Dortmunder OB für längere AKW-Laufzeiten

 

Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal an seinem Schreibtisch (Foto: Michael Westerhoff)

Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal spricht sich für längere Laufzeiten von Atomkraftwerken aus. Und widerspricht damit dem Ampel-Kompromiss, im April 2023 aus der Kernkraft auszusteigen.

Das Machtwort seines Parteifreundes Olaf Scholz hat beim Dortmunder Oberbürgermeister Thomas Westphal keine nachhaltige Wirkung hinterlassen. Nur zwei Tage danach eröffnete er den 1. Dortmunder Energiegipfel mit den Worten: „Die Laufzeit der Atomkraftwerke muss verlängert werden.“ Nach dem Gipfel treffe ich den OB zum Interview. Und da teilt der SPD-Politikert kräftig gegen die Energiepolitik der Ampel aus.

„Wir brauchen die Atomkraft als Brückentechnologie. Es macht keinen Sinn, ein Ausstiegsdatum zu definieren“, sagt Westphal mir nach der Konferenz. „Solange der Wasserstoff nicht funktioniert, brauchen wir die Atomkraft. Sobald der Wasserstoff als tragende Energietechnologie funktioniert, brauchen wir keine Atomkraft mehr.“ Allerdings macht sich Westphal wenig Hoffnung, dass das Datum eines Ausstiegs schnell kommt: „Ich hätte gern ein Einstiegszenario in den Wasserstoff der Bundesregierung. Das sind bisher nur Luftblasen“, kritisiert er die Ampel sehr deutlich.

Westphal fürchtet, dass sich die Situation im Winter 2023/24 weiter zuspitzt: „Vom Preis und vom Mangel kann es sich nächsten Winter wieder genauso darstellen. Sogar noch verschärfter, weil ja dann russisches Gas fehlt. Das hatten wir ja wenigstens ein Stück weit noch dieses Jahr.“ Von daher komme ein Aussteig aus der Kernkraft im April 2023 zu früh.

Thomas Westphals Wort hat durchaus Gewicht. Er ist neben Dieter Reiter aus München einer der letzten verbliebenen SPD-Oberbürgermeister in einer Metropole. Er gilt als gut vernetzt in der Partei, nachdem er von 1993 bis 1995 Juso-Bundesvorsitzender gewesen ist. Olaf Scholz unterstützte Westphal bei einem Wahlkampftermin im August 2020 am Dortmunder Phoenixsee,

Zwei Jahre nach seiner Wahl zum Dortmunder Oberbürgermeister erlaubt er sich immer häufiger eine eigene Meinung, die von der Parteilinie abweicht. Schon zweimal sprach er sich gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aus. Am 1. Mai 2022 forderte er bei Twitter seine Follower auf den von Alice Schwarzer und anderen verfassten Offenen Brief an Olaf Scholz gegen Waffenlieferungen zu unterzeichnen. Und auch bei Thema Fracking scheint er anderer Meinung als SPD und Grüne. Auf meine Frage, ob Deutschland angesichts des Energiemangels ins Fracking einsteigen solle, antwortet er süffisant: „Wir kaufen ja lieber das Fracking-Gas aus den USA“.

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frawido
frawido
1 Jahr zuvor

OB Westphal steht wie seine SPD für ein „weiterso wie bisher“. Die nächste Wahl wird er wohl verlieren.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Jahr zuvor

#1 | frawido

„OB Westphal steht wie seine SPD für ein „weiterso wie bisher“. Die nächste Wahl wird er wohl verlieren.“
Völlig egal wie man zur Kernenergie steht, ist dieser Beitrag ein schönes Zeugnis reinen Querdenkens.
Die SPD ist keine pro Kernkraft-Partei.
Seit den 80’ern ist Kernenergie politisch tot.
Westphal ist also weder ein „weiterso“ Vertreter noch auf der Linie der Partei.

Nansy
Nansy
1 Jahr zuvor

#2 | Wolfram Obermanns:

„Seit den 80’ern ist Kernenergie politisch tot“ – Aber wohl nur in Deutschland und bei der SPD und den Grünen! Weltweit wollen viele Länder neue Atomkraftwerke bauen. Die sehen das ganz anders – aber natürlich haben nur die Deutschen die richtigen Ansichten und fast alle anderen Länder sind auf dem Holzweg. Das übliche deutsch Problem halt…

thomas weigle
thomas weigle
1 Jahr zuvor

Ich habe da mal ?ne Frage. Bisher ist`s ja so ,dass die meisten Brennstäbe in den europ. AKWs von einer Firma aus Ru. geliefert wurden. Wo kommen die denn dann in Zukunft her?

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Jahr zuvor

@ Nansy
So tot wie in Deutschland ist Kernenergie in sonst keinem anderen Land, das stimmt.

der, der auszog
der, der auszog
1 Jahr zuvor

@Michael Westerhoff (#7)

Zum Hinweis auf Lingen und den Nebelkerzen von Atomkraftgegner folgende Gedanken:

Gebürtig komme ich aus dem Westmünsterland. Bevor mein Vater in den Ruhestand ging, arbeitete er als Ingenieur bei der Steag und war als solcher am Bau der Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau beteiligt. In der Schule traute ich mich gar nicht, das offen zu sagen, weil man damals schon als Außenseiter galt, wenn man der Atomenergie etwas positives abgewinnen konnte, sowohl bei Lehrern, als auch bei einigen Mitschülern. Aber für mich war Atomenergie damals schon etwas positives weil mein Vater gutes Geld damit verdiente, von dem unsere Familie prima leben konnte. Das war Anfang der 1980er Jahre.

Kurz zur Technik: In einer Urananreicherungsanlage, wie der in Gronau, wird mittels Gasultrazentrifuge Uranhexafluorid, eine radioaktive Verbindung aus Uran und Fluor, angereichert, indem der Anteil des im seltenen (Natur-)Uran enthaltenen Isotops235U vom wesentlich häufiger vorhandenen Isotop238U getrennt wird. Das angereicherte Uranhexafluorid ist dann der Kernbrennstoff für Kernkraftwerke. Uff, das klingt vielleicht verwirrend, ist aber völlig ungefährlich, wenn man richtig damit umgeht.

In Deutschland ist die Anlage in Gronau die größte ihrer Art, unter Umständen sogar die größte in ganz Europa. Betrieben wird sie von URENCO, einer britisch-niederländisch-deutschen Gesellschaft zu je drei gleichen Teilen, in denen die beteiligten Staaten, aber auch private Unternehmen wie e.on ihre Finger im Spiel haben. Für die deutschen Medien ist diese Anlage leider immer nur dann interessant, wenn es darum geht, ihre Zufahrtswege zu blockieren, Bahngleise zu sabotieren und sie schlecht zu schreiben. Der WDR zeigt sich in dieser Disziplin gerne besonders kreativ, aber das nur am Rande und auch nur als meine ganz persönliche Meinung.

Die Gronauer Anlage hat den großen Vorteil, dass hier der Rohstoffbedarf von Naturchemikalien aus anderen Ländern wie sie in den Kommentaren oben genannt werden, relativ klein ist, weil der Rohstoff der wieder anzureichernde Brennstab ist. Diese Information als Ergänzung zu #7. URENCO Gronau ist quasi eine Kernbrennstäbeecyclinganlage, die radioaktive Naturressourcen schont und dazu noch extrem sicher ist, weil sie unter ständiger staatlicher und internationaler Beobachtung steht, wie es für Anlagen, die mit Atomkraft hantieren, üblich ist.

Wie lange es URENCO in Gronau noch geben wird, steht indes in den Sternen. Aufgrund der Einstufung von Atomkraft als grüne klimafreundliche Energie durch Brüssel müsste diese Anlage eigentlich eine rosige Zukunft haben, denn die Brennstäbe, die dort aufbereitet werden, werden in vielen Ländern nachgefragt und versandt. Jeder zehnte Brennstab weltweit kommt aus Gronau und die staatlich verbrieften Verträge für den Betrieb von URENCO laufen noch bis 2042.

Wenn da nicht die Grünen wären…

Die Grünen nämlich fordern einen baldigen Stop des Anlagebetriebes, letztmalig Anfang des Jahres im NRW Landtag und pünktlich zum Kriegsbeginn in der Ukraine, und erklären dies mit dem für 2022 geplanten Atomausstieg der einem Weiterbetrieb von URENCO Gronau widerspräche. Genau diese Grünen sitzen derzeit sowohl in der Ampel- als auch in der NRW Landesregierung und stellen jeweils die Wirtschaftsminister.

De facto ist die Forderung nach einer Stilllegung von URENCO allerdings der Versuch, nach der Einstufung der Atomenergie als „klimafreundlich“ auf die Energiepolitik anderer europäischer Länder Einfluss zu nehmen, denn begründet wird sie mit dem Argument, Gronau würde den Weiterbetrieb von weiteren Hochrisikoreaktoren ermöglichen und der sollte ja eigentlich Ende 2022 beendet werden; woran ich 1. nicht glaube – die 3 AKWs in Deutschland werden auch über den vereinbarten Termin im April nächsten Jahres weiterlaufen, hier blufft die richtlinienkompetente Ampel – und 2. wird wieder eine der in #7 erwähnten Nebelkerzen sichtbar:

Ein „Hochrisikoreaktor“, was soll das sein? Wieso können die Grünen, die bei jeder Gelegenheit Objektivität fordern und Wissenschaftlichkeit anmahnen, nicht von „Kernreaktor“ oder „Atomkraftwerk“ reden, wie jeder seriöse Mensch das auch täte? Ganz einfach: weil man mit einem Hochrisikoreaktor mehr Angst erzeugen kann, als mit einem Kernreaktor, der im Kern ja erstmal nur ein Reaktor ist, ohne gleich ein Hochrisiko darzustellen.

Für Gronau ist die Atomkraft übrigens ein Segen, genau wie für die Stadt Lingen. Beide waren von dem Untergang der Textilindustrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts extrem betroffen, wirtschaftlich vergleichbar mit der Krise im Ruhrgebiet nach dem Ende von Kohle und Stahl nur in kleinerem Massstab und mit einer Lösung, um die Region wieder nach vorne zu bringen. Stichwort EUREGIO. In Lingen arbeiten über 300 Menschen, in Gronau weit über 200 in den jeweiligen Brennstäbewerken, hinzu kommen die Arbeitsplätze von Zulieferern und Logistikern. Die Grünen wollen das leider alles kaputt machen und demonstrieren auch in diesem Bereich recht deutlich, dass sie von Wirtschaftspolitik eigentlich keine Ahnung haben.

zum Thema URENCO und Grüne noch ein Link zu einem Artikel in den Westfälischen Nachrichten von Ende Februar
https://www.wn.de/muensterland/kreis-borken/gronau/neuer-anlauf-der-grunen-1006604?&npg
—–

@Don Giovanni
Sorry, ich kann nicht kürzer, und du hättest es auch diesmal nicht lesen müssen, trotzdem Danke für deinen Einwand neulich 😎

Christian
Christian
1 Jahr zuvor

#8 | der, der auszog : „Ein „Hochrisikoreaktor“, was soll das sein?“

sowas wie Fukushima: ein Reaktor, der so lange als absolut sicher gilt, bis er in die Luft fliegt

(und jetzt bitte keine rassistischen Ausführungen, à la: „wir Deutsche/Europäer können das besser, Danke!)

der, der auszog
der, der auszog
1 Jahr zuvor

@Christian

1. befindet sich Fukushima tatsächlich nicht in Deutschland sondern im 9.000 km von hier entfernten Japan
2. würde es mich freuen, wenn sie Unterstellungen, wie „jetzt bitte keine rassistischen Ausführungen“ in meine Richtung unterlassen.
Danke schön

Christian
Christian
1 Jahr zuvor

@ #10 | der, der auszog: „befindet sich Fukushima tatsächlich nicht in Deutschland sondern im 9.000 km von hier entfernten Japan“

hast Du das auch von deinem schlauen Kernenergie-Ingenieur-Papa gelernt?

Zum Dank für die wichtige, überraschende Info gibt’s einen kleinen Gratis-Sprachkurs zu „Papa“: https://dizionario.internazionale.it/parola/figlio-di-papa

Siggi aus GL
Siggi aus GL
1 Jahr zuvor

der der auszog
Danke auch von mir. Ich kenne die Gegend Gronau weil wir dort gerne Fahrrad fahren. Wie sieht es aber bei Urenco mit Störfällen aus, weißt du oder auch andere da was drüber?
Schöne Grüße

der, der auszog
der, der auszog
1 Jahr zuvor

@Siggy aus GL (#12)

Hallo Siggi.

Störfälle müssen den Behörden unmittelbar gemeldet werden, wobei mit Störfall erst einmal nur die Störung eines betrieblichen Ablaufs gemeint ist und insofern ein Störfall alles oder nichts sein kann. Anlagen, in denen mit radioaktiven Elementen gearbeitet wird, werden in Deutschland staatlich kontrolliert. Für URENCO Gronau obliegt die Aufsicht der Bezirksregierung in Münster.

Vor 13 Jahren hat es in Gronau tatsächlich einen Störfall gegeben, der für ein paar Schlagzeilen in den Medien gesorgt hat. Beim Öffnen eines nicht richtig gereinigten Druckbehälters atmete ein URENCO Mitarbeiter radioaktiv verseuchte Luft ein und wurde in ein Krankenhaus zur Beobachtung gebracht, allerdings nach wenigen Tagen wieder entlassen. Die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft wurden später an eine schwedische Staatsanwaltschaft übergeben, weil der Fehler nicht bei URENCO lag, sondern bei einer schwedischen Firma, die für die Reinigung des Druckbehälters zuständig war und den Behälter fälschlicherweise als sauber deklariert hatte.

Auf der Homepage von URENCO stellt der Geschäftsführer Dr. Joachim Ohnemus indes klar:

„Seit Produktionsbeginn im August 1985 arbeitet die Anlage, ohne dass Auswirkungen auf die Bevölkerung oder die Umwelt hervorgerufen wurden.“

Dort findest du auch weitere Hinweise zur Sicherheit der Gronauer Urananreicherungsanlage:

https://www.urenco.com/cdn/uploads/supporting-files/UD_Information_booklet_0719.pdf

Die Informationen zum erwähnten Störfall finden sich unter anderem in einem taz-Artikel vom 30.1.2010:

https://taz.de/Stoerfall-in-Gronau/!5148515/

und was das Fahrradfahren angeht empfehle ich die Moorlandschaften im Grenzgebiet Gronau/Enschede mit ihrer einzigartigen Pflanzen- und Vogelwelt, besonders im Frühjahr, wenn die Moore blühen

https://de.wikipedia.org/wiki/Amtsvenn

https://de.wikipedia.org/wiki/Gildehauser_Venn

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