Ein paar Gedanken zum 8. Mai

Generaloberst Alfred Jodl, zuvor von Karl Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai 1945 in Reims. Foto: Franklin D. Roosevelt Library Lizenz: Gemeinfrei


Heute vor 77 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der zweite Weltkrieg in Europa. Einen Tag zuvor hatte die Wehrmacht im obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Der 1. September 1939, als Deutschland Polen überfiel, gilt als das Datum des Kriegsbeginns. Aber schon vorher war Deutschland in Tschechoslowakei, Japan in China und Italien in Äthiopien einmarschiert. Die drei Achsenmächte ließen niemanden über ihren Willen, Krieg zu führen, im Unklaren.

Deutschland wurde an diesem Tag so wenig von den Alliierten befreit wie ein Geiselgangster von der Polizei nach der Stürmung einer Bank. Deutschland und der weitaus größte Teil der Deutschen waren Täter. Vor allem nach dem Sieg über Frankreich 1940 stand die Bevölkerung hinter Hitler. Von der Ermordung der Juden und den Plünderungen in den besetzten Gebieten hatten fast alle profitiert. Erst als die Wehrmacht ab dem Winter 1942/43 ihre Schlachten verlor und von den alliierten Truppen niedergekämpft wurde, nahm die Skepsis zu. Breiten Widerstand gab es jedoch nie und auch die Armee kämpfte verbissen fast bis zum letzten Tag. Dwight D. Eisenhower, der oberste Befehlshaber der westlichen Alliierten, schrieb in seiner ersten Proklamation: „Die Alliierten Streitkräfte, die unter meinem Oberbefehl stehen, haben jetzt deutschen Boden betreten. Wir kommen als ein siegreiches Heer: jedoch nicht als Unterdrücker.“ Die westlichen Alliierten hatten in ihrem Bereich die Menschen in den Ländern befreit, die von den Deutschen besetzt wurden. Ihnen stand, sie konnten es damals noch nicht einmal ahnen, eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand bevor.

Im Osten sah es anders aus: Zwar hatte die Rote Armee auch dort die Menschen von den Nazis befreit und den wenigen Überlebenden Juden in den Konzentrationslagern das Leben gerettet, aber für viele war es der Beginn einer neuen Phase der Unterdrückung, die bis in die Wendejahren 1989/90 andauern sollte.

Für die Sowjetunion begann der „Große Vaterländische Krieg“, wie dort der 2. Weltkrieg genannt wird, erst 1941 mit dem Überfall Deutschlands. In den Jahren zuvor war sie ein Verbündeter des Deutschen Reichs. Der Hitler-Stalin-Pakt sicherte ihr die Herrschaft über Polen, Litauen, Estland und Lettland. Als Frankreich und England im Krieg mit den Deutschen standen, lieferte die Sowjetunion kriegswichtige Rohstoffe. Die kommunistischen Parteien im Westen taten alles, um den Widerstand zu schwächen.

Ob in Polen, Ungarn, der DDR oder der Tschechoslowakei: Immer wieder wehrten sich die Menschen gegen die von der Sowjetunion eingesetzten Regime, die sich nur so lange an der Macht halten konnten, wie sie von deren Panzern gestützt wurden. Als Gorbatschow klar gemacht hatte, dass er nicht mehr intervenieren würde, brachen sie wie Kartenhäuser zusammen.

Russland beansprucht heute den Sieg über Deutschland für sich. Nicht Russland, sondern die Völker der 1991 aufgelösten Sowjetunion hatten die Deutschen im Osten geschlagen. Nirgendwo wüteten sie so brutal wie in der Ukraine und Belarus, den Bloodlands. Vor Moskau, in den Schlachten von Stalingrad und Kursk, bei der Operation Bagration, der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944, der größten Niederlage einer deutschen Armee in der Geschichte, kämpfen Soldatinnen und Soldaten aus Russland, Belarus, der Ukraine, Kasachstan, Usbekistan, Georgien und den anderen Sowjetrepubliken. Marschall Konstantin Rokossowski, der Sieger der Operation Bagration, der Schukow bei der großen Siegesparade in Moskau 1945 die Anwesenheit der Truppen meldete, hatte polnische Vorfahren und war von Stalin zu Beginn des Krieges aus einem Lager geholt worden, in das er während der Säuberungen der Roten Armee gesteckt worden war. Der Sieg über die Wehrmacht im Osten war ein unter ungeheuren Opfern erkämpfter Triumph aller Nationen der Sowjetunion, aber auch der massiven Waffenhilfe der USA im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes. Er wäre undenkbar gewesen ohne den Kampf der westlichen Alliierten an den Fronten in Afrika, Italien, den anderen Ländern Westeuropas und den Bomberflotten am Himmel über Deutschland.  

Viele Rotarmisten hatten gehofft, dass sich in der Sowjetunion die Verhältnisse nach dem Krieg ändern würden, dass die Unterdrückung weniger und das Leben leichter werden würde. Sie wurden bitter enttäuscht. Wer Arme oder Beine im Krieg verloren hatte, galt als „Samowar“ und wurde aus den großen Städten in den Norden abgeschoben, weil sein bloßer Anblick hätte stören können. Als eine Hungerkatastrophe nach dem Krieg im asiatischen Teil der Sowjetunion wütete, ließ Stalin die Menschen sterben und versorgte lieber die Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone mit Lebensmitteln. Der Kalte Krieg hatte begonnen. In ihm waren nach Stalins Ansicht die Deutschen wichtiger als die Bürger im asiatischen Teil des eigenen Staates.

Schon Stalin hatte die Russen unter den Völkern der Sowjetunion nach dem Krieg hervorgehoben. Putin macht es bis heute nicht anders. Den Sieg, den er morgen feiern wird, war kein Sieg der Russen. Es war ein Sieg der Menschen der Sowjetunion und der westlichen Alliierten.

Alle Menschen in den Staaten, die daran mitwirkten , Deutschland zu schlagen, haben Grund den 8. Mai zu feiern. Ihre Vorfahren haben einen Sieg errungen, der die Weltgeschichte verändert hat. Mit einem unvorstellbaren Mut haben sie sich den Deutschen und ihren Verbündeten entgegengestellt: In Stalingrad, EL-Alamein, bei der Luftschlacht von England, in den Bergen Jugoslawiens und Kretas, an den Stränden der Normandie und an unzähligen weiteren Orten zerschlugen sie die Truppen der Wehrmacht. Millionen ließen dabei ihr Leben. Sie starben in Schlachten, ihre Eltern, Frauen und Kinder wurden von den Deutschen ermordet, sie verhungerten, vor allem als Angehörige der Roten Armee, in den Kriegsgefangenenlagern oder wurden als Sklavenarbeiter missbraucht.

Sie beendeten mit ihrem Kampf den Holocaust, dem sechs Millionen Juden zum Opfer fielen und sorgten dafür, dass der monströse Generalplan Ost, der den Tod von 30 Millionen Bürgern der Sowjetunion vorsah, nicht Wirklichkeit werden konnte.

Aber auch Deutschland hat jeden Grund zu feiern. Nicht weil es befreit wurde, das war nicht das Ziel der Alliierten. Die kämpften im zweiten Weltkrieg um ihr Überleben. Aber weil die totale Niederlage ihm eine Zukunft als demokratische und freie Gesellschaft ermöglichte. Aus dem unverdienten Geschenk der Gnade, das die Deutschen nach 1945 erhielten, wächst die Verpflichtung anderen beizustehen, deren Leben und Freiheit bedroht sind, den Nationalismus zu überwinden und der Ukraine an der Seite der Alliierten mit allen Mitteln zu helfen, die diesem Land zur Verfügung stehen.

 

 

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discipulussenecae
discipulussenecae
2 Jahre zuvor

Ich stimme Ihren Ausführungen in jedem Punkt zu. Vor allem ist es wichtig, zu betonen, daß der 8. Mai eben kein Tag der Befreiung ist, sondern der Tag des Sieges der Alliierten über die Deutsche Wehrmacht und ihre Verbündeten. Und, daß eben nicht vor allem die Sowjetunion den Krieg gewonnen hat; eine These, die noch durch zu viele Köpfe spukt.

Gleichwohl möchte ich anmerken: „Aus dem unverdienten Geschenk der Gnade, das die Deutschen nach 1945 erhielten …“
1. Gnade ist immer unverdient, da sie sonst keine Gnade sondern eine Belohnung oder ein Ausgleich wäre. Das können Sie sehr prägnant formuliert bei Paulus lesen (Rm 3,23-24): „Alle haben ja gesündigt … Umsonst werden sie gerecht, dank seiner Gnade …“
2. Von daher war der Wiederaufbau Westdeutschlands vor allem durch die USA kein Ausgleich oder gar eine Reparation für die Kriegsschäden. Er war aber auch keine Gnade und kein Geschenk, da die Westalliierten genauso wie die Sowjetunion ein handfestes Interesse hatten, auf ihrer Seite des Eisernen Vorhangs jeweils einen funktionierenden Staat aufzubauen. Deshalb ließ Stalin die Menschen in Asien verhungern; aber auch deshalb gab es im Vereinigten Königreich viel länger Lebensmittelkarten als in Westdeutschland.

Berthold Grabe
Berthold Grabe
2 Jahre zuvor

Ich kann Ihnen in allem zustimmen außer ihren Einlassungen, die Mehrheit der Deutschen wäre Täter oder Profiteur gewesen von der Judenverfolgung.
Täter das waren ein paar Millionen Akteure und Mitläufer, wahrscheinlich etwa 10 % der Deutschen, die wie heute die Intellektuellen, Politiker und Medienleute die wahrnehmbare öffentliche Meinung bestimmten.
Auch die Behauptung das von der Judenverfolgung fast alle profitiert hätten ist deshalb einfach falsch. Bereichern konnten sich nur sehr Wenige, aber dafür extrem.
Sie können ebenso heute das gesamte russische Volk für die Übergriffe in der Ukraine verantwortlich machen oder die IM´s für die DDR Diktatur.
Wahr ist das der größte Teil der Ober- und Mittelschichten entweder mitgemacht haben oder still gehalten haben. Darunter gab es Gruppen wie die Antifa oder andere Radikale Mitläufer, die vor Ort die Bevölkerung terrorisierten.
Fast alle haben mitbekommen wie die Juden abgeholt wurden, Möglichkeiten zum Wiederstand gab es aber wenige, da nicht selten auswärtige Schläger dafür eingesetzt wurden und es keine Gegenorganisationen mehr gab, die Widerstand hätten organisieren können. Das damit systematischen Massenmord verbunden war, war der Mehrheit nicht von Anfang an klar und als es durchgesickert war, war man mit dem eigenen Überleben im Bombenkrieg beschäftigt.
Deshalb gab es damals nicht mehr Widerstand, als heute in Russland auch.
Es hat ihn in der Fläche fast überall durch Einzelpersonen gegeben, was so wenig Effekt hatte wie heute in Russland auch.
Deutschland trägt als Staat eine Verantwortung, Täter waren dagegen eine Minderheit. Wer Anderes glaubt ist vor allem der Nazipropaganda und der nachvollziehbaren und verständlichen Kriegspropaganda der Alliierten zum Opfer gefallen.
Auch hinsichtlich der Siegerbewertung muss man daran erinnern, das der Sieg über Hitlerdeutschland nur die Greuel der roten Armee vor und nach dem deutschen Einmarsch im Osten überdeckte und die deutschen Truppen anfänglich als Befreier gefeiert wurden in Ukraine und Weissrussland, Russland deshalb zu keiner Zeit zu den „Guten“ gehört.
Wie in der aktuellen Siegesfeier hat man sich den Sieg aber zur Unterdrückung eben jener Völker zu nutze gemacht in dem wie heute jeder Opponent in den unterdrückten Gebieten als Nazi abgestempelt wurde.
Der Sieg war kein russischer, sondern einer seiner unterworfenen Alliierten, wie sie richtig schreiben eben auch Georgiens, Belarus und Ukraine.

Angelika, die usw.
Angelika, die usw.
2 Jahre zuvor

#2

„..Bereichern konnten sich nur sehr Wenige, aber dafür extrem…“

So in Bausch und Bogen stimmt das nicht.

Die Sache ist komplex.

Stellen im akademischen Lehrbetrieb wurden frei. Karrierechancen stiegen (d.h. auch materieller Vorteil, es geht ja nicht nur um Einfluss, Titel usw.).

Ungeahnte Möglichkeiten taten sich auf, als die jüdischen Kollegen emigriert, entlassen, untergetaucht, deportiert waren. Und da wurde sehr aktiv mitgemischt, um diese Rotation (vorher jüd. Lehrstuhlinhaber, dann arischer) zu beschleunigen.

Ein Beispiel für viele: Martin Heidegger wollte den Lehrstuhl von Richard Hönigswald an der Universität München und biederte sich unverhohlen an das NS-System an (diffamierendes Gutachten). Hönigwald verlor seinen Lehrstuhl, emigrierte in die USA. Seine Bücher, die über Hamburg per Schiff nachgeschickt werden sollten, kamen nicht (oder nur teilweise, ich weiß es nicht genau) an. Hönigswald konnte nie mehr akademisch Fuß fassen. Er lebte von der Puppenherstellung seiner Frau. Sein Sohn (Henry M. Hoenigswald) wurde Linguist. Eine Enkelin ist Kunsthistorikerin in Washington und schenkte vor einigen Jahren ein Buch, das ihrem Großvater gehörte hatte, nicht in Amerika angekommen war und nach vielen Umwegen im Bestand der Stabi in HH landete, der Stabi.

Bücher, Bilder, wertvolles Mobiliar, Schmuck, Musikinstrumente, Immobilien usw. usw. wanderten in den Besitz Deutscher. Verkäufe und Notverkäufe wegen Emigration, Beschlagnahmung (Arisierung), Plünderung. Auf Auktionen griffen die Käufer gern zu – es war ja mehr auf dem Markt, das entspannte die Preise… Und diese erworbenen Dinge wurden später vererbt, verschenkt, kamen nur selten zu den Vorbesitzern zurück.

In den vierziger Jahren wurden zahlreiche Entschädigungsverfahren abgewiesen. U.a. weil da noch viele in der Justiz aus der Zeit vorher im Amt waren.

Elise Cohn, die Witwe des Freiburger Philosophieprofessors Jonas Cohn, der nach England ausgewandert war und dort 1947 verstarb, konnte mit großer Mühe ein Restitutionsverfahren für ihre Villa in Günterstal (Freiburg) erreichen. Die Villa war einem Jagdflieger geschenkt worden. Der Schenkender war der NS-Staat.

Und so gibt es unzählige Beispiele.

Walter Stach
Walter Stach
2 Jahre zuvor

Alle Jahre wieder….
Seit dem 8./9. Mai 1945 gibt es unzählige Versuche, beide Tage irgendwie als irgendwas zu definieren, zu deklarieren, dabei jeder für sich ob als sog. Laie, als Historiker, als Politiker, ob als Zeitgenosse oder als „Spätgeborener“ in Anspruch nehmend , mit seiner Wahrnehmung, mit seinen Erkenntnissen, mit seinen Einsichten, mit seiner politisch-historisch-staats- und völkerrechtlichen Einordnung// (Be-) Wertung „richtig“ zu liegen. Jetzt, am 8.9. Mai 2o22, hat das Ganze eine neue, eine besondere Dimension erfahren, ohne daß dadurch etwas Richtiger, etwas Falscher etwas Wahrer, etwas Unwahrer, etwas Objektiver wird als das bisher der Fall war, der Fall sein konnte; im Gegenteil, das Subjektive läßt sich noch mehr ausmachen als das bis dato bereits der Fall war bzw. der Fall sein konnte.

Die Subjektivität all dieser Erfahrungen, Erkenntnisse Einsichten, Wertungen, Deklarierungen wird erkennbar, wenn „man“ zu bedenken versucht, daß……:

Am 8./9. Mai gab es:

Deutsche Soldaten, noch an der Front, auf der Flucht, in Gefangenschaft

Angehörige toter, vermißter und gefangener Soldaten

Soldaten der Siegermächte/der Besatzungsmächte auf „deutschem Boden“, u.a. in der „Reichshauptstadt Berlin“

Deutsche Generäle, deutsche Truppenoffiziere -in Gefangenschaft, auf der Flucht, in Verstecken

Alliierte Generäle, Truppenkommandiere der Besatzungsmächte

In Deutschland von den Alliierten aus der Gefangenschaft befreite nichtdeutsche Soldaten

Aus KZ und anderen Lagern befreite Juden, Sinti, Roma
Aus KZ und anderen Lagern befreite Deutsche, die Widerstand geleistet hatten

Millionen Flüchtlinge, Vertriebene

Hunderttausende wohnungslose, obdachlose Menschen,
Haus-/Wohnungsinhaber im Angesicht ihres zerbomten, zerschossenen Eigentums

Nazis – „große“, und „kleine“ – Aktive und Mitläufer-
Mitglieder der SS

Deutsche Politiker im bzw. aus dem Exil

Durch Bombenangriffe traumatisierte Menschen

Von Besatzungssoldaten erniedrigte, vergewaltigte deutsche Frauen

Kinder und Jugendliche, wie ich z.B., die Bombenangriffe erlebt, Soldaten im Nahkampf beobachtet hatten, getötete deutsche Soldaten sehen mußten, erstmals farbige Menschen zu sehen bekamen beim Einmarsch der ersten US-Elitesoldaten -für mich hier in meiner Heimatstadt Waltrop

Und so weiter, und so weiter……..

Der 8../9. Mai waren für sie ………..???

Und danach……….??

So verschieden, ja so gegensätzlich die Menschen den 8./9. Mai und die Tagen/Wochen unmittelbar davor erlebt, erfahren, erlitten haben, so verschieden, ja so gegensätzlich verlief ihr Leben danach bis auf den heutigen Tag, wenn sie nicht, wie die meisten von ihnen verstorben sind,

So verschieden sind ihre Erinnerungen, ihre Erzählungen über den 8./9. Mai, über die Tage davor und danach und so verschieden sind deren (Be-) Wertungen durch sie und folglich unterschiedlich, ja gegensätzlicher sind ihre Auffassungen über „die richtige Titulierung“ dieser beiden Tagen, falls das überhaupt für sie von Belang war bzw. von Belang ist. „Unbedeutend“ jedenfalls für mich,, der diese Tage als 7 Jährige erlebt hat ohne jede Kenntnis, ohne jegliches Wissen um das, was am 8./9. Mai passierte. Letzteres dürfte für viele Menschen in Deutschland seinerzeit gegolten haben.

Erst danach begann allmählich der Streit um die „Deutungshoheit“ dieser beiden Tagen, ein Streit, der zunächst für die allermeisten Menschen in Deutschland, in Europa, weltweit belanglos war. „Man“ hatte andere Sorgen -ums Leben, ums Überleben.

Dieser Streit um die „Deutungshoheit“ , der sich bis heute zugespitzt spiegelt im Streit um die „richtige Begrifflichkeit“ -Tag der bedingungslosen Kapitulation, Tag der Befreiung- war und ist nicht primär der Sache geschuldet oder einem Verlangen der Menschen in Deutschland, in Europa und weltweit, sondern primär politischen Interessen geschuldet – in Ostdeutschland andere als in Westdeutschland, in den politischen Parteien in Westdeutschland unterschiedlich je nach gesellschaftspolitischer „Grundausrichtung“ und unterschiedlich seitens der Parteien je nachdem, ob und wie ihre Mitglieder, vor allem ihre Führungskräfte während der NS-Herrschaft mit dieser verbunden waren oder gegen sie agiert hatten, unterschiedlich wegen der unterschiedlichen Interessen auch seitens der Besatzungsmächte, vor allem ab der de facto, später auch de jure Zweiteilung Deutschlands und mit dem sog. kalten Krieg, der u.a. auch die historisch unterschiedliche Bewertung des 8./9. Mai 1945 im „Lager “ der Westalliierten und dem der damaligen UDSSR zur Folge hatte nebst des bis heute unsäglichen Streites darüber, wem von ihnen der größte Anteil am Sieg über „Hitler-Deutschland“ gebührt.

Ich frage mich, und zwar mit zeitlich wachsendem Abstand zum 8.9. Mai 1945 umso mehr, nach „dem Sinn“ dieses Streites um die „richtige“ Begrifflichkeit für die Ereignisse an diesen beiden Tagen bzw. warum dieser Unsinn des Streites um Begriffe ein unendlicher zu sein scheint.

Abgesehen von dieser Unsinnigkeit des Streites um die richtige Begrifflichkeit mag es naheliegen, dass hier und da der II.Weltkrieg sich für den einen oder anderen anbietet, Vergleich zum Russland-Ukraine-Krieg zu ziehen. Ich halte allerdings diesen Vergleich ob der unterschiedlichen Kriegsziele, ob des Ausmaßes der direkten und indirekten Kriegshandlungen im II.Weltkrieg, vor allem ob der Ausmaße der begangenen Kriegsverbrechenverbrechen an der jeweiligen Zivilbevölkerung insgesamt, u.a. an Juden, Siniti, Roma im besonderen, nicht nur für absolut verfehlt, sondern für äußerst r fragwürdig.

Nachdenken mag, wer will und wer das im Gegensatz zu mir derzeit für sinnvoll hält, darüber, ob der Ukraine-Krieg am Tage X mit einer bedingungslosen Kapitulation enden könnte, enden sollte -durch wen? -oder ob der Tag X irgendwann in den Geschichtsbüchern der Ukraine als Tag der Befreiung eingehen kann..

Zwei Nachbetrachtungen:

Eine juristische.
Am 8./9 Mai hat nicht das Deutsche Reich kapituliert, sondern die deutsche Wehrmacht vertreten durch den Oberkommandierenden.
Dass hat die Staats- und Völkerrechtler – die Rechtsprechung des BVerfG eingeschlossen- zu der übereinstimmenden Feststellung gebracht, dass am 8./9 Mai das deutsche Reich -juristisch das 2.,nicht das 3.- nicht untergegangen ist und die BRD sowohl als seinerzeitiger Teilstaat als auch heute als Gesamtstaat- mit diesem 2. Reich identisch ist -also nicht Rechtsnachfolgerin eines untergegangen 2. deutschen Reiches. Unwichtig ist das u.a. nicht, wenn es um Rechtsansprüche gegen das 2. deutsche Reich geht.

Bewußt auseinandergesetzt habe ich mich erstmals mit den beiden Begriffen -bedingungslose Kapitulation/ Tag der Befreiung – in den 195oer Jahren bei meiner erstmaligen Befassung mit der DDR, mit ihrer Verfassung, während der ich zur Kenntnis zu nehmen hatte, daß der 8./9. Mai in Deutschland eben nicht überall, wie in der BRD praktiziert und wie von von mir so gelernt, als Tag der bedingungslosen Kapitulation galt, sondern als Tag der Befreiung in der DDR. Persönlich habe ich trotz einiger Bedenken seit „damals“ stets vom Tag der Befreiung gesprochen.

Eine persönliche:
„Opa erzähl ‚mal“, das ist ein Fakt bei allen Treffen mit meinem jetzt 14 jährigem Enkel. Ich erzähle dann auch von meiner Kinder- und Jugendzeit, soweit erinnerlich, etwa ab 1943, also ab meinem 5. Lebensjahr, folglich Bombenangriffe -auch auf zivile Ziele-, Artillerie-beschuß seitens britischer und amerikanischer Streitkräfte, Abwehrkämpfe deutscher Soldaten vor Ort gegen die im Rahmen des sog. Ruhrkessels von Norden her anrückenden amerikanisch-kanadischen Streitkräfte, Luftabwehrgeschütz nebst Scheinwerfer“ in der unmittelbaren Nachbarschaft unserer Wohnung, nächtliche Flucht mit Mutter in den Bunker, vormittägliche Flucht aus dem Unterricht in der Volkschule in den nahegelegenen Hochbunker bei Fliegeralarm, für mich die Erkenntnis, das „wir“ den Krieg verloren hatten, als weniger Meter von „unserem Bunker“ entfernt, ich mir endlos erscheinende Kolonnen von Soldaten,, gepanzerten Fahrzeugen und Panzern in Richtung Stadtmitte und weiter in Richtung Dortmund-Nord zu sehen bekam.
Der 8./.9. Mai war insofern seinerzeit für mich als ein besonderer Tag für Deutschland und die Welt gar nicht existent. Das galt für mich bis in die 195o er Jahre.

Heute gilt für mich mit Blick auf den 8./.9 Mai, für die Tage und Wochen vorher und für die Tage , Wochen und Monate unmittelbar danach das was Gabriel Garcia Marquess ‚mal gesagt hat:

„Nicht was wir gelebt haben ist das Leben, sondern was wir erinnern und wie wir erinnern, um davon zu erzählen.“

Angelika, die usw.
Angelika, die usw.
2 Jahre zuvor

#4
@Walter Stach

Und weiße Fahnen!

Mein Großvater berichtete (er erzählte seinen Enkelinnen und seinem Enkel vom Krieg), dass an 2 Häusern in der Nachbarschaft besonders schnell weiße Fahnen (sprich Bettlaken) gehisst wurden. Da wohnten die super überzeugten Nazis. Einer war bei der SS gewesen. Der andere sprach die Leute am Gartentor an, wenn sie Guten Morgen! wünschten, dass hieße Heil H—–.
Wenn mein Großvater in meiner Kindheit das Haus verließ, um einen Spaziergang zu machen, dann schaute er von der Ecke aus (Elternhaus war ein Eckhaus), ob die beiden Spezies auf dem Bürgersteig bzw. am Gartentor standen. Er wählte seine Spaziergänge immer so aus, dass er denen aus dem Wege ging. Auch Jahrzehnte nach dem Krieg tat es das.

Walter Stach
Walter Stach
2 Jahre zuvor

-5-
Korrekt !

So nebenbei erwähnt:
Auch nach dem förmlichen Inkrafttreten der Kapitulaltionsurkunde am 8.Mai -aus „hiesiger Sicht“- bzw. am 9.Mai aus Sicht der damaligen UDSSR und heutzutage aus der Sicht aller ehemaligen UDSSR-Staaten- haben noch Teilverbände der Wehrmacht ihren Kampf gegen die sog.Rote Armee fortgesetzt.

-4-
Angelika, die….

Ja, auch vor dem Bunker, in dem u.a. meine Eltern und mein Bruder und ich in aller Regel während der Bombenangriffe und dann eben auch während der letzten Kämpfe in und um Waltrop verbracht haben , wurde an einer langen Eisenstange ein riesiges weißes Bett-.tuch herausgehängt -weit sichtbar-.

Große Angst vor den Soldaten „Feindes“? Ja, die konnte ich spüren und sehen.

Ich könnte über meine Erlebnisse während der Kriegszeit, während den Tagen der Besetzung, während der unmittelbareren Zeit danach -kurzzeitig im Erleben US-amerikanischer/kanadischer Soldaten, dann im Erleben der britischen Besatzungsmacht Vieles erzählen, nicht zuletzt wie von Dir, Angelika usw., angesprochen, über das Verhalten der ehemaligen örtliichen Nazi-Größen und über die Wut meines Vaters darüber, wie die meisten von ihnen nicht nur „ungeschoren“ davon kamen, sondern relativ schnell wieder Beschäftigung in ihren alten Berufen fanden -u.a.als Llehre (!!) oder in der hiesigen Stadtverwaltung- und die in der Folgezeit unbeschadet zu den Honorationen in Waltrop zählten. Der II. Weltkrieg , dessen Folgen für Deutschland, für Europa, hat Vieles fundamental verändert, nicht jedoch bei sehr , sehr vielen Mitgliedern und Anhängern Hitlers und seiner NSDAP deren Überzeugung. Und die geistert bekanntlich auch heute noch durch manche Köpfe.

Angelika, die usw.
Können das Erinnern und das Nachdenken über die Ursachen, die Geschehnisse und die Folgen des II. Weltkrieges , namentlich am 8./9. Mai, , dazu beitragen, abzulenken vom Russland-Ukraine Krieg? Das könnte so sein. Ich bin anderer Ansicht.
Zumindest sehr fragwürdig erscheint mir jedoch jegliches Bemühen, über Vergleiche des Rußland- Ukraine-Krieges mit dem II: Weltkrieges – „im großen und ganzen“ und „in Details“- zu sachdienlichen, überzeugenden, sinngebenden Erkenntnisse zu kommen.

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