Hoffnung bekommen hätte.

Ich stimme ihnen zu, wenn sie Soja „Donna Quijote“ bezeichnen. Aber wiso ist der echte Qujote ein Held aber nicht Soja?

Empfehlenswert ist der Roman hauptsächlich wegen dem Sprachstil und die komische und freche Wortwahl.

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