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ECE: Ein Blick nach Leverkusen ist ein Blick in die Zukunft von Bochum und Dortmund

Die Rathaus-Galerie in Leverkusen ist das Vorbild für das geplante ECE-Einkaufszentrum in Bochum. Ein Ausflugsbericht.

„Fahren sie doch mal nach Leverkusen. Da können sie sehen, wie wir Einkaufszentren bauen, die sich zu Stadt hin öffnen,“ sagte mir ein ECE-Mann im Februar am Rande einer Pressekonferenz, bei der es um die Pläne des Einkaufszentrumsbetreibers für Bochum ging.

Gestern dann endlich die Exkursion in den Kölner Chemievorort.

Auf den ersten Blick fallen die Gemeinsamkeiten von Bochum und Leverkusen auf: Die Innenstädte beider Kommunen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar ohne weiteres Zutun von Architekten und unter den wachsamen Augen sadistisch veranlagter Stadtplaner aufgebaut. Ästhetisch bewegt man sich auf Augenhöhe mit Marl, Rostock-Lichtenhagen und Dietzenbach: Grau, trostlos und öde kommt die Mitte daher und erfüllt somit alle Erwartungen an eine Stadt die nach dem einstigen Chemieunternehmen Leverkus benannt wurde.

In dieser Ödnis eröffnete ECE im Februar vergangenen Jahres die Rathaus-Galerie. Das Einkaufszentrum, in dem sich neben einem Kino auch noch die Stadtbücherei und der Ratssaal und weitere städtische Einrichtungen befinden ersetzte ein am Ende fast leerstehendes Rathaus, dessen Abriss niemand den ich ansprach, bedauerte. Geparkt wird auf dem Dach.

Was ECE in Leverkusen baute unterscheidet sich tatsächlich von abgeschotteten Bunkern wie dem Limbecker Platz in Essen: Das Gebäude ist transparent, die Aussengastronomie öffnet sich zur Fußgängerzone, es gibt Passagen und einen belebten Vorplatz.

22.000 Quadtratmeter Einkaufsfläche bietet das Center, 120 Geschäfte und Lokale gibt es, der Mix an Läden ist auf mittlerem Niveau: Vor allem Mode für ein junges Publikum wird angeboten, es gibt einen Saturn und ein C&A aber auch Ramscher wie Ernstings Family. Die Mischung passt zu Leverkusen – ein gehobeneres Sortiment anzubieten wäre in einer Stadt die zwischen Köln und Düsseldorf liegt auch Unfug. ECE weiß was es tut und macht beim Besatz seiner Center keine Fehler. Innen sieht die Rathaus Galerie aus wie jedes andere Center seiner Klasse: Ordentlich und langweilig.

Doch wirkt sich ein transparentes, offenes Einkaufszentrum auf die umliegende Innenstadt anders aus als die klassische Kistenarchitektur anderer Center?

Nein. Geht man durch die Fußgängerzone fallen schon dort die zahlreichen Leerstände auf. In den Passagen und kleinen Centern abseits der Hauptstraße wirkt die Situation noch trostlose.

Redet man mit den Händler in der Nähe der Galerie, ergibt sich allerdings ein widersprüchliches Bild: Wer mit seinem Angebot ein älteres Publikum anspricht und viele Stammkunden hat, spürt die Auswirkungen des Einkaufzentrum kaum und profitiert sogar von der Wiederbelebung die durch das Center am Ende der Fußgängerzone eingetreten ist. Wer allerdings außerhalb des Centers Waren anbietet die es auch im Center gibt, verliert. Zudem sind mehrere Ketten von der Fußgängerzone in das Center gezogen – wenn es Neuvermietungen gab konnte im Normalfall das Niveau nicht gehalten werden. Das aus Essen bekannte Downgrading lässt sich auch in Leverkusen beobachten – und wird im Gespräch mit Passanten bestätigt:

Es ist eine muntere Riege ältere Damen die sich auf ein Glas Sekt vor dem Kaufhof am anderen Ende der Fußgängerzone versammelt hat. Graumelierte Shopping-Queens die ihrer Innenstadt kennen wie kaum jemand sonst. Und mit der, da sind sich die Damen einig, geht es bergab: „Seit die Galerie eröffnet hat, haben viele Läden zugemacht und wir wissen, das weitere kurz vor dem Ende stehen.“ In allen Lagen der Mitte, auch in der Altstadt, würde man das merken. „Alles konzentriert sich jetzt in dem Center.“

Ob offene Bauweise oder  nicht – Einkaufszentren beleben keine Innenstädte, sie saugen deren Publikum auf und erweisen sich als  Citykiller. Das ist in Leverkusen und Essen so, wird in Dortmund ab September kaum anders sein. Eine Lektion, die auch Bochum und Recklinghausen, wo MFI einen Citykiller bauen will, lernen werden. Wahrscheinlich erst, wenn es zu spät ist und die Verantwortlichen längst in Rente sind.

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9 Kommentare zu “ECE: Ein Blick nach Leverkusen ist ein Blick in die Zukunft von Bochum und Dortmund

  • #1
    Extraterrestrial Cannibalistic Economists

    UFO in Leverkusen gelandet !

    ECEs (Extraterrestrial Cannibalistic Economists) wollen die Menschheit in ihre Gewalt bringen !

    Alarmstufe Ruhrgebiet !

  • #2
    Höddeldipöpp

    Ich vermute mal, genau so ein postmodernes Transparenz-Dings steht auch in Singapur, Bangalore und Wladiwostok. Ich brauche in Zukunft gar nicht mehr irgendwo hin fahren, denn überall sieht’s gleich aus. Eine Zukunft zum Gähnen. International Style halt.

  • #3
    Thomas Auer

    [/satire on]
    Ha, wartet nur ab, wenn das wahrlich einzigartige Marktzentrum in Velbert eröffnet wird, da pilgern dann die Menschenmassen hin, wenn auch nur halb so groß wie Leverkusen, so ist doch die VK-Fläche fast genauso so groß.
    Das wird einen wirklich immensen Schub für die Innenstadt von Velbert geben…^^*g* (Schwerter zu Pflugscharen, Einzelhandelsfäche zu Wohnraum)
    Wenn es dann noch – nach dem Neubau von Kaufland (5.000 qm) – ein E-Center in fußläufiger Entfernung von 7 Minuten von noch einmal 5.000 qm am Rand der Innenstadtbau geben wird, dürften Essen, Mülheim, Bochum und Dortmund nurmehr der Geschichte angehören und der Limbecker Platz ein Fußnote der Geschichte sein, ganz zu schweigen von den kleinen Krautern in Wülfrath, Mettmann… *ggg*
    Dann ist Schluss mit lustig mit dem Ruhrgebiet und die Zukunft wird von Velbert geschrieben. 😉
    [/satire off]

    😉
    Thomas

  • #4
    Thomas Auer

    Wir dürfen und müssen also das LEPro komplett in die Tonne kloppen.
    Es gibt kein Miteinander, nur ein Gegeneinander, trotz “Landesentwicklungsprogramm”.
    Wenn dann noch die Städte den tollen Investoren die Füße lecken, wen sollte es wundern?

    (Bitte im vorherigen Post den -bau von Innenstadtbau entfernen, danke)

    Beste Grüße
    Thomas
    wie immer ganz unanonym

  • #5
    teekay

    Gerade das Gespraech mit den Damen zeigt ja auch eine ganz neue, interessante psychologische Dimension: Egal ob die Zahlen und Beobachtungen das bestaetigen, es gibt auch ein ‘Bauchgefuehl’ und eine sich selbst-erfuellende Prophezeihung (?) dass sich ‘alles’ auf das neue Zentrum konzentriert und Laeden ‘am Ende’ sind-daher geht der Konsument lieber gleich in Zentrum, wo alles neu und schick ist und traegt so weiter zum Untergang der Innenstadt bei. Hat das noch kein Psychologie-Lehrstuhl untersucht?!

  • #6
    Urmelinchen

    Hattingen, das vormals eine wirklich nette Innenstadt hatte, bekam ja auch so einen “hübschen” Center verpasst. Der Anblick grauselt. Aber das Beispiel hier wird zumindest die Stadtvatis und -muttis in Bochum nicht davon abhalten, sich auch so ein Ding zuzulegen. In der Ansiedlung hässlicher Bauten ist man hier nämlich ganz groß. Ich würde glatt von Kernkompetenz sprechen. Die Stadtbadgalerie, ein Traum der Architektur, höhö, ist nur eines der vielen Beispiele. Stadtverödung ist ein weiteres Anliegen dieser Stadt, wozu auch gehört, alten Baumbestand zu beseitigen. Dieses Schicksal soll ja der Oskar-Hoffmann-Str. blühen.
    Jungs & Mädels im Rathaus, aber am Ende nicht darüber knatschen, dass die Leute abwandern. Das gilt dann nicht!

    PS: Liebe Redaktion, könnten Sie bitte “Zweiter Weltkrieg” schreiben. Ist ein Eigenname. Und wenn man schon politisch sein will, was gut ist, sollte man das schon drauf haben ;-)!

  • #7
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Urmelinchen: Tragisch das alle meine Versuche, die Rechtschreibung zu reformieren, immer als Fehler ausgelegt werden 🙂

  • #8
    Urmelinchen

    @ Stefan Laurin
    Muy bien! 🙂 Und was die Tragik anbelangt, so ein bisschen Weltschmerz, hervorgerufen durch dogmatische Andere wie meine Wenigkeit, in dem man sich mal gepflegt eine Runde suhlen kann, ist doch etwas Feines. Danach schmeckt das Bier gleich noch einmal so gut!

  • #9
    Mahqz

    Immerhin hat Kaufhof seinen Mietvertrag vor kurzem verlängert, was bedeutet, dass wenigstens noch der ein oder andere das Center auch in Zukunft verlassen und die Hauptstraße entlang gehen wird. Auch wenn dort jetzt das ein oder andere Ladenlokal leersteht wird diese Straße also nicht völlig kaputt gehen. Anders sieht es mit den Nebenzentren aus, die in den 70ern mal der neueste Schrei waren, aber in der aktuellen Situation quasi tot sind. Was damit passieren wird ist auch hier ein großes Rätsel… Aber man kann zumindest sagen, dass das Center die Zahl der Einkaufenden in der Stadt Leverkusen erhöht hat, das dies (vermutlich) nur im Center geschah steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und ob man ein Rathaus in PPP bauen sollte halte ich auch für zweifelhaft.

    Grüße aus Leverkusen
    Markus

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