Ein Blick in den Abgrund des Ruhrgebietes

Ein Nazi hat in Passau einen Polizisten abgestochen. Eine neue Dimension der rechten Gewalt? Fern ab in Bayern? Ich musste an einen Fall in Bochum denken, in dem Männer aus dem rechten Milieu abscheuchliches taten. Mitten im Ruhrgebiet. Ich habe das Verbrechen aus dem Jahr 2002 rekonstruiert.

Wir sehen auf einem Foto ein kahles Zimmer in einem unscheinbaren Bochumer Neubau. Ruhrgebiet. Stil: späte 80er Jahre. Einige Poster hängen an der Wand. Mit Sorgfalt schief aufgehängt. Vor einer unbezogenen Matratze liegen auf einem grauen PVC-Boden zwei Ikea-Flickenteppiche, Modell "Jeksen", Stückpreis: 2,95 Euro. Ein aufgeräumtes Zimmer, nur in der Küche lehnt eine blaue Mülltüte mit zwei Dutzend leeren Bierdosen an der Heizung.

Auf dem Boden ist noch ein dunkler Fleck zu sehen, in der linken hinteren Ecke, zwei Handbreit über dem Teppich "Jeksen". Auf der blanken Matratze, eine Armlänge unter dem Kopfkissen, befinden sich weitere dunkelrote Flecken.

Auf dem zweiten Tatortfoto der Bochumer Kriminalpolizei liegt die Matratze am unteren linken Bildrand. Man sieht jetzt, dass es eine Doppelmatratze ist, über die zwei Decken geworfen sind. Durch die gläserne Balkontür erkennt man das Nachbarhaus, einen schmucklosen Altbau in einem Bochumer Arbeiterviertel. In der Mitte des Fotos stehen ein abgewetztes Sofa und ein Wohnzimmertisch, darunter eine Tüte mit leeren Bierdosen. Auf dem Boden drei weitere Ikea-Teppiche "Jeksen". Zwischen Sofa und Balkontür eine alte Box mit Holzrahmen, darauf ein neuere Aktiv Box.

Die Flecken sind Spuren. Getrocknetes Blut von Andreas M., einem 26-jährigen Arbeitslosen in dieser Wohnung zu Gast war. Andreas M. – korpulent, gut eins-neunzig groß, dunkelhaarig, rund, mit weichem Gesicht – wollte hier ein paar Bier trinken und kiffen. Mieter der Einzimmerwohnung ist Ralph K., ein 27-jähriger arbeitsloser Skinhead.

Nach Angaben des amtlichen Wetterberichts zog am 5. November 2002, einem Dienstag, eine schwache Kaltfront durch das Ruhrgebiet, die Temperatur fiel in der Nacht auf zwei Grad. Andreas M. kam an jenem Abend mit zwei Bekannten in die Wohnung von Ralph K. Insgesamt befanden sich dort sieben Personen. Ralph K. hatte gesagt, dass eine Party steigen solle. Auch Christian J. war anwesend, ein arbeitsloses Ex-Mitglied der NPD, fast zwei Meter groß, mit blanker Glatze und großen Händen, in der Bochumer Obdachlosenszene "der Lange" genannt. Die Freundinnen von Ralph K. und Michael B., zwei Mädchen mit blond gefärbten Strähnen, saßen auf dem Sofa.

Andreas M. lebt in der "Pappschachtel", einem Heim für obdachlose Jugendliche im Osten Bochums. Ab und zu hat Andreas M. dort für die Skinheads Spagetti gekocht, wenn sie irgendwelche Bekannte in der "Pappschachtel" besuchten. Dafür wolle er sich bedanken, sagte Ralph K., als er Andreas M. zu sich nach Hause einlud. Auf dem Boden stand eine Palette Halbliterdosen Bier, auf dem Wohnzimmertisch härterer Stoff; jemand drehte einen Joint.

Die Tatabfolge lässt sich aus Zeugenaussagen, Ermittlungsergebnissen der Bochumer Kriminalpolizei sowie den Geständnissen von Ralph K. und Michael B. rekonstruieren.

Die Musik war laut. Nach ein paar Bier stieß Andreas M. gegen die übereinander gestellten Boxen neben der Balkontür. Sie fielen um. Ralph K. schlug seinem Gast Andreas M. daraufhin ohne Warnung mitten ins Gesicht. Die Nase platzte auf, Blut spritzte auf den Boden.

Die Nachbarn von Ralph K. kannten diesen Lärm. Niemand dachte an etwas Schlimmes. "Der hat nachts immer so laute Krachmusik gehört", sagt ein blonder Mann mit polnischem Akzent aus der Wohnung nebenan. "Ich wollte mich schon beschweren." Pause. "Hab ich zum Glück aber nicht gemacht." Im Flur riecht es nach Reinigungsmitteln und Knoblauch.

Auf dem dritten Tatortfoto sind hinter dem Sofa Schlieren an der weißen Wand zu sehen. Sie ziehen sich in Kopfhöhe um die Ecke und sinken in weitem Bogen bis auf die Fußleiste hinab. Nach den ersten Schlägen zwingt Ralph K. seinen Gast Andreas M. in diese Ecke. Dann schlägt er mit der Faust zu. Immer wieder. Blut spritzt aus den aufplatzenden Augenbrauen, aus der Nase, aus dem Mund auf die Raufasertapete. Andreas M. geht in die Knie. Die Mädchen auf dem Sofa lachen. Die beiden Bekannten von Andreas M. grölen, trinken weiter Bier. Sie werden applaudierende Zeugen der Gewaltorgie.

Ralph K. tritt seinem Opfer in den Bauch. Sein Freund Michael B. gibt die Befehle. "Es muss Blut fließen", soll er verlangt haben. Ohne Grund. Andreas M. bricht zusammen, liegt auf dem Boden. Ralph K. tritt weiter zu. Andreas M. macht sich in die Hosen. Die anderen im Zimmer riechen das. Hektisches Lachen. "Das Schwein", soll Ralph K. gerufen haben. Er sieht jetzt einen Grund weiterzuprügeln. Zwischendurch öffnet sich der Schläger immer wieder ein neues Bier. Andreas M. liegt wimmernd am Boden. Ein neuer Tritt. Pause.

Ralph K. und Michael B. nennen das, was sie taten, eine "Prügelparty". Es war nicht ihre erste: Gemeinsam mit dem ehemaligen NPD-Mitglied Franz S. luden sie flüchtige Bekannte in ihre Wohnungen, um sie dort zu quälen. Ausgestoßene Menschen, Sozialhilfeempfänger und Obdachlose. Sie schlugen ihnen die Schneidezähne aus, zwangen sie, verfaulte Lebensmittel zu schlucken, oder warfen ihnen Schränke auf die Schienbeine. Insgesamt konnte die Kriminalpolizei Bochum sechs "Prügelpartys" ermitteln. "Es ging ums Demütigen", sagt Franz S. später.

Nach einer, vielleicht auch zwei Stunden können Ralph K. und Michael B. den Kotgestank in der Wohnung nicht mehr ertragen. Sie wollen, dass sich ihr Opfer wäscht.

Andreas M. schleppt sich ins Badezimmer, zieht sich aus. Aus seiner Nase tropft Blut. Nachdem er sich gewaschen hat, muss er nackt in das Wohnzimmer zurückkehren und sein Blut von der Wand wischen. Das Blut zieht Schlieren über die Raufasertapete.

Die Augen von Andreas M. sind zugeschwollen, er kann seine johlenden Peiniger kaum erkennen, die auf dem Sofa Bier trinken. Ralph K. und Michael B. drücken ihm eine Wasserflasche in die Hand. Andreas M. muss sich diese Flasche in den After schieben, dann den Flaschenhals ablecken. Danach verlangt Michael B. von Andreas M., sich im Schneidersitz auf einen der Teppiche zu hocken und zu onanieren. Wie ein gefangener, seelisch kaputter Affe im Käfig. Die anderen lachen. Weil Andreas M. nicht sofort ejakulieren kann, schlägt Michael B. ihn ins Gesicht. Andreas M. muss weiter onanieren, Blut läuft über seinen Mund. Die Skinheads schlagen ihr Opfer auf dem Teppich ohnmächtig.

Michael B. schläft mit seiner Freundin auf dem Sofa. Ralph K. legt sich mit seiner Freundin auf die unbezogene Matratze. Die beiden anderen Bekannten von Andreas M. schlafen auf dem PVC-Boden. Der stöhnende Andreas M. wacht zusammengekrümmt hinter dem Sofa auf. Er will gehen. Die Tür ist abgeschlossen.

Am nächsten Morgen kocht Ralph K. in der kleinen Küche auf einer der beiden Herdplatten Kaffee und gibt ihn Andreas M. zu trinken. Dann schmeißt er ihn aus der Wohnung.

———

Nachtrag: Nach einer Woche traut sich Andreas M., bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Die sechs "Prügelpartys" der Skinheads Ralph K., Michael B. und Franz S. wurden 2003 vor dem Landgericht Bochum verhandelt. Ralph K. wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und zur sofortigen Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt verurteilt. Franz S. wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach zwei Jahren kann er in eine geschlossene Trinkerheilanstalt überstellt werden.

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2 Kommentare

  1. #1 | Kunar sagt am 16. Dezember 2008 um 21:31 Uhr

    Spontan fühlte ich mich an zwei andere Fälle erinnert:
    1. Jugendliche in den USA trinken zunächst mit einem Obdachlosen Bier, dann gehen sie auf ihn los und schlagen ihn tot. Gelesen habe ich das in der draußen 03/07 (PDF), im Original stammte es wohl von Spiegel Online. Der Artikel heißt „BRUTALER >>TRENDSPORT<< IN DEN USA – Teenager machen Jagd auf Obdachlose“ und ist von Jens Todt.

    2. In Eisenach treffen sich ein paar junge Erwachsene zu einem Besäufnis. Ein Arbeitsloser kommt dazu und trinkt mit. Als sich herausstellt, dass er kein Geld hat, um neues Bier zu holen, wird er von zwei Männern totgeschlagen. Der Artikel Mord am Spielplatz von Göran Schattauer ist zunächst im gedruckten Focus erschienen. Kurzfassung und Vorankündigung waren schon vorher im Netz.

    Verstörend an diesen Fällen wirkt die Tatsache, dass die Täter mit ihren Opfern zunächst gemeinsam getrunken haben und dann ohne Anlass mit der Gewalt begannen. Besonders zu denken gibt auch, dass die persönliche Erniedrigung des Opfers eine Rolle gespielt hat.

  2. #2 | Muschelschubserin sagt am 16. Dezember 2008 um 23:24 Uhr

    Ich bin schockiert.

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